# taz.de -- Renaturierung der Havel: Die ersten Wildgänse sind schon da
       
       > Das ganze Land ächzt unter Hitze, Dürre und Niedrigwasser. Ist das
       > Renaturieren von Flüssen die große Lösung? Ein Besuch an der Havel.
       
 (IMG) Bild: So schön kann Renaturierung sein: die Untere Havelniederung bei Nitzow in Sachsen-Anhalt
       
       Naturschutzgebiete haben einen Nachteil. Als Mensch kommt man ihnen oft
       nicht so richtig nah. Wann gibt es schon mal eine Straße quer durch ein
       solches Gebiet? An der Unteren Havel, kurz vor der 6.000 Einwohner großen
       Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, ist das anders. Wer dort auf der
       Landstraße auf das beschauliche Städtchen zufährt, bekommt direkt neben der
       Straße ein seltenes Panorama zu sehen: weite Wasserflächen, durchbrochen
       von kleinen Inseln mit Bäumen.
       
       Jetzt sind schon die ersten Wildgänse da, auf dem Wasser dümpeln Enten und
       Schwäne, Flussseeschwalben und Seeadler kreuzen durch den Himmel. Fast ist
       der Fluss in dem vielen Wasser nicht zu erkennen, aber es ist einer – die
       Havel. [1][Hier befindet das größte Renaturierungsprojekt eines Flusses] in
       Europa.
       
       Seit dem Spatenstich im Jahr 2010 arbeitet der Naturschutzbund Nabu mit
       Partnern wie der Wasserstraßenverwaltung daran, aus der Unteren Havel
       wieder das zu machen, was sie mal war, bevor sie in ein enges Korsett als
       Wasserstraße gezwängt wurde: ein weit mäanderndes Gewässer mit Kurven,
       Schlingen, Inseln und Altarmen. Hunderte von Maßnahmen wurden dafür
       durchgeführt – Ufer entsiegelt, Deiche zurückgebaut, Auwälder angelegt.
       
       Die ehemalige Wasserstraße schützt das Umland dadurch heute über rund 100
       Kilometer, bevor sie in die Elbe mündet, nicht nur vor Hochwasser, sie ist
       auch ein Naturparadies und Tourismusgebiet. Über 60 Millionen Euro sind
       bisher dafür geflossen. Hunderte Tier- und Pflanzenarten sind über die
       vergangenen Jahre zurückgekehrt. Der Güterverkehr nach Hamburg wurde auf
       Autobahn und Züge verlagert.
       
       Ist das die Lösung für die trockenfallenden Flüsse in Deutschland –
       Renaturierung? Die Havel sei dadurch „sicher besser durch die Trockenheit
       gekommen“, ist Konstantin Kreiser, der Leiter des Fachbereichs Naturschutz
       beim Nabu, überzeugt. Das gehe teilweise auch bei anderen Flüssen.
       
       ## Jeder Fluss braucht etwas anderes
       
       „Das Prinzip der Renaturierung ist übertragbar, aber nicht jede Maßnahme.
       Wo kein Altarm ist, kann auch keiner angeschlossen werden, und für eine
       Wiederbelebung der Auen braucht es Flächen, die als Auen noch vorhanden
       oder wieder entwickelbar sind. Welche Instrumente man anwenden kann, ist
       deshalb bei jedem Fluss anders“, sagt Kreiser. An der Unteren Havel waren
       die Bedingungen ideal: wenig Siedlungen, Altarme, alte Auen, viel
       Hochwasser.
       
       Renaturiert wird aber nicht nur hier. Beim Bundesamt für Naturschutz ist
       eine lange, 12-seitige [2][Liste] einsehbar, wo überall Deiche
       zurückgesetzt und Auen renaturiert werden. Donau, Rhein, Elbe und Oder
       gehören dazu, aber auch kleinere Flüsse wie Mulde, Peene und Hase. Und die
       Liste ist nicht einmal vollständig.
       
       „Es gibt sehr viele Projekte an kleineren Gewässern, weit mehr, als das
       Bundesamt aufführt. Da hat die Wasserrahmenrichtlinie geholfen, die wir
       seit 25 Jahren haben. Das geht zwar alles viel zu schleppend, aber es ist
       dennoch sehr viel passiert, vor allem lokal“, sagt Daniel Hering, Biologe
       und Professor an der Universität Duisburg Essen. Hering koordiniert das
       europäische Forschungsprojekt Merlin zur großflächigen Renaturierung von
       Flüssen, Seen, Mooren und Feuchtgebieten.
       
       Wie Renaturierung funktioniert, könnte sich auch Bundeskanzler Friedrich
       Merz bei sich zu Hause in Arnsberg am Beispiel der Ruhr anschauen. Dort
       muss man nur mal spazieren gehen, sagt Hering: „Da wurde das Flussbett
       geweitet, sodass sich große Kiesbänke bilden konnten und Strömungsvielfalt
       geschaffen wurde – mitten in der Stadt.“
       
       ## Bundesregierung unter Druck
       
       Schließlich steht die Regierung bei der Renaturierung auch unter Druck: Bis
       2030 sollen europaweit 25.000 Flusskilometer wieder in frei fließenden
       Zustand versetzt werden. So fordert es die 2024 beschlossene
       [3][Wiederherstellungsverordnung] (WVO) der EU. Es ist kein besonders
       ambitioniertes Programm, denn je nach Zählweise, was ein Fluss ist und was
       ein Bach, gibt es in Europa 600.000 bis 1,6 Millionen Flusskilometer.
       
       Immerhin ist es ein Programm, das Umweltschützer als wichtigen Schritt
       begrüßen – während vor allem Land- und Forstwirtschaft die WVO seit Monaten
       torpedieren und versuchen, sie über die unionsgeführten Bundesländer und
       Agrarminister zu Fall zu bringen.
       
       Auch am Rhein, vor allem am Oberrhein, wird renaturiert. „Diese Projekte
       sollen aber oft eher vor Hochwasser schützen, wie der geplante
       Retentionsraum in Köln-Worringen, wo bei hohem Abfluss Wasser hereinfließen
       wird“, sagt Hering. Er warnt zudem vor falschen Hoffnungen: „Man sollte bei
       einem so großen Fluss nicht der Illusion verfallen, dass man mit
       Renaturierungsmaßnahmen in der Flussaue dem Niedrigwasser während einer
       [4][Dürre] vorbeugen kann. Das ist am Rhein kaum möglich, schon durch das
       Platzproblem, mit Siedlungen und unterirdischen Versorgungsleitungen wie
       für Strom. Die sind der Tod jeder Renaturierung.“
       
       Für Hering liegt die Aufgabe der Zukunft auch nur zum Teil an den Flüssen.
       „Es gibt in Deutschland das wasserwirtschaftliche Grundprinzip: Alles
       Wasser muss schnell aus der Landschaft raus. Überall liegen Drainagen. Das
       fällt uns jetzt auf die Füße.“ Aber da bestehe auch ein Riesenpotenzial.
       „Denn es geht nicht nur darum, gewässernah Wasser zu halten, wir brauchen
       eine Wiedervernässung in der Fläche.“ Auch da gebe es Fortschritt mit dem
       Moorprogramm. „Aber es gibt auch viel Widerstand, vor allem aus
       [5][landwirtschaftlichen Verbänden].“
       
       An der Unteren Havel sind sie mit der Renaturierung noch lange nicht
       fertig. Bis 2033 läuft das Projekt derzeit noch, es sollen weitere Altarme
       angeschlossen und Auwiesen gepflanzt werden. Wer nicht mit dem Rad fährt,
       kann auch eine Schiffstour beim Nabu buchen, um die Vielfalt zu sehen.
       Theoretisch zumindest – denn sie ist stets ausgebucht.
       
       21 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gewaesser-und-Klimawandel/!5880053
 (DIR) [2] https://www.bfn.de/daten-und-fakten/auenrenaturierungsprojekte-fluessen-deutschland
 (DIR) [3] /Nationaler-Wiederherstellungsplan/!6178687
 (DIR) [4] /Rekord-Niedrigwasser-in-der-Donau/!6204461
 (DIR) [5] /Rechte-Agrarorganisationen/!6014361
       
       ## AUTOREN
       
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