# taz.de -- Über den Tellerrand geschaut: Mate ist das Getränk der Freundschaft
       
       > Bei dem Verein Über den Tellerrand wird viel geredet und gekocht. Oder
       > Mate getrunken. Hier kommen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung
       > zusammen.
       
 (IMG) Bild: Kennenlernen und Kontakte knüpfen durchs Kochen: das Projekt Über den Tellerrand ist durchaus wörtlich zu nehmen
       
       Draußen vor der Meta Mate Bar stehen Stühle, bemalt in Regenbogenfarben,
       unter einem grünen Blätterdach. Hier im Kollwitzkiez sollen Menschen über
       das Mate-Tee-Trinken zusammenkommen. Eine Frau bietet eine Cuia an, ein
       traditionelles Trinkgefäß aus Südamerika mit gewölbtem Rand –
       klassischerweise ein ausgehöhlter getrockneter Kürbis, in diesem Fall
       jedoch aus Keramik. Das Gefäß wird mit kleingeschnittenen trockenen
       Blättern des Mate-Strauchs gefüllt, anschließend mit heißem Wasser
       aufgegossen.
       
       „Nicht verrühren“, ist die goldene Regel, und das Erste, was die meisten
       Menschen, die vorher noch nie auf traditionelle Weise Mate-Tee getrunken
       haben, falsch machen würden, sagt Moana Skambraks. Sie ist von dem
       [1][Verein Über den Tellerrand], einer bundesweiten Organisation, bei der
       Menschen mit und ohne Fluchterfahrung aufeinandertreffen.
       
       Dabei geht es darum, Vorurteile abzubauen und sich auf Augenhöhe zu
       begegnen. Seit 2020 ist Moana Skambraks dabei: „Das war in der Zeit
       zwischen den Lockdowns, als ich auf der Suche nach Community war. Ich habe
       bei einem Event ‚Kochen macht Freu(n)de‘ mitgemacht“, erzählt sie.
       
       Bei den Veranstaltungen wird aber nicht nur im übertragenen Sinne „über den
       Tellerrand“ geschaut. Es dreht sich buchstäblich um den Teller, der am Ende
       mit Essen gefüllt werden soll: Bei den Veranstaltungen werden traditionelle
       Rezepte verschiedener Kulturen gekocht. So kann das Kochen auch Communitys
       zusammenbringen, die über die jeweiligen traditionellen Gerichte verbunden
       sind.
       
       Alle zwei Monate organisiert der Verein Über den Tellerrand in Kooperation
       mit der [2][Meta Mate Bar] das gemeinsame Mate-Trinken. Traditionell geht
       der Tee reihum: Hat eine Person ausgetrunken, wird neues Wasser aufgegossen
       und das Behältnis weitergereicht. „Mate ist das Getränk der Freundschaft.
       Man trinkt es zusammen, man ist automatisch Teil der Gruppe“, sagt Krithika
       do Canto, Leiterin der Meta Mate Bar.
       
       ## Mehr als ein Hipster-Getränk
       
       Der Stuhlkreis füllt sich, es sind junge und ältere Menschen da, einige
       sind das erste Mal hier, andere kommen regelmäßig, eine ist extra aus
       Marzahn nach Prenzlauer Berg gefahren. Mate ist für viele das wohl
       bekannteste Berlin-Getränk – ohne, dass den meisten die Ursprünge bekannt
       sind.
       
       „Viele Studis und junge Menschen trinken ja schon eine Version von Mate“,
       sagt Bella Koleva, eine junge Frau mit blauen Haaren – sie meint die
       bekannte Mate-Limo aus der Glasflasche. Was hier getrunken wird, ist
       hingegen ein Heißgetränk. Bei beidem steht im Vordergrund, es zu teilen:
       „Es ist eine Einladung: Hey, willst du ein bisschen Zeit mit mir
       verbringen?“, erklärt Koleva.
       
       Zu Beginn der Runde stellen sich alle der Reihe nach mit ihrem Namen vor.
       „Lasst uns alle noch eine kleine Sache über uns erzählen“, sagt Skambraks
       und denkt über eine Frage nach, die alle in ihrer Vorstellungsrunde
       beantworten sollen. Weil es auch gerade regnet, fällt ihr ein: „Wann habt
       ihr das letzte Mal Regen erlebt?“ Alle in der Runde teilen kleine
       Anekdoten: vom schrecklich durchnässten Nachhauseweg oder dem schönen
       Sommerregen, der vom Balkon aus beobachtet wurde.
       
       Im Anschluss, etwas abseits vom Stuhlkreis, erklärt Skambraks den Grund für
       solche Vorstellungsrunden: „Erstens, weil dann jede Stimme einmal gehört
       und jeder Name einmal genannt wurde, was tatsächlich dazu führt, dass man
       sehr viel schneller mit Leuten ins Gespräch kommt.“ Aber auch die Art der
       Frage, die gestellt wird, habe einen Hintergedanken: „Ich erzähle jetzt
       nicht, was ich studiert habe, was ich arbeite oder woher ich bin“, sagt
       Skambraks, „es geht darum, dass es nicht das Erste ist, was man über sich
       preisgeben muss.“
       
       ## Verbindungen schaffen
       
       Die Idee von Über den Tellerrand sei es, Begegnungen zu schaffen zwischen
       Menschen, die sich womöglich sonst nicht begegnen würden, präzisiert
       Skambraks das Anliegen des Vereins. Um das möglichst niedrigschwellig zu
       gestalten, werde zum Beispiel abgefragt, welche Sprachen in der Runde
       gesprochen werden: „Irgendwie schafft man es immer, Leute zu finden, die
       sich gegenseitig übersetzen.“
       
       An diesem Tag spricht eine Person kein Deutsch – dessen Geschwister
       übersetzen. Der Mate geht herum, zaghaft kommen erste Gespräche in Gang:
       Schon von klein auf ist Rayne do Canto, das Kind der Ladenbesitzerin, in
       der Meta Mate Bar. Es sei sehr leicht, mit anderen Leuten ins Gespräch zu
       kommen: „Die erste Frage ist immer: Woher kennst du Mate?“, sagt Rayne do
       Canto – von da aus komme man auf die verschiedensten Themen.
       
       „Viele Leute kennen Mate entweder, weil sie aus Südamerika kommen oder aus
       Syrien oder dem Libanon“, sagt er und erklärt, dass dort jeweils
       unterschiedliche Arten von Mate getrunken werden: „In Syrien trinkt man zum
       Beispiel vor allem Argentinischen Mate. Wir haben hier vor allem
       Brasilianischen Mate – dann kann man darüber ein bisschen reden.“
       
       Leuten, die noch gar keinen Bezug zu Mate haben, könne man zum Beispiel die
       Geschichte von Mate erklären. „Man findet da immer irgendeine Verbindung“,
       meint Rayne do Canto. Stühle scharren jedes Mal, wenn neue Leute ankommen
       und der Stuhlkreis vergrößert werden muss, schnell werden die
       Neuankömmlinge in die Gespräche integriert.
       
       ## Kochen als Verbindungselement
       
       Wenn nicht Mate getrunken, sondern gekocht wird, gibt er traditionelle
       Gerichte aus den kulturellen Kontexten derjenigen, die das Rezept vorgeben:
       „Es gibt immer Menschen, die sozusagen die Experten sind, was das Rezept
       angeht“, sagt Skambraks. Und das sei etwas Besonderes: „Menschen, die
       gesellschaftlich oft in der Position von Hilfeempfangenden gesehen werden,
       wie beispielsweise Menschen mit Migrationsbiografie oder Fluchterfahrung,
       kommen selten in die Situation, dass sie diejenigen sind, die in der
       Expertenrolle gesehen werden. Die, von denen man etwas lernen kann.“
       
       Vivian Graffunder hat vorher noch nie traditionell Mate getrunken: „Es ist
       cool, wenn jemand zu dir kommt und dir erklärt: So macht man das – man
       berührt den Strohhalm nicht. So lernt man etwas dazu.“ Sie ist eine der
       drei Freund*innen, die Luisa Wischmann an diesem Tag mitgenommen hat. Ihre
       Familie stammt aus Brasilien. Sie sitzen zusammen im Kellerraum des Ladens
       auf einem Sofa; draußen regnet es inzwischen zu stark. Es riecht nach
       Gewürzen und Tee, das Licht ist gedimmt aber warm – gemütliche
       „Wohnzimmeratmosphäre“, findet die Freundesgruppe.
       
       Für Luisa Wischmann ist diese Veranstaltung auch ein Weg, Leute zu treffen,
       die ihre Kultur teilen: „Ich habe nicht so viel Kontakt zu anderen
       Brasilianer*innen. Und zu hören, wie Leute Portugiesisch sprechen, macht
       mich fröhlich.“ So geht es nicht nur ihr, wie Moana Skambraks von anderen
       Teilnehmenden weiß: „Viele Leute berichten, dass sie sich durch
       Veranstaltungen wie diese erst mit Rezepten ihrer Familie
       auseinandergesetzt haben und es auch wieder ein Teil der eigenen Identität
       ist.“
       
       Dass Veranstaltungen wie die von Über den Tellerrand durch Kürzungen im
       Sozial- und Kulturbereich immer stärker unter Druck geraten oder gänzlich
       wegfallen, bereitet Skambraks Sorgen: „Zwei Projekte – InteGratin auf
       Augenhöhe und die Austauschbörse laufen zu Ende Dezember 2026 aus.“
       Finanziert wurden diese Projekte durch das Bundesamt für Migration und
       Flüchtlinge (Bamf) und dem Europäischen Asyl-, Migrations- und
       Integrationsfonds (Amif), eine Anschlussfinanzierung stehe derzeit nicht in
       Aussicht.
       
       Dabei seien Orte wie die Meta Mate Bar, an denen Menschen unterschiedlichen
       Hintergrunds zusammenkommen, wichtig für eine offene Gesellschaft, findet
       Skambraks: „Wenn ich Menschen kennenlerne, die vermeintlich einer
       bestimmten Gruppe angehören, und ich sie aber als Individuum in all ihren
       Facetten kennenlerne, ist man auch in der Lage Individuen von Gruppen zu
       trennen.“
       
       26 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ueberdentellerrand.org/
 (DIR) [2] https://www.metamateberlin.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luzie Fuhrmann
       
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