# taz.de -- Tarek Shukrallah zum CSD-Anschlag: „Männer, die autoritäre Männlichkeit ausleben“
> Nach dem CSD-Anschlag brauche es Teilhabechancen und kollektive Fürsorge,
> sagt Tarek Shukrallah. Und ein Blick auf die autoritäre Gedankenwelt der
> Täter.
(IMG) Bild: Vermeintliche Queerfreundlichkeit, um Rassismus zu legitimieren? Das befürchtet Politikwissenschaftler:in Tarek Shukrallah
taz: Tarek Shukrallah, vor knapp zwei Wochen beging ein Islamist einen
Anschlag auf den Berliner CSD. Wie haben Sie die Debatte seitdem erlebt?
Tarek Shukrallah: Es hat wenige Stunden gedauert, dass CDU-Politiker:innen,
die sonst Queers ihre finanzielle Unterstützung streichen, ihre Solidarität
ausgedrückt haben. Es ist eine scheinbare Solidarisierung, die letztlich
einem anderen Zweck zu dienen scheint.
taz: Welchem denn?
Shukrallah: Ich befürchte, dass vermeintliche Queerfreundlichkeit nun
genutzt wird, um Rassismus zu legitimieren und härtere Gesetze zu fordern.
Das [1][macht es so schwierig, zu trauern], gerade für queere Menschen mit
Rassismus-Erfahrungen. Wir möchten über Islamismus als Problem sprechen.
Aber das Sprechen über Islamismus wird als Vorwand für Rassismus genutzt.
Dadurch wird niemand sicherer. Dass Abschiebebehörden ausgebaut und Gesetze
verschärft werden, macht keinen Menschen sicherer und macht auch keinen CSD
sicherer.
taz: Was macht denn Menschen in Ihren Augen sicherer?
Shukrallah: Wenn Menschen tatsächliche Teilhabemöglichkeiten haben. Wenn
Menschen die Möglichkeit haben, sich als Teil von dieser Welt zu verstehen
und nicht darauf zurückgeworfen werden, dass sie sich [2][um die letzten
Brotkrumen bei Projektförderungen streiten müsse]n. Außerdem hilft ein
Blick auf jene, die von der Gewalt betroffen sind: Wer sind denn die Opfer
von rechtsextremer und islamistischer Gewalt? Das sind sehr oft Menschen of
Color. Wer sind die trans Personen, die angegriffen werden im Alltag? Das
sind überproportional Schwarze trans Frauen. Ihnen muss zugehört werden,
auch dann, wenn sie nicht gerade Betroffene eines Anschlags waren.
taz: Der [3][Täter des Anschlags war ein Islamist]. In vielen anderen
Fällen werden CSDs von Rechtsextremen bedroht. Was verbindet diese
Ideologien miteinander?
Shukrallah: Was all die Täter verbindet, also rechtsextreme, islamistische,
antifeministische Täter, ist, dass es Männer sind, die eine Form der
autoritären Männlichkeit ausleben. Faschismus und Männlichkeit sind
untrennbar miteinander verbunden. Ob die Opfer nun weiße cis Frauen sind,
queere Menschen oder People of Color: Jede Abweichung wird geahndet durch
eine autoritäre Männlichkeit. Aber diese autoritäre Männlichkeit lässt sich
nicht verstehen, ohne die Entwicklung auf staatlicher Ebene in den Blick zu
nehmen.
taz: Was meinen Sie damit?
Shukrallah: Wir erleben überall auf der Welt Prozesse patriarchaler
Re-Souveränisierung. Das bezeichnet den Versuch von Männern, aber auch von
Staaten, verlorene Kontrolle zurückzugewinnen. Also etwa Donald Trump, der
trans Personen verbieten will, auf Toilette gehen zu können. Oder wenn hier
in Deutschland die Einführung eines Personenregisters für trans Personen
droht, die ihre Personenstandsänderung vorgenommen haben.
taz: Was können Queers tun, um sich gegen diesen Autoritarismus zu wehren?
Shukrallah: Kollektive Fürsorge. Wir müssen [4][aus Communities und einer
starken Zivilgesellschaft heraus für eine Gesellschaft streiten], in der
alle Menschen ohne Angst verschieden sein können. Das ist eine
Gesellschaft, in der Menschen sich entfalten können. Das ist keine Utopie,
sondern eine Frage ökonomischer und sozialer Bedingungen.
taz: Wieso ist Fürsorge eine ökonomische Frage?
Shukrallah: Die Zivilgesellschaft und der Sozialstaat geraten derartig
unter Druck, dass sie kaum noch handlungsfähig sind. Und das in einer
Situation, in der die extreme Rechte sich vorbereitet, zu übernehmen. Wenn
Programme wie „Demokratie leben“ oder [5][das Jugendnetzwerk „Lambda“ stark
abgebaut] werden, sich dann aber ein Bundeskanzler plakativ solidarisiert
mit den betroffenen Communitys eines queerfeindlichen Anschlags, dann ist
das ein Problem.
9 Aug 2026
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