# taz.de -- Essay zu Wolfram Weimers Kulturpolitik: Auf den Kulturkampf folgt der Kulturabbau
> Kulturstaatsminister Weimer fordert von der Kultur- und Medienbranche
> Leuchttürme und Exzellenz. Doch auf den von ihm entfachten Kulturkampf
> folgt nun der Kulturabbau. Ein Gastbeitrag.
(IMG) Bild: Wolfram Weimers geplante Kulturkürzungen rufen Protest hervor, hier vor Berlins Rotem Rathaus im Februar 2025
Eine zukunftsorientierte Kulturpolitik, die die Strahlkraft der Kultur
erhalten möchte, muss heute in eine resiliente kulturelle Infrastruktur und
lebendige Produktionslandschaft investieren, den Nachwuchs fördern und
breite Zugänge zu kulturellen Angeboten eröffnen. Doch Kulturstaatsminister
Weimer, der so häufig von Leuchttürmen in der Kultur spricht, schwächt das
Fundament, auf dem sie stehen. Er setzt den Rotstift überall dort an, wo
die Kultur von morgen entstehen könnte.
Es heißt, der Bundeshaushalt sei in Zahlen gegossene Politik. Wer also
wissen will, was der Kulturstaatsminister in der Kulturpolitik vorhat,
sollte nicht auf seine blumigen Worte, sondern auf seinen Haushalt schauen.
Während die Kultur in ihrer Vielfalt unter Druck gerät, soll es zum
Beispiel für die Bayreuther Festspiele mehr Geld geben. Also für jenes
Festival, das seit 150 Jahren ausschließlich Werke des streitbaren
Komponisten Richard Wagner zeigt und in diesem Jubiläumsjahr vor allem
damit auffiel, [1][Michel Friedman als Redner auszuladen – und nach großem
Protest wieder einzuladen].
Gleichzeitig halbiert Weimer die Mittel für den Festivalförderfonds, der
zahllose kleine Festivals auf dem Land fördert, und kürzt bei der
Initiative Musik, die den musikalischen Nachwuchs unterstützt. Weimer hat
„Exzellenz“ und „Strahlkraft“ zu politischen Leitmotiven ausgerufen. Aber
die notwendige kulturelle Infrastruktur in der Breite ist zunehmend in
ihrer Existenz bedroht. Denn was einmal gestrichen ist, kommt nur schwer
wieder zurück.
## Bundeskulturpolitik der leeren Versprechen
Der Kulturpass für 18-Jährige wurde bereits im vergangenen Jahr beerdigt.
Ein von Weimer angekündigtes Nachfolgeprojekt für junge Menschen lässt bis
heute auf sich warten. Stattdessen werden für 2027 auch die Mittel für
kulturelle Vermittlung gekürzt. Für junge Menschen hat die schwarz-rote
Bundeskulturpolitik vor allem eines anzubieten: leere Versprechen.
Gleiches zeigt sich beim Film. Im vergangenen Jahr verdoppelte Weimer noch
die Mittel für die Filmförderung und präsentierte dies als großen Aufbruch.
[2][Ein Jahr später kürzt er nun mehr als 35 Millionen Euro. Vom
Filmbooster bleibt nur ein Strohfeuer]. Dabei wird in Gesprächen mit der
Branche immer wieder deutlich: Nichts ist wichtiger als Planungssicherheit.
Denn Filme entstehen nicht über Nacht, sondern über Jahre. Zudem sind
erneut keine Mittel für das Zukunftsprogramm „Kino“ vorgesehen. Während
Weimer seine Filmpolitik als Erfolgsgeschichte präsentiert, fehlt auch 2027
das Geld für die Modernisierung der Kinos und damit für die Orte, in denen
Filme ihr Publikum erreichen.
Das ist kein zufälliges Nebeneinander von Kürzungen, sondern Weimers klare
Prioritätensetzung. Gespart wird dort, wo kulturelle Zukunft entsteht: in
der Breite, beim Nachwuchs und beim Zugang zur Kultur.
## Bis heute kein Gesetzentwurf
Ja, die Haushaltslage des Bundes ist schwierig. Alle Ressorts müssen für
2027 Sparvorgaben umsetzen. Aber einen Teil des fehlenden
Handlungsspielraums hat Weimer selbst zu verantworten. Seit seinem
Amtsantritt kündigt er die Einführung einer Digitalabgabe für große
Tech-Konzerne wie Google, Amazon oder Meta an, die jährlich einige
Milliarden Euro einbringen würde – und hat dafür bis heute keinen
Gesetzentwurf vorgelegt.
Dabei geht es hier nicht nur um zusätzliche Einnahmen, sondern um
europäische Souveränität. Es geht darum, Kultur und Medien in ihrer
Vielfalt zu erhalten. Medienhäusern brechen Werbeerlöse weg und Werke von
Kreativen werden von großen Plattformen zum KI-Training genutzt – oft ohne
Kenntnis, Einwilligung oder Vergütung. Während globale Plattformen mit den
Inhalten europäischer Kreativer so Milliarden verdienen, fehlt es der
Bundesregierung an einer Strategie, wie diese Wertschöpfung auch wieder in
die Kultur- und Medienlandschaft zurückfließt.
Der Kulturabbau endet nicht beim Etat des Kulturstaatsministers.
Kulturpolitik findet auch in anderen Ressorts statt. So ist kulturelle
Teilhabe auch eine bildungspolitische Aufgabe. Das erfolgreiche Programm
„Lesestart 1,2,3“, das Kinder über Kinderarztpraxen frühzeitig mit Büchern
versorgt, soll eingestampft werden. Auch das internationale
Freiwilligenprogramm „kulturweit“ wird gestrichen. Dabei ist das Programm
seit über 15 Jahren zentraler Bestandteil der auswärtigen Kultur- und
Bildungspolitik Deutschlands und fördert weltweiten Kulturaustausch und
internationale Zusammenarbeit.
## Kulturförderung von Feinden der Demokratie attackiert
Kulturförderung ist keine Wohltätigkeit. Sie ist eine Investition in unsere
freiheitlich-demokratische Grundordnung und unsere vielfältige
Gesellschaft. Das zeigt sich auch darin, wie sehr sie von den Feinden der
Demokratie attackiert wird. Im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt steht
das Kapitel zur Kulturpolitik an dritter Stelle, noch vor der inneren
Sicherheit oder Bildung. [3][Hier macht die AfD die deutsche
Erinnerungspolitik zu einer „Verewigung des Schuldkomplexes“, nimmt
Institutionen wie die Stiftung Bauhaus ins Visier und kündigt eine
„patriotische Kulturpolitik“ an].
Gerade weil die Kultur im Zentrum des politischen Kampffeldes steht,
braucht es einen Kulturstaatsminister, der kulturelle Vielfalt und Freiheit
verteidigt. Und genau hier versagt Weimer. Für ihn gilt: Bayreuth oder
Blockbuster: ja. Musikfestivals, Nachwuchs und Kulturpass: nein. Damit
verengt er Kultur auf eine elitäre Nische.
Doch damit nicht genug. Weimer torpediert zudem etablierte Verfahren zur
Wahrung der Staatsferne bei kulturpolitischen Entscheidungsprozessen.
[4][Er übt Druck aus und mischt sich ein: in unabhängige Juryentscheidungen
beim Buchhandlungspreis] und in Ausstellungspläne großer
Bundesinstitutionen. Im Fall des Auftritts des Rappers Chefket im Haus der
Kulturen der Welt stellte er die Institution öffentlich an den Pranger,
statt das Gespräch zu suchen. [5][Bei der Berlinale stellte er Tricia
Tuttle als künstlerische Leiterin öffentlich infrage, um sich letztlich
doch der großen Solidarität innerhalb der Branche beugen zu müssen].
## Ein Kulturverständnis, das von oben nach unten wirkt
Und neuerdings überrascht er mit Forderungen an den Fußballweltverband.
Über den Fifa-Präsidenten Infantino sagt Weimer, dieser habe dem
Weltfußball schwer geschadet und das Vertrauen der Community verloren. Man
könnte meinen, Weimer beschreibe damit unfreiwillig auch seine eigene
bisherige Amtszeit.
Die Leuchttürme der Zukunft entstehen nicht dort, wo schon seit 150 Jahren
das Licht brennt. Sie entstehen in soziokulturellen Zentren, im
Musikverein, auf kleinen Bühnen und Festivals, in Ateliers, in Bibliotheken
und Buchhandlungen, in Kinos. Sie entstehen dort, wo Kulturförderung
verlässlich ist, wo Versprechen langfristig gehalten und Ankündigungen
schnell umgesetzt werden und wo der Staat die Freiheit der Kultur aktiv
verteidigt.
Weimer hat ein Kulturverständnis, das von oben nach unten wirkt: Er spricht
von Leuchttürmen und Exzellenz, während er die breite kulturelle
Infrastruktur schwächt. Gerade in diesen Zeiten brauchen wir aber einen
Kulturstaatsminister, der unsere Kultur in ihrer Breite und Unabhängigkeit
respektiert, sie stärkt und ihr das Vertrauen entgegenbringt, das sie
verdient. Wir brauchen einen Kulturstaatsminister, der nicht nur blumige
Worte findet, sondern der dort liefert, wo es darauf ankommt: im Haushalt.
29 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sven Lehmann
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