# taz.de -- Jugend auf dem Land: Viel Platz für Frust
       
       > Unter Jugendlichen in Sachsen-Anhalt steht neben den Linken auch die AfD
       > hoch im Kurs. Viele Sozialarbeiter:innen setzen erst mal aufs
       > Zuhören.
       
 (IMG) Bild: Kicken geht immer: der Bolzplatz beim Jugendklub in Gommern
       
       Eine Billardkugel kullert so laut über den Fußboden, dass ihr Klackern
       sogar den Lärm der sich unterhaltenden Teenager übertönt. Aber keiner der
       etwa zehn Jugendlichen dreht sich um. Sie haben sich längst daran gewöhnt,
       dass der Billardtisch keine Taschen mehr unter den Löchern hat und die
       Kugeln nach jedem Treffer auf dem Boden landen.
       
       Ronja Muth steht nebenan in der Küche des Jugendklubs in Gommern und
       sortiert die Zutaten für Spaghetti mit Tomatensoße, während sie Aufgaben an
       mehrere Kids delegiert. Mit ihrer streng-fürsorglichen Art hat sich die
       37-Jährige bei ihren Schützlingen den Spitznamen „Mutter Ronja“
       eingehandelt. Eigentlich ist sie Streetworkerin, doch bei über 30 Grad
       trifft sie keine Jugendlichen auf der Straße. Die Sonne hat sie von ihren
       üblichen Plätzen vertrieben, viele bevorzugen den schattigen Jugendklub der
       Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.
       
       Was sich aber auch im Haus nicht ändert: [1][Die Sozialarbeitsform
       Streetwork] geht aktiv auf ihre Zielgruppe zu, in diesem Fall Jugendliche
       von 14 bis 27 Jahren. Im Gegensatz etwa zur Schulsozialarbeit gehen die
       Mitarbeitenden an jene Orte, an denen sich ihre Zielgruppe selbstbestimmt
       aufhält: ob Parks, Bushaltestellen oder Fußballplätze.
       
       Das Ziel der Streetworker:innen ist es, all jene Jugendlichen zu
       erreichen, welche andere Hilfsangebote nicht abholen – und das möglichst
       niedrigschwellig. Hilfe bei schweren Problemlagen wie Drogensucht, Armut
       oder Integration gehört genauso zum Angebot der Streetworker:innen wie
       die Unterstützung im Alltag, bei Wohnungssuche, Schulproblemen oder
       manchmal auch Liebeskummer.
       
       Die Angebote gelten unabhängig von sozialer Schicht oder politischer
       Gesinnung. „Ich treffe Kinder, die im Durchgangszimmer schlafen müssen, und
       welche, die im Ralph-Lauren-Polohemd herkommen“, erzählt Muth. „Solange die
       Jugendlichen sich benehmen, schicke ich niemanden weg. Da wäre ich ja
       wieder jemand, der sie ausschließt, weil sie nicht funktionieren.“ Es geht
       vor allem darum, zuzuhören und Fragen zu stellen.
       
       Gelegentlich trifft dieser Anspruch in der Realität auf Grenzen: Die
       Streetworkerin musste etwa schon durchgreifen, um zu verhindern, dass
       rechte Jugendgruppen den Jugendtreff übernehmen.
       
       Politik ist zurzeit ein zentrales Thema: In Sachsen-Anhalt steht im
       September die Landtagswahl an. Gerade die Linke und die AfD können junge
       Wählergruppen für sich gewinnen. Bei der letzten Bundestagswahl wählte die
       Gruppe der 18- bis 24-Jährigen in Sachsen-Anhalt hauptsächlich AfD (38,8
       Prozent), zweitstärkste Kraft wurde die Linke (27 Prozent). SPD, CDU, Grüne
       und FDP kamen zusammengerechnet auf knapp 20 Prozent.
       
       ## Rechte und Linke. Und die Unpolitischen
       
       Auch bei Muths Schützlingen spielt Politik eine große Rolle. Vier der
       Teenager erzählen von ihrem Alltag: „Bei uns in der Schule gibt es
       eigentlich nur drei Gruppen: Rechte, Linke und die Unpolitischen“, sagt ein
       energischer Junge mit blonden Haaren. Er selbst sei ja links und würde gern
       eine Diversity-Woche an seiner Schule einführen, und ja, politische Inhalte
       sieht er häufig auf Tiktok.
       
       Seine Nachbarin ist schweigsamer. Bis vor drei Wochen sei sie noch rechts
       gewesen, aber dann habe sie gemerkt, dass sie dadurch Freunde verliert.
       Dann sei sie in das Lager der Unpolitischen gewechselt. Doch dem
       Algorithmus zu entkommen, ist nicht leicht. Noch immer werden ihr rechte
       Influencer:innen [2][in den Tiktok-Feed gespült].
       
       Gordon Bothur ist ebenfalls Streetworker, im rund 30 Autominuten entfernten
       Burg. Mit seinen gelockten blonden Haaren, breitem Grinsen und nackten
       Füßen macht er einen sehr offenen Eindruck. „Mir ist egal, ob einer der
       Teenager links oder rechts ist“, erzählt er: „Mir geht es um das Bedürfnis
       dahinter.“ Das heiße nicht, dass er extreme Gesinnungen unterstütze, doch
       direktes Gegenargumentieren würde wenig dazu beitragen, die Jugendlichen zu
       erreichen. Effektiver sei es, den Menschen, seine Wünsche und seine Ängste
       erst einmal kennenzulernen, um später gegebenenfalls radikales Gedankengut
       zu hinterfragen. Momentan wünscht sich die Jugend in Burg vor allem eins:
       Orte, an denen sie sich unkompliziert aufhalten kann.
       
       Neben Bothur spielen mehrere Jugendliche über ein von ihm gespanntes Netz
       Volleyball. Bei einer Pause erzählt ein vom Sport verschwitzter
       Jugendlicher, dass egal wo er mit seinen Freunden chillt, sie immer
       irgendwie stören würden, ob in Parks oder auf Marktplätzen.
       
       Fußballplätze sind ein Thema, oder das Freibad. Dort könnten sie sich zwar
       aufhalten, aber eben nur im Rahmen der Öffnungszeiten. Es ist nicht so,
       dass es gar keine Plätze gäbe: Die Jugendlichen hatten zum Beispiel mal
       einen guten Fußballplatz, aber weil die Bälle so laut gegen den Zaun
       knallten, ließen die Anwohnenden die Umzäunung entfernen. Jetzt ist es für
       die Anwesenden ruhiger, aber der Ball landet regelmäßig in den
       Dornenbüschen, die das Spielfeld umgeben. Im Park könnten sie keine Tore
       aufstellen, das würde die Parkverordnung verhindern.
       
       ## Wenig hier, womit man sich identifizieren kann
       
       Der Fußball treibt die Jugendlichen um, andere haben noch eine
       grundsätzlichere Perspektive: „Die Kinder haben hier kaum etwas, mit dem
       sie sich identifizieren können“, sagt etwa Merseburgs Oberbürgermeister
       Sebastian Müller-Bahr, „viele Lebensgeschichten sind geprägt von dem Frust,
       nicht gesehen zu werden.“ In der 35.000-Seelen-Stadt südlich von Halle
       (Saale) und westlich von Leipzig engagierte sich der gelernte Kaufmann
       viele Jahre als Jugendseelsorger.
       
       „Genau bei diesem Frust setzt die AfD an. Sie bietet einfache
       Identifikationsmodelle.“ Dafür reicht ein Blick ins Wahlprogramm des
       rechtsextremen Landesverbands der Partei: „Der Osten ist kein schlechteres,
       er ist das bessere Deutschland.“
       
       Auch sozial setzt die AfD auf einfache Lösungen: „Funktionierende Familien
       machen Schulsozialarbeiter überflüssig.“ Eine utopische Vorstellung, meint
       Müller-Bahr. Was definiere eine funktionierende Familie eigentlich?
       Abgesehen davon lassen sich Familienkonstrukte kaum politisch beeinflussen.
       Genau deshalb bräuchte es die Sozialarbeit: „Unsere aktuelle Gesellschaft
       ist das Resultat fehlender Jugendarbeit. In der Sozialarbeit wollen wir den
       jungen Menschen Perspektiven und Halt geben.“ Das funktioniere jedoch nur,
       wenn genau diese jungen Menschen ernst genommen würden und ihnen zugehört
       würde.
       
       Viele Politiker:innen würden sich genau damit schwertun. Müller-Bahr
       berichtet von dem Besuch eines Politikers, der sich die Sorgen und Nöte der
       jungen Generation anhören wollte. „Nachdem er 45 Minuten selbst geredet
       hat, musste ich ihn unterbrechen, damit die Jugendlichen auch Zeit zum
       Reden bekommen.“
       
       ## Das Problem mit dem Geld
       
       Ein weiteres Problem ist die Finanzierung, denn an Jugendsozialarbeit wird
       häufig gespart. Bothur und Muth gehen fast immer allein raus, es gibt keine
       zweite Stelle. Laut dem Sicherheitskonzept für Streetworker:innen
       sollten sie eigentlich immer zu zweit unterwegs sein. „Was wir machen,
       gefällt nicht allen. Wenn man abends unbekannte Gruppen anspricht, ist das
       nicht ungefährlich. Ganz abgesehen davon: Wenn Jugendliche mich aus
       irgendeinem Grund nicht mögen, habe ich direkt verloren“, erzählt Bothur.
       Überstunden, Druck und die unregelmäßigen Arbeitszeiten würden seine Arbeit
       zusätzlich erschweren. Er wird bald Vater. Sollten sich die
       Arbeitsbedingungen nicht ändern, wird er seinen Job wechseln. Das bereitet
       ihm sichtlich Unwohlsein – Bothur kann sich vorstellen, wie das Leben der
       Kids ohne ihn und ohne Streetworker aussehen würde. Ob die Stelle schnell
       nachbesetzt werden könnte, ist fraglich. Bothur und Muth haben jeweils ein
       Budget von 1.500 Euro pro Jahr, im Juni war dies schon fast vollständig
       aufgebraucht. „Ich muss mir immer genau überlegen, was ich mit dem Geld
       mache: Erneuere ich den über 20 Jahre alten Backofen, der kaum über 150
       Grad schafft, oder kaufe ich für mehrere gemeinsame Abendbrote ein?“, sagt
       Muth resigniert.
       
       In dem ländlich geprägten Jerichower Land sind die beiden auf ihre Autos
       angewiesen, zum Beispiel, um Jugendliche bei Amtsbesuchen zu begleiten.
       Sprit könnten sie nicht abrechnen. Beide wünschten sich, dass es bei ihnen
       so wie in Merseburg laufen würde.
       
       Dort gibt es zwei Vollzeitstellen für Streetworker:innen, es gibt ein
       eigenes Dienstfahrzeug und ein gut ausgestattetes Kontaktcafé inklusive
       Küche und Dusche, in dem die Streetworker:innen in Ruhe mit
       Jugendlichen sprechen oder gemeinsame Veranstaltungen planen können. Das
       sei auch Müller-Bahrs Einsatz für die Streetworker:innen zu verdanken.
       
       Beim Betreten des Kontaktcafés könnte ein Besuchender den Eindruck eines
       US-amerikanischen Start-up-Büros bekommen: zwei Arbeitsplätze mit großen
       Bildschirmen, eine Dartscheibe und ein Boxsack in der Ecke. Doch die
       automatisierte Ansage einer deutschen Service-Hotline zerstört den
       Eindruck. Zwei Gestalten beugen sich über ein Handy, welches im
       Lautsprechermodus den Unwillen einer großen Wohnungsgesellschaft preisgibt,
       Mensch-zu-Mensch-Kommunikation ohne große Barrieren zuzulassen. Die
       Jugendliche braucht eine Wohnungsgeberbescheinigung. Maximilian Wozny hilft
       ihr. Nach einer Flut an automatisierten Ansagen finden die beiden die
       Möglichkeit, einen menschlichen Rückruf zu buchen.
       
       Max, wie ihn alle Kids nennen, wirkt ausgesprochen lässig und vermittelt
       die Gewissheit, dass mit seiner Hilfe kein Problem unlösbar ist. Nach
       einigen Minuten erfolgt der Rückruf, in wenigen Sekunden ist die
       Bescheinigung per E-Mail da, nicht der erste Erfolg des Streetworkers bei
       der Jugendlichen.
       
       „Nur wegen Max habe ich überhaupt die Wohnung“, erzählt die Jugendliche.
       Viele Vermieter:innen würden Wohnungssuchende, die durch das Amt
       finanziert werden, benachteiligen, erzählt Wozny. Der Wohnungsmarkt in
       Merseburg ist umkämpft. Als die zwei endlich eine Wohnung für sie fanden,
       war die Miete 50 Cent teurer, als die Richtlinie des Amts vorsah. Pech, da
       sei nichts zu machen. Nach Verhandlungen mit der Vermietungsfirma ging
       diese mit der Miete runter.
       
       Max dreht seine Runde durch Merseburg, das Thermometer zeigt 36 Grad. Die
       historische Stadt hat eine Universität mit circa 3.000 Student:innen. Max
       hat hier ebenfalls studiert. Doch seit Corona hat sich etwas verändert: Die
       meisten Studis würden aus Halle (Saale) und Leipzig pendeln, es gebe
       faktisch kein studentisches Leben mehr in Merseburg. Er läuft durch die
       ausschweifenden Parkanlagen Merseburgs, der Skatepark ist verlassen. Max
       zeigt auf eine Halfpipe: „Die Stadt wollte Geld für junge Menschen
       investieren und hat die Halfpipe gekauft. Doch die Jugendlichen haben mir
       erklärt, warum die dort gar keinen Sinn für Skater ergibt. Das hätte
       verhindert werden können, hätte die Stadt sie einfach gefragt, was sie für
       sinnvoll halten.“
       
       Auf einem Marktplatz trifft Max auf einen jungen Mann Anfang 20. Der
       erzählt von Migranten, die vom Staat Geld zugeschoben bekämen, es müsse
       mehr abgeschoben werden. Statt das Gespräch an der Stelle zu beenden, fragt
       Max nach. Der junge Mann erzählt von seinen Freunden, von denen die meisten
       woanders hingegangen sind. Von seiner Arbeit in der Landwirtschaft, für die
       er täglich früh aufsteht und sich trotzdem immer weniger leisten kann. Von
       seinem Vater, der das Haus der Familie verkauft hat, um am Aktienmarkt zu
       spekulieren, und alles verlor. Und von dem Gefühl, dass er an manchen Orten
       nicht mehr erwünscht sei, weil er das Falsche sagt oder denkt. Am Ende
       geben sie sich die Hand und der junge Mann bedankt sich: „Mit vielen Leuten
       kann man heutzutage ja gar nicht mehr reden. Die meisten hören nicht zu.“
       
       17 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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