# taz.de -- Bauhaus-Direktorin über rechte Ideologie: „Patriotische Kultur engt ein“
> Die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Barbara Steiner, warnt im
> Gespräch eindringlich vor der AfD. Sie plädiert für eine offene
> Gesellschaft.
(IMG) Bild: Der AfD ist die Bauhaus-Moderne nicht deutsch genug, für Bauhaus-Direktorin Barbara Steiner ist deutsche Kultur hingegen hybrid
taz: Frau Steiner, in den Bauhaus-Meisterhäusern in Dessau wurden Mitte der
1920er Sanitäreinbauten vorgenommen, die neuesten Hygienestandards
entsprachen. Können Sie die Hintergründe erläutern?
Barbara Steiner: Hygiene war ein großes Anliegen der Weimarer Republik, das
hatte mit der Nachkriegssituation ab 1918 zu tun und dem Leben vieler
Menschen unter unhygienischen Verhältnissen. Dem Bauhaus ging es jedoch
nicht nur um Badezimmer. Es ging auch um Infrastrukturen. Man hat über
bestimmte Alltagshandlungen nachgedacht, in den Meisterhäusern wurde etwa
die Zubereitungs- von der Spülküche getrennt.
taz: Der Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt,
Ulrich Siegmund, verdankt seinen Aufstieg dem Coronaleugner-Milieu aus dem
Umfeld der Partei. Dieses operiert mit Verschwörungstheorien und schlägt
wissenschaftliche Erkenntnisse in den Wind. Was steckt hinter der
Wissenschaftsfeindlichkeit?
Steiner: Wenn wir von Wissenschaft sprechen, ist es immer ein Ringen. Es
gibt nicht die eine, eindeutige Lösung. Wissenschaft funktioniert so, dass
sehr viele Menschen an Forschungsprojekten arbeiten, Erkenntnisse werden
laufend überarbeitet. Zu sagen, Wissenschaft sei Humbug, Forscher:innen
wissen nicht, wovon sie reden, bringt eine Gesellschaft zum Stillstand.
Innovative Forschung wird dringend benötigt. Gleichzeitig sehen wir, dass
die Coronapandemie Brüche verursacht hat, die durch die Gesellschaften und
bis in Familien und Freundeskreise gehen. Leider stecken wir in einer Zeit
multipler Krisen. Und das ist eine Hochzeit für populistische Parteien.
taz: [1][Der kulturpolitische Sprecher der AfD Hans-Thomas Tillschneider
hat ihr Haus als „Irrweg der Moderne“ verunglimpft] und droht damit,
Fördergelder zu kürzen. Wie haben Sie diese Anfeindungen erlebt?
Steiner: Tillschneider geht mit seinem Kulturkampf in eine Moderne-Kritik
hinein, die es seit Langem gibt, vor allem am Bauhaus selbst. Seit der
Wiedereröffnung 1976 in der damaligen DDR wird am Bauhaus Kritik an der
Moderne geäußert. Auch der moderne soziale Wohnungsbau ist nicht immer
sozial. Wohnen ist auch sehr stark ein Renditeobjekt. Ökonomisches Denken
am Bauhaus bedeutete, einen Mehrwert an Qualität für viele zu erreichen.
taz: Die Idee des Fortschritts hat aber ihre Tücken, oder?
Steiner: [2][Das Bauhaus war angetreten, um die Lebensverhältnisse der
Masse zu verbessern]. Das war auch ein utopischer Anspruch.
Fortschrittsdenken und -glauben waren Anfang der 1920er Jahre noch sehr
ungebrochen. Heute sehen wir die Schattenseiten der Moderne. Auch in der
Geschichte des Bauhauses gibt es positive Aspekte und weniger positive.
Rationalisierung kann zu Seelenlosigkeit, zu Kälte führen. Und der
düsterste Ausdruck dessen ist ein Konzentrationslager. [3][Fritz Ertl war
Bauhäusler, und er hat am KZ Auschwitz-Birkenau mitgebaut]. Er leitete dort
den Hochbau. Es waren auch mehr Bauhäusler in der SA und der SS als lange
gedacht. Die Idee, dass das Bauhaus so links sei, so bolschewistisch, ist
falsch.
taz: Schon die Nazis hatten ideologisch verbrämte Vorurteile und führten
einen Kulturkampf gegen das Bauhaus. Das äußerte sich etwa in der Debatte
um das Flachdach, das als bolschewistisch bezeichnet wurde und angeblich
dem als deutsch bevorzugten Giebeldach architektonisch unterlegen sei.
Steht Tillschneider in dieser Tradition?
Steiner: In den 1930er Jahren hat man behauptet, das Flachdach gehöre in
andere Kulturkreise, das Bauhaus sei fremd, es gehöre nicht zu uns, es sei
undeutsch, diese Behauptung fällt heute wieder. Hans-Thomas Tillschneider
sagt, deutsche Kultur sei deutsch. Für mich war deutsche Kultur immer
interessant, weil sie hybrid ist, sich zu Hybridität bekennt, und vor allem
weil man etwas aus der Vergangenheit gelernt hatte. Weil es ein kluges
Grundgesetz gibt und auch Staatsrechtler, die in der jungen Bundesrepublik
Schlussfolgerungen aus der Nazidiktatur gezogen hatten. In Österreich
können Sie viel leichter einen autoritären Staat errichten, das geht in
Deutschland nicht so einfach. Über alle meine Jahre in Deutschland habe ich
die Aufnahmefähigkeit und Durchlässigkeit des Landes, das Bestreben, den
kulturellen Austausch mit anderen zu suchen, schätzen gelernt. Das ist für
mich deutsche Kultur. Wobei mir nichts ferner liegt, als Deutschland zu
glorifizieren.
taz: Schon in den 1930ern gab es Debatten darüber, dass das Bauhaus elitär
sei.
Steiner: Kritik ist willkommen, aber der Vorwurf des Elitären ist komplett
absurd, und er ist stereotyp. Die Schule für Gestaltung hat sich sehr in
die Stadt eingebracht. Das war auch der Grund, das Bauhaus nach Dessau zu
holen. Und das Bauhaus hat auch viel zur Entwicklung der Stadt beigetragen!
Als es das Schulgebäude noch nicht gab, war man ja über die ganze Stadt
verstreut. Man hat viele Aufträge erhalten und umgesetzt. Da wird es
schwierig mit dem Vorwurf des Elitären. Das Bauhaus hat sich buchstäblich
in den Stadtkörper von Dessau hineingeschrieben. Leider wurde fast alles
dieser Zeugnisse im Zweiten Weltkrieg zerstört.
taz: Die Behauptungen der AfD fußen auf Naziideologie.
Steiner: Alles, was die AfD über das Bauhaus äußert, ist stereotyp. Es gab
keinen Bauhaus-Stil! Er wurde erst im Nachhinein geschaffen, indem einige
Merkmale herausgegriffen wurden. Es ist doch relativ viel an Heterogenem
geschaffen worden in dieser kurzen Zeit von 1919 bis 1933. Kein Wunder,
waren doch auch sehr viele verschiedene Menschen am Bauhaus tätig. Wenn von
mir verlangt wird, ich solle in einem Satz sagen, was das Bauhaus ist,
entgegne ich oft: höchst widersprüchlich.
taz: Wenn man durch Dessau geht, findet man überall seine Spuren und
gewinnt den Eindruck, dass die Menschen das Bauhaus selbstverständlich als
Teil ihrer Stadt nutzen.
Steiner: Der große Unterschied ist gewiss, dass das Bauhaus heute viele
Fans hat und von diesen aktiv unterstützt wird. Hier in Sachsen-Anhalt,
aber auch in aller Welt. Diese breite Unterstützung war in den 1930ern
nicht vorhanden. Dennoch wird das Bauhaus nach wie vor ambivalent
wahrgenommen, weil sein Status und seine große Präsenz auch Kritik erzeugt:
So nach dem Motto, es kann nicht immer bloß ums Bauhaus gehen.
taz: Das Bauhaus wird finanziert vom Bund, vom Land und von der Stadt
Dessau …
Steiner: Die Förderung der Stadt ist dabei am geringsten … es ist ja auch
der kleinste Partner.
taz: Falls am 6. September die AfD an die Regierung kommen sollte, wie ist
Ihr Haus abgesichert?
Steiner: Kürzungen sind durchaus möglich. Aber ich bekomme unterschiedliche
Signale aus der AfD. Es gibt Parteimitglieder, die sagen, sie hätten gar
nichts gegen das Bauhaus. Vielleicht sehen sie in uns einen
Wirtschaftsfaktor? Das Bauhaus zieht jeweils um die 150.000 Gäste pro Jahr
an, viele übernachten in Dessau und gehen hier aus. Von der Landes-AfD gibt
es ein neues Tourismuskonzept, es orientiert sich am #deutschdenken, der ja
als Antwort auf das offizielle Motto #moderndenken des Bundeslands
Sachsen-Anhalt entstanden ist. Jedenfalls verbindet die AfD mit
#deutschdenken die Idee, dass Tourist:innen kommen, die, entlang der
„Straße des Deutschen Reichs“, Zeugnisse patriotischer Kultur bewundern. Ob
die vielen Patriot:innen dann wirklich kommen, werden wir ja sehen.
taz: In Dessau sind Wahlplakate der AfD zu sehen, auf denen steht
sinngemäß: „Wieder sagen, was man sagen möchte“. Gibt es hier Redeverbote?
Steiner: Das ist ein interessantes Phänomen. Sieht man dies zusammen mit
der Diskussion des Verhältnisses der AfD zu Russland, ist klar, dass man
dort zum Beispiel nicht öffentlich sagen kann, was man über Putin oder den
Krieg gegen die Ukraine denkt. Russ:innen, die das trotzdem tun, werden
sofort verhaftet. In Sachsen-Anhalt können Sie sagen, was Sie denken.
Niemand wird verhaftet. Es ist mir rätselhaft, wie man das
gesellschaftliche Klima so empfinden kann.
taz: Haben Sie in Ihrer Zeit in Österreich Erfahrungen im Umgang mit der
FPÖ gemacht, die für Ihre Arbeit am Bauhaus nützlich sein könnten?
Steiner: Dadurch wurde ich sensibilisiert, welche Bedeutung
rechtsnationale, rechtsautoritäre, rechtsextreme Parteien der Kultur
beimessen. Weil dort Wertvorstellungen einer Gesellschaft entstehen,
Identitäten und Identifikationen, ethische Maßstäbe verhandelt werden, auch
was Normalität ist. Mit dem Unterschied, dass diese Parteien nichts
verhandeln wollen. Hier geht es um Definitionshoheit. Die Konzeption einer
patriotischen Kultur engt ein, schließt aus und schnürt Entwicklungen ab.
Das befürchte ich auch für Sachsen-Anhalt.
29 Aug 2026
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