# taz.de -- Regisseur Russell T Davies über Serie: „Ich bin fest entschlossen zu kämpfen“
> In der Serie „Tip Toe“ erzählt Regisseur Russell T Davies von Gefahren
> durch Homophobie und Trauer über enttäuschte Hoffnungen auf sexuelle
> Befreiung.
(IMG) Bild: Schutzlos ins Freie: Clubbesitzer Leo (Alan Cumming) in „Tip Toe“
In „Tip Toe“ kehrt Russell T Davies dorthin zurück, wo er vor 27 Jahren mit
„Queer as Folk“ Fernsehgeschichte schrieb: ins queere Manchester. Der
63-jährige Waliser gehört zu den einflussreichsten britischen
Fernsehautoren der Gegenwart. Er belebte „Doctor Who“ neu und schuf unter
anderem [1][„Years and Years“] und das Aids-Drama „It’s a Sin“. Im Zentrum
seiner neuen fünfteiligen Serie stehen der schwule Clubbesitzer Leo (Alan
Cumming) und sein Nachbar Clive (David Morrissey), zwei einsame Männer,
zwischen denen alltägliche Reibungen zu tödlichem Hass eskalieren. Davies
erzählt von Onlineradikalisierung, ökonomischer Kränkung und einer
Sichtbarkeit, die queere Menschen nicht nur befreit, sondern auch
angreifbar gemacht hat. Das Gespräch fand wenige Tage vor dem [2][Anschlag
am Rande des Berliner Christopher Street Day] statt, bei dem am 25. Juli
eine Frau getötet und 29 Menschen verletzt wurden. Davies’ eindringliche
Warnung vor einer gewaltsamen Eskalation bekam damit kurz darauf eine
bedrückende Aktualität. „Tip Toe“ läuft bei HBO Max.
taz: Herr Davies, als Sie vor 27 Jahren „Queer as Folk“ schrieben, erschien
queere Sichtbarkeit fast wie eine Form der Befreiung. In „Tip Toe“ sagt ein
älterer schwuler Mann, diese Sichtbarkeit habe queere Menschen schutzlos
ins Freie treten lassen, wo sie nun angegriffen werden können. Sehen Sie
Sichtbarkeit heute anders?
Russell T Davies: Ja, das ist seltsam. Denn man muss natürlich auch sagen,
wie viel besser unser Leben geworden ist. Als ich „Queer as Folk“ schrieb,
war das genau die Zukunft, auf die ich hoffte. Aber ich habe nie ernsthaft
darüber nachgedacht, was danach passieren würde. In meiner Vorstellung –
und heute staune ich über meine eigene Naivität – dachte ich wohl, wir
könnten irgendwann eine Gesellschaft mit vollkommener Gleichberechtigung,
Harmonie und Frieden erreichen. Inzwischen ist mir klar, dass es so etwas
nicht gibt. Trotzdem ist die Lage besser als früher, auch wenn noch ein
weiter Weg vor uns liegt. Unsere trans Schwestern und Brüder müssen noch
gewaltige Berge überwinden. Gleichzeitig werden Nachrichten und
Informationen von den sozialen Medien bestimmt. Diese Plattformen sind
voller Wut und Aggression. Sie gehören Milliardären, die sie als Waffen
einsetzen und mit ihnen noch mehr Geld verdienen wollen. Sie treiben
Menschen zu polarisierenden Aussagen, im Extrem in Richtung Hassrede.
Dadurch steigt die gesellschaftliche Temperatur. Es geht um den Zustand der
gesamten Welt, aus meinem queeren Blickwinkel.
taz: Sie haben „Tip Toe“ als Ihr wütendstes Werk bezeichnet. Zugleich
steckt darin sehr viel Trauer – auch um eine Zukunft, von der wir gehofft
hatten, dass sie eintreten würde. War das womöglich die stärkere
Motivation?
Davies: Vermutlich handelt alles, was ich schreibe, auf die eine oder
andere Weise von Trauer, seit mein Mann 2018 einem Hirntumor erlag. Damit
finde ich mich allmählich ab – auf eine kraftvolle Weise, nicht nur auf
eine traurige. Viele Menschen meiner Generation trauern um die
Gesellschaft, von der wir gehofft hatten, dass sie entstehen würde. Aber
tatsächlich erleben wir inzwischen das Gegenteil: Wut, Intoleranz,
Vorurteile und Bigotterie, von denen ich aufrichtig glaubte, wir hätten sie
hinter uns gelassen. Ich weiß nicht, ob diese neue Onlinestimme von den
sozialen Medien hervorgebracht wurde oder ob sie nur eine Wut sichtbar
macht, die schon immer vorhanden war. Ich bin traurig über das, was
verloren gegangen ist, aber zugleich fest entschlossen zu kämpfen, damit
wir nicht noch mehr verlieren.
taz: Leo und Clive sind im Grunde zwei einsame Männer auf
gegenüberliegenden Seiten. Wie schwierig war es, Clive zu verstehen, ohne
damit seine Homophobie und sein Handeln zu entschuldigen?
Davies: Das war meine größte Herausforderung. Aber auch Leo sehe ich
kritisch. Er ist selbstbezogen, geradezu besessen von Sex. Mit seinen
Witzen geht er manchmal zu weit. Selbst seine beste Freundin Stephanie sagt
ihm, dass er sich Frauen gegenüber bisweilen unmöglich verhält – und so
etwas kenne ich von vielen schwulen Männern. Der Balanceakt bestand darin,
Leo ein wenig herunterzuholen und Clive ein Stück weit emporzuheben.
Deshalb konzentriert sich die dritte Folge auf Clive. Wir erfahren, woher
er kommt, und lernen andere Seiten seines Lebens kennen. Trotzdem bleiben
seine ganze Wut, seine Vorurteile und seine Bigotterie erhalten. Dieser
aufrichtige Blick auf den Mann ändert nichts daran, wie fundamental falsch
er liegt.
taz: Clives Radikalisierung hat aber nicht nur mit sozialen Medien zu tun,
sondern auch mit ökonomischer Wut.
Davies: Ich glaube, dass sie hinter beinahe allem steckt, was gerade
schiefläuft. Darüber sprechen wir zu wenig. Noch nie habe ich in einem
Drehbuch so viel über Geld gesprochen. Im Club reden sie ständig über ihren
Stundenlohn. Ein kleiner Zehn-Pfund-Schein wandert von Clive zu seinem
Sohn, dann gibt Leo Clive Geld. Das steht für eine Welt der Milliardäre, in
der die Preise immer weiter steigen. In meiner Heimat wurde eine
Brexit-Szene in der Serie kritisiert, ich würde alles in einen Topf rühren.
Aber in Wirklichkeit hängt doch jedes Problem mit den anderen zusammen. Der
Brexit beeinflusst unsere Lebensmittelpreise. Das wirkt sich auf unsere
Haushalte aus, die auf unsere Stimmung und wiederum unsere Wut. Es ist ein
einziger gewaltiger Mahlstrom. Würde man das nicht erwähnen, wäre es
verfälscht.
taz: War die Linke womöglich zu zögerlich, über Männer wie Clive zu
sprechen und ihnen zuzuhören?
Davies: Absolut jeder trägt eine gewisse Verantwortung. Ich glaube, die
Linke dämonisiert Menschen wie Clive zu schnell. Allerdings muss ich sofort
hinzufügen: Wenn mir ein Mann wie Clive auf der Straße oder bei einem
Fußballspiel begegnen würde, hätte ich furchtbare Angst vor ihm. Wirklich
furchtbare Angst. Das zeigt sich in den Gesprächen zwischen Leo und
Stephanie. Die beiden sind beste Freunde. Stephanie ist zweifellos links
und hat dennoch genderkritische Bedenken. Manche Menschen würden sie
deshalb als TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminist, Anm. d. Red.)
bezeichnen. Leo blockt jedes Gespräch mit ihr sofort ab. Sie kommen nie
dazu, die Auseinandersetzung wirklich zu führen, weil er nur mit den Augen
rollt und das Gespräch beendet. Natürlich wird alles, was ich schreibe, im
Kern hoffnungslos links sein. Anders könnte ich gar nicht schreiben. Aber
wir werden diese Probleme nur überwinden, wenn wir alle unsere eigenen
Unzulänglichkeiten eingestehen und endlich richtig miteinander sprechen.
taz: Sie zeigen auch die Konflikte innerhalb der queeren Community, etwa
zwischen Stephanie und der trans Frau Zee, die nicht einer Meinung sind,
aber angesichts der Bedrohung von außen solidarisch zusammenstehen.
Davies: Wenn es darauf ankommt, steht Stephanie auf der richtigen Seite. Am
Ende kämpft sie darum, genau die trans Frau zu retten, der sie zuvor
kritisch gegenüberstand. Als Sozialarbeiterin hat sie Fälle erlebt, in
denen die Möglichkeit der Selbstidentifikation missbraucht wurde. Deshalb
vertritt sie diesen Standpunkt. Ich wurde auch dafür heftig kritisiert,
eine Figur wie Stephanie überhaupt in die Serie aufzunehmen. Dabei
bestätigt diese Reaktion in gewisser Weise genau das, worum es mir geht:
Wenn man überhaupt nicht mehr zuhört, sobald sich jemand auch nur einen
einzigen Schritt aus dem eigenen Weltbild herausbewegt, wird sich diese
ganze Situation niemals besser werden. Und sie muss besser werden, sonst
wird am Ende Blut auf den Straßen fließen. Das meine ich vollkommen ernst.
15 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
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