# taz.de -- Mietenkampf in der Literatur: Die Macht der Mietenden
       
       > Die Gegenwartsliteratur handelt oft vom Mietverhältnis, aber
       > erzählerische Vielfalt fehlt: Statt sozialen Fragen widmet sie sich
       > bevorzugt identitätspolitischen.
       
 (IMG) Bild: Alt gegen neu: Rigaer Strasse in Berlin, in der Hausbesetzer gegen die weitere Gentrifizierung ihres Lebensraumes protestieren
       
       Zur Miete zu wohnen, bleibt in der Zukunft ein Elend: „Wie soll sie dann
       für das verschimmelte fensterlose Zimmer zahlen“, sorgt sich Hauptfigur Jov
       [1][in Aiki Miras] 2025 erschienenem Roman „Denial of Service“, „für das
       sie einen viel zu teuren Mietvertrag abgeschlossen hat?“ Die Geschichte
       spielt zwar im komplett privatisierten Frankfurt am Main des frühen 22.
       Jahrhunderts. Aber Jovs Frage könnte sich auch heute einer
       Berufseinsteigerin stellen, die Schiss hat, in der Probezeit entlassen zu
       werden. Auch [2][in Miras soziologisch avancierter Science-Fiction] hat
       sich da nix geändert.
       
       Gerade in Deutschland setzt Literatur derzeit massiv Mietprobleme in Szene:
       „Wir leben in einer Wohngesellschaft“, [3][hatte Selim Özdoğan schon 2016]
       eine weise Narrenfigur erkennen lassen. Die stellt das Prinzip des
       Eigentums und die Idee, Miete zu zahlen, offensiv infrage. Ihr zufolge
       nämlich tun die Vermieter „so, als würde man ihnen die Häuser
       wegkonsumieren, und nehmen Geld dafür“, heißt es in „Wieso Heimat, ich
       wohne zur Miete“.
       
       Özdoğans neuester Roman, der kommende Woche erscheint und „Ihr kriegt uns
       hier nicht raus“ heißt, lebt die Absage an den Wohnungsmarkt dann ganz aus
       – allerdings in der Vergangenheit. In einem viel realistischeren Modus
       erinnert er darin an die große Zeit der Hausbesetzungen: Vermittelt über
       die Kinder Orkun und Baran kommen eine migrantisierte Familie und eine
       linksautonome Gruppe trotz unterschiedlichster Lebensziele in der
       Überzeugung zusammen, dass wohnen notwendig, Miete zahlen aber ein Fehler
       ist.
       
       Als echte Befreiung feiert der Vater die Aussicht auf mietfreie „fünf
       Zimmer, Küche und Bad“ in der Kerpener Straße, [4][wo Köln die Besetzung
       duldet]: „Diese Wohnung wird uns Luft lassen, um mit dem Laden richtig
       Asche zu machen.“
       
       ## „Ihr kriegt uns hier nicht raus“
       
       Ein Blick auf Erzählmotive zwingt dazu, „die ganze schöne Literatur“, wie
       Robert Musil anregt, als „einen Zitatenteich“ zu betrachten und, statt
       Einzelwerke rauszufischen, Strömungen, „die in die Tiefe sinken und aus ihr
       wieder aufsteigen“, zu detektieren. Dann merkt man zum Beispiel: Nicht nur
       durch die Spielorte, sondern auch, indem er dessen identitätspolitischem
       Konsens eine Absage erteilt, [5][stellt sich Özdoğan in der Wohnfrage] quer
       zum literarischen Mainstream.
       
       Der erlebt seine Mietabenteuer in Berlin und fasst noch jede Kündigung als
       narzisstische Kränkung auf. Die Wände seines Appartements sind ihm nämlich
       Gedenkstätte der eigenen „Erinnerung, Identität, Geschichte“. Und „wenn all
       das verloren zu gehen droht“, hat sich der Berliner Autor Jan Brandt 2019
       in einem Interview zu seiner Autofiktion „Ein Haus auf dem Land / Eine
       Wohnung in der Stadt“ [6][beklagt] – er besitzt beides –, „steht plötzlich
       das ganze Leben auf dem Spiel“.
       
       Klar, „im Umgang der Menschen mit Wohnräumen vollziehen sich komplexe
       Aneignungsprozesse“, an Kulturhistorikerin Adelheid von Salderns Einsicht
       gibt’s nichts zu rütteln. Und ebenso ist klar, dass genau deshalb die
       ökonomisch banale Praxis des Mietvertrags – laut Friedrich Engels ein
       schlichter Warenverkauf – erzählerisch brisante Verhältnisse stiftet. Das
       19. Jahrhundert entwickelt aus ihnen Schauplätze für Romane von Glanz und
       Elend, allen voran Honoré de Balzac und dann Dickens, Zola, Fontane,
       Hauptmann …
       
       ## Die soziale Frage des Wohnens
       
       Bei denen geht es allerdings immer auch um soziale Probleme. Das Wohnen zur
       Frage der Identität zu machen, verdrängt die Beziehungen zwischen
       Eigentümer*innen, Immobilie, ihrem Nutzer und seinen Vorgänger*innen
       gleichsam ins Innere, und erst wer die Tapete abfitzelt und im Loch in der
       Zimmerwand herumprokelt, kann die geheimnisvollen Relikte des Vergangenen
       freilegen: „Zwei oder drei Minuten stocherte er, eher er den Gegenstand
       fassen konnte“, heißt es in Roland Topors Roman „Der Mieter“ über die
       schimärische Hauptfigur Trelkovsky, die keinen Vornamen trägt. „Es war ein
       Zahn. Genauer gesagt, ein [7][Schneidezahn].“
       
       Seine Vermutung: Seine Vorgängerin hat ihn hier in der Wand vergraben vor
       ihrem suizidalen Fenstersturz, dank dem er an die Wohnung kommt. Warum?
       Trelovsky hat keine Ahnung und verliert sich in der barocken Suche nach dem
       Moment, in dem die unsterbliche Seele den Körper verlässt: „Von welchem
       Augenblick an, fragte sich Trelkovsky, besteht das Individuum als solches
       nicht mehr?“
       
       Topors „Le locataire chimérique“ ist 1964 erschienen: Das war die Zeit, in
       der Frankreich gerade begann, um Paris herum Trabantenstädte aus dem Boden
       zu stampfen, um der grassierenden Landflucht Herr zu werden. Die materielle
       Bedrängnis steht der metaphysischen Frage also nicht im Weg. Sie
       veranlasst, dass sie überhaupt gestellt wird. Sie kann sogar Lyrik
       ermöglichen.
       
       ## Gedichte über Wohnungsnot im Schwarzen Chicago
       
       So grundiert die soziale Katastrophe beklemmend – und doch rhythmisch und
       klanglich umwerfend – Gwendolyn Brooks’ Erstling „A Street in Bronzeville“
       von 1945. Die Gedichte dieser vielleicht [8][bedeutendsten
       US-amerikanischen Lyrikerin des 20. Jahrhunderts] gibt’s [9][nicht auf
       Deutsch, leider,] aber es ist halt sehr schwierig, Entsprechungen für die
       virtuose Vielschichtigkeit ihrer Worte zu finden, mit denen sie das Leben
       in den berüchtigten „kitchenette buildings“ [10][ungeschönt, aber
       wunderschön besingt].
       
       Hinter dem Namen verbirgt sich [11][die obszöne Antwort auf die extreme
       Wohnungsnot im Schwarzen Chicago]: Weil sich die Community binnen weniger
       Jahre mehr als vervierfacht hatte, wurden auch die mit Kleinküche
       ausgestatteten Apartments vervierfacht – durch Zwischenwände. Die 1940er
       Jahre erleben 80.000 Umwandlungen von Einfamilienwohnungen à 56
       Quadratmeter in fünf bis sechs, informiert [12][die „Encyclopedia of
       Chicago]“.
       
       In dieser Enge lässt Brooks die Frage auftauchen, ob das
       leichtsinnig-taumelige Wort Traum – der Slogan vom American Dream ist
       damals noch frisch und verheißungsvoll – durch die Hausgemeinschaft aus
       Zwiebelmief mit den Reimschleiern des Frittierfetts und Müllausdünstungen
       kämpfen und ein Lied zwitschern könnte: „Could a dream send up through
       onion fumes / Its white and violet, fight with fried potatoes / And
       yesterday’s garbage ripening in the hall?“
       
       Doch Schluss damit, „Since Number Five is out of the bathroom now, / We
       think of lukewarm water, hope to get in it“, keine Zeit mehr fürs
       Sinnieren, der Nachbar ist raus aus dem Gemeinschaftsbad, und nur, wer
       flott ist, schafft’s in die Brühe, solange sie noch warm ist.
       
       ## Wohnquartieren der Schlachthofarbeiter*innen
       
       Solche Zustände gibt’s in der deutschen Gegenwart nur in den Wohnquartieren
       der Schlachthofarbeiter*innen auf dem Land. Von denen weiß der
       Gegenwartsroman nichts zu berichten, und das ist schon okay: Alle sollen
       ruhig je ihre eigenen Nöte erzählen dürfen, mit denen sie sich auskennen.
       Auch der Schmerz einer Avocadohand ist ein echter Schmerz, der ärztlicher
       Behandlung bedarf.
       
       Wobei überrascht, wie gleichförmig und auf Berlin verengt Fragen des
       Mietens den Plot bestimmen, wo doch der Wohnungsmarkt im Vergleich zu
       München, Frankfurt oder Hamburg dort fast entspannt wirkt: Ohne Anspruch
       auf Vollständigkeit hat Literaturwissenschaftlerin Hanna Henryson 60
       Berlinromane aus der Zeit von 2000 bis 2020 ausfindig gemacht.
       
       Ihr Befund: Fremd ist diesen Gentrifiktionen das Thema Zwangsräumungen und
       die Welt der Armut. Ihr Personal rekrutiert sich bis auf wenige Ausnahmen
       aus der Mittelschicht, „und auffällig viele Figuren sind Journalisten oder
       Schriftsteller“, die infolge von Luxussanierungen raussollen: „In den hier
       diskutierten Romanen sind die Möglichkeiten der Gentrifizierung den
       Wohlhabenden vorbehalten“, resümiert Henryson. Mit Blick auf die
       Personengestaltung hat sie „in allen untersuchten Fällen“ eine
       „Figurenkonstellation“ herauspräpariert, die „gewissermaßen standardisiert
       ist“.
       
       ## Sams, Herr Taschenbier und Frau Rotkohl
       
       Darin sind Mietende der Willkür ihrer Vermieter*innen ausgesetzt wie einst
       in den Sams-Romanen der Herr Taschenbier den wütenden Wischmobattacken der
       Frau Rotkohl, die ihm „jederzeit kündigen“ kann. [13][Paul Maar beseitigt
       die Ambivalenz aber aus guten, erzählerischen Gründen]: Er braucht das
       simple Gut-böse-Schema, um desto ungehemmter seine frappierend
       deleuzianische Erzählung von einem schizoiden Helden zu entfalten, der mit
       Wunschmaschinen umzugehen und sein schamlos an die Oberfläche drängendes Es
       zu lieben lernt.
       
       Wo die Wohnsituation aber zum Thema avanciert, wäre da Mehrdeutigkeit kein
       narrativer Gewinn? Sollte es nicht auch heute einen gütig-weltfremden
       Vermieter geben können, der, wie vor 50 Jahren Milliardär Bartlebooth in
       Georges Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, sein Pariser immeuble so
       mit Mieter*innen und ihren Schicksalen besetzt, dass es zum Theater der
       Welt wird?
       
       Gäbe es nicht auch ein Vermieten aus der Not heraus, wie in Marie Belloc
       Lowndes’ Roman „The Lodger“? Denn wie einen Erlöser empfangen ja die
       Zimmerwirtin Ellen Bunting und ihr Gemahl den seltsamen Mr. Sleuth,
       hätscheln und hegen ihn, obwohl ihnen klar ist, dass er, der Titel der
       deutschen Übersetzung spoilert’s, Jack the Ripper ist: Mrs. Bunting fühlt
       sich schon bald „auf eigenartige Weise mit Mr. Sleuth verbunden“. Sie ist
       in seinem Bann.
       
       ## Die Vorteile des Mietens
       
       „Der Mieter“, hatte Engels bemerkt, „tritt als vermögender Mann auf“, auch
       wenn er ein armer Wicht ist. Er habe aber „die Nabelschnur“ durchtrennt,
       die ihn „an den Grund und Boden knüpfte“ – das sei halt Bedingung
       „geistiger Emanzipation“. Jaja, der Sexismus nervt und diese peinlichen
       Metaphern. Aber auch bei Virginia Woolf markiert den Anfang von Freiheit,
       für einen Raum die Miete zu zahlen.
       
       Die Gegenwart dagegen kann sich sogar genderfluide Mietende vorstellen.
       Nur, ihrem Status Macht zuzubilligen, das will sie sich offenbar nicht
       ausmalen: Mieter*innen, die gegenwärtig deutschsprachige Romane bevölkern,
       wollen keine revolutionären Subjekte sein. Sie wollen wohnen, möglichst so
       günstig, dass sie was zurücklegen können. Damit die Flucht ins Eigentum
       gelingt.
       
       18 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Autorin-Aiki-Mira-zu-Science-Fiction/!6000872
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 (DIR) [6] https://www.bauwelt.de/rubriken/interview/Ueberall-und-nirgendwo-Interview-Jan-Brandt-Ein-Haus-Auf-Dem-Land-eine-Wohnung-In-der-Stadt-Buch-Rezension-Wohnungsbau-3393635.html
 (DIR) [7] /Lassen-Sie-es-einfach-raus/!1116879&s=Mieter+schneidezahn&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [8] https://www.poetryfoundation.org/poets/gwendolyn-brooks
 (DIR) [9] https://portal.dnb.de/opac/simpleSearch?reset=true&cqlMode=true&query=auRef%3D118660209&selectedCategory=any
 (DIR) [10] https://www.poetryfoundation.org/poems/43308/kitchenette-building
 (DIR) [11] https://theurbanopus.wordpress.com/2015/09/24/ruin-for-profit-the-rise-of-kitchenette-apartments-in-chicagos-black-belt-1940-1960/
 (DIR) [12] http://www.encyclopedia.chicagohistory.org/pages/692.html
 (DIR) [13] /Autor-Paul-Maar/!5947642
       
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