# taz.de -- Trauma im Film: Ein unablässiges In-sich-selbst-Herumgraben
       
       > Ständig handeln Hollywoodfilme von Traumata. Aber wer sich nur auf die
       > eigene Psyche konzentriert, verpasst es, die Systemfrage zu stellen.
       
 (IMG) Bild: Im Labyrinth der Traumata: Szene aus „Backrooms“
       
       Jeder Mensch hat ein Trauma. Er muss es nur finden, es gründlich ansehen
       und es schließlich reparieren – dann wird er glücklich. Im Grunde ist es
       eine neue Entwicklungsstufe des amerikanischen Traums: Mit Fleiß kann sich
       jeder optimieren. Und wenn du dein Trauma nicht behebst, bist du selbst
       schuld.
       
       Auch Hollywood hat diese Idee übernommen und zwingt uns ständig, in die
       Abgründe der Psyche zu blicken. „Backrooms“ zeigt mit einem Endloslabyrinth
       verlassener Räume, wie das Unbewusste funktioniert und wie Traumata darin
       verankert sind. Carmy in der [1][Serie „The Bear“] kämpft über fünf
       Staffeln damit, dass sich sein Bruder suizidiert hat. Selbst [2][Odysseus
       leidet in Nolans neuer Verfilmung] nicht mehr hauptsächlich an seiner
       Hybris, sondern an einer posttrojanischen Belastungsstörung.
       
       Filme- und Serienmacher_innen sind besessen von Traumata. Dabei ist der
       ständige Blick nach innen nicht zielführend. Wer suggeriert, dass jedes
       psychische Leid, das eine Person erfahren kann, nur aus ihr selbst
       entspringt, verkennt, wie fertig es einen macht, unter ständigem
       wirtschaftlichem, politischem oder patriarchalem Druck sein Leben zu
       bestreiten. Ein paar (nicht aus meinem Leben gegriffene!) Beispiele sollen
       erklären, was ich meine:
       
       Ich habe eine Angststörung. Liegt das daran, dass mit mir als Kind nicht
       ausreichend gespielt wurde, oder eher daran, dass ich die vergangenen Jahre
       einen Genozid live auf dem Handy verfolgen konnte?
       
       Ich habe den Eindruck, meinen Platz in der Welt nicht finden zu können.
       Wegen meiner Helikoptermutter oder weil es immer unmöglicher wird, sichere
       Arbeit zu finden?
       
       Mir gelingt es nicht, Männern zu vertrauen. Ist eine gestörte Beziehung zu
       meinem Vater schuld oder das Patriarchat, das mich täglich daran erinnert,
       dass Männer wie [3][Dominique Pelicot] nebenan wohnen könnten?
       
       Ich bin depressiv. Weil ich in der Schule gemobbt wurde oder weil ich im
       Kapitalismus ausgebeutet werde?
       
       Ich habe Angst vorm Kinderkriegen. Weil mir Elternschaft schlecht vorgelebt
       wurde? Oder doch eher, da ich weiß, dass die Erde in nicht allzu langer
       Zeit unbewohnbar ist und meine Nachkommen [4][im deutschen Rüstungswahn] zu
       Kanonenfutter werden könnten?
       
       Zugegeben, diese fiktiven Probleme sind hier etwas verkürzt dargestellt.
       Und dieser Text soll Therapie oder die Beschäftigung mit seiner
       Vergangenheit auch nicht vollständig als neoliberales Projekt abtun. Sicher
       können die oben gestellten Fragen jeweils beide mit „Ja“ beantwortet
       werden, und sicher ist Therapie für viele Menschen heilsam, sogar
       lebensrettend.
       
       Gleichzeitig ist es wahr, dass sich in den vergangenen Jahren für eine
       breite Masse ein unablässiges In-sich-selbst-Herumgraben eingestellt hat,
       eine Obsession, sich zu optimieren, auch psychisch. Aber wer ständig nur
       nach innen blickt, um nach Antworten darauf zu suchen, warum es einem so
       miserabel geht, der kehrt den Blick nicht nach außen. Das eigene Leid, das
       dieses System hervorbringt, wird dadurch entpolitisiert und zum
       individuellen Problem, das es eigenständig zu lösen gilt.
       
       In Anbetracht dessen ist es nur logisch, dass Kunstschaffende, auch
       Filmemacher_innen, in ihren Werken die gleiche Praxis betreiben: ein
       Buddeln, fanatisches Stöbern, eine ewige Selbstreflexion, während die Welt
       in Flammen steht. Auf Besserung sollte man dann nicht hoffen.
       
       4 Aug 2026
       
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