# taz.de -- Unternehmen in Sachsen-Anhalt: Heißes Eisen
       
       > Würde die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen, könnte das der
       > Wirtschaft vor Ort nachhaltig schaden. Wie positionieren sich die
       > Unternehmen? Eine Spurensuche.
       
       Niklas Guttenberger vereint zwei Eigenschaften, die in Sachsen-Anhalt nur
       selten in Kombination auftreten. Er ist Unternehmer, und er positioniert
       sich politisch eindeutig. An einem Julitag nimmt Guttenberger in einem
       hellen Konferenzraum eines Hauses in der Altstadt von Lutherstadt
       Wittenberg Platz.
       
       Die Kalipe GmbH hat hier ihre Büroräume, die Firma, die er leitet. „Wir
       haben von Beginn an Werte formuliert, mit denen wir uns als Unternehmen
       identifizieren wollen“, erklärt Guttenberger. „Wir setzen uns für
       Diversität und Geschlechtergerechtigkeit ein und stellen uns gegen jede
       Form der Diskriminierung. Mit dem Wort ‚weltoffen‘ kann man unsere Werte
       wohl gut zusammenfassen.“
       
       Guttenberger ist erst 25 Jahre alt und schon Co-Geschäftsführer, neben
       seinem Vater Ralph, der Kalipe 1997 als Immobilienunternehmen gegründet
       hat. Heute setzen sie vor allem auf Mieterstrom, beraten also Haus- und
       Wohnungseigentümer beim Bau von Photovoltaikanlagen und bieten zudem
       allgemeine Beratung bei der energetischen Gebäudesanierung und beim
       Immobilienkauf an. Zwischen 30 und 35 Mitarbeiter:innen hat Kalipe.
       Mittelstand. Ein Familienunternehmen.
       
       Guttenberger nutzt Begriffe wie „weltoffen“, „vielfältig“ und „divers“ in
       dem Wissen, dass sie zu Kampfbegriffen geworden sind in Sachsen-Anhalt.
       Drei Wochen vor der Landtagswahl am 6. September liegt die AfD in den
       Umfragen bei 41 [1][bis 43 Prozent] – eine Partei, die das Gegenteil
       propagiert: Abschottung, Migrationsfeindlichkeit, autoritäre Strukturen.
       
       Mit Moral und Werten bekomme man diese Wähler:innen nicht, meint
       Guttenberger, mit wirtschaftlichen Argumenten vielleicht schon eher. „Eine
       AfD-Regierung würde man in der Wirtschaft als Erstes zu spüren bekommen“,
       sagt er. „Fachkräfte aus dem Ausland würden sich dreimal überlegen, ob sie
       nach Sachsen-Anhalt ziehen sollen, wo sie sich sorgen müssten, kulturell
       anerkannt zu werden.“
       
       Die AfD als (mit)regierende Partei hätte eine abschreckende Wirkung, das
       Bundesland würde weiter ins Hintertreffen geraten, glaubt er: „Ich mache
       mir um den Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt große Sorgen.“
       
       [2][Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat
       die Folgen der AfD-Wirtschaftspolitik simuliert]. Sie zeigt, dass
       Guttenbergers Sorgen berechtigt sind: Gerade in den Regionen, in denen die
       Partei besonders viel Zuspruch erhält, würden die Menschen besonders unter
       ihrer Politik leiden.
       
       Sollte die AfD in der Landes-, Bundes- und Europapolitik ihr Programm
       realisieren, würden der Studie zufolge in Sachsen-Anhalt 10.000
       Arbeitsplätze verloren gehen und das jährliche Pro-Kopf-Einkommen um rund
       1.600 Euro sinken. Dabei verdienen die Menschen in Sachsen-Anhalt eh schon
       wenig. Das verfügbare Einkommen eines Privathaushalts lag 2023 [3][bei im
       Schnitt gut 25.000 Euro], der niedrigste Wert bundesweit.
       
       Die rechtsextreme Politik der AfD und ihr vollmundig angekündigtes
       „Regierungsprogramm“ wären investoren- und wirtschaftsfeindlich, die Partei
       will auf „kulturfremde Fachkräfte verzichten“, die in sehr vielen Betrieben
       arbeiten. Und doch scheinen Teile der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt die AfD
       als Heilsbringer zu sehen. Auf einer Mittelstandsveranstaltung in
       Halberstadt im Juni [4][wurde ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hofiert
       und gefeiert]. Sich öffentlich zur AfD zu bekennen – das allerdings tun die
       wenigsten Unternehmen.
       
       Wie also halten es die Firmen in Sachsen-Anhalt mit der Politik? Wie
       positionieren sie sich angesichts dessen, was nach der Landtagswahl droht?
       
       Die taz hat rund zwanzig Firmen für ein Gespräch und einen Besuch vor den
       Landtagswahlen am 6. September angefragt, darunter einige
       Traditionsunternehmen. Die meisten sagten ab oder antworteten gar nicht.
       
       Die Begründungen ähnelten sich. Man äußere sich „generell nicht
       parteipolitisch“ (Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien), man beteilige sich
       „grundsätzlich nicht an politischen Berichterstattungen oder Diskussionen“
       und gebe als Unternehmen „keine politischen Stellungnahmen ab“ (Kathi
       Lebensmittel), man äußere sich „im Kontext von Wahlkämpfen grundsätzlich
       nicht öffentlich“ (InfraLeuna, auf dem Gelände der Leunawerke), als
       „kommunales Unternehmen [sehen wir] unsere Aufgabe darin, parteipolitisch
       neutral aufzutreten“ (Magdeburger Verkehrsbetriebe).
       
       Kalipe-Chef Niklas Guttenberger war einer derjenigen, die sofort zugesagt
       haben. Er beschreibt „eine deutlich wahrnehmbare Unzufriedenheit“ im
       Bundesland. Die ist sicherlich auch auf die demografische und
       wirtschaftliche Entwicklung zurückzuführen: Junge, qualifizierte Frauen
       wandern ab, [5][es gibt einen Männerüberschuss].
       
       Sachsen-Anhalt hat bundesweit die älteste Bevölkerung. Zuwanderung kann das
       nicht ausgleichen, der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund ist
       mit 11,2 Prozent relativ niedrig. Die Arbeitslosenquote liegt mit 8,1
       Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 6,4 Prozent, in keinem anderen
       Flächenland ist sie so hoch. Bei der Kaufkraft [6][rangiert Sachsen-Anhalt
       denn auch auf den hinteren Plätzen].
       
       Die Nachwendeerfahrungen steckten immer noch in den Knochen und Köpfen,
       meint Niklas Guttenberger. „Man vergleicht sich vom Wohlstand her mit dem
       Westen. Man ist da immer noch nicht gleichauf, daher gibt es diese gefühlte
       Unzufriedenheit. Dabei ist es eigentlich eine relativ große Errungenschaft,
       dass es eine fortschreitende Angleichung gab und gibt.“
       
       Beim Interview trägt Guttenberger ein hellblaues Hemd, er hat dunkelblondes
       Haar und einen akkurat gestutzten Vollbart. Er macht einen aufgeräumten
       Eindruck, ähnlich wie seine Heimatstadt Wittenberg, in der Tourist:innen
       auf Rädern durch die malerische Altstadt fahren. Guttenberger bietet beim
       Besuch Hafermilch für den Kaffee an. „Die habe ich hier auch eingeführt“,
       sagt er und lächelt. Es macht ihm sichtlich Spaß, sich dem rechten
       Zeitgeist auch im Kleinen zu widersetzen.
       
       Die Werte und Produkte seiner Firma seien unvereinbar mit den Inhalten der
       AfD, sagt er. Die Partei verkündet in ihrem „Regierungsprogramm“ für
       Sachsen-Anhalt unter anderem, „die Energiewendepolitik im Land beenden“ zu
       wollen. Guttenberger hingegen will den Klimaschutz in der
       Immobilienwirtschaft ausbauen. „30 bis 40 Prozent der Gesamtemissionen von
       Deutschland gehen auf den Immobiliensektor zurück“, sagt er. „Wenn wir es
       schaffen, den klimaneutral umzubauen, haben wir eigentlich relativ gute
       Chancen, unsere Klimaziele einzuhalten.“
       
       Die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt zeichnet sich durch einige Besonderheiten
       aus. Unter den [7][Top 100 der Unternehmen] sind die meisten keine
       heimischen, sondern international agierende Firmen, etwa die Deutsche Bahn,
       die Deutsche Post, Thyssenkrupp oder Rossmann. Die Drogeriekette gehört zu
       den wenigen Unternehmen, die sich deutlich von der AfD distanziert haben:
       Als der Wirtschaftsverband Die Familienunternehmer bekannt gab, sich für
       Gespräche mit der Partei öffnen zu wollen, [8][verließ Rossmann d]ie
       Organisation.
       
       Einer der traditionsreichsten Wirtschaftszweige Sachsen-Anhalts ist die
       Chemieindustrie. Das mitteldeutsche Chemiedreieck Leuna-Buna-Bitterfeld
       bildete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hier wurden unter anderem
       Fotofilme und Plastikprodukte hergestellt.
       
       Zugleich siedelten sich Bergbau und Industrie an, mit verheerenden Folgen
       für die Umwelt. Heute gibt es noch Chemieparks in Bitterfeld-Wolfen, Leuna,
       Schkopau, Zeitz und Piesteritz. In der ersten Jahreshälfte 2025 lag der
       Anteil der Chemieindustrie am Gesamtumsatz des verarbeitenden Gewerbes in
       Sachsen-Anhalt bei knapp 20 Prozent. 13.000 Arbeitsplätze gibt es direkt in
       der Chemieindustrie, rund 50.000 hängen an ihr.
       
       Die Chemiewirtschaft steckt mitten in der Transformation zu einer
       klimafreundlicheren Produktion. Im Stickstoffwerk Piesteritz werden heute
       zum Beispiel AdBlue für Diesel und umweltfreundliche Düngemittel
       hergestellt. Doch die Umstellung verursacht Kosten – neue Anlagen müssen
       erbaut, CO2-Zertifikate im Rahmen des Europäischen Emissionshandels
       erworben werden.
       
       Dazu kommen aktuell die hohen Energiekosten, das teure Gas – bei
       Unternehmen wie dem SKW Piesteritz, Deutschlands größtem Gasverbraucher,
       fällt dies enorm ins Gewicht. Einige Werke müssen aufgrund des Kostendrucks
       bereits schließen: Das US-amerikanische Unternehmen Dow Chemical hat
       angekündigt, in Böhlen und Schkopau zwei Großanlagen aufzulösen. Das
       ehemalige Domo-Werk in Leuna kämpft weiter gegen die Insolvenz.
       
       Für Industriearbeiter:innen mag es angesichts dieser Probleme
       verlockend klingen, wenn die AfD vor der Wahl verspricht, „den
       wirtschaftlichen Niedergang und die damit verbundene De-Industrialisierung
       stoppen“ zu wollen.
       
       Dabei diskutieren auch die anderen Parteien längst, welche Maßnahmen die
       Industrie während des Strukturwandels entlasten könnten. Beim Klimaschutz
       auf die Bremse treten will auch Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), er
       fordert Anpassungen des Europäischen Emissionshandels, um die Arbeitsplätze
       in der Chemieindustrie zu erhalten. Subventionen bekommt die Industrie
       auch: Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Chemiepark Zeitz 18 Millionen
       Euro Fördergelder erhält.
       
       ## Die Schraubenrohlinge glühen
       
       Zudem sind eigens Institutionen und Netzwerke entstanden, die den
       klimafreundlichen Umbau der Industrie begleiten sollen. Das
       Großforschungszentrum Center for the Transformation of Chemistry in Sachsen
       und Sachsen-Anhalt wird vom Bund bis 2038 mit 1,1 Milliarden Euro
       gefördert, und 2025 gründeten sich das Netzwerk grüne Chemie Ost und das
       Kooperationsnetzwerk Chemie+.
       
       Da entsteht also etwas. Diese komplexen Vorgänge sind aber offenbar viel
       schwieriger zu vermitteln als die Idealisierung einer scheinbar heilen
       Vergangenheit, wie sie die AfD betreibt.
       
       Neben der Chemieindustrie steht auch die Stahl verarbeitende Industrie vor
       Herausforderungen. Rund 40 Kilometer südöstlich von Magdeburg befindet sich
       das Schraubenwerk Zerbst. Hier werden Schrauben und Verbindungselemente für
       Kunden aus aller Welt hergestellt, vor allem im Bereich Eisenbahn,
       Windindustrie und Kranbau. 40.000 Tonnen Stahl werden pro Jahr verarbeitet,
       350 Mitarbeiter:innen hat die Firma. Von 4 Millionen Euro Umsatz in
       den Neunzigern steigerte man sich auf heute 100 Millionen Euro.
       
       An einem Tag im August führt der geschäftsführende Gesellschafter Eckhard
       Schmidt, ein schlanker Mann Mitte 60, über das Firmengelände mit seinen
       zehn Werkshallen. In einer Halle wird der Stahl erhitzt und geschmiedet.
       Ein Roboter legt glühende Schraubenrohlinge in einen Behälter, ein
       Mitarbeiter überwacht den Prozess. In einer anderen Halle sieht man die
       bereits fertigen Schrauben in Eisenkisten gestapelt.
       
       Die Arbeiter hier, fast alles Männer, begrüßen Schmidt mit Handschlag. „Wir
       haben Menschen aus 24 Nationen bei uns im Schraubenwerk“, erzählt Schmidt,
       darunter seien Polen, Ukrainer, Russen, Bulgaren, Rumänen, Tunesier, Syrer,
       aber auch Männer aus Indonesien und Myanmar.
       
       Nach dem Rundgang nimmt Schmidt in einem Konferenzraum im Bürogebäude nahe
       dem Werktor Platz. Die politische Lage beschäftigt ihn. „Die Menschen
       müssen sehr enttäuscht sein vom Angebot der demokratischen Parteien. Anders
       kann ich es mir nicht erklären, dass die AfD hier so großen Zuspruch hat“,
       sagt er. Schmidt wirkt nachdenklich, im Gespräch macht er öfters längere
       Pausen.
       
       Grundsätzlich versuche er, die Politik herauszuhalten aus dem Betrieb.
       „Hier geht es darum, dass wir in gutem kollegialem Miteinander etwas
       produzieren“, sagt er. Doch das bedeute nicht, dass er keine Werte
       vermittle. Er spreche auf Betriebsversammlungen zum Beispiel über sein
       Menschenbild. „Für mich sind alle Menschen gleich, egal wo sie herkommen.
       
       Für mich ist relevant, wie sich die Menschen verhalten, was sie machen,
       welche Möglichkeiten sie haben und welche ich ihnen bieten kann.“ In
       Sachsen-Anhalt dagegen drohe ein Weltbild salonfähig zu werden, in dem
       Menschen klassifiziert und separiert würden – in Ausländer und Deutsche, in
       Schüler:innen mit Behinderung und ohne. „Schrecklich“, sagt Schmidt und
       schüttelt den Kopf.
       
       Wenn eines Tages Fachkräfte mit Migrationshintergrund nicht mehr erwünscht
       seien, „dann würde hier die gesamte Struktur zusammenbrechen. Wir wären gar
       nicht mehr in der Lage, die Mengen zu produzieren, wie wir es jetzt tun.“
       Dass die AfD die Zuwanderung beschränken will, kann er kaum glauben.
       „Sachsen-Anhalt ist ein schrumpfendes Land, wir brauchen die Menschen. Laut
       Prognose werden wir ohne Zuwanderung hier 2040 nur noch 1,8 Millionen sein,
       400.000 Menschen weniger als jetzt.“
       
       Auch sein Betrieb hat mit hohen Energiekosten zu kämpfen. Schmidt und seine
       Leute versuchen so ressourcenschonend wie möglich zu arbeiten. Die Abwärme
       des Kühlturms wird zum Beispiel zum Heizen der Gebäude genutzt.
       
       An den Klimaschutzzielen solle man festhalten, sagt Schmidt, auch wenn ihn
       das mehr koste, etwa wegen der CO2-Zertifikate. „Der Klimaschutz ist doch
       elementar. Meine größte Sorge ist, dass uns in Mitteleuropa die
       Lebensgrundlage durch den Klimawandel verloren gehen wird. Um die Firmen zu
       entlasten, muss es andere Hebel geben.“ Zum Beispiel bei der Bürokratie,
       glaubt Schmidt. „Die kostet uns Unmengen, und es ist eine oft völlig
       sinnentleerte Arbeit. Ich glaube nicht, dass sich die ganzen Formulare
       überhaupt irgendwo jemand anguckt.“
       
       Neben Eckhard Schmidt nimmt etwas später Ricardo Andrés Marquez Yalastasi
       Platz. Er ist 22 Jahre alt, kommt aus Venezuela und macht ein duales
       BWL-Studium. Den praktischen Teil absolviert er beim Schraubenwerk im
       Vertrieb, die Theorie an der Universität Magdeburg. Ihn kann die AfD nicht
       meinen, wenn sie sagt, die „kulturfremden Fachkräfte sprechen häufig kein
       ausreichendes Deutsch“: Marquez Yalastasi gibt das Interview mühelos auf
       Deutsch, die Sprache hat er nach seiner Ankunft 2023 gelernt.
       
       „Wenn diese Partei jetzt an die Macht käme, wäre das wirklich schlimm für
       mich“, sagt er, ohne die AfD beim Namen zu nennen. „Es ist klar, dass sie
       Menschen aus anderen Kulturen nicht akzeptiert und respektiert.“ Es sei der
       Traum seiner Eltern gewesen dass er im Ausland ein besseres Leben führen
       könne, als sie es haben.
       
       Sein Aufenthaltstitel läuft noch bis März kommenden Jahres, dann schließt
       er sein Studium voraussichtlich ab. Schmidt möchte ihn gerne
       weiterbeschäftigen. Aber klappt das, auch wenn die AfD regieren sollte?
       Marquez Yalastasi zuckt mit den Schultern.
       
       Dass es in Sachsen-Anhalt nach der Wende bereits einen großen
       Strukturwandel gab, sieht man, wenn man durch das Land fährt. Ähnlich wie
       im Ruhrgebiet wurde dabei auch auf Industriekultur gesetzt. Zum Beispiel in
       der Stadt Gräfenhainichen: Einst befand sich, wo nun der Gremminer See ist,
       der Tagebau Golpa-Nord. Anfang der Neunziger entstand auf der Halbinsel das
       Kulturprojekt „Ferropolis – Stadt aus Eisen“. Riesige Braunkohlebagger
       überragen nach wie vor das Gelände. Musikfestivals wie das Splash!, das
       Hive oder das Whole finden hier statt.
       
       Was Thies Schröder bei der aktuellen Transformation im Bundesland fehlt,
       sind Zuversicht, Vertrauen, Anpackergeist. Schröder ist Geschäftsführer der
       Ferropolis Stiftung Industriekultur gGmbH und Vizepräsident der Industrie-
       und Handelskammer Halle-Dessau. „In dieser Region sind mehrfach große
       Transformationen gelungen, es gab von den 1940ern an den Umstieg von der
       Kohle- zur Petrochemie, den großen Umbruch 1989“, sagt er. „Warum glauben
       die Leute nicht daran, dass auch die Transformation zur klimafreundlichen
       Kreislaufwirtschaft gelingt?“
       
       Schröder sitzt in einem Büro, das in einem Container auf dem
       Ferropolis-Gelände untergebracht ist. Neben ihm Co-Geschäftsführerin Janine
       Scharf und Lilli Förster vom Forum Rathenau – einer Institution, die 2019
       eigens zur Begleitung des Strukturwandels gegründet wurde. Ferropolis
       bietet auch Führungen zur Industriekultur, Sportveranstaltungen,
       Flohmärkte, Arbeit mit Schulklassen. Hauptgesellschafter ist die Kommune,
       das Open-Air-Gelände wird an Veranstalter und Ausrichter vermietet.
       
       Rund 120.000 Menschen haben nach Angaben Schröders Ferropolis in diesem
       Jahr bereits besucht, in der Veranstaltungssaison arbeiten etwa 900
       Personen „auf Ferropolis“, wie sie hier sagen. Dank der Events hat der
       Einzelhandel in der Gegend einer Studie zufolge 5 Millionen Euro mehr
       Einnahmen. „Sehr viele Menschen haben sehr viel Arbeit hier reingesteckt
       und an Ferropolis geglaubt. Sie haben dafür gekämpft, dass wir diese
       Halbinsel hier so erhalten und heute dieses positive Beispiel sein können“,
       sagt Janine Scharf.
       
       Auch Ferropolis müsse sich immer wieder anpassen. Gemeinsam mit dem Forum
       Rathenau wird wenige Kilometer weiter das ehemalige Kraftwerk Zschornewitz
       wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, dort sollen Tagungen und
       Konferenzen stattfinden. An diesem Standort sollen zudem Solarparks
       errichtet werden. Irgendwann soll auch die alte Grubenbahnlinie wieder
       nutzbar sein, die einst den Tagebau mit dem Kraftwerk verband.
       
       Auf dem Ferropolis-Gelände räumen die Veranstalter:innen des queeren
       Whole-Festivals an diesem Tag Mitte Juli auf. Das Event ist gerade zu Ende
       gegangen, Menschen in knappen Outfits mit bunt gefärbten Haaren und
       Piercings stromern zwischen Baggern und Lagerhallen herum.
       
       Wie es hier weitergehe, darüber machten sich viele Veranstalter:innen
       Gedanken, erzählt Scharf. „Wir werden gefragt, wie wir uns denn für 2027
       aufstellen, was die Wahl für uns als Location bedeuten könnte und ob die
       Gefahr besteht, dass dieses bunte Publikum nicht mehr zu uns finden
       könnte.“ Auch sie sorge sich darum. Einen Vorteil aber habe Ferropolis: Was
       die Finanzierung betreffe, sei das Unternehmen nicht abhängig von
       Landesmitteln. Im Worst Case einer AfD-Regierung müssten sie noch stärker
       auf den Bund oder die EU setzen, sagt Thies Schröder. „Weggehen ist für uns
       ohnehin keine Option. Dazu sind die Bagger viel zu schwer.“
       
       Nicht nur klassische Unternehmen oder gemeinnützige Stiftungen wie
       Ferropolis, auch Bildungsinstitutionen gehören zu den Arbeitgebern in
       Sachsen-Anhalt. Zum Beispiel die Martin-Luther-Universität
       Halle-Wittenberg: Mehr als 4.000 Mitarbeiter:innen im akademischen
       Bereich und mehr als 19.000 Studierende zählt die größte und älteste
       Universität des Bundeslandes derzeit. Als Arbeitgeber und als
       Wissenschaftsstandort wäre sie von einer möglichen AfD-Landesregierung
       betroffen.
       
       Claudia Becker ist die frisch wiedergewählte Rektorin, sie soll bis 2030
       die Geschicke der Universität leiten. „Nun stehen wir erst mal gemeinsam
       für die demokratischen Parteien und die Demokratie ein und versuchen den
       Wähler:innen klarzumachen, wie wichtig Wissenschaftsfreiheit ist“, sagt
       sie im Zoom-Gespäch Mitte Juli, „Die Wahl ist ja noch nicht gelaufen.“
       Becker sitzt in ihrem Büro, hinter ihr liegen Aktenordner.
       
       Die 58-Jährige trägt kurzes Haar und Ohrhänger. Sie spricht sachlich, ihr
       Auftreten erinnert an Angela Merkel. Natürlich spüre man auf den Campus
       eine gewisse Anspannung, sagt sie. „Aber wir setzen uns mit dem Thema ja
       schon länger auseinander.“
       
       Weil bei Bildung und Wissenschaft vieles Ländersache ist, hat die AfD hier
       sehr deutlich gesagt, was sie vorhat. Die Partei will die Gender Studies
       abschaffen, die „kritische Islamforschung“ stärken und einen Lehrstuhl für
       Bevölkerungswissenschaft einrichten – da sie „das Absterben [sic] unseres
       Volkes“ fürchtet. Studien zur Kolonialgeschichte plant die AfD zu
       streichen, [9][zu entsprechenden Studiengängen hat die Partei bereits
       Anfragen im Landtag gestellt]. Die Politik der Gleichstellung von Frauen
       soll beendet werden.
       
       Mit ihr, sagt Claudia Becker, werde es solche Eingriffe nicht geben. „Zum
       Glück haben wir eine im Grundgesetz verankerte Freiheit der Wissenschaft“,
       sagt sie. „Die Universität darf entscheiden, wozu sie forschen und was sie
       lehren will.“ Eine Landesregierung könne lediglich Vorschläge machen. Um
       die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen, würde sie auch die notwendigen
       juristischen Schritte gehen.
       
       Dass Frauen bevorteilt würden, stelle die AfD im „Regierungsprogramm“
       bewusst falsch dar, erklärt Becker: „Wir verfolgen an unserer Universität
       eine aktive Gleichstellungspolitik. Wo Frauen unterrepräsentiert sind, ist
       es unser Ziel, dies zu ändern. Dazu stehen wir auch. Zugleich betreiben wir
       aber auch Bestenauslese.“
       
       Die Universitäten bemühen sich um Resilienz – angreifbar sind sie jedoch
       beim Geld. Ihre Grundfinanzierung erfolgt durch das Land Sachsen-Anhalt,
       eine AfD-Regierung könnte sie finanziell austrocknen. „Natürlich sind
       Finanzen ein Hebel, da machen wir uns nichts vor“, sagt Claudia Becker. In
       den USA hat die Regierung versucht, milliardenschwere Fördermittel für die
       Uni Harvard einzufrieren, ein Gericht erklärte dies am Ende für
       rechtswidrig. In Halle droht ein ähnliches Szenario.
       
       In ihrem „Regierungsprogramm“ kündigt die AfD zwar eine bessere
       Grundfinanzierung durch das Land an, gleichzeitige will sie den
       „Drittmittelzirkus“ beenden. Drittmittel kommen zum Beispiel aus
       Bundesministerien, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder der EU –
       diese Player in der Wissenschaftspolitik will die AfD offenbar schwächen.
       
       Nun könnte man auch sagen: Eine Universität muss die Wissenschaftsfreiheit
       gegen die AfD verteidigen. Aber wie ist es mit klassischen Unternehmen?
       Viele der Firmen, die der taz absagten, argumentierten, Unternehmen sollten
       sich besser aus der Politik heraushalten. Doch gilt das auch, wenn Grund-
       und Menschenrechte infrage gestellt werden?
       
       Eine Mehrheit der Deutschen denkt, in dem Fall sollten sich Firmen
       einmischen. Das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik an der Universität
       Halle hat eine bundesweite Untersuchung zur gesellschaftspolitischen
       Verantwortung von Unternehmen vorgelegt. Darin sagten 55 Prozent der
       Befragten, Extremismus sei ein Grund, sich als Unternehmen zu
       positionieren. „ ‚Raushalten‘ liegt nicht im Trend“, konstatieren die
       Wissenschaftler:innen. „Die Menschen sehen mehrheitlich die freiheitliche
       Demokratie in Gefahr. Und sie befürworten mehrheitlich
       gesellschaftspolitisches Engagement gegenüber Passivität von Unternehmen.“
       
       Eine [10][Studie der Bertelsmann Stiftung wiederum] kommt zu dem Ergebnis,
       dass sich die meisten Unternehmer:innen in Deutschland zur Demokratie
       bekennen. Dazu haben die Wissenschaftler:innen 903 deutsche
       Unternehmen befragt. Fast 60 Prozent sagen, man solle für das demokratische
       Engagement auch wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen.
       
       Vielleicht liegt hier eine Erklärung, warum sich viele Unternehmen in
       Sachsen-Anhalt so still verhalten. In der Studie zeigt sich ein deutlicher
       Unterschied zwischen West und Ost. 73 Prozent der Unternehmen im Westen
       halten die Demokratie für „sehr wichtig“, im Osten sind es nur 56 Prozent.
       
       In Hintergrundgesprächen erfährt man, dass einige Unternehmer, die sich auf
       Social Media gegen rechts engagieren, unter Druck gesetzt würden. In
       mindestens einem Fall soll ein Firmenchef auf der Straße von Nazis bedroht
       worden sein. Oft nennen die Gesprächspartner noch einen anderen möglichen
       Grund für die politische Zurückhaltung vieler Firmen: Entweder seien die
       Chefs eben selbst AfD-Anhänger. Oder die Unternehmer wollten ihre AfD
       wählenden Mitarbeiter:innen und Kund:innen nicht verprellen.
       
       „Wenn alle so denken würden, könnten wir einpacken“, sagt Schraubenwerkchef
       Eckhard Schmidt. Er sei in der DDR groß geworden und erinnere sich noch gut
       an Zeiten, in denen kein politischer Widerspruch geduldet gewesen sei.
       
       Wie geht es weiter in Sachsen-Anhalt? Noch drei Wochen sind es bis zur
       Wahl, drei Wochen Zeit für Unternehmen, sich zu Wort zu melden. Breite
       unternehmerische Bündnisse wie etwa im Nachbarland Sachsen sind allerdings
       nicht entstanden. Es gibt eine Initiative namens „[11][Sachsen-Anhalt
       weltoffen]“, sie wird aber weitgehend von Sozialverbänden, Kirchen,
       sozialen Arbeitgebern, Gewerkschaften, NGOs und Kulturvereinen unterstützt.
       Klassische Unternehmen sind wenige dabei.
       
       Eckhard Schmidt sorgt sich für den Fall einer rechtsextremen Regierung vor
       allem um seine Mitarbeiter:innen. „Die meisten meiner Leute, die aus
       Ländern außerhalb der EU kommen, haben ein begrenztes Bleiberecht. Da wäre
       die Frage, ob das verlängert würde.“ Gegen mögliche Ablehnungen beim
       Bleiberecht würde er sich wehren, „mit allen Mitteln“, sagt er. Und
       wiederholt: „Mit allen Mitteln.“
       
       Sein Mitarbeiter Marquez Yalastasi hofft noch auf einen Umschwung kurz vor
       den Wahlen. „Es wäre einfach schön, wenn die Leute merken, dass wir hier
       sind, um für uns eine bessere Zukunft zu finden und um Deutschland zu
       unterstützen. Wir wollen einen Beitrag leisten für die Gesellschaft und
       dieses Land.“ Sollte die AfD doch an die Macht kommen, müsse er abwarten,
       wie die Lage sich entwickle – und im schlechtesten Fall das Bundesland
       verlassen.
       
       Uni-Rektorin Claudia Becker hofft ebenfalls noch auf eine Trendwende: „In
       dem Moment, wenn die Menschen an der Wahlurne stehen, überlegen sie
       vielleicht doch noch mal.“
       
       Thies Schröder und sein Ferropolis-Team haben kurz vor der Wahl noch die
       Social-Media-Kampagne [12][#stolzaufvielfalt] gestartet. Museen,
       Kulturvereine und Gedenkstätten posten unter diesem Motto und heben die
       Stärke der Vielfalt hervor.
       
       Kalipe-Geschäftsführer Niklas Guttenberger sagt, man müsse „die AfD als
       destruktive, zukunfts- und wirtschaftsfeindliche Kraft klar benennen und
       auch in Kauf nehmen, dass das wirtschaftlich gegebenenfalls Nachteile haben
       kann“. Er habe für seine klare Haltung auch Zuspruch bekommen.
       
       Für ihn ist die deutsche Geschichte ein mahnendes Beispiel. „Wenn
       Rechtsradikale unser Bundesland regieren, werden sie vielleicht politische
       Werkzeuge nutzen, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben.“ Für den
       Fall, dass es so kommt, könne er nicht ausschließen, den Standort
       Wittenberg zu verlassen. Doch auch er gibt sich kämpferisch. Noch könne man
       „den Bock umstoßen“.
       
       17 Aug 2026
       
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 (DIR) [1] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-08/landtagswahl-sachsen-anhalt-afd-umfrage-pollytix-campact-gxe?utm_source=firefox-newtab-de-de
 (DIR) [2] https://www.diw.de/de/diw_01.c.1014790.de/publikationen/diw_aktuell/2026_0121/sachsen-anhalt_zeigt_das_afd-paradox__strukturschwache_afd-hochburgen_wuerden_unter_ihrer_politik_am_staerksten_leiden.html
 (DIR) [3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/255174/umfrage/verfuegbares-einkommen-privater-haushalte-je-einwohner-in-den-bundeslaendern/
 (DIR) [4] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wie-der-mittelstand-die-afd-beklatscht-in-sachsen-anhalt-accg-200937974.html
 (DIR) [5] https://www.mz.de/mitteldeutschland/sachsen-anhalt/demografie-frauen-mangel-maenner-ueberschuss-4196207
 (DIR) [6] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/168591/umfrage/kaufkraft-nach-bundeslaendern/
 (DIR) [7] https://www.nordlb.de/meine-nordlb/download/research-dokument-13795?cHash=597d4c770386dc8e06e6ef1feaf12a0d
 (DIR) [8] /Rossmann-verlaesst-Familienunternehmer-Verband/!6132770
 (DIR) [9] /AfD-hetzt-gegen-Hochschulen/!6116589
 (DIR) [10] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/unternehmen-in-der-demokratie-besorgt-willens-gefordert
 (DIR) [11] https://sachsenanhalt-weltoffen.de/index.php/unterstuetzende/
 (DIR) [12] https://www.kulturstiftung-st.de/fileadmin/user_upload/05_Presse/Pressemitteilungen/PM_2026/2026_08_11_pm_stolz_auf_vielfalt.pdf
       
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