# taz.de -- Regisseurin Jane Schoenbrun: „Diese Filme kosten Gewalt aus“
       
       > Jane Schoenbrun hat die Horror-Slasher-Liebes-Komödie „Teenage Sex and
       > Death at Camp Miasma“ gedreht. Ein Gespräch über Gilian Anderson und
       > Transfeindlichkeit im Horrorgenre.
       
 (IMG) Bild: Nur ein Film? Kris (Hannah Einbinder) und Billy (Gillian Anderson) in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“
       
       Jane Schoenbrun liebt Filme, die zugleich verführen und verstören. Schon
       mit [1][„I Saw the TV Glow“, 2024 im Panorama der Berlinale] gezeigt,
       machte sich die nichtbinäre trans Regieperson einen Namen als eine der
       eigenwilligsten Stimmen des queeren US-Kinos. 
       
       Der neue Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist nun Meta-Slasher,
       Liebesgeschichte und Selbstbefreiungstrip zugleich. Hannah Einbinder spielt
       die junge Regisseurin Kris, die eine berüchtigte Horrorreihe neu auflegen
       und dafür deren einstiges Final Girl Billy Presley (Gillian Anderson)
       zurückgewinnen will. Aus der Begegnung wird ein lustvoll-blutiger
       Exorzismus über Begehren, Scham und die transfeindliche Geschichte des
       Horrorgenres. Ein Gespräch über die eigene Transition, Gillian Anderson und
       die Frage, warum queere Freude heute bereits Widerstand sein kann. 
       
       taz: Jane Schoenbrun, wie surreal war es für Sie, plötzlich mit [2][Gillian
       Anderson, Agent Scully aus „Akte X“], zu arbeiten?
       
       Jane Schoenbrun: Gillian kennenzulernen war verrückt. In der vierten Klasse
       war mein wertvollster Besitz die Romanfassung einer „Akte X“-Folge. Am
       ersten Schultag sollten wir ein Buch mitbringen, das zeigt, wer wir sind.
       Ein Junge an meinem Tisch sah mein Buch, und ich konnte beobachten, wie ihm
       das Gesicht entgleiste: „Ach, auf so etwas stehst du?“ Meine Liebe zum
       Genrekino und mein Nerdtum gehörten schon immer zur gleichen Familie wie
       meine Queerness und mein Anderssein. Als ich Gillian über Zoom traf, fühlte
       es sich an, als würde ich jemandem aus meiner Kindheit begegnen. Aber sie
       ist eine ernsthafte Künstlerin, und sie ist nicht Dana Scully. Viele
       lesbische Freundinnen haben mir erzählt, dass sie beim Entdecken ihres
       Begehrens eine Rolle spielte.
       
       taz: Ihre Liebe zum Horror begann früh. Sie haben als Kind sogar „Akte
       X“-Fanfiction geschrieben.
       
       Schoenbrun: Mit acht oder neun, ja. In der Mittelstufe hatte ich dann so
       einen billigen Camcorder und bestellte meine Freund*innen zu mir nach
       Hause, damit sie Slasherfilme nachspielten. Von einem besitze ich noch eine
       Kopie, und die wird niemals veröffentlicht. Die bleibt schön im
       Giftschrank.
       
       taz: Was faszinierte Sie als Kind an den Slasherfilmen aus den Achtzigern? 
       
       Schoenbrun: Ich bin nicht mit Bergman aufgewachsen, sondern mit dem
       Fernsehen und der Videothek. Die Horrorabteilung übte eine unglaubliche
       Anziehungskraft auf mich aus. Im Rückblick wird mir klar, wie sexuell
       aufgeladen das war: Dorthin sollst du nicht gehen, aber ich gehe trotzdem
       hin. Oh, sieh dir „Puppet Master“ an! Dieses Cover sieht total abgefuckt
       aus. Ich sollte mir das nicht ansehen, aber ich werde es tun. Manche
       Horrorfilme verstören mich. Und dann gibt es welche, die ich so ansehe wie
       die Sketche in „Saturday Night Live“. Viele Slasherfilme versuchen nicht
       einmal ernsthaft, einem Angst einzujagen. Man nimmt an einem Ritual teil:
       Ich hole Süßigkeiten, lade meine Freund*innen ein, und dann johlen und
       brüllen wir bei einem völlig maßlosen Tod und möglichst viel Blut. Das ist
       für uns ein Ritual und macht irre Spaß.
       
       taz: Ihr Slasherkiller heißt Little Death und trägt einen Helm mit
       Lüftungsschlitzen. Wie entstand die Figur?
       
       Schoenbrun: Mir war klar, dass ich einen Slasherkiller brauchte. Er sollte
       Spaß machen und sich als Actionfigur eignen. Über Weihnachten lag ich im
       Haus der Familie meiner damaligen Beziehung im Bett, konnte nicht schlafen
       und starrte an die Decke. Dort war diese Lüftungsöffnung. Und ich dachte:
       Das ist es!
       
       taz: „Little Death“, der kleine Tod, bezeichnet auch den Orgasmus.
       
       Schoenbrun: Der Film enthält eine Menge prätentiöses Zeug …
       
       taz: Das wollte ich damit nicht sagen.
       
       Schoenbrun: Nein, nein, schon gut. Der Film macht sich ja auch über meine
       pseudointellektuelle, akademische Seite lustig. Kris hat einen Film namens
       „Jouissance“ gedreht: Hitchcocks „Psycho“ aus der Perspektive des
       Duschvorhangs – allerdings nur im letzten Drittel. Doch die Jouissance, der
       psychoanalytische Begriff für eine Lust, in der Genuss und Schmerz
       ineinander übergehen, steht im Zentrum des Films: Lust und Tod sind
       miteinander verflochten, ebenso die konstruktive und die zerstörerische
       Kraft des Orgasmus. Bei der Konzeption des Blicks, den der Film auf Sex
       wirft, habe ich viel von dem französischen Philosophen Georges Bataille
       gelesen. In Slasherfiguren wird eine Menge seltsamer, allegorischer,
       psychosexueller Scheiß verarbeitet: im Killer, im Opfer, im Final Girl. Ich
       wollte diese Tropen queeren. Den Slasherkiller sowohl zum Instrument des
       Begehrens als auch zum Mittel zu machen, den Höhepunkt zu erreichen,
       erschien mir als der richtige Weg.
       
       taz: Wann wurde Ihnen bewusst, dass die Freude an diesen Filmen auch eine
       problematische Seite hat?
       
       Schoenbrun: Man spürt, dass unter ihrer Oberfläche etwas Bösartiges lauert.
       Diese Filme kosten die Gewalt aus, insbesondere die gegen Frauenkörper –
       auf eine Art, bei der man anschließend duschen muss. Der für mich
       persönlichere Aspekt ist die Traditionslinie des trans Monsters: von Norman
       Bates über Buffalo Bill in „Das Schweigen der Lämmer“, „Dressed to Kill“
       und „Sleepaway Camp“ bis zu „Ace Ventura“. Ich wuchs in den Neunzigern als
       Kind auf, das sich noch nicht als trans verstand. Vielleicht lag das daran,
       dass meine wichtigste Assoziation mit Transsein lautete: Das ist der Typ,
       der seinen Penis nach hinten klemmt und diesen bizarren Tanz aufführt. Oder
       jemand, der sich einen Anzug aus Menschenhaut anfertigt. Wenn ich einen
       persönlichen Film darüber drehen wollte, mich in meinem Körper und mit
       meiner Sexualität wohlzufühlen, war der Bösewicht ganz offensichtlich:
       diese Scham. Sie ist verinnerlicht, aber sie kam nicht aus meinem Inneren.
       Sie kam aus der Kultur.
       
       taz: Ihr neuer Film ist dabei auf eine andere Weise persönlich als frühere
       Arbeiten. 
       
       Schoenbrun: Es ist mein erster Film nach der Transition. „I Saw the TV
       Glow“ schrieb ich direkt nach der überwältigenden Erfahrung, mit Anfang 30
       allen Menschen in meinem Leben – meiner Familie, meiner Frau – zu sagen,
       dass ich vor einer Transition stehe. Damals hatte ich die guten Seiten noch
       nicht erlebt. Ich beschreibe es manchmal so: Bei einem Medikament stellen
       sich zuerst die schlimmen Nebenwirkungen ein. Man muss warten, bis sich
       auch die positiven Effekte zeigen.
       
       taz: Und bei „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ war das der Fall? 
       
       Schoenbrun: Ja. Der Film handelt von dem seltsamen, schönen und zärtlichen
       Prozess, in den Dreißigern zum ersten Mal das zu erleben, was die meisten
       Menschen in ihrer Jugend erleben: in einem Körper, einer Sexualität und
       einer Identität anzukommen, die sich richtig und gut anfühlen – die sich
       nach einem selbst anfühlen. Und weil man viele Jahre mit dem Gegenteil
       gelebt hat, geht es auch darum, das dadurch entstandene Trauma aufzulösen.
       
       taz: Sie haben das Drehbuch noch während der Biden-Jahre geschrieben. Hat
       Donald Trumps Wiederwahl den Film verändert? 
       
       Schoenbrun: Nein, nicht wirklich. Ich hatte immer damit gerechnet, dass
       Trump wiedergewählt werden würde. Als Biden gewählt wurde, dachte ja
       niemand: Gott sei Dank, jetzt ist alles wieder in Ordnung. Ich dachte eher:
       In diesen vier Jahren können wir einmal durchatmen. Aber das Problem ist
       noch lange nicht erledigt. Das waren die Jahre, in denen ich zu mir selbst
       fand und zum ersten Mal Freude in mir erfahren konnte. Mir war bewusst: Ich
       drehe einen lebensfrohen queeren Film zu einer Zeit, in der trans Menschen
       massiv angegriffen werden. Einen Film zu machen, der sexy und von queerer
       Freude und queerem Begehren durchdrungen ist, ist ein Akt des Widerstands.
       
       18 Aug 2026
       
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