# taz.de -- NGOs im Gazastreifen: Verbotene Hilfe
       
       > Israel will Ärzte ohne Grenzen und 36 weitere Organisationen aus Gaza
       > verdrängen. Was bedeutet das vor Ort?
       
 (IMG) Bild: MSF-Arzt Murad Asalija behandelt im Feldlazarett in Zentralgaza Dutzende verletzte Patienten
       
       Es seien fünf Kugeln gewesen, sagt Mohammed Abu Saeed. Eine israelische
       Quadrocopter-Drohne habe Anfang Januar trotz der Waffenruhe aus nächster
       Nähe auf das Zelt der Familie nahe der „Gelben Linie“ gefeuert. Die Kugeln
       zerfetzten das Dach, bevor sie Abu Saeed in die Schulter und seine
       12-jährige Tochter Kinsi in die Hüfte trafen. „Ihre Schreie haben mich so
       geschockt, ich habe meine eigene Verletzung erst nicht gespürt“, erinnert
       sich ihr Vater.
       
       Der palästinensische Rettungsdienst konnte sich dem Ort nahe der
       israelischen Stellungen nicht nähern. Der verletzte Abu Saeed trug seine
       blutende Tochter selbst eineinhalb Kilometer, bis Sanitäter das Mädchen in
       ein Krankenhaus brachten.
       
       Einen Monat später steht Abu Saeed, der früher als Anwalt arbeitete, im
       Feldlazarett der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in al-Sawaida
       in Zentralgaza an Kinsis Bett. Nach zwei OPs haben sich die Wunden erneut
       entzündet. Bei MSF hofft Abu Saeed auf Hilfe für seine Tochter. Geht es
       jedoch nach Israel, muss die Hilfsorganisation die Zelte bis Ende Februar
       abbauen und die Arbeit in Gaza einstellen.
       
       Kinsi schaut müde unter einer Fleecedecke hervor, ihr linkes Bein ist
       geschient. „Die Kugel hat den Beckenknochen und den Darm verletzt und beim
       Austritt eine große Wunde hinterlassen“, erklärt der palästinensische
       MSF-Arzt Murad Asalija. „Wir wollen heute den Dickdarm operieren.“ Später
       könnten weitere Eingriffe nötig sein.
       
       Mindestens 170.000 Menschen in Gaza wurden bei israelischen Angriffen seit
       dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 verwundet. Und auch während der
       offiziellen Waffenruhe kommen weitere hinzu. Binnen vier Monaten wurden
       mehr als 500 Palästinenser getötet. Israels Armee kontrolliert entlang
       einer mit Betonblöcken markierten „Gelben Linie“ mehr als die Hälfte des
       Gazastreifens und schießt auf alles, was sich nähert. „Alle drei bis vier
       Tage sehen wir Verletzungen von Drohnen oder Scharfschützen“, sagt die
       belgische Notärztin Emily Vandamme, die für MSF in der Notaufnahme des
       Al-Aksa-Krankenhauses arbeitet.
       
       Nur 40 Prozent der medizinischen Einrichtungen in Gaza sind laut der
       Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilweise in Betrieb. Ein Großteil der
       mehr als 2 Millionen Bewohner lebt in Zelten. Die Einfuhr von
       Nahrungsmitteln und Zeltmaterial hat leicht zugenommen, dafür hat der
       Wintereinbruch die Menschen schwer getroffen. Mindestens elf Kinder sollen
       in den vergangenen Monaten erfroren sein. Viele Medikamente werden
       weiterhin blockiert.
       
       „Kinsi hat sich gewünscht zu sterben, wenn sie nie wieder laufen könnte“,
       sagt Mohammed Abu Saeed. Die MSF-Ärzte hätten sich Zeit für sie genommen
       und die Behandlung erklärt. Das Mädchen habe wieder Zuversicht gezeigt.
       „Wenn sie schließen, wird das Menschen das Leben kosten und meiner Tochter
       die Hoffnung.“
       
       Mit dem Ende der Kämpfe hätte eigentlich humanitäre Hilfe nach Gaza strömen
       sollen. Israel sei völkerrechtlich dazu verpflichtet, humanitäre
       Organisationen dabei zu unterstützen, stellte der Internationale
       Gerichtshof (IGH) im Oktober fest. Stattdessen gab Israel Ende Dezember
       bekannt, Ärzte ohne Grenzen und 36 weiteren Hilfsorganisationen [1][keine
       Arbeitsgenehmigung mehr zu erteilen]. Darunter einige der bekanntesten
       Hilfswerke der Welt wie Oxfam und Terre des Hommes.
       
       ## Mehr als 2.000 Hilfesuchende erschossen
       
       Vordergründig wird das bürokratisch begründet: Israel fordert Listen aller
       lokalen Mitarbeiter, um Verbindungen zu militanten Gruppen auszuschließen.
       MSF und andere Gruppen weigern sich. Israels Armee habe seit Kriegsbeginn
       mehr als 1.700 Mitarbeiter des Gesundheitssystems getötet, darunter 15
       MSF-Mitarbeiter, schreibt die Organisation.
       
       Dass die israelischen Behörden mit ihren Drohungen ernst machen würden, war
       zu erwarten: Rund ein Jahr zuvor hatte Israel das UN-Palästina-Hilfswerk
       (UNRWA) verboten, mit 13.000 Mitarbeitern die wichtigste Hilfsorganisation
       vor Ort. Stattdessen setzte die Regierung auf die Gaza Humanitarian
       Foundation (GHF). Bei deren chaotischen Verteilstellen wurden in der Folge
       mehr als 2.000 Hilfesuchende erschossen, mehrheitlich von der israelischen
       Armee.
       
       Der israelische Diaspora-Minister und Rechtsnationalist Amichai Chikli warf
       Ärzte ohne Grenzen wiederholt vor, „Terroristen zu beschäftigen“. Wie beim
       UNRWA reichen dabei wenige Fälle für die Verurteilung der gesamten
       Organisation. MSF erklärte, niemals wissentlich Personen zu beschäftigen,
       die an militärischen Aktionen beteiligt seien. Man prüfe jeden Mitarbeiter.
       „Jede Verbindung zu einer bewaffneten Gruppe wäre eine ernste Gefahr für
       unser Personal und unsere Patienten.“
       
       Ob ein Einlenken seitens MSF für eine Genehmigung gereicht hätte, darf
       bezweifelt werden. Den israelischen Behörden geht es um mehr: Laut den
       neuen Richtlinien für NGOs können Anträge aus politischen Gründen abgelehnt
       werden, etwa wenn ein Mitarbeiter „zu einem Boykott Israels aufgerufen“
       hat. Unter diesem Gesichtspunkt ergibt auch die Zusammensetzung der Liste
       Sinn: MSF und andere abgelehnte NGOs verbindet, dass sie das Vorgehen
       Israels in Gaza kritisiert haben.
       
       ## Blockierte Hilfgüter
       
       „Wir sind neutral und stellen uns auf keine Seite“, sagt Will Edmond,
       Nothilfekoordinator für MSF, am Telefon aus Gaza. „Doch es ist wichtig,
       über das zu sprechen, was wir hier sehen.“ Weil Israel seit zweieinhalb
       Jahren den unabhängigen Zugang nach Gaza für internationale Medien
       verwehrt, zählen Berichte von humanitären Helfern zu wichtigen
       Informationsquellen.
       
       Ein Mitarbeiter einer anderen Organisationen spricht anonym von einem
       Vorgehen, bei dem Hilfsorganisationen sich zwischen politischen Äußerungen
       und Hilfe entscheiden müssten. „So ein Vorgehen sehen wir sonst in
       autokratischen Staaten zur Einschränkung der Zivilgesellschaft.“
       
       Doch welche Auswirkungen wird das auf die humanitäre Situation in Gaza
       haben? Israel spielt die Bedeutung von Ärzte ohne Grenzen herunter: Die
       Organisation betreibe „nur zwei von fünfzehn Feldlazaretten“ und habe seit
       dem Beginn der Waffenruhe kaum Hilfsgüter nach Gaza gebracht.
       
       Im Feldlazarett in al-Sawaida hält Doktor Asalija dagegen: Israel blockiere
       45 MSF-Transporte außerhalb Gazas. Vor allem aber liege der Fokus der NGOs
       auf Hilfe vor Ort, während die Einfuhr von Hilfsgütern oft von
       UN-Organisationen übernommen wird. MSF habe im vergangenen Jahr 23.000
       Operationen und 800.000 medizinische Beratungen durchgeführt, teilt eine
       Sprecherin mit. In sechs Krankenhäusern unterstütze man zudem das lokale
       Personal, bilde palästinensische Kollegen aus oder betreibe eigene
       Abteilungen, etwa Kinderintensivstationen.
       
       ## Es warten 18.500 Schwerkranke
       
       „Niemand ist unersetzbar“, sagt MSF-Nothilfskoordinator Edmond. „Aber kaum
       jemand kann im Gesundheitsbereich unsere Bandbreite abdecken, von der
       Primärversorgung in mobilen Gesundheitspunkten bis zu spezialisierten
       chirurgischen Eingriffen und deren Nachbehandlung.“ Edmond leitet zudem das
       MSF-Programm zur Wasseraufbereitung, das knapp ein Drittel der Menschen in
       Gaza mit Trinkwasser versorgt. „Wir sind nach den nationalen Behörden der
       zweitgrößte Wasserlieferant.“
       
       Die medizinischen Folgen der Zerstörung in Gaza gehen über
       Kriegsverletzungen hinaus, wie im Fall von Muna Basheer aus Deir al-Balah.
       Seit einem Jahr bekommt die 20-Jährige immer wieder wunde Stellen, unter
       denen sich eine Krankheit bis auf Knochen in ihr Gewebe frisst. Im
       Feldlazarett sitzt sie auf einem der Betten, Verbände um beide Hände. Ein
       Pfleger hat die Wunden gereinigt. „Morgen haben sie für mich eine OP
       geplant, um mehrere Sehnen zu entfernen“, sagt sie. Danach werde sie ihre
       Hand nicht mehr bewegen können. Rekonstruktive Verfahren seien nur
       außerhalb von Gaza möglich.
       
       „Ohne ein Labor können wir Krankheiten wie diese nicht diagnostizieren“,
       sagt Doktor Asalija. Die Einfuhr von Labortechnik aber sei abgelehnt
       worden: „Die Antibiotika, die wir verschreiben, schlagen daher mitunter
       nicht an.“
       
       Die Anforderungen würden steigen: Kaputte Abwassersysteme und der ständige
       Mangel fordern ihren Preis. „Während des Kriegs hatten wir oft
       lebensrettende Eingriffe, jetzt kommen viele Patienten mit Langzeitfolgen.“
       Um etwa Lähmungen noch rückgängig zu machen, laufe die Zeit davon. Hinzu
       kommen chronische Krankheiten, Epilepsie, Diabetes, für die es kaum
       Medikamente gebe.
       
       Laut der WHO warten rund 18.500 Schwerkranke auf eine Behandlung im
       Ausland. Mindestens 900 sollen seit der Einnahme von Rafah durch Israel im
       Mai 2024 gestorben sein. Auch Mohammed Abu Saeed wünscht sich für seine
       Tochter Kinsi eine Ausreise: „Sie soll wieder laufen können.“ Am Montag
       [2][öffnete der Grenzübergang in Rafah] wieder für den Personenverkehr.
       Ausreisen durften aber zunächst nur fünf Patienten.
       
       7 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Grenzuebergang-Rafah-teilweise-geoeffnet/!6150550
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Wellisch
 (DIR) Seham Tantesh
       
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