# taz.de -- „Volksbad“ vor der Volksbühne: Planschen statt Premierenparty
> Der neue Volksbühnen-Intendant, Matthias Lilienthal, lässt ein
> Pop-up-Freibad vor das Theater bauen. Es ist eine Protestaktion gegen den
> Verfall öffentlicher Infrastruktur.
(IMG) Bild: Offen für alle: Berlins neues Volksbad
Oberkörperfreie Männer verschrauben in der brütenden Hitze Holzplanken mit
dem Metallgerüst, das das marineblaue Planschbecken umgibt. Einer lehnt
sich über den Beckenrand, formt die Hände zu einer Schale und gießt sich
das Wasser über Kopf und Oberkörper. Am Eingang des Grünen Salons, rechts
vom Schwimmbad, hängt ein anderer ein Plakat auf. „Pommes am Volksbad“
steht darauf in roter Schrift.
Mit einem ganz schönen Tamtam lässt der neue Intendant der Volksbühne,
Matthias Lilienthal, seinen Auftakt feiern. Eine Premierenparty scheint dem
gebürtigen Neuköllner zu profan, er hat vor den Theaterstufen auf dem
Rosa-Luxemburg-Platz kurzerhand ein Schwimmbad errichten lassen. Oder, in
den Worten Lilienthals: ein „Spuckbecken“.
[1][Das „Volksbad“-Projekt des Pollesch-Nachfolgers] bewegt sich irgendwo
zwischen größenwahnsinniger Selbstinszenierung und öffentlicher Fürsorge.
Sein Pop-up-Becken ist 25 Meter lang, 5 Meter breit und 1,30 tief. Dazu
gibt es Klos und Umkleiden, der Pavillon am Eingang zum Grünen Salon wird
sich in eine Pommesbude verwandeln. Was wäre ein Freibadbesuch schon ohne
Pommes mit Schranke? Am Dienstag startet der Ticketverkauft, am Freitag
wird das Bad eröffnet.
„Es ist ein herzliches ‚Hallo‘ an die Nachbarschaft“, sagt Lilienthal der
taz. Geplant sind Anwohner*innentage, Kraulkurse sowie Einführungskurse ins
Synchronschwimmen. Wie viel Performancekunst dazugehört, dürfte sich
zeigen, sobald das Programm ab Dienstag nach und nach veröffentlicht wird.
Eins steht fest: [2][Choreografin und Profiprovokateurin Florentina
Holtzinger] wird sich etwas einfallen lassen, um das Publikum zu schocken.
Sie dürfte auch Ideengeberin für Lilienthals ostentativ volksnahes Projekt
gewesen sein. Für ihr Stück „Ophelias Got Talent“ ließ die
Performancekünstlerin ein Becken auf die Theaterbühne der Volksbühne bauen.
„Diese umarmende Geste macht klar, dass etwas Neues an der Volksbühne
entsteht“, sagt Lilienthal über seinen Pop-up-Pool. „Gleichzeitig ist es
ein Protest gegen verfallende Infrastruktur in Berlin.“
## Racial Profiling in öffentlichen Freibädern
Der Freibadbesuch ist für viele nicht mehr bezahlbar. Der reguläre Eintritt
in Sommerbäder wie das Prinzen- oder das Columbiabad kostet inzwischen 7
Euro. Seit Juli 2023 gilt zudem eine allgemeine Ausweispflicht. Das
„Volksbad“ soll dagegen „gratis und ohne Ausweispflicht“ zugänglich sein.
„Wir wollen versuchen, einen offenen Raum zu etablieren, in dem auch
soziale Randgruppen integriert werden“, sagt Lilienthal. Der Umgang der
städtischen Bäder mit bestimmten Gruppen resultiere aus realen Erfahrungen,
sei aber auch einer Art von Racial Profiling.
Mit seiner Bade-Aktion will Lilienthal Kunst ohne Hürden zugänglich machen.
Für den neuen Intendanten und sein Team war der Weg dorthin alles andere
als hürdenfrei: Die Differenz zwischen Straße und Gehweg musste
ausgeglichen werden, es wurden Sondernutzungserlaubnisse vom Straßen- und
Grünflächenamt fällig, vom Bauamt und Denkmalschutz. Die 200.000 Liter
Wasser, die das unbeheizte Becken füllen, müssen durch eine
Wasseraufbereitung kontinuierlich gereinigt werden, die Wasserqualität muss
regelmäßig kontrolliert und die Beckenanlage nach festgelegten Standards
gereinigt werden.
Es drängt sich die Frage auf: Muss ein Pop-up-Pool in Zeiten der Klimakrise
sein? „Ich habe großes Verständnis dafür, dass Leute das Projekt aus
Umweltschutzaspekten kritisieren und sagen, davon hätte man drei super
Off-Theater machen können“, sagt Lilienthal. „Wir hätten auch sehr gern
eine rein ökologische Reinigungsanlage gehabt, das wären aber die nächsten
100.000 Euro gewesen.“ Das Wasser werde danach vom Chlor gereinigt, so der
Intendant. Eine teilweise Verwendung zur Bewässerung werde geprüft.
## 300.000 Euro kostet das Projekt
Der Badespaß kostet laut Lilienthal 300.000 Euro aus dem laufenden
Haushalt: 90.000 für das Schwimmbecken, 210.000 Euro für Bademeister,
Security, Toiletten, Umkleiden und anderes. Ziemlich happig angesichts der
Sparauflagen von 1,25 Millionen Euro, die die Volksbühne für die erste
Spielzeit seiner Intendanz bekommen hat. „300.000 Euro ist extrem viel
Geld“, sagt Lilienthal. Aber die seien gut investiert: „Es zeigt
Bewohner*innen, dass die Volksbühne auf sie zugeht und Bedürfnisse
ermöglicht, die über Performance und Theater hinausgehen.“
Seit Dienstag sind die ersten kostenlosen Zeitslots für die Dauer von zwei
Stunden über die Website der Volksbühne buchbar. Neue Zeitfenstertickets
werden drei Tage vor dem jeweiligen Badetag freigegeben. „Es kann immer
sein, dass vorübergehend ausgebuchte Zeitslots wieder verfügbar werden“,
schreibt das Theater. „Es lohnt sich also, die Website auch spontan zu
checken.“
Am 7. August wird das Volksbad um 12 Uhr feierlich eröffnet. Danach soll es
bis zum 1. Oktober von Dienstag bis Samstag von 12 bis 20 Uhr und
Donnerstag von 13 bis 21 Uhr geöffnet sein. Sonntags und montags bleibt das
Volksbad zu. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die
Gesamtlärmemission unter dem Grenzwert bleibt.Die neue Spielzeit beginnt
dann am 1. Oktober. Ob Lilienthal dem ehrwürdigen Amt der
Pollesch-Nachfolge gerecht werden kann? Für einen Nutzer im Internetforum
reddit steht fest: [3][„Lilienthal ist ein grantiger Arsch, kann aber
was.“]
4 Aug 2026
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