# taz.de -- Klimapolitik in der Chemieindustrie: Der Gewerkschafter, der gegen die CO2-Bepreisung kämpft
       
       > Michael Vassiliadis, Chef der Chemiegewerkschaft, ist vom fossilen
       > Schlag. Neuerdings wettert er gegen die CO2-Bepreisung. Er hat gute
       > Gründe dafür.
       
 (IMG) Bild: Hat nie Griechisch gelernt, weil sein Vater zu viel arbeiten musste: Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis am 1. Mai in Augsburg
       
       Während Michael Vassiliadis auf dem Augsburger Königsplatz noch mal still
       seine Rede durchgeht, schmettert auf der Bühne eine greise Band
       Arbeiterkampflieder. Das Bein des Gewerkschaftschefs wippt unwillkürlich im
       Takt. Es ist der 1. Mai, und Vassiliadis wird gleich viel Erwartbares sagen
       über Gerechtigkeit und den Sozialstaat. Aber er wird auch etwas tun, das er
       jahrelang öffentlich vermieden hat. Als Vassiliadis auf die Bühne tritt,
       vor etwa 1.500 Gewerkschafter*innen, lächelt er breit, von einem Ohr zum
       anderen; dann startet er seine Attacke auf den Klimaschutz.
       
       Michael Vassiliadis besetzt eine Schlüsselposition in der deutschen
       Wirtschafts- und Klimapolitik. Er ist Chef der IGBCE, der
       Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Sie vertritt Kohlekumpel,
       Beschäftigte der Halbleiterindustrie und Chemiearbeiter*innen. Seit 17
       Jahren wählen sie ihn immer wieder zum Vorsitzenden, inzwischen ist er
       länger im Amt als Angela Merkel Kanzlerin war. Dank seines Netzwerks hat
       Vassiliadis überall die Finger im Spiel, wo über die Zukunft der deutschen
       Wirtschaft verhandelt wird. Er könnte auf Bühnen und in Hinterzimmern für
       Tempo sorgen bei der Transformation hin zur Klimaneutralität. Stattdessen
       bremst er, fordert gemeinsam mit dem RWE-Chef in der [1][FAZ] „mehr Zeit
       für den Klimaschutz in der Industrie“.
       
       Und er behauptet, paradoxerweise, so den Klimaschutz retten zu wollen.
       
       Für Michael Vassiliadis ist der Tag der Arbeit ein angenehmer Termin. Rede
       halten, danach Hände schütteln und Currywurst essen. Die Aufmerksamkeit des
       Publikums ist ihm gewiss hier in Augsburg, einem historischen Zentrum der
       Industrialisierung in Bayerisch-Schwaben. Vassiliadis ist die
       Hauptattraktion auf der Bühne. „Durch unsere Jobs entstehen eure Profite“,
       sagt er und wird lauter, „da holen wir uns zurück, was uns gehört!“ Die
       Menge applaudiert, pfeift und rasselt. Vassiliadis warnt vor den Folgen der
       Wirtschaftskrise: „Wenn wir die Industrie verlieren, verlieren wir die
       Wertschöpfung, die wir brauchen für den Sozialstaat“, ruft er. Wieder
       Applaus.
       
       Vassiliadis trifft diesmal den richtigen Ton, auch wenn er sonst kein
       mitreißender Redner ist. Muss er auch nicht sein. Kritiker*innen wie
       Unterstützer*innen sagen ihm Scharfsinn, Verhandlungsstärke und
       Organisationstalent nach – viel wichtigere Qualitäten für einen
       Gewerkschaftsführer. Und dieser scharfsinnige Beobachter, einer der
       mächtigsten Industriepolitiker Deutschlands, sagt wenige Minuten später:
       „Jetzt ist der CO2-Preis für die chemische Industrie ein Todesstoß. Wenn
       wir jetzt nichts tun, werden wir zuschauen, dass die CO2-Einsparungen durch
       Abschalten unserer Arbeitsplätze erfolgen.“ Das könnten Gewerkschaften
       niemals mitmachen. Vassiliadis schließt: „Das ist nicht gegen Klimaschutz,
       das ist für Vernunft.“
       
       Applaus, Pfeifen, Rasseln wie bei den Umverteilungsphrasen und der
       Verteidigung des Sozialstaats: für einen Frontalangriff auf das Herz des
       europäischen Klimaschutzes, den CO2-Preis.
       
       ## Die Gehaltszettel geben ihm recht
       
       Im Gegensatz zu vielen heutigen Gewerkschaftsfunktionär*innen hat
       Michael Vassiliadis nie studiert, sondern Chemielaborant gelernt. Bei Bayer
       im nordrhein-westfälischen Dormagen. Politisiert worden sei er durch die
       Friedensbewegung, erzählt er am Rande des Maifests in Augsburg. Als er zu
       Ausbildungsbeginn 1980 in die Gewerkschaft eintrat, die damals noch IG
       Chemie-Papier-Keramik hieß, wurde sein Talent erkannt, Leute zu gewinnen
       und mitzunehmen: „Ich habe im Betrieb sehr viel bewegen können, weil ich
       gute Argumente gefunden hab – mit meiner Fähigkeit, mich zu interessieren,
       zu lernen.“
       
       Vassiliadis wurde gefördert, trat 1981 in die SPD ein und wechselte 1986
       hauptamtlich zur Gewerkschaft. 1991 wurde er mit 29 Jahren der jüngste
       Bezirksleiter der IGBCE, drei Jahre später Büroleiter des damaligen
       Gewerkschaftschefs Hubertus Schmoldt, 2009 dessen Nachfolger. Seit 2012 ist
       Vassiliadis zudem Präsident von industriAll Europe, der europäischen
       Dachorganisation der Industriegewerkschaften.
       
       Jeden Morgen um 7 Uhr, erzählt er, mache er 20 Minuten Yoga, dann stehe der
       erste Termin beim Frühstück an. Sein Tag ende, wenn es gut laufe, um 22
       Uhr. „Ich habe eigentlich immer in dieser Welt gelebt – aus freien
       Stücken“, sagt Vassiliadis.
       
       Bleibt Vassiliadis bis zum Ende seiner Amtszeit Gewerkschaftschef, wird er
       ebenso lang an der Spitze einer großen Industriegewerkschaft gestanden
       haben wie der legendäre IG-Metall-Chef Otto Brenner, [2][der die frühe
       Bundesrepublik prägte]. Wie Brenner gilt Vassiliadis als besonnener
       Verhandler; doch wo Brenner sich am Klassenkampf beteiligt sah und die Idee
       der sozialen Marktwirtschaft für verlogen hielt, ist Vassiliadis’ erste
       Priorität derzeit, „eine Debatte von grüner bis konservativer Seite über
       die Zukunft unseres Landes voranzutreiben, die konstruktiv und nicht
       zerstörerisch ist“.
       
       Nach 17 Jahren im Job hat Michael Vassiliadis ein Netzwerk, das in der
       deutschen Industriepolitik einzigartig ist. Er hat hervorragende Kontakte
       in SPD und CDU und versteht sich gut mit vielen Manager*innen. „Wenn Sie
       nur Gegner haben, dann bewegen Sie am Ende nichts“, sagt Vassiliadis.
       
       Die Gehaltszettel seiner Leute geben ihm recht: Die IGBCE erzielt
       regelmäßig die besten Tarifabschlüsse unter den Gewerkschaften. Gestreikt
       hat die Chemieindustrie flächendeckend letztmals 1971. Da war Vassiliadis
       sieben Jahre alt.
       
       ## Eine eigene Erzählung zum Kohleausstieg
       
       Gewerkschaften haben viel politisches Gewicht. Lisa Badum, klimapolitische
       Sprecherin der Grünen im Bundestag sagt: „Die Spitze der IG Metall zum
       Beispiel hat lange sehr fortschrittlich kommuniziert, das hat einen großen
       Unterschied in der Debatte gemacht.“ Das sehe man jetzt, da die IG Metall
       das nicht mehr mache: „Die Bundesregierung beschließt das Aus vom
       Verbrenner-Aus.“
       
       Gewerkschaften können ihre Mitglieder davon überzeugen, die Transformation
       hin zur Klimaneutralität im Betrieb voranzutreiben. Sie haben Einfluss auf
       Ausbildungsinhalte und können Weiterbildungen für Arbeiter*innen mit
       fossilen Jobs einfordern. Jemand wie Vassiliadis könnte viel bewirken im
       Klimaschutz.
       
       Stattdessen trat er in den 2010er Jahren auf die Bremse, wo er nur konnte.
       2011 [3][pries] er „moderne Braunkohlekraftwerke“, die klimaschädlichste
       Form der Stromerzeugung, als notwendig für die Energiewende. 2015
       [4][verhinderte] er mit der Kohlelobby eine Extraabgabe auf Kohlestrom.
       „Ich musste schon zu viele Leute entlassen“, sagte er damals, als sei er
       Konzernchef und nicht Gewerkschafter. Aber was ihm Klimaschützer*innen
       vor allem vorhalten, das ist der Kohlekompromiss.
       
       2018 verhandelten Manager*innen, Politiker*innen,
       Wissenschaftler*innen und Umweltschützer*innen darüber, wie
       Deutschlands Kohlekraftwerke am schnellsten abgeschaltet werden könnten.
       Vor dem Hintergrund der aufkommenden Fridays-for-Future-Proteste hofften
       viele auf ein frühes Ausstiegsdatum, 2030 stand im Raum. Einigen konnte
       sich die Kommission nur auf 2038. Auch, weil Michael Vassiliadis blockiert
       hatte.
       
       „Es war nicht zu unterscheiden, ob er die fossilen Industrien oder die
       Gewerkschaftsmitglieder vertritt“, sagt Martin Kaiser von der
       Umweltschutzorganisation Greenpeace, der ebenfalls in der Kommission saß.
       „Er hat ein legitimes Interesse, tarifgebundene Arbeitsplätze zu halten.
       Aber das war mit 40 Milliarden Strukturwandelgeldern bei nur etwa 20.000
       Arbeitsplätzen mehr als abgedeckt“, sagt Kaiser. Die Umweltverbände hätten
       Strukturwandel und Vassiliadis’ soziale Transformation voll mitgetragen,
       trotzdem habe er sich der Umweltseite und ihrer Forderungen gegenüber
       „unsäglich“ verhalten.
       
       ## Das Hier und Jetzt fühlt sich nach Krise an
       
       Michael Vassiliadis selbst erzählt da eine andere Geschichte. Eine, in der
       die IGBCE den Kohleausstieg erst möglich gemacht habe. „Wir mögen einigen
       lästig gewesen sein“, sagt er und grinst schelmisch. Aber die Gewerkschaft
       sei es ja gewesen, die den Kohlekumpeln vermitteln musste, dass ihre guten,
       tariflich abgesicherten Arbeitsplätze verloren gehen. „Wer hat denn den
       Sarg getragen in der Kohle? Ich!“, brummt Vassiliadis. Die Gewerkschaft
       habe viele Knoten durchschnitten. „Es gibt andere Blickwinkel. Auch okay.“
       
       Michael Vassiliadis, das hört man öfter in Hintergrundgesprächen über ihn,
       ist seine Wahrnehmung in der breiteren Öffentlichkeit gleich. Anders ist
       das mit den Gewerkschafter*innen. Bei Abstimmungen erhält Vassiliadis
       regelmäßig 95 Prozent der Stimmen. Sinischa Horvat sagt: „Natürlich hat
       Vassiliadis seinen Job gut gemacht, sonst würden die Wahlen nicht so
       ausgehen“.
       
       Horvat ist Betriebsratsvorsitzender bei BASF, dem größten Chemieunternehmen
       der Welt, und damit nach Vassiliadis wahrscheinlich der zweitwichtigste
       Arbeitnehmervertreter in der Branche. So wie die meisten Chemiefabriken in
       Deutschland könnte der BASF-Hauptsitz im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen
       deutlich mehr produzieren, als er es derzeit tut. „Die geringe Auslastung
       macht was mit den Menschen“, sagt Horvat. „Flaute war immer mal wieder,
       aber nie so lang.“ 2025 verzeichnete das Werk Ludwigshafen 1 Milliarde Euro
       operativen Verlusts. „Die Menschen sind verunsichert. Sie würden gern
       Zuversicht haben.“
       
       Dass die Folgekosten des Klimawandels viel höher werden als das, was die
       jetzt nötigen Investitionen kosten würden? Das wüssten alle, sagt Horvat.
       „Aber die Menschen weltweit leben im Hier und Jetzt.“ Und das Hier und
       Jetzt fühlt sich nach Krise an.
       
       Dabei hat die deutsche Chemieindustrie ab den 2000er Jahren unheimlich viel
       Geld damit verdient, ihre Produkte in alle Welt zu verkaufen, vor allem
       nach China. China aber hat seitdem selbst Chemieparks gebaut und importiert
       immer weniger. Die Chemieunternehmen in den USA kommen billig an Öl und
       Gas. Weltweit gibt es also zu viele Chemiefabriken, die zu wenige Abnehmer
       finden. Dieses Problem hat sich schon vor mehr als zehn Jahren angekündigt,
       aber spätestens seit dem russischen Vollangriff auf die Ukraine 2022
       kriselt die europäische Chemieindustrie.
       
       ## Kaum noch Geld für Investitionen?
       
       Etwa 40.000 Arbeitsplätze sind laut der IGBCE bedroht. Nach der Kohle droht
       Vassiliadis’ Gewerkschaft damit eine zweite Säule wegzubrechen. Deswegen
       schaltet der Gewerkschaftschef jetzt in den Überlebensmodus.
       
       Nach seiner Augsburger Attacke auf den CO2-Preis geht Vassiliadis in der
       Fuggerstadt die Stände der verschiedenen Gewerkschaften ab. Bei Verdi
       stellt er sich vor einen Fotoautomaten und grinst freundlich. Mit den
       Eisenbahner*innen spricht er darüber, dass er kaum Griechisch spricht.
       Das liege daran, dass sein eingewanderter Vater im Schichtdienst gearbeitet
       und oft keine Zeit gehabt habe. Wo Vassiliadis eine Fahne, Jacke oder Mütze
       mit dem Logo seiner Gewerkschaft sieht, geht er hin, schüttelt Hände, lacht
       herzlich und hört zu.
       
       Wenn man nachvollziehen will, warum Vassiliadis den CO2-Preis attackiert,
       muss man wissen, warum diese Leute Angst um ihren Job haben. Denn
       Unternehmen der Spezialchemie, in denen viele von ihnen arbeiten, werden
       vom CO2-Preis gar nicht so hart getroffen – ihre Lieferanten aber schon.
       
       Die Firmen der Spezialchemie stellen Klebstoffe für die Autoindustrie,
       Geschmacksverstärker für Joghurt, Dämmstoffe, Kosmetika, Verpackungen und
       vieles mehr her – dafür brauchen sie chemische Vorprodukte. Häufig siedeln
       sie sich deshalb in großen Chemieparks um sogenannte Cracker herum an, die
       Öl und Gas umwandeln in Grundstoffe wie Ethen. Schließen die Cracker, so
       befürchten viele Expert*innen, wandert auch die Spezialchemie drum herum
       ab. Und mit ihnen die Chemiejobs. Die Cracker aber brauchen viel billige
       Energie und hohe Auslastungen, sonst schreiben sie Verluste. Für sie ist
       der CO2-Preis, über den Vassiliades in Augsburg schimpft, tatsächlich eine
       Belastung.
       
       Wie groß sie ist, das rechnet Carsten Franzke vor. Er ist Geschäftsführer
       der Stickstoffwerke Piesteritz in Sachsen-Anhalt, die vor allem Dünger,
       Ammoniak, Harnstoff und Salpetersäure herstellen – klassische
       Grundstoffchemie. „Wir bezahlen derzeit ungefähr 40 Millionen Euro pro Jahr
       für CO2-Zertifikate“, sagt er. Bei den 800 Millionen Euro Umsatz, die die
       Stickstoffwerke machen, frisst das die übliche Profitmarge auf. Erst recht,
       wenn der CO2-Preis steigt, bleibt für Investitionen in den Klimaschutz kaum
       Geld – dabei soll der CO2-Preis doch genau zu diesen Investitionen
       anreizen.
       
       ## Zertifikate werden weniger, Emissionen teurer
       
       Wie dieser CO2-Preis im europäischen Emissionshandel entsteht, muss man
       verstehen, um Vassiliadis’ Kritik folgen zu können. Das Prinzip ist simpel:
       Industrie und Stromerzeuger müssen ein Zertifikat kaufen, um eine Tonne CO2
       ausstoßen zu dürfen. Die Zahl der Zertifikate sinkt, also werden
       CO2-Emissionen teurer. Die Chemieunternehmen durften jahrelang kostenlos
       CO2 emittieren, damit sie auf dem Weltmarkt gegen außereuropäische Konzerne
       bestehen können, die keinen CO2-Preis zahlen. Diese kostenlosen Zuteilungen
       werden jetzt langsam abgeschmolzen. Und die Branche gerät unter Druck.
       
       Der CO2-Preis „hat die Chemieindustrie lange nicht berührt“, sagt der
       ehemalige Vizepräsident von BASF, Jörg Unger. „Jetzt, wo sie am Boden
       liegt, wird er tatsächlich schwierig.“ Selbst Thomas Losse-Müller von der
       Stiftung Klimaneutralität sagt, der Emissionshandel ohne Begleitmaßnahmen
       mache das Investitionsumfeld unattraktiver.
       
       Aber dass der CO2-Preis steigen wird, wussten die Unternehmen schon vor
       über zehn Jahren. Hätten sie mehr in Klimaschutz investiert und ihre
       Emissionen stärker verringert, müssten sie jetzt weniger zahlen.
       Losse-Müller sagt: „Die Unternehmen hätten angesichts der massiven Aufgabe
       früher anfangen müssen zu transformieren.“ Warum haben sie den CO2-Preis
       dann nicht ernst genommen?
       
       „Haben sie doch“, sagt Michael Vassiliadis auf dem Augsburger Königsplatz.
       „Sie sind gegangen.“ Abgewandert, meint er damit. „Die Unternehmen haben
       ihre Produktion in Länder mit laxeren Regeln verlagert, die es mit Klima-
       und Umweltschutz nicht so ernst nehmen.“
       
       Auch investiert haben die Konzerne lieber woanders: Der Essener Konzern
       Evonik etwa hat 2025 eine Anlage in Singapur eröffnet, BASF gerade erst
       einen riesigen Chemiepark im südchinesischen Zhanjiang. Dessen Strombedarf
       wird sogar zu 100 Prozent mit grünem Strom aus einem Windpark gedeckt.
       
       ## Geld vom Staat gefordert
       
       Stromproduzenten können nicht abwandern – sie müssen den Strom, den sie in
       Europa verkaufen wollen, auch in Europa erzeugen. Die Industrie kann
       einfach woanders produzieren.
       
       Auf diesen Umstand weist Vassiliadis seit Jahren hin. Als sich vor der
       Bundestagswahl 2021 eine Regierungsbeteiligung der Grünen andeutete,
       schrieb er zusammen mit dem Grünen-Politiker Anton Hofreiter ein
       Thesenpapier zum „[5][Aufbruch in ein neues Industriezeitalter]“; ein Jahr
       später, als die Gaskrise die Stickstoffwerke Piesteritz zum
       Produktionsstopp zwang, [6][forderte] er gemeinsam mit dem Deutschen
       Naturschutzring, Germanwatch und WWF ein Investitionspaket von der
       Bundesregierung.
       
       Vassiliadis sagt: „Alle größeren Chemiefirmen haben längst die eigene
       Transformation vorangetrieben“, die Pläne dafür „liegen in den Schubladen,
       die gibt es“. Was es nicht gibt: die gigantischen Mengen billigen Stroms,
       die zur Elektrifizierung der Grundstoffproduktion nötig wären, den grünen
       Wasserstoff, die entsprechenden Stromnetze und Pipelines. „Für die nächsten
       großen Schritte braucht es politische Unterstützung“, sagt Vassiliadis.
       
       Die Stickstoffwerke Piesteritz zum Beispiel bräuchten eigenen Angaben
       zufolge einen zweistelligen Milliardenbetrag an Staatsgeld, um die
       CO2-Emissionen ihrer Ammoniakproduktion um 90 Prozent zu reduzieren.
       
       Vassiliadis hatte 2022 mit WWF und Co Milliarden gefordert, doch die
       Rahmenbedingungen für die Transformation der Chemieindustrie fehlen noch
       immer. Die Merkel-Regierungen hatten keine Strategie für die Chemie, die
       Ampel auch nicht. Und die aktuelle CDU-Bundeswirtschaftsministerin
       Katherina Reiche will den Ausbau der erneuerbaren Energien und des
       Stromnetzes sogar bremsen. Also priorisiert Vassiliadis unter Schwarz-Rot
       wieder anders: den Sozialstaat verteidigen und den CO2-Preis für die
       Chemieindustrie so weit wie möglich aussetzen. Das mag nachvollziehbar
       wirken. Kritik daran gibt es aber sogar aus der Wirtschaft.
       
       Deutlich wurde das schon im März, beim Klimadialog der SPD im Berliner
       Willy-Brandt-Haus. Michael Vassiliadis sitzt auf dem Podium, neben ihm
       Gunnar Groebler, Chef der Stahlfirma Salzgitter. Salzgitter ist ein
       Vorreiter der klimafreundlichen Stahlherstellung, hat viel Geld in die
       Klimatransformation gesteckt und viel lobbyiert, damit die Bundesregierung
       Geld dazugibt. Die Diskussion über den Emissionshandel sei gerechtfertigt,
       sagt Groebler, aber wer schon Geld in moderne Anlagen gesteckt habe wegen
       des CO2-Preises, „darf am Ende nicht der Gelackmeierte sein“. Sonst sei die
       Transformation hin zum Klimaschutz tot – zuverlässige Vorgaben sind für die
       Industrie eben entscheidend.
       
       ## Wie Vassiliadis die Debatte entglitt
       
       Ob er das nicht nachvollziehen könne, fragt die Moderatorin. Der
       Gewerkschaftschef ist hörbar genervt. „Ich bin 45 Jahre bei der SPD – ich
       wusste gar nicht, wie marktnah wir sind“, spottet er. Er fordere nicht, den
       CO2-Preis auszuschalten. Sondern: „Wenn wir die Voraussetzungen nicht
       haben, was machen wir dann?“, fragt Vassiliadis. „Lasst uns als
       Sozialdemokraten den Wandel vorantreiben.“ So ein Satz könnte
       Aufbruchsstimmung verbreiten, aber Vassiliadis klingt vor allem beleidigt:
       „Ich will konstruktiv verstanden werden“, schiebt er nach.
       
       Auch jetzt, in Augsburg, während seiner gepfefferten Rede gegen den
       CO2-Preis, sagt Michael Vassiliadis: „Wenn man nachdenklich Vorschläge dazu
       macht, ist große Aufregung.“ Das gelte auch für die Diskussion über den
       Sozialstaat. „In irgendeiner Weise Vernunft in die Debatte zu kriegen, ist
       wirklich schwierig geworden.“ Dazu, gemeinsam Ideen zu entwickeln, „die
       dieses Land nach vorne bringen, kommen wir gar nicht.“
       
       Auf Michael Vassiliadis’ Gastbeitrag in der FAZ – „mehr Zeit für den
       Klimaschutz in der Industrie“ – folgte ein Generalangriff des deutschen
       Chemielobbyverbands auf den Umwelt- und Klimaschutz. Die Debatte ist
       Vassiliadis entglitten.
       
       Denn anders als die Firmenlobby selbst stellt der Gewerkschafter
       tatsächlich Bedingungen: Unternehmen, denen der CO2-Preis erlassen wird,
       sollen die frei werdenden Mittel in Klimaschutz investieren müssen. Wie
       beim Kohleausstieg sieht Vassiliadis sich als derjenige, der die
       Transformation konkret umsetzt. Aber anders als 2018, als er vor allem Geld
       und Zeit herausholen wollte, setzt er sich in der Chemie für eine radikale
       Lösung ein: eine „konzertierte Konsolidierung“.
       
       Die Chemieindustrie soll unter Anleitung gesundschrumpfen. Thomas
       Losse-Müller von der Stiftung Klimaneutralität nennt diesen Vorschlag
       „dringend notwendig, wenn wir die zukunftsfähigen Teile der deutschen
       Chemie erhalten wollen“. Der frühere BASF-Vize Jörg Unger hält Vassiliadis’
       Vorschlag für vernünftiger als alles, was der Chemielobbyverband
       vorschlägt.
       
       ## Mit etwas Hirn sei die Spezialchemie nicht gefährdet
       
       Gemeinsam mit Politik und Unternehmen will Michael Vassiliadis
       priorisieren: Welche Cracker müssen überleben, um gezielt wertvolle
       Arbeitsplätze in den umliegenden Chemieparks zu erhalten? Welche Stoffe
       wollen wir aus Resilienzgründen in Deutschland und Europa herstellen,
       welche können wir importieren? „Wenn man mit Hirn konsolidiert, ist die
       Spezialchemie nicht gefährdet“, sagt Jörg Unger. Im äußersten Fall ist
       Vassiliadis sogar zu einem gesteuerten Arbeitsplatzabbau bereit. Aber den
       Chemiebossen gefällt das nicht.
       
       Beim Kohlekompromiss hatte Michael Vassiliadis die Industrie an seiner
       Seite und holte viel heraus für die Bergleute. Als er gemeinsam mit
       Umweltschützer*innen Geld für die Klimatransformation forderte, ging
       er leer aus; und die konzertierte Konsolidierung, die er jetzt fordert,
       wird bislang weder in Berlin noch Brüssel ernsthaft diskutiert. Die IGBCE
       ist schlicht weniger einflussreich als die Chemielobby.
       
       Den CO2-Preis greifen Vassiliadis und Chemieindustrie gemeinsam an. Und
       wenn er dafür nicht die Klimagegenleistungen bekommt, die er verlangt? „Ja,
       das wäre natürlich nicht gut“, sagt Vassiliadis. Aber die Gewerkschaften
       säßen ja mit am Verhandlungstisch, und außerdem würden das die anderen
       EU-Länder nicht zulassen. Das mag man Kalkül nennen. Oder ein Eingeständnis
       eigener Schwäche.
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schonfrist-wir-brauchen-mehr-zeit-fuer-den-klimaschutz-in-der-industrie-110714474.html
 (DIR) [2] https://www.spiegel.de/geschichte/gewerkschaften-a-948825.html
 (DIR) [3] https://chemanager-online.com/de/news/kein-guter-tag-fuer-den-klimaschutz
 (DIR) [4] https://correctiv.org/aktuelles/klimawandel/2017/09/12/wie-der-kohleausstieg-vereitelt-wurde/
 (DIR) [5] https://www.sueddeutsche.de/politik/wirtschaft-klimaneutralitaet-jobs-klima-1.5293884
 (DIR) [6] https://igbce.de/igbce/umweltorganisationen-und-igbce-legen-gemeinsames-massnahmenpaket-vor-214928
       
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 (DIR) Lichtblicke bei der Klimapolitik: Erneuerbare machen Worst Case unrealistisch
       
       Die UNO beschließt eine bahnbrechende Resolution. Gleichzeitig halten
       Experten das Szenario bei den Emissionen für nicht mehr plausibel.
       
 (DIR) Industrieabbau im Ruhrgebiet: Wer zahlt die Zeche?
       
       Thyssenkrupp Steel steckt tief in der Krise. Jetzt kommt es auf die
       Kampfbereitschaft der Belegschaft an. Wie stark sind die Gewerkschaften
       noch?
       
 (DIR) Gewerkschaften in Deutschland: Die neue Lust am Streik
       
       Gewerkschaftliche Arbeitskämpfe werden unter dem Druck der
       wirtschaftlichen Lage selbstbewusster. Entscheidend wird die Debatte ums
       Streikrecht.
       
 (DIR) Versäumte Klimapolitik: Die fossile SPD
       
       Das Blockieren von Klimaschutz ist in der Struktur der Partei angelegt:
       Durch Verflechtungen mit der Wirtschaft, Gewerkschaftsnähe und Tradition.