# taz.de -- AfD-Umfragehoch vor den Ostwahlen: Wirtschaft statt Moral
       
       > Die ideologisch Gefestigten können die demokratischen Parteien nicht von
       > der AfD zurückholen. Anders sieht es bei wirtschaftlich Frustrierten aus.
       
 (IMG) Bild: Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern: Viele Unterstützer:innen in Ost und West sehen die AfD als ökonomische Zukunftshoffnung
       
       Wer die politischen Talkshows und Interviews dieser Wochen verfolgt, erlebt
       ein wiederkehrendes Muster der Hilflosigkeit. Als Reaktion auf den
       Höhenflug der AfD liefern Politiker:innen und Beobachter:innen
       des politischen Betriebs die immer gleichen Sätze: Die AfD wolle zurück in
       die Zeit vor Adenauer, ihr dürfe man das Land nicht überlassen. Es wirkt
       wie der verzweifelte Versuch, der Wählerschaft nachzuweisen, dass die
       Partei für historische Rückwärtsgewandtheit steht.
       
       Hinter dieser Strategie steckt aber ein Irrtum: Das politische
       Establishment hält die AfD im Kern noch immer für eine reine Protestpartei.
       Man redet sich ein, dass Menschen ihr Kreuz nur aus Frust dort machen und
       im Zweifel damit gegen ihre persönlichen wirtschaftlichen Interessen
       handeln. Entsprechend groß ist die Hoffnung, die Partei werde sich mangels
       Substanz irgendwann selbst entzaubern.
       
       Doch diese Erzählung geht an der Realität vorbei. Vor allem jüngere
       Wählergruppen haben keine Angst vor historischen Vergleichen; das NS-Regime
       ist für sie weit weg. Sie wählen die AfD heute nicht mehr trotz, sondern
       auch wegen handfester wirtschaftlicher Erwartungen.
       
       Unsere Daten zeigen, dass viele Unterstützer:innen in Ost und West die
       AfD als ökonomische Zukunftshoffnung wahrnehmen – ob sie diese Hoffnung
       ansatzweise einlösen würde, steht auf einem anderen Blatt. Bei der Frage,
       welche politische Kraft die drängendsten Probleme des Landes lösen kann,
       führt die AfD laut unseren aktuellen Umfragen vor der CDU/CSU. Die
       Verschiebung zeigt sich auch in der Wirtschaftspolitik: Mit 27 Prozent
       liegt die AfD bei der ökonomischen Kompetenz inzwischen auf Augenhöhe mit
       der Union. Dass die AfD keine Wirtschaftskompetenz besitze, ist eher die
       Sichtweise der politischen Konkurrenz; die Wählerschaft bewertet das längst
       anders. Das ist vor allem für die CDU bitter, immerhin ist Kanzler
       Friedrich Merz mit dem Versprechen angetreten, [1][als Wirtschaftskanzler
       die Konjunkturwende einzuleiten.]
       
       Natürlich bleiben andere Themen wichtig: Eine aktuelle Civey-Befragung
       unter Menschen, die sich vorstellen können, die AfD zu wählen, hat gezeigt,
       dass 75 Prozent sich davon erhoffen, dass die AfD die Migration begrenzt.
       Die schärfere Migrationspolitik von Innenminister Alexander Dobrindt
       erreicht diese Wähler:innen nicht. Direkt hinter dem Wunsch nach
       sicheren Grenzen (42 Prozent) folgt aber das ökonomische Argument: 37
       Prozent verknüpfen ihr Kreuz mit der Erwartung, dass die Wirtschaft wieder
       Aufwind erlebt. Bei diesen ökonomischen Erwartungen gibt es übrigens kaum
       Unterschiede zwischen Ost (39 Prozent) und West (35 Prozent). Die Sehnsucht
       nach neuer wirtschaftlicher Dynamik bewegt die Wählerschaft im gesamten
       Bundesgebiet.
       
       In der AfD-Wählerschaft vereint sich ein ideologisch gefestigter Kern mit
       einer pragmatischen, ökonomisch getriebenen Schicht. Wer sein Kreuz aus
       wertkonservativer Überzeugung setzt oder Zuwanderung fundamental ablehnt
       (49 Prozent), bleibt für die demokratische Konkurrenz auf absehbare Zeit
       unerreichbar. Anders verhält es sich mit jenen Menschen, die
       wirtschaftliche Motive antreiben. Die Erwartung, dass die AfD die eigene
       finanzielle Situation verbessert (75 Prozent), entspringt keinem
       festgefügten Weltbild, sondern ist eine pragmatische Erwartung. Die
       Hoffnung auf Wohlstandssicherung wird zum zentralen Wahlgrund.
       
       Die gute Nachricht ist: Wer aus wirtschaftlicher Erwartung wählt,
       entscheidet nicht unumkehrbar. Ökonomische Erwartungen sind im Gegensatz zu
       Identitätsfragen verhandelbar. Wirtschaftspolitik lässt sich in konkreten
       Zahlen, Entlastungen und Investitionen messen. Wenn es der politischen
       Konkurrenz gelingt, eigene, glaubwürdige Konzepte für Wohlstand und
       Stabilität vorzulegen, entzieht sie der Partei bei den ökonomisch
       Motivierten die gesamte Wahlgrundlage. Diese Wähler:innengruppen
       fordern messbare Ergebnisse. Es geht ihnen um ein Land, das seine
       Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnt und seine Wirtschaft spürbar ankurbelt,
       getrieben von der tiefen Frustration, immer höhere Abgaben zu leisten,
       während sich an den großen, strukturellen Problemen des Landes nichts
       ändert.
       
       ## Nicht nur Frust
       
       Es ist dieser Pragmatismus, der die anstehenden Landtagswahlen im Osten
       maßgeblich bestimmen wird. Wer im September in Sachsen-Anhalt und
       Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD in den Umfragen teils deutlich vorne
       liegt, seine Stimme abgibt, handelt längst nicht mehr nur aus reinem Frust.
       Die Menschen verknüpfen ihr Kreuz mit handfesten ökonomischen Erwartungen
       an die Zukunft.
       
       Weil Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit jedoch dringend zurückerlangen
       muss, läuft die rein moralische Abgrenzung völlig ins Leere. Für die
       demokratische Mitte bedeutet das: Die eigentliche, gewaltige Aufgabe liegt
       nicht im moralischen Diskurs. Wer Menschen zurückgewinnen will, muss eine
       Zukunftsvision entwickeln, die sie wirklich mitnimmt.
       
       Entscheidend ist, ob die Menschen das Gefühl haben, dass sich im Land
       tatsächlich wieder etwas bewegt. Wer erlebt, dass Unternehmen investieren,
       Infrastruktur modernisiert wird und die eigene finanzielle Situation wieder
       planbarer wird, bewertet die Zukunft anders als jemand, der täglich nur von
       Krise und Niedergang hört. Die AfD profitiert von einer Stimmung, in der
       viele davon überzeugt sind, dass Deutschland auf dem falschen Weg sei. Die
       wirksamste Antwort darauf ist weder Empörung noch Beschwichtigung, sondern
       der sichtbare Beweis, dass dieses Land (wirtschaftliche) Probleme lösen
       kann.
       
       Der ideologische Kern der AfD ist klein. Der politische Wettbewerb
       entscheidet sich bei jenen Menschen, die ihre Stimme an wirtschaftliche
       Erwartungen knüpfen. Genau deshalb ist die ökonomische Glaubwürdigkeit der
       demokratischen Parteien heute wichtiger als jede moralische Abgrenzung.
       
       10 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.dw.com/de/ein-jahr-bundesregierung-frust-in-der-wirtschaft/a-77093104
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Janina Mütze
       
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