# taz.de -- Wahlkampf der Linken in Sachsen-Anhalt: Auf der Jagd nach Direktmandaten
       
       > In zwei Wahlkreisen legt sich die Linke in Sachsen-Anhalt besonders ins
       > Zeug. Sie versucht dabei, sich wieder als Kümmerer-Partei zu etablieren.
       
 (IMG) Bild: Rund 20.000 Türen abklingeln, dazu die übliche Plakatschlacht: Mustafa Groener will sich in Magdeburg ein Direktmandat sichern
       
       Janina Böttger ruft: „Wir wollen die blaue Welle brechen und rote
       Leuchttürme bauen.“ Die Landeschefin der Linken in Sachsen-Anhalt steht
       beim Wahlkampfauftakt ihrer Partei Mitte Juni in [1][Magdeburg auf der
       Bühne] und präsentiert ihre Pläne für die nächsten drei Monate. Die „roten
       Leuchttürme“, damit meint Böttger die Wahlkreise Magdeburg II und Halle
       III. Dort sollen Mustafa Groener und Jannik Balint bei der Wahl am 6.
       September die Direktmandate gewinnen.
       
       Beide sind noch keine 30 Jahre alt und treten zum ersten Mal bei einer
       Landtagswahl an. Die Linke setzt bei ihnen auf eine erprobte Strategie:
       tausende Haustüren abklingeln, den Leuten zuhören,
       Nachbarschaftsversammlungen organisieren, bei TikTok und Instagram darüber
       berichten. In Sachsen konnte die Linke so Direktmandate erobern, auch bei
       der Bundestagswahl 2025 in Berlin. Nun versucht die Partei es in
       Sachsen-Anhalt.
       
       In landesweiten Umfragen [2][liegt die Linke dort bei 12 bis 14 Prozent].
       Es geht also nicht darum, ob sie ins Parlament einzieht. Aber bei den
       meisten Direktmandaten gilt als wahrscheinlich, dass sie am 6. September an
       die CDU und – mehr noch – die AfD gehen. Trotzdem errechnet sich die Linke
       in Halle III und Magdeburg II anhand der Ergebnisse vorheriger Wahlen
       Chancen. Zumindest, wenn Balint und Groener noch ein paar hundert Stimmen
       hinzugewinnen. Dafür sind beide seit Monaten in ihren Wahlkreisen
       unterwegs.
       
       An einem Samstag im Februar geht das für Groener so richtig los. Es ist das
       Auftaktwochenende für Magdeburg II. Groener hat sich eine rote Weste über
       die Winterjacke gestreift. Auf den Straßen im Zentrum der
       sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt mischen sich an diesem Tag Schnee und
       Regen zu Matsch.
       
       ## Überdurchschnittlich, aber nicht auf Platz 1
       
       Während Groener von einem Gebäude zum nächsten läuft, gibt er sich
       optimistisch: „Das Wetter spielt uns in die Karten, da sind die Leute zu
       Hause.“ Der 27-jährige Magdeburger trägt Scheitel und Schnurrbart. Er wuchs
       [3][in der Plattenbausiedlung Neu-Olvenstedt] auf. Heute arbeitet er bei
       einem Aufzugnotdienst. Bleibt ein Aufzug stecken und man drückt den
       Notknopf, ertönt eventuell Groeners Stimme und fragt, ob alles okay ist.
       
       In Magdeburg sind an diesem Tag rund hundert Unterstützer:innen von
       Groener da, teils aus Sachsen und Hessen. In kleinen Teams klingeln die
       Linken in ihren roten Warnwesten bei so vielen Wohnungen wie möglich,
       suchen Gespräche.
       
       Magdeburg II besteht aus zehn Stadtteilen mit insgesamt rund 50.000
       Wahlberechtigten. Im größten davon lag die Linke bei der Bundestagswahl
       vorn. Rechnet man die Stimmen im gesamten Wahlkreis zusammen, kam die Linke
       auf überdurchschnittliche 18 Prozent. Allerdings landete sie trotzdem nur
       auf Platz 4, hinter CDU, AfD und SPD.
       
       Das Team um Groener hält seinen Sieg dennoch für möglich. Während der
       Wahlkämpfe in Sachsen und Berlin habe die Linke Statistik geführt: an wie
       vielen Türen wurde geklingelt, wie viele Stimmen kamen am Ende hinzu. Trotz
       der Unterschiede von Stadt zu Stadt ermögliche das eine Schätzung. Für
       Magdeburg II errechnete die Linke, dass Groener das Direktmandat gewinnt,
       wenn die Genoss:innen bis zum 6. September an 20.000 Türen klingeln.
       
       Es gibt aber auch mehrere Beispiele, bei denen das nicht funktioniert hat.
       Bei der Landtagswahl in [4][Rheinland-Pfalz im März fehlte es der Linken an
       Personal für einen Haustürwahlkampf in der Form.] In Baden-Württemberg
       versuchte Sarah Schnitzler in der Grünen-Hochburg Freiburg ein Direktmandat
       für den Landtag zu gewinnen. Sie bekam zwar überdurchschnittlich viele
       Stimmen, 16,5 Prozent. Für den Einzug ins Parlament war das dennoch bei
       weitem zu wenig. Das Mandat ging erneut an die Grünen.
       
       ## „Es wird schwierig“
       
       Doch zurück nach Magdeburg: An dem Samstag wenige Wochen vor der Wahl im
       fernen Südwesten dauert es, bis sich für Groener die Türen länger öffnen.
       Ein Mann entschuldigt sich, sein Kind mache gerade Mittagsschlaf. Ein
       anderer öffnet nur für einen Spalt, erkennt das Linke-Logo und macht die
       Tür wieder zu.
       
       Dann drückt Groener im zweiten Stock eines Wohnhauses in der Altstadt gegen
       Mittag auf eine der 20.000 Klingeln. Eine Frau mit fragendem Blick öffnet.
       „Hallo, ich bin Mustafa von der Linken. Wir sind gerade in der Altstadt
       unterwegs und fragen die Nachbarschaft, was sie vor der Landtagswahl
       beschäftigt“, begrüßt sie Groener. Kurz sprechen beide über Mieten und
       Kindergärten, dann über die letzten Wahlumfragen. Schon im Februar liegt
       die AfD bei 39 Prozent.
       
       „Das wird schwierig im September“, sagt die Frau. Groener antwortet: „Ja,
       das wird spannend.“ Die Frau widerspricht. „Nein, es wird schwierig.“ Dass
       die AfD so hoch in den Umfragen stehe, mache ihr Angst. Und es sei auch
       peinlich für Sachsen-Anhalt.
       
       Haustürwahlkampf ist nicht nur in der Linkspartei beliebt. Auch das
       Rückgrat der Kampagne von [5][New Yorks Oberbürgermeister Zohran Mamdani]
       war: Türenklingeln. Schon vor 100 Jahren hätten Studien Effekte
       nachgewiesen, wonach Haustürwahlkampf die Wahlbeteiligung um bis zu acht
       Prozent steigere, sagt Michael Kolkmann, Politikwissenschaftler an der Uni
       Halle.
       
       Dabei spiele auch die Bereitschaft der Wähler:innen eine Rolle, beim
       nächsten Mal ihr Kreuz bei einer anderen Partei zu setzen als zuvor.
       „Gerade in den neuen Bundesländern und damit auch in Sachsen-Anhalt ist
       diese Volatilität stark ausgeprägt.“ Es gebe nur wenige Stammwähler:innen,
       erklärt Kolkmann. „Daher ist ein Haustürwahlkampf umso wichtiger, um eine
       Wähleransprache zu garantieren.“ Dabei gehe es vor allem darum, zuzuhören
       und ansprechbar zu sein. „An der Haustür wird Politik sehr konkret.“
       
       ## Effektiver Wahlkampf bei Social Media
       
       Effektiv sei so ein Wahlkampf heute, „weil man zum einen persönlichen
       Kontakt zu Leuten hat, und zum anderen über Instagram, TikTok, X und so
       weiter, noch einen weiteren Adressatenkreis ansprechen kann“, sagt
       Kolkmann. So entstehe ein wichtiger „Multiplikatoreffekt“. Der zweiten
       Zielgruppe im Internet könnten Kandidat:innen dann vermitteln, dass sie
       Gespräche suchen, zuhören und Probleme aufgreifen. Allerdings müsse das
       authentisch wirken, um zu funktionieren.
       
       [6][Jannik Balint zeigt direkt in die Kamera]: „Misch dich ein, komm vorbei
       zu unserer Haustüraktion!“ Weißes T-Shirt, freundliches Lächeln. Mehr als
       einmal fordert der 29-jährige Direktkandidat des Wahlkreises Halle III die
       Menschen bei Social Media direkt auf, aktiv zu werden. Anfang August steht
       dafür wieder eine „Aktionswoche“ an, bei der sein Team auf Unterstützung
       aus ganz Deutschland hofft. Balints Videos wirken professionell
       geschnitten, meist bekommen sie aber nur ein paar hundert Views. Mal wirbt
       der Linke für seine Positionen, mal lädt er zu Veranstaltungen ein, mal
       macht er Quatsch. Was er postet, ähnelt insgesamt dem, was Groener zu
       Magdeburg II veröffentlicht. Und beide orientieren sich offensichtlich an
       einem, der es schon geschafft hat.
       
       Bei der sächsischen [7][Landtagswahl 2024 eroberte Nam Duy Nguyen das
       Direktmandat in Leipzig I]. Seit der Wende hatte die CDU das Mandat bei
       allen Wahlen sicher. Dann klopfte Nguyen mit seinem Team nach eigenen
       Angaben an 50.000 Türen, postete fleißig auf Social Media, warb mit einem
       klassisch linken Programm – und zog ins Parlament ein.
       
       Wie Nguyen vor zwei Jahren treten Balint und Groener nur als
       Direktkandidaten in ihren Wahlkreisen an, nicht auf der Landesliste der
       Linken. Die Politiker gibt es als Abgeordnete dann nur direkt oder gar
       nicht. Es wirkt, als kopiere die Linke diesen Wahlkampf nun in Halle und
       Magdeburg, nur die Kandidaten sind andere.
       
       Im Mai sitzt Jannik Balint in Halle im Backstage-Bereich eines kleinen
       Theaters. Gleich beginnt eine Wahlkampfveranstaltung zum Thema Mieten mit
       dem Direktkandidaten auf der Bühne. In Medien wirke die politische Zukunft
       für Sachsen-Anhalt immer sehr düster, sagt Balint. Klar, das AfD-Hoch in
       den Umfragen zeige einen „Drang“, die politischen Verhältnisse zu ändern.
       Aber das bedeute nicht unbedingt, nach unten zu treten und auszugrenzen.
       „Es gibt viele Leute, die Hoffnung darauf haben, dass Veränderung anders
       gehen kann“, sagt er. Im Sachsen-Anhalt, in dem er aufgewachsen ist, würden
       sich die Menschen unter die Arme greifen.
       
       ## Politik anders machen
       
       Anders als Groener bekleidet Balint ein Parteiamt. Er ist Vorstandsmitglied
       der Linken in Halle. In seinem Wahlkreis stand die Partei zuletzt gut da.
       Bei der Bundestagswahl bekam sie in den Stadtteilen zusammengerechnet 24
       Prozent und damit am meisten Stimmen, wenige Punkte dahinter landete die
       AfD auf Platz 2.
       
       Bei der Veranstaltung im Mai zum Mietenthema sitzt er nicht allein auf der
       Bühne. Neben ihm: zwei Anwohner:innen, die davon berichten, wie die Linke
       ihnen bei Mietproblemen geholfen hat. Balint hört die meiste Zeit zu.
       Stellt manchmal mit ruhiger Stimme Fragen. Oder erzählt, wie die
       Mietsituation generell in Halle sei. Später postet er auf Social Media:
       „Der Landtag muss die Mieten in Halle begrenzen! Dafür setze ich mich als
       Direktkandidat ein!“
       
       Klingt nach klassischem Politiksprech der Linken? Trotzdem behauptet
       Balint, er wolle Politik anders machen. An den Haustüren höre er oft, das
       Vertrauen in Politiker:innen sei verloren gegangen. In Sven Schulze,
       den CDU-Ministerpräsidenten, zum Beispiel. „Die Arbeit, die er macht, geht
       an der Realität des Lebens der Menschen hier in Sachsen-Anhalt vorbei“,
       sagt Balint.
       
       „Wir sind fest davon überzeugt, dass Politik, die hier stattfindet, in der
       Nachbarschaft verankert sein muss.“ Das Geld, das er als Abgeordneter
       bekommen würde, wolle er auf 2.750 Euro begrenzen und mit dem Geld über
       diesem Betrag einen Nachbarschaftstreff aufbauen, „in dem wir gemeinsam
       Politik machen“.
       
       Einen solchen Nachbarschaftstreff [8][betreibt auch Nam Duy Nguyen] als
       Landtagsabgeordneter in Leipzig. Anfang Juni lud er dort zu einer
       Veranstaltung ein. Auch hier das Thema: Mieten. In Magdeburg berichtet
       Mustafa Groener von einem Netzwerk, das sich durch den Wahlkampf bilde. Das
       brauche die Stadt auch dann, wenn er das Direktmandat nicht gewinnen sollte
       – und die AfD so stark in einem deutschen Parlament vertreten ist wie noch
       nie.
       
       27 Jul 2026
       
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