# taz.de -- Göttingens atemberaubendster Wohnkomplex: Neue Sorgen für die Mieter
> Die neue Hamburger Eigentümerfirma plant, 300 Bewohner aus dem maroden
> Göttinger Immobilienkomplex in der Groner Landstraße rauszuklagen.
(IMG) Bild: Oft in die Medien geraten: Wohnkomplex Groner Landstraße in Göttingen
Vielen Bewohnerinnen und Bewohnern des maroden [1][Wohnkomplexes Groner
Landstraße 9 am Rand der Göttinger Innenstadt] droht neuer Ärger. Der
Mehrheitseigentümer hat 118 Räumungsklagen gegen Mieter:innen
angekündigt. Rund 300 Personen sind davon betroffen.
Für zusätzliche Unruhe hatte zwischenzeitlich auch eine Ankündigung der
Göttinger Stadtwerke gesorgt, die Fernwärmeversorgung für die Groner
Landstraße wegen ausstehender Zahlungen zu stoppen. Ende vergangenen Jahres
hatte [2][die kurz zuvor gegründete Göttinger Quartiersgesellschaft 286 von
etwa 430 Wohnungen von den beiden vorherigen insolventen
Mehrheitseigentümern übernommen].
Die Quartiersgesellschaft ist eine Tochter der Hamburger Sivius GmbH. Diese
hatte eine Sanierung der Wohntürme versprochen, die unter anderem wegen
Müll und Ungezieferbefall sowie der [3][später als rechtswidrig
eingestuften Abriegelung während der Coronapandemie] durch die Stadt in die
Schlagzeilen geraten waren.
Nun war mit ersten Aufräumarbeiten begonnen worden. Gleichzeitig hatte die
Sivius bekannt gegeben, möglichst alle Wohnungen erwerben zu wollen. Die
jetzt angekündigten Räumungsklagen richten sich den Angaben zufolge gegen
Miet- und Nutzungsverhältnisse, bei denen „erhebliche Rückstände aus
Betriebs- und Nebenkosten bestehen“. Jetzt wolle man „ungeklärte
Mietverhältnisse und erhebliche Zahlungsrückstände ordnen“. Die Rückstände
beliefen sich monatlich auf rund 60.000 Euro.
## Neue Eigentümerin will vor Gericht ziehen
Sivius-Geschäftsführer Taha Jacobi sieht zudem bei zahlreichen Wohnungen in
dem Objekt „konkrete Anhaltspunkte für eine erhebliche Überbelegung“.
Zwei-Zimmer-Wohnungen würden teilweise dauerhaft von vier bis sechs
Personen bewohnt. Weitere Bewohner:innen würden als Besucher
bezeichnet. Dem niedersächsischen Wohnraumschutzgesetz gilt eine Wohnung
als überbelegt, wenn nicht für jeden Bewohner mindestens zehn Quadratmeter
Wohnfläche bereitstehen.
„Die Verfahren sollen innerhalb der kommenden Wochen schrittweise bei
Gericht eingereicht werden“, schreibt die Sivius. Und erklärt, dabei nicht
voreilig und vorschnell zu handeln. Man habe über einen längeren Zeitraum
versucht, mit den Mietern, dem Jobcenter und zuständigen Stellen
„tragfähige Lösungen zu entwickeln“.
Auch seien Bewohner:innen beim Beantragen einer Übernahme der
Mietschulden unterstützt worden. Unterlagen wurden gesammelt, gemeinsam
ausgefüllt und bei den Behörden eingereicht. Doch mit den betroffenen
Mieter:innen hätten meist keine belastbaren Zahlungsvereinbarungen oder
andere tragfähige Lösungen erzielt werden können.
## Verwaltung verweist aufs Privatrecht
„Wir haben über Monate versucht, Lösungen zu finden, gerichtliche Verfahren
zu vermeiden“, so Jacobi. Wenn aber die Rückstände weiter wüchsen und keine
Vereinbarungen zustande kämen, dann sei „weiteres Zuwarten nicht mehr
verantwortbar“. Nur wenn die Mietzahlungen flössen und die Belegungszahlen
stimmten, könne die Groner Landstraße 9 langfristig als sicherer
Wohnstandort stabilisiert werden.
Die Göttinger Stadtverwaltung verweist darauf, dass es sich um
privatrechtliche Mietverhältnisse handele. In die sei die Stadt nicht
verwickelt. Das stimmt zwar formell. Doch ein großer Teil der
Mieter:innen bezieht Transferleistungen, und für diese übernimmt die
Stadt die Kosten der Unterkunft sowie auch die Kosten für eine Beratung
durch den Mieterverein.
Nach Auskunft des örtlichen Amtsgerichts muss jede Räumungsklage einzeln
entschieden werden, die Bearbeitungszeit liege im Schnitt bei drei bis
sechs Monaten. Unklar ist, was mit den 300 Bewohner:innen passiert,
wenn die angekündigten Klagen Erfolg haben.
## Zu wenig Notschlafplätze
„Für Menschen ohne Obdach stellt die Stadtverwaltung Notunterkünfte
bereit“, erklärt zwar die Verwaltung. Doch deren Zahl ist begrenzt. In den
infrage kommenden städtischen Liegenschaften sowie den Räumen der
kooperierenden Heilsarmee stehen gerade mal rund 100 Schlafplätze zur
Verfügung.
In der Kommunalpolitik sorgt das zögerliche Verhalten der Verwaltung für
Kritik. Der CDU-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt, Ehsan Kangarani,
sieht in der Ankündigung der Sivius den „vorläufigen Höhepunkt“ eines
„permanenten Krisenmodus“. Zwar stehe der Eigentümer „in der Verantwortung,
klare Verhältnisse zu schaffen“. Er erwarte aber, „dass die Verwaltung
nicht länger bloß reagiert, sondern endlich handelt.“ Dafür müsse man ein
tragfähiges Konzept für den Wohnkomplex vorlegen. „Immer nur auf die
jeweils nächste Eskalation zu reagieren, ist kein Umgang mit einer
Problemimmobilie dieser Größenordnung.“
Linken-Kandidat Thomas Goes bezeichnet die Ankündigung der Sivius als
„Alarmsignal“. Für die Mieter:innen, oft Familien mit Kindern, bedeute das
„Angst, ihr Zuhause und damit ein Dach über dem Kopf zu verlieren“. Die
Situation sei der Verwaltung seit Jahren bekannt. „Dieses Haus ist das
Aushängeschild für eine miserable Miet- und Wohnungspolitik“, sagt Goes.
11 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Reimar Paul
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