# taz.de -- Film „I Only Rest in the Storm“: Er soll bloß einen Bericht schreiben
> Regisseur Pedro Pinho schickt in „I Only Rest In The Storm“ einen
> Ingenieur nach Guinea-Bissau. Im Film dominieren Zwischentöne und
> Mehrdeutigkeit.
(IMG) Bild: Zufällige Bekanntschaft: Gui (Jonathan Guilherme) und Sérgio (Sérgio Coragem) in „I Only Rest in the Storm“
Es ist eine Fahrt ins Unbekannte. Der Umweltingenieur Sergio (Sérgio
Corage) soll für eine NGO in Guinea-Bissau einen
Umweltverträglichkeitsbericht zu einem Straßenbauprojekt erstellen. Mit
einem in die Jahre gekommenen Mercedes-Benz Kombi ist er unterwegs auf der
pfeilgeraden Straße durch Wind und Wüste, als der Motor überhitzt.
Nach langem Warten in der gleißenden Sonne nimmt ihn schließlich ein Lkw
zur nächstgelegenen Werkstatt mit. Dort trifft er nur auf die Frau des
Mechanikers, die ihm Essen und Tee in ihrem Zelt serviert. Erschöpft
schläft er ein. Am nächsten Tag marschiert er im dämmrigen Morgenlicht wie
verloren den Dünen entgegen.
Der [1][portugiesische Regisseur Pedro Pinho] setzt in den ersten Minuten
seines Films „I Only Rest in the Storm“ ganz auf die Wirkmacht der Bilder.
Es gibt keine Erklärungen. Sein Protagonist wirkt unnahbar, nicht zu
entschlüsseln, gar gleichmütig. Was treibt ihn an, diese über 3.000
Kilometer lange Strecke von Portugal mit dem Auto zurückzulegen? Was sucht
er in Guinea-Bissau? Kommt er nur der Arbeit wegen? Das Spiel der
Andeutungen, des Ungefähren und der Uneindeutigkeiten ist der Modus
Operandi dieses mit einer Länge von dreieinhalb Stunden monumentalen Films.
Sergio soll seinen italienischen Vorgänger ersetzen, mit dem es Probleme
gab. Was mit ihm passiert ist, bleibt unklar. Die einen sagen, er hätte
sich aus dem Staub gemacht, die anderen, er läge unter der Erde begraben.
Damit der Straßenbau, der von einem brasilianisch-chinesischen Konsortium
durchgeführt wird, weitergehen kann, soll Sergio den Bericht so schnell wie
möglich fertigstellen. Es geht vor allem um die Auswirkungen auf das Leben
in den Dörfern, die entlang der geplanten Straße liegen.
Die Route wurde bereits angepasst. Sie verlief zuvor durch den Lebensraum
seltener Nilpferde. Erst wenn der neue Bericht vorliegt, fließt wieder Geld
in das Projekt, das aus Europa und China finanziert wird.
## Umherstreifen mit Sogwirkung
Pedro Pinho verlässt immer wieder diesen lose angelegten Handlungsstrang.
Er interessiert sich nicht für eine stringente Dramaturgie. Seine Szenen
wirken vielmehr wie kleine Vignetten, die je für sich alleinstehen und mal
besser, mal schlechter funktionieren. In ihrem Zusammenwirken entsteht
jedoch ein Mäandern, ein orientierungsloses Umherstreifen, das eine
ungemein starke Sogwirkung erzielt.
Pinho geht dabei keineswegs willkürlich vor. In bedachtsamer Gemächlichkeit
legt er die Kräfte offen, die an diesem kleinen westafrikanischen Land
zerren. Denn unter der Oberfläche brodelt es. Die Alten erzählen sich immer
noch Geschichten über die Gräuel der europäischen Kolonisatoren. Eine junge
Wirtschaftselite sieht im umstrittenen Straßenbau einen notwendigen Schritt
der Modernisierung. Weiße Entwicklungshelfer:innen ergehen sich in
ihrer Selbstgefälligkeit.
Und da wären die brasilianischen Bauleiter, die ihren Arbeitern Wasser
verwehren, wegen Kleinigkeiten Wutanfälle bekommen und sich wenig später im
Bordell besaufen, als wäre nichts vorgefallen. Die Rassisten, das seien
aber die Chinesen, bekommt Sergio von ihnen zu hören. Die würden
schließlich ihre Arbeiter nach einem Unfall einfach im Graben entsorgen.
Und die Schlimmsten seien sowieso die Schwarzen selbst. Die seien sogar
untereinander rassistisch.
## Ambivalenz als Stärke
Dieses beiläufige Offenlegen (neo)kolonialer Abgründe und Machtstrukturen
erinnert an [2][Albert Serras herausragenden „Pacifiction“], der auf
ähnlich beunruhigende und rätselhafte Weise von der kolonialen
Vergangenheit Tahitis erzählt. Pedro Pinho erweitert seinen Blick jedoch um
eine individuelle Ebene.
„I Only Rest in the Storm“ ist auch als queerer Film zu verstehen. Sergio
macht Bekanntschaft mit dem schwarzen, non-binären Brasilianer Gui
(Jonathan Guilherme), der auf der Suche nach seiner Identität in
Guinea-Bissau gelandet ist, und der eigenwilligen Diára (Cléo Diára), deren
kleine Bar ein queerer Zufluchtsort ist. Sergio fühlt sich zu beiden
hingezogen. Sein einsames bisexuelles Begehren weckt Neugier, läuft ins
Leere, stößt auf Widerstand, nur um in einer expliziten Szene zur
Genugtuung zu kommen.
Was diesen Film so sehenswert macht, ist seine Ambivalenz. Er will nichts
zu Ende erzählen, keine Partei ergreifen. Es sind die Zwischentöne und die
Mehrdeutigkeit, die dominieren. „Was mich am meisten anwidert sind Männer,
die es gut meinen“, bekommt Sergio von einer Sexarbeiterin vor den Latz
geknallt. Diára wiederum ist angewidert von seiner Macht, die es ihm
erlaubt, Bestechungsgeld in Höhe von 150.000 Euro abzulehnen.
Das gesellschaftliche Große, so will es uns Pinho erklären, dringt immer
wieder in das individuelle Kleine ein. Auch Sergio kann in seiner
Unbedarftheit dem Machtgefälle als weißer Europäer in einem afrikanischen
Land nicht entkommen. Und das macht vielleicht den größten Unterschied aus:
Wenn seine Arbeit getan ist, kann Sergio das Land wieder verlassen. Oder
bleiben. Das ist seine Freiheit.
27 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Obermeier
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