# taz.de -- Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power
       
       > Popkultur spiegelt die Gesellschaft. Beim Pop-Kultur Festival geht es um
       > rechte Kulturpolitik, Gender Pay Gap und die politische Macht von
       > Fangruppen.
       
 (IMG) Bild: Pop-Kultur Festival 2025 mit female power: The Underground Youth
       
       „Recorded Music ist kaputt“: Dieses vernichtende Urteil fällte Christof
       Ellinghaus, Gründer des Musiklabels City Slang, vergangenes Jahr auf dem
       Pop-Kultur Festival. In der Musikindustrie ging die Diagnose viral. „Damit
       hat er den Nerv der Zeit getroffen“, sagt Festivaldramaturg Christian Morin
       ein Jahr später. Er trägt ein weißes Hemd, an seinem Handgelenk glitzert
       ein Brillanten-Armband. Hinter ihm öffnet ein Rundbogenfenster den Blick in
       den grünen Innenhof des Kulturquartiers Silent Green, in dem das
       diesjährige Pop-Kultur Festival stattfindet.
       
       Warum Recorded Music kaputt ist, wie sie zu retten ist und welche Zukunft
       die Popkultur hat, darüber wird vom 24. bis 30. August in der elften
       Ausgabe des Festivals diskutiert. Tagsüber geben Künstler*innen,
       Produzent*innen und Manager*innen Popkulturworkshops, die sich vor
       allem an junge Talente richten. Abends gibt es Diskussionsformate,
       Live-Konzerte und DJ-Sets in der ganzen Stadt, unter anderem in der
       Kulturbrauerei, dem Festsaal Kreuzberg, dem Sinema Transtopia oder der
       Panke Culture.
       
       „Das Programm ist eine Mischung aus Unterhaltung, Musik-Nerdtalks und
       politisch sozial-relevanten Themen“, sagt Morin. Die Berliner
       Hyperpop-Künstlerin Mariybu widmet sich etwa der Debatte um explizite
       Popkultur, [1][Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal] geht der Frage
       nach, wie eine verlässliche Kulturpolitik aussehen kann, die den Dialog mit
       der freien Szene und den Kulturinstitutionen wieder stärkt. „Die Frage, die
       sich wie ein roter Faden durch alle Talks zieht, ist: Kann ich als
       Künstler*in irgendwie von dem leben, was ich mache?“, sagt Morin.
       
       Der Anspruch: zeigen, wie Popkultur Gesellschaft prägt. „Popkulturelle
       Trends reflektieren die Gesellschaft und bieten ein hohes
       Identifikationspotenzial für Menschen“, so der Festivaldramaturg. „Oft
       zeigen diese Trends und wer dort repräsentiert wird, auch, wohin sich die
       Gesellschaft entwickelt.“ Daher sei auch entscheidend, ob sich Taylor Swift
       für oder gegen Donald Trump positioniert oder welche Botschaften Bad Bunny
       in der Halftime Show des Super Bowl vermittelt.
       
       Rike van Kleef teilt diese Einschätzung: „Es gibt eine starke
       Wechselwirkung zwischen Kultur und Gesellschaft“, sagt die Jounralistin und
       Autorin. Dass etwa Misogynie wieder salonfähiger werde, beeinflusse auch
       die Kultur. Am Dienstagabend diskutiert van Kleef auf dem Panel „Candy
       Girls & Billige Plätze“ mit Sonja Eismann darüber, wer in der Popkultur
       Sichtbarkeit bekommt. Eismann ist Autorin von „Candy Girls“, van Kleef hat
       2025 das Buch „Billige Plätze – Gender, Macht und Diskriminierung in der
       Musikbranche“ veröffentlicht. Darin untersucht sie [2][strukturelle
       Benachteiligung, Sexismus und Machtmissbrauch in der Live- und
       Festivalindustrie.]
       
       ## Gender Pay Gap steigt
       
       „Während ich das Buch geschrieben hatte, dachte ich kurz, das Thema
       überholt mich“, sagt sie. „Ein Jahr nach Erscheinen habe ich den Eindruck,
       dass wir uns wieder stark rückläufig bewegen.“ Die Zahlen geben ihr recht:
       2026 sind die Festival-Line-ups überwiegend männlich besetzt, bei Rock am
       Ring lag der Anteil der Flinta*-Acts nicht einmal bei fünf Prozent. Laut
       einer [3][aktuellen Studie der Gewerkschaft Verdi steigt der Gender Pay Gap
       bei freiberuflichen Musiker*innen]: 2023 betrug er noch 22 Prozent,
       2026 waren es bereits 27. Bei Unternehmen wie Universal Music beträgt der
       Gender Pay Gap sogar 48 Prozent. Ein weiteres Problem: „Es gibt immer
       weniger Zahlen, die das sichtbar machen“, sagt van Kleef. Das Netzwerk
       female pressure müsse etwa ihre regelmäßigen Datenerhebungen zur
       Geschlechterverteilung von Künstler*innen auf Musikfestivals wegen
       fehlender Finanzierung einstellen.
       
       Auch andere Strukturen geraten unter Druck: „Viele Clubs und Festivals, die
       bislang queeren Menschen, Flinta* und People of Color eine Bühne geboten
       haben, müssen aus finanziellen Gründen schließen“, sagt van Kleef.
       Gleichzeitig würden große Unternehmen vor allem das fördern, was auf Tiktok
       gut funktioniere. „Und der Algorithmus ist nicht darauf ausgelegt,
       differenzierte, diverse und demokratiefördernde Perspektiven zu pushen.“
       
       Es habe ein kurzes Zeitfenster gegeben, in dem öffentlicher Druck
       tatsächlich etwas verändert habe, so die Kulturarbeiterin: Veranstalter
       hätten ihre Line-ups angepasst und Flinta* bessere Hygiene- und
       Sicherheitsinfrastruktur bekommen. „Es gab mehr Unterstützung und
       Verantwortungsübernahme, Machtstrukturen haben sich verschoben“, so van
       Kleef. Dann habe sich dieses Fenster wieder geschlossen. Viele würden
       denken: Es gibt ja Charli XCX, Taylor Swift, Nina Chuba und Ikkimel. „Dabei
       verkennen sie aber, dass Männer anders gefördert werden, auf der Bühne
       überrepräsentiert sind und mehr verdienen.“
       
       Stattdessen kursiere die Vorstellung, dass Frauen alles
       hinterhergeschmissen werde. Finch, der erfolgreichste deutsche Rapper im
       Livegeschäft, sagte zuletzt in einem Interview, dass es aktuell für
       weibliche Künstlerinnen „definitiv“ leichter sei, auf Festivals gebucht zu
       werden, da diese eine Quote erfüllen müssten. In den Kommentarspalten unter
       dem Video hagelt es Zuspruch: „Den Tittenbonus besaßen sie schon immer“
       oder „Frauen haben es allgemein leichter“. Van Kleef hält dagegen: „Das ist
       absoluter Quatsch. Es ist eine Ausrede von cis-Männern, die Frauen
       paternalisieren, weil ihre Machtposition angegriffen wird.“
       
       Dass Diskriminierung in der Musikbranche an Aufmerksamkeit verliert, führt
       die Autorin auf mehrere Entwicklungen zurück: Linke und progressive Gruppen
       seien – verständlicherweise – mit dem Erstarken der Rechten beschäftigt,
       für Safer Spaces fehle das Geld, gleichzeitig gebe es einen
       gesellschaftlichen Rechtsruck und Meinungsmache von rechts. „Viele
       unterschätzen, wie wichtig Kulturpolitik ist“, sagt van Kleef. „Außer
       leider die AfD. Die hat ganz genau verstanden, was sie mit Kulturpolitik
       beeinflussen kann.“ In Sachsen-Anhalt fordert die rechtsextreme Partei,
       Kulturförderung daran zu knüpfen, ob Einrichtungen die „deutsche Kultur und
       Identität“ unterstützen. Für van Kleef steht fest: [4][„Künstler*innen wie
       Ikkimel würde die AfD sicher nicht als Speerspitze deutscher Identität
       fördern.“]
       
       ## Flinta*-Fangruppen haben politisches Potenzial
       
       Im Panel „Female Fandom“ geht es am Freitag um das Potenzial von
       Flinta*-Fankulturen. „Female Fandom wurde immer belächelt, aber darin
       steckt eine enorme ökonomische und gesellschaftspolitische Kraft“, sagt van
       Kleef. Weibliche Fans gäben zunehmend mehr Geld für Konzerte und
       Fan-Artikel aus als ihre männlichen Pendants. „Außerdem sind sie
       organisierte Trendsetterinnen, die einen starken Einfluss auf die
       Gesellschaft haben.“ Taylor-Swift-Fans, sogenannte Swifties, machten gegen
       Donald Trump mobil, Fans von Olivia Rodrigo protestierten gegen das
       sogenannte Dynamic Pricing von Live Nation: Der Mutterkonzern des
       Ticketanbieters Ticketmaster hatte die Preise abhängig von der Nachfrage
       angepasst, wodurch sie unermesslich in die Höhe schossen.
       
       Für van Kleef liegt darin eine bislang unterschätzte politische Kraft:
       Netzwerke, die durch Liebe zur Musik entstanden sind, müssten genutzt
       werden, um gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. Das Popkulturfestival
       möchte einen Anfang machen. „Wir haben große Anstrengungen unternommen,
       möglichst viele spannende Kooperationen auf die Beine zu stellen“, sagt
       Festivaldramaturg Christian Morin. Erstmals kooperiert das Festival mit der
       re:publica, dem Pierre Boulez Saal, dem Berliner Ensemble und dem Kino
       Arsenal. „Das hat neben einem praktischen auch einen hohen symbolischen
       Wert, weil die Kultur von unterschiedlichen Seiten angegriffen wird“, sagt
       Morin. Seine Konsequenz: „Wir müssen mehr zusammenhalten und aufeinander
       achten.“
       
       24 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Volksbad-vor-der-Volksbuehne/!6201595
 (DIR) [2] /Sexismus-in-der-Techno-Szene/!6100799
 (DIR) [3] https://www.verdi.de/kunst-kultur/schwerpunkte/gender-pay-gap-in-der-kultur
 (DIR) [4] /Wahlkampf-auf-Social-Media/!6201343
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
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