# taz.de -- Humanitäre Versorgung im Gazastreifen: Keine Genehmigung, keine Hilfslieferung
       
       > Tonnen an Lebensmitteln für Gaza lagern in jordanischen Lagerhäusern.
       > Doch Hilfsorganisationen scheitern an der Koordination mit Israel.
       
 (IMG) Bild: UNRWA-Lager in Amman: Hilfsgüter, die verteilt werden wollen und sich doch stapeln
       
       Es ist still auf dem Parkplatz. So still, dass man die Vögel zwitschern
       hören kann. Nichts bewegt sich. Die Lastkraftwagen sind vor den riesigen
       Hallen geparkt, die Esplanade ist menschenleer. Dicke Erhebungen aus
       brauner Erde und Stein, auf denen Gittertore und Stacheldraht thronen,
       umgeben die Gebäude der jordanischen Nichtregierungsorganisation Jordan
       Hashemite Charity Organisation (JHCO) in Marka, etwa 20 Kilometer östlich
       von Amman.
       
       Diese Stille, diese Leere ist nicht zufällig. Seit sechs Monaten bewegt
       sich hier kaum etwas. In diesen Lagerhäusern stapeln sich Hilfsgüter für
       Gaza, tonnenweise. Sie gammeln langsam vor sich hin, statt die Not [1][der
       Menschen im Kriegsgebiet] zu lindern. Denn sie in den Gazastreifen
       hineinzubringen, ist schon länger kaum mehr möglich.
       
       In der Lagerhalle, deren Rolltor Direktor Wisam al-Saqqa dann hochzieht,
       glänzen [2][reihenweise weiße Mehlsäcke], aufgestapelt und in Plastikfolie
       eingewickelt. 16 pro Palette, mehrere Kilo schwer, auf zwei Etagen entlang
       der gesamten Wand. Daneben ein Korridor und dann weitere Reihen von
       Paletten auf dreistöckigen Metallregalen, drei lange Linien von Kunststoff
       und Lebensmitteln, Medikamenten, Seifen, Shampoos, alle in Kartons
       verpackt. Der Boden schimmert unter den Sonnenstrahlen, die aus den
       Fenstern in den Raum dringen, ein Geruch von Klebstoff hängt in der Luft.
       
       Al-Saqqa steht mitten in der Halle, nahezu menschenleer und voller Waren,
       in gestreiftem Hemd und Warnweste mit der jordanischen Flagge. Neben den
       Regalen sieht er winzig aus. „Vor September konnten wir alle zwei Tage
       hundert Lastkraftwagen schicken. Aber jetzt stecken wir fest. Wir wollen
       diese Waren befördern“, sagt er.
       
       ## An der Grenze muss mehrfach umgeladen werden
       
       Etwa 3.000 Lastkraftwagen könnte die Organisation JHCO sofort nach Gaza
       schicken. 20 Tonnen Hilfswaren pro Fahrzeug, 750 Pakete, jedes mit genug
       Essen, um eine Familie bis zu drei Wochen mit dem Nötigsten zu versorgen.
       Doch noch immer habe der Verein keine klaren Anweisungen erhalten, seine
       Konvois loszuschicken, sagen die Mitarbeiter*innen. Das israelische Militär
       schreibt hingegen, es koordiniere weiterhin mit internationalen
       Nichtregierungsorganisationen, die Hilfsgüter nach Gaza bringen wollen.
       
       Doch im September 2025 schloss Israel den Grenzübergang Allenby Bridge für
       Hilfslieferungen aus Jordanien, [3][nachdem ein Fahrer israelische
       Sicherheitskräfte erschossen hatte]. Jetzt müssen die Waren mehrfach
       umgeladen werden, um die Grenze zu passieren.
       
       „Unsere Lagerhäuser sind voll“, sagt Direktor al-Saqqa. Gerade versucht der
       Verein, Hilfe vor Ort in Gaza mit Partnern aus der Region zu organisieren.
       Al-Saqqa, kurze, melierte Haare und markante Augenbrauen, lächelt selten.
       Er lacht aber, wenn man ihn fragt, ob dies nicht weitere Herausforderungen
       mit sich bringe. Wo ein Wille, da ein Weg.
       
       ## Lebensmittel, die im Frühjahr 2026 ablaufen werden
       
       22 Kilometer weiter westlich, nicht weit entfernt von einem
       palästinensischen Flüchtlingslager in Jordanien, spielt sich eine ähnliche
       Szene ab. Neben einem Parkplatz erhebt sich eine 20 Meter lange Lagerhalle,
       ein Labyrinth aus aufgetürmten Paletten, verpackten Säcken und Boxen. Vier
       Fahnen der Vereinten Nationen hängen schlaff aus dem Metallraster unter dem
       Dach, auf einige Pakete ist das hellblaue Logo des UN-Kinderhilfswerks
       Unicef geklebt.
       
       Es ist ein Lagerhaus des Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge der Vereinten
       Nationen (UNRWA) in Umm al-Hiram, einem Viertel im Süden der Hauptstadt
       Amman. Auch hier lagern Hilfsgüter für Gaza, die ihre Empfänger noch nicht
       erreichen konnten. Matratzen, Decken, Nahrungsmittel. Lebensmittel, die
       zwischen April und Mai 2026 ablaufen werden. 30.000 Boxen davon. 196.200
       Decken. Und dann Reis, Zucker, Mehl. Insgesamt 1.906 Paletten in
       verschiedenen Lagerhallen, erklärt UNRWA. Hilfswaren, die verschiedene
       Länder bezahlt oder gespendet haben – unter ihnen Deutschland. 79 Millionen
       Euro hat die Bundesrepublik dem Hilfswerk im September 2025 zugesagt.
       
       In einem orangefarbenen Büro der UNRWA-Zentrale in Amman sitzt der
       Landesdirektor Olaf Becker in Anzug und Krawatte am Schreibtisch und
       erzählt auf Deutsch: Die Lieferungen nach Gaza seien in den zwei Jahren
       Krieg immer schwieriger geworden.
       
       Zunächst durften geschlossene Container geschickt werden, dann mussten es
       Pritschenwagen sein. Dann kam der erste Ramadan, und die Datteln kamen
       zurück. „Die Kerne könnten angeblich als Munition benutzt werden für
       Schleudern“, seufzt Becker. Dann standen Feuchtigkeitscremes für Frauen
       unter Verdacht, weil sie ein Prozent Glycerin enthielten. „Da wurde uns
       gesagt, das könnte [4][von der Hamas] als Sprengstoff benutzt werden.“
       
       ## Immer neue Anweisungen
       
       Seit März 2025 dürfe das Hilfswerk keine Waren mehr nach Gaza schicken.
       [5][Israel warf 2024 einigen UNRWA-Mitarbeitern vor, sich am Massaker des
       7. Oktober beteiligt zu haben.] Durch eine unabhängige Untersuchung wurde
       festgehalten, dass wohl neun Angestellte verwickelt waren. UNRWA
       beschäftigte gut 12.000 Menschen im Gazastreifen. [6][Das Hilfswerk darf in
       Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten nicht mehr aktiv sein.]
       
       Das Hilfswerk muss seine Waren an andere Organisationen und UN-Agenturen
       spenden, um sie nach Gaza zu bringen. Und selbst so bleiben noch
       tonnenweise Hilfsgüter, darunter 60.000 Zelte, in den Lagern. Etwa 20
       olympische Schwimmbäder voller Lebensmittel, sagt Becker. Die Lage in Gaza
       habe sich nach der Waffenruhe lediglich etwas verbessert. Dabei liegt Amman
       nur 150 Kilometer von Gaza entfernt. „In ein, zwei Tagen könnte alles dort
       sein.“
       
       Die Schilderungen von UNRWA und JHCO werden vom Amt der Vereinten Nationen
       für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) größtenteils
       bestätigt. Demnach sind die [7][größten Hindernisse]: komplexe und
       unvorhersehbare Genehmigungen auf mehreren Ebenen, eingeschränkte
       Einfuhrquoten und Öffnungszeiten der Grenzübergänge, abgelehnte humanitäre
       Hilfsgüter, weil sie angeblich militärisch benutzt werden könnten. Hinzu
       komme die Schließung der direkten Lieferroute über die Allenby-Brücke.
       [8][Und dann mussten sich jüngst alle im Gazastreifen aktiven
       Nichtregierungorganisationen in Israel neu registrieren.]
       
       ## Warten auf Hilfe
       
       Das war noch vor dem US-israelischen Krieg mit dem Iran. [9][Nach Beginn
       des Konflikts hat Israel die Grenzübergänge nach Gaza geschlossen.] Auf
       Nachfrage schreibt die israelische Behörde Cogat, Kerem Schalom sei
       inzwischen wieder geöffnet und Hunderte Lastkraftwagen mit Hilfsgütern
       hätten diese Woche die Grenze passiert, auch aus Jordanien. Vor der
       Eskalation seien 4.200 Lkws pro Woche nach Gaza gefahren. Auch hätten die
       neuen Registrierungsregeln für die Organisationen kaum Auswirkungen auf die
       Lieferungen gehabt.
       
       Seit über einem Jahr beschuldigen sich NGOs und israelisches Militär
       gegenseitig, Hilfe nach Gaza zu behindern. In der Zwischenzeit warten
       viele: die Menschen in Gaza auf Hilfsgüter, die Hilfsgüter in ihren
       Lagerhallen auf die Weiterreise.
       
       30 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nachrichten-im-Iran-Krieg/!6160831
 (DIR) [2] /Leiter-von-Caritas-International-zu-Gaza/!6103477
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 (DIR) [4] /Hamas-in-Gaza/!6117968
 (DIR) [5] /Palaestinenserhilfswerk-und-7-Oktober/!5985561
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 (DIR) [8] /Israel-entzieht-NGOs-Zulassung/!6142047
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Serena Bilanceri
       
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