# taz.de -- Psychische Krankheit: Eine Tour durch den Abgrund
> Unsere Autorin hat eine Psychose durchlebt. Sie fühlte sich verfolgt,
> verschenkte ihr Handy, entwickelte einen Wahn. Wie kommt man da wieder
> raus?
(IMG) Bild: August Klett (1866–1928), „Blatt 20: Wurmlöcher“
Der Papst ist tot. Die Worte fliegen über den Bildschirm, vervielfachen
sich und fangen an zu flattern. Wie aufgescheuchte Hühner. Es ist das
Einzige, was ich noch wahrnehme. Um mich herum ist die Luft dünner
geworden. Ich versuche dem Nachrichtenticker etwas thematisch Brauchbares
zu entnehmen, aber da ist immer nur die eine Nachricht: Der Papst ist tot.
Die Momente danach erinnere ich kaum mehr. Ich weiß noch, dass ich meiner
Kollegin gegenüber Handzeichen machte, wie ich nur noch flüsterte –
vermutlich zusammenhanglos. Sie legte ihre warmen Finger auf meinen
Unterarm und sagte leise, [1][ich solle beim Krisendienst anrufen].
Weiterarbeiten konnte ich nicht mehr.
Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht; nur, dass ich irgendwann
auf meinem Sofa lag, zusammengerollt wie ein Tier. Später im Bett.
Schlaflos, wie schon die Nächte zuvor.
In meinem Tagebuch steht: Ich scrolle durchs Adressbuch meines Handys. Es
ist 2:36 Uhr. Die Namen verschwimmen. Wer sind all diese Menschen? Ich
erkenne sie nicht. Die Buchstaben wirken wie zufällig zusammengewürfelt,
fremd, unbrauchbar. Irgendetwas stimmt nicht. Es hört sich an, als würde
jemand die Tür öffnen. Ein kaum hörbares Klicken. Ich traue mich nicht
nachzusehen. Wie war noch mal der Notruf? War es 112?
Ob ich an diesem 21. April 2025 den Notruf noch gewählt habe oder mir nur
eingebildet habe, ihn gewählt zu haben, weiß ich heute nicht mehr. Ich kann
es auch nicht nachschauen, denn in den kommenden Tagen verschenke ich mein
Handy. Ja, richtig gelesen: verschenke. Die Vorstellung, dass dieses Gerät
klingeln könnte, dass jemand mich erreichen könnte, wird mir plötzlich
unerträglich. Ich drücke es einer Fremden in die Hand, kommentarlos, als
würde ich einen glühenden Stein loswerden wollen.
Was danach kommt und sich im Weiteren steigert, nenne ich heute mein
Wegrutschen. Es gibt einen anderen Begriff dafür: eine psychotische
Episode. Aber dieser Begriff klingt nach etwas, das man in einem Lehrbuch
findet, nicht nach etwas, das man erlebt. Wegrutschen trifft es besser. Das
Gefühl, dass der Boden, auf dem man eben noch stand, sich still und ohne
Vorwarnung verschiebt, und dass man greift und greift und nichts findet,
woran man sich festhalten kann.
In dieser Zeit bin ich mir sicher, verfolgt zu werden – mit Waffen, in
Autos. Ich glaube, ein Kind geboren zu haben, das mir weggenommen worden
ist. Einen Tag nach all diesen Ereignissen bringt mich meine Mutter in die
Klinik; dort angekommen, bin ich überzeugt, vergast und vergewaltigt zu
werden. Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß auch, wie real es sich angefühlt
hat.
Psychosen zeichnen sich dadurch aus, dass die Grenze zwischen innerem
Erleben und äußerer Realität porös wird. Gedanken, Ängste und Assoziationen
werden nicht mehr als subjektiv wahrgenommen, sondern als objektive
Wirklichkeit. Anders ist es beispielsweise bei einer Angsterkrankung, wo
auch Ängste im Vordergrund stehen, aber noch als subjektiv wahrgenommen
werden können.
[2][Psychosebetroffene haben eine erhöhte Dopaminausschüttung], was
Wahnvorstellungen, Hören von Stimmen und Störungen im Denken verursachen
kann. Diese Wahrnehmungsverzerrung könne sich auf verschiedene Sinne
beziehen, sagt Stefan Borgwardt, Professor für Psychiatrie und
Psychotherapie von der Universität Lübeck, der auf das Thema Psychosen
spezialisiert ist.
Bei mir ist in dieser Zeit vor allem das Sehen geschärft, aber auch mein
Gehör. Während meines Wegrutschens schreibe ich etwa: Alles um mich herum
ist extrem laut und unglaublich nah. Jedes Geräusch potenziert sich. Ich
höre Vögel, das Radio und Käfer zu mir sprechen. Sie sagen mir, was ich zu
tun, wohin ich zu gehen habe.
Es war so, wie Tove Ditlevsen es in ihrem Psychose-Roman „Gesichter“
beschreibt: „Das Rauschen erschwerte es jedoch, die Stimmen
auseinanderzuhalten, als wäre sie plötzlich ein kleines bisschen taub
geworden.“
Im Radio sind es vor allem die Auslassungen, Satzpausen, die ich mit
Bedeutung fülle. So nehme ich durch Sendungen am 8. Mai – dem Tag der
Befreiung von den Nazis – an, meine Teilnahme an einer Gedenkfeier sei
elementar. Hingefunden habe ich allerdings nicht, meine Wege beschränken
sich zu dem Zeitpunkt auf die Straßenzüge in meiner unmittelbaren
Nachbarschaft. Alles, was weiter weg ist, erreiche ich nicht, auch weil ich
viel zu schnell abgelenkt werde, von meinem Inneren und von äußeren
Faktoren.
An einem Punkt bin ich sicher, dass ich sterben würde, sobald ich
einschlafe, sediert und umgebracht. In einer Nacht gehe ich bereits auf ein
Licht zu, überzeugt, die Lebenden hinter mir gelassen zu haben. Und dann,
mittendrin: ein unglaublicher Frieden. Liebe für alles und jeden. Die
Gewissheit, dass es so, wie es kommt, richtig ist. Davor rauche ich eine
letzte Zigarette im Hof des Krankenhauses und gebe dem Hausmeister – den
ich für den Fährmann halte – meinen Charonspfennig für die letzte
Überfahrt.
Wie kommt es zu so etwas? Und vor allem, wie kommt man da wieder raus?
Diese Frage stelle ich mir seither täglich.
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Psychotische Episoden können viele
Ursachen haben: genetische Veranlagung, neurologische Faktoren, aber auch
soziale. Substanzen wie Cannabis, Kokain oder Amphetamine können
psychotische Episoden auslösen oder verstärken. In meinem Fall scheidet das
aus. Ich habe vor Jahren mit dem Trinken aufgehört und auch das Kiffen
schon länger aufgegeben. Allerdings habe ich an einer Angsterkrankung sowie
phasenweise an Depressionen gelitten. Auch ADHS ist mir im Nachhinein
diagnostiziert worden, etwas, das im Zusammenhang stehen kann, aber nicht
muss.
Psychiater Stefan Borgwardt sagt, entscheidend sei oft nicht ein einzelner
Auslöser, sondern das Zusammenkommen mehrerer Belastungen über längere
Zeit: anhaltender Stress, emotionale Überforderung, Schlafmangel, ungelöste
innere Konflikte – und eine seelische oder biologische Vulnerabilität, die
vielleicht schon lange angelegt war. Was bleibt, ist etwas Unscharfes: eine
psychische Ausnahmesituation, die irgendwann einen Kipppunkt erreicht.
Ein Organismus, der zu lange unter zu großem Druck stand und deshalb
irgendwann aufhört, zwischen innen und außen zu unterscheiden. Zwar gibt es
Menschen – wie mich – die prädestinierter dafür sind, aber im Grunde kann
eine Psychose jeden treffen.
Bei mir kommt damals einiges zusammen: eine Beziehung, die geprägt ist von
einem Hin und Her, die mich aufwühlt und aus der ich doch nicht
herauskomme. Dazu Loyalitätskonflikte bei der Arbeit, eine ständige
Herausforderung meines eigenen Standpunkts und das Hinterfragen, ob die
Welt nicht doch ganz anders sei.
All das belastet mich zunehmend, so sehr, dass mein Hirn mit all den
Graubereichen, die es nun mal in dieser Welt gibt, nicht mehr zurechtkommt.
„Die Welt breitete ihre wahnsinnigen Flügel aus und flog einer Wirklichkeit
entgegen, die nicht ihre eigene war“, schreibt Tove Ditlevsen.
Wenn die reale Welt zu schmerzhaft, innere Konflikte unlösbar werden,
reagiert die Psyche nicht bei allen Menschen gleich. Manche verfallen in
eine Art inneren Panzermodus: Sie funktionieren weiter, wirken nach außen
gefasst, sogar kalt – während in ihnen längst nichts mehr fühlbar ist.
Emotionale Abstumpfung nennt man das in der Forschung, ein
Schutzmechanismus, der verhindert, von der Wucht des Erlebten überrollt zu
werden. Andere reagieren mit Erstarrung, einem Zustand, in dem der Körper
sich buchstäblich stillstellt, wenn weder Kampf noch Flucht möglich
scheinen. Und wieder andere – zu ihnen gehörte ich – flüchten sich in eine
alternative Realität.
Durch Halluzinationen und Wahnvorstellungen deute das Gehirn Gegebenheiten
um, so Borgwardt. Was diese Reaktion von den anderen unterscheidet, ist
nicht ihre Intensität, sondern ihre Richtung: Während der Panzermodus die
Welt draußen hält, indem er sie kälter macht, hält die Psychose sie
draußen, indem sie eine neue Welt erschafft.
In Deutschland leiden schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen an
psychotischen Störungen. Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 12. und
35. Lebensjahr auf. Man müsse aber bedenken, dass nicht jede:r sich in so
einer Phase Hilfe suche, die Dunkelziffer könne dementsprechend höher
ausfallen, sagt Psychiater Borgwardt.
Interessant auch, dass Psychosen ein kulturunabhängiges Phänomen sind, also
überall auf der Welt auftreten. Je nach Kulturkreis unterscheiden sich dann
die Wahnvorstellungen, sind mal religiöser geprägt, mal weniger. Großstädte
können durch ihre vielen Reize eine Psychose begünstigen. Ob es dabei
allein die Reizdichte ist, die krank macht, oder ob sich darin auch soziale
Isolation, Armut und Diskriminierung verdichten, ist unter Forschenden
nicht abschließend geklärt.
Ich schreibe in mein Tagebuch:
Mein Zustand macht mich einsam, ich fühle mich isoliert von meiner Umwelt.
Die anderen in der Klinik machen mich nervös. Sie beobachten mich beim
Essen, das ich nicht anrühre, weil es mir im Hals steckenbleibt. Eine Frau
scheint mich geradezu zu hassen. Sie ist alt und brüllt rum, ich ekel mich
vor ihrer Spucke, die bei jedem Wort aus ihrem Mund kommt. Überhaupt
scheint ständig jemand zu schreien, einfach so oder um Streit zu suchen. Am
Schlimmsten ist es auf den Balkonen, wo geraucht und laut Musik abgespielt
wird. Auf der Station sind es aber die einzigen Orte, an denen man
Frischluft bekommt. Ich darf zwar auch rausgehen, traue mich aber alleine
nicht. Ich warte auf Besuch oder dass mich jemand vom Klinikteam abholt und
in den Entspannungsraum mitnimmt.
## Mein Aufenthalt als Theaterstück
Mein Zimmer ist mit einem Gitter versehen, irgendwer – war ich es? – hat
Butter zwischen die Streben geschmiert. Ich passe immer haargenau auf,
meinen Schrank zu verschließen, denn hier wird geklaut, wird mir zu Beginn
versichert. Im Nachhinein betrachtet ist die Zeit in der Klinik vielleicht
die schlimmste in meinem Leben.
Die Lebensrealitäten von Menschen, die in ähnlichen, viel schlimmeren oder
einfach ganz anderen Situationen sind wie ich, prallen dort aufeinander.
Meine Zimmernachbarin ist depressiv und des Lebens überdrüssig. Ich
versuche sie zu trösten, male und spiele mit ihr. Es gibt kaum Rückzug,
kaum Möglichkeit zu genesen. Die Therapieangebote sind rar. Morgens gibt es
eine Runde, in der wir in einer Gruppe von unseren Befindlichkeiten
erzählen sollen.
Ich kann kaum folgen, rutsche unruhig hin und her. Immer unterbricht
irgendwer irgendwen. Die zuständigen Therapeuten haben nur bedingt Geduld.
Wir sind ein komischer Haufen, wie wir da sitzen. Ich bekomme Medikamente,
die antipsychotisch wirken sollen, außerdem Antidepressiva, die ich schon
jahrelang nehme.
Manchmal kann ich singen oder malen, auch mit Ton arbeite ich einmal. Meine
Therapeutin ist kurzerhand krankgeschrieben, der zuständige Psychiater
fehlt auch immer wieder. Er trägt Alltagskleidung, was mich verwirrt.
Irgendwie erinnert er mich an eine Figur aus Dürrenmatts „Die Physiker“.
Ich fange an, meinen Aufenthalt als Theaterstück wahrzunehmen, was mich
noch weiter von der Realität entfernt.
Tagsüber ist es laut, weil diejenigen, die auf der Station bleiben müssen,
nichts mit sich anzufangen wissen. Nachts ist es laut, weil das rauskommt,
was tagsüber unter Verschluss bleibt. Ich kann kaum schlafen, weil ich
ebenso getrieben bin wie der Rest dort.
Bei Tage suche ich nach mir selbst. Inzwischen gehe ich wieder raus.
Ich komme ständig zu spät, wie das weiße Kaninchen bei Alice – aber wozu?
Ich muss nirgends hin, trotzdem renne ich durch die Straßen. Folge Kränen,
Farben, Mustern und der Sonne. Ich versuche ein Rätsel zu lösen, das mir
niemand gestellt hat.
Nachts werde ich ruhiger, schlafen kann ich trotzdem nicht. Ich fange
Bücher an, um in ihren Geschichten zu leben, beende aber nie eines. Im
Aufenthaltsraum kommen nachts diejenigen zusammen, die es auf ihren Zimmern
nicht aushalten. Nicht nur einmal tritt mir ein Patient näher, möchte
etwas, das ich nicht zu geben bereit bin. Andere sehnen sich nach Nähe, ich
will möglichst viel Abstand.
Während meines Klinikaufenthalts entwickele ich einen religiösen Fimmel,
etwas, das viele in einer psychotischen Episode erleben. Durch den
gesteigerten Dopaminhaushalt wird auch das Erleben intensiver, alltägliche
Dinge bekommen schnell einen tieferen, ja kosmischen Sinn für Betroffene.
Sie klammern sich an etwas Größeres, ein übergeordnetes System. Bei mir hat
dies zur Folge, dass ich denke, Buße tun zu müssen. Ich putze nackt das
Badezimmer der Klinik, sammele mit bloßen Händen Müll von der Straße und
bete in der Kapelle, etwas, was ich seit meiner Kindheit nicht mehr getan
habe.
Erstaunlicherweise bin ich in manchen Momenten geradezu abgeklärt, scheine
genau zu wissen, was ich habe. So erkläre ich etwa dem leitenden
Stationsarzt, dass ich an einem religiösen Wahn leide, ausgelöst durch den
Tod des Papstes.
Auch meine Vordiagnosen diskutiere ich munter mit ihm. Gleichzeitig bin ich
überzeugt, mir habe jemand etwas in den Drink gemischt, ein paar Tage bevor
alles wegrutschte, bin mir unsicher, ob mein Partner nicht etwas damit zu
tun hatte (Spoiler: hatte er nicht).
Darüber hinaus fehlt mir nichts außer die Freiheit. So zumindest kommt es
mir vor. Freiheit versuche ich zu kreieren, indem ich mich selbst entlasse.
Ich bin mir ja sicher, verstanden zu haben, was mit mir los ist. Viel mehr,
als es das medizinische Personal getan hat. Anosognosie nennt sich die
fehlende Krankheitseinsicht, die in solchen Fällen auftreten kann.
Meine Entlassung erfolgt auf eigenen Wunsch. Für mein Umfeld ist die
Tatsache, dass ich mich selbst entlasse, mit Stress verbunden. Kurzzeitig
bin ich nicht auffindbar, erreichen kann mich niemand, ich hatte
schließlich mein Handy verschenkt. Kommunikation findet meist über das
Krankenhaus, später über meine Mutter statt. Als ich wieder alleine lebe,
habe ich zunächst ein Festnetztelefon. Ein Smartphone zu bedienen
überfordert mich schlicht.
Während ich durch die Straßen Berlins strawanze, ruft meine Mutter die
Polizei, um mich suchen zu lassen. Irgendwann findet meine Mutter mich,
arglos auf einem Spielplatz sitzend. Ohne Verständnis dafür, welche
Strapazen sie meinetwegen durchgemacht hat.
Wenn ich sie heute frage, was sie damals empfunden hat, sagt sie, sie habe
Angst um mich gehabt. Angst, dass mir etwas passiert. Und ja, so wie ich in
den Wochen meiner Psychose durch die Welt ging, hätte mir durchaus etwas
passieren können.
Ich hätte angefahren werden können, da ich nicht mehr auf den Verkehr
achtete, hätte mit Fremden aneinandergeraten können, die ich allesamt für
neue Freunde hielt. Das Komische aber war, dass ich mich nach meiner
Entlassung irgendwie unsterblich fühlte, als hätte ich all das Grauen zuvor
mit dem Krankenhaus hinter mir gelassen.
Endgültige Epikrise, steht im Entlassungsbrief, des Krankenhauses. Was nur
die Schlussbetrachtung des behandelnden Arztes überschreibt, klingt für
mich, wie es sich anfühlt: Ich stecke in einer Krise – einer epischen,
monumentalen. Endgültig heißt für mich: Es gibt kein Zurück.
Zwar verunsichert mich mein Zustand, ich bin aber nach dem Krankenhaus auch
nicht gewillt, wieder zurückzugehen. In dieser Phase sehne ich mich nach
Zeit und Ruhe. Letztere suche ich ausgerechnet bei dem Menschen, den ich
zuvor meiden wollte: meinem Ex. Es scheint mir absolut logisch, dass wir
einen Neuanfang hinbekommen könnten, wenn wir nur wollten.
Ich verschwinde in der Vorstellung von uns beiden als Paar, suche nach
Orten, wo wir gemeinsam leben könnten, und verpasse den Trugschluss
dahinter. Er aber, der ja in der normalen Realität lebt, nicht in meiner
erdachten, sieht die Täuschung und verschließt mir die Tür. Er würde mir
nicht guttun, so seine Worte, auf denen ich sitzenbleibe wie eine
Schiffbrüchige.
Wieder zu Hause kaufe ich Lebensmittel, die ich nicht esse, und verschenke
sie wieder. Überhaupt esse ich kaum. Weil ich nicht in der Lage bin, die
Notwendigkeit von Nahrung zu verstehen, empfinde ich Essen als
Zeitverschwendung. Mein Körper nimmt ab, verliert Fett und Energie, doch
ich werde nicht müde. Im Gegenteil: Ich bin ständig wach und ruhelos.
## Wer bin ich?
Den Menschen im Spiegel erkenne ich nicht mehr – ich sehe nur noch entfernt
aus wie jemand, der ich mal war. Jeder Tag ist anders – und doch ganz
gleich. Ich bin viel zu Hause, sortiere Dinge, räume aus und nicht wieder
ein. Die Welt um mich herum nehme ich weiterhin als zu viel, zu laut, zu
chaotisch wahr. Trotzdem gehe ich raus, verliere mich an Straßenecken und
auf Spielplätzen.
Auf mein Umfeld kann ich kaum reagieren, so sehr bin ich mit mir selbst
beschäftigt. Erst im Nachhinein finde ich eine Beschreibung, die trifft,
was ich selbst nicht in Worte fassen konnte. „Jeder Mensch birgt wohl einen
Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie
aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund“, [3][schreibt der
Schriftsteller Thomas Melle in seinem Roman „Die Welt im Rücken“], in dem
er psychotische Episoden verarbeitet.
Während meines Wegrutschens bin ich krankgeschrieben, mehrere Monate. Wobei
ich es ohne meine Mutter nicht zum Arzt geschafft hätte. Termine
selbstständig wahrzunehmen, ist in den ersten Wochen nach meiner Entlassung
undenkbar für mich. Bis auf wenige Tage kann ich auch nicht alleine wohnen,
ziehe mit 34 Jahren wieder bei meiner Mutter ein. Auch weil meine Katze
inzwischen dort ist, ich alleine nicht für sie sorgen kann.
Bis mein Körper seine natürlichen Grenzen wieder wahrnimmt, dauert es
Wochen. Sie sind zäh und anstrengend, aber irgendwann fange ich wieder an,
mich selbst zu spüren. Ausschlaggebend sind vor allem Treffen mit
Freund*innen und Bekannten, die mir so viel Normalität wie möglich
vorleben. Sie feiern mit mir Geburtstag, laden mich in ihren Garten oder
auf ihre Couch ein. Sie versuchen meine Realität zu verstehen und bieten
mir ihre an, ohne aufdringlich zu sein. Anfangs fühle ich mich noch wie ein
Alien unter ihnen, irgendwann wird auch dieses Gefühl weniger. Ich
schreibe:
Wie von einem Trip komme ich nur langsam runter. Statt dem Erdboden tut
sich ein riesiges Loch auf. Keine Leiter, kein Seil. Ich möchte mich
zusammenrollen und bleibe liegen, darf aber genau das nicht. Nur langsam
lerne ich klettern. Bis zur Realität sind es Meter, die ich nicht zu messen
weiß. Wie ein Kind stelle ich Fragen zu allem – wer, wie, was? – und setzte
die Antworten wie Puzzleteile zusammen.
Ich lerne wieder, die Uhr zu lesen und die Tage mit Daten zu versehen.
Irgendwann kommt auch der Hunger wieder – mit dem Essen, wie es heißt.
Selbstgekocht schmeckt’s am besten, also lerne ich auch das wieder. Für
mich, für andere. Lerne, ein Buch von Anfang bis Ende zu lesen und Musik zu
hören, mein Fahrrad zu fahren und nein zu sagen.
Was mir außerdem hilft, ist das Schreiben. Schreiben bedeutet, das
unaufhörlich Gleichzeitige in eine Folge zu bringen. Ein Satz nach dem
anderen. Ein Gedanke, der sich aus dem Lärm löst und für einen Moment Dauer
gewinnt. Was als diffuses Gefühl von Überforderung beginnt, erhält im
Schreiben Kontur.
Meine Tante kommt nach Berlin, fast weine ich, als ich sie sehe. Sie
strahlt eine Ruhe aus, die ich verloren habe. Gemeinsam räumen wir das
Chaos auf, das ich in meiner Wohnung veranstaltet habe, sortieren aus,
schmeißen weg. Plötzlich habe ich das Verlangen, loszuwerden, was mir wie
Ballast vorkommt.
Was ich dabei weggeschmissen oder verschenkt habe, schmerzt mich teils
heute noch. Ähnlich beschreibt es auch Melle: „Plötzlich waren mir […] die
vorher geliebten Bücher ein Ballast, den ich so schnell wie möglich
loswerden wollte. [Später] betrauerte ich diesen Verlust dann sehr.“
## Das Wasser auf der Haut
Dieses unbedingte Ausmisten ist Teil der eher manisch geprägten Psychose,
während die darauf unweigerlich folgende Depression einen erst realisieren
lässt, was man getan hat. Teilweise empfinde ich Leichtigkeit nach der
Klinik, schwebe so vor mich hin. Mit dem Abklingen der psychotischen
Symptome setzt eine Schwere ein, die diametral zu dem steht, was ich vorher
empfunden habe.
Sie hindert mich daran rauszugehen, zu groß ist meine Scheu, der Welt
ungefiltert entgegenzutreten. Habe ich nach der Klinik noch Liebe für alles
und Jeden empfunden, erscheint mir jetzt jede Interaktion zu viel. Ich
bewege mich in gewohnten Bahnen.
M. kommt und bringt mir Essen, wir sitzen auf dem Balkon und sprechen kaum.
Schweigen und Gespräche über Belangloses sind mir ein Trost: Kein „Das wird
schon wieder“ oder „Alles wird gut“, stattdessen Banales, sei es das
Wetter.
Mit A. gehe ich gemeinsam einkaufen, viel zu viel, denn ich kenne kein Maß.
B. geht mit mir an den Plötzensee, wo ich baden kann. Das Wasser fühlt sich
gut an auf meiner Haut, ich traue mich aber nicht unterzutauchen, zu groß
ist die Angst, den Weg an die Oberfläche nicht mehr zu finden. Danach gehen
wir zu mir.
Einen erneuten Platz in einer Klinik in Berlin bekomme ich nicht. Dass ich
zumindest jemanden brauche, der mir Medikamente verschreibt, vielleicht
auch eine weiterführende Maßnahme, wird mir in dieser Zeit aber klar. Für
eine sogenannte Reha-Maßnahme, für die ich ansuche, liegt meine
psychotische Episode noch nicht lange genug zurück, mit jemandem wie mir
könne man noch nicht arbeiten, heißt es, und ich werde auf Monate
vertröstet.
Ich fahre nach Brandenburg, wo man mich aufnehmen möchte, doch das Terrain
wirkt so trostlos, die Oberärztin so unprofessionell, dass ich mich dagegen
entscheide. Das pseudopsychologische Sissi-Syndrom (eine an Kaiserin Sissi
angelehnte Depression, bei der man vor allem durch Hyperaktivität und
innerer Unruhe auffällt), das mir die Ärztin zu Beginn unterstellt, ohne
auch nur meinen Namen zu kennen, macht mich unsicher. Auch eine Aussage,
nach der ich eine wirklich interessante Patientin für die dortigen
Therapeut:innen sei, wirkte auf mich eher abschreckend.
Danach schreibe ich:
Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen, wie eine Ansammlung aus
Diagnosen, unter denen mein Menschsein nach und nach verschwindet.
Ob meine Entscheidung, diese einzige Klinik im Raum Berlin-Brandenburg
abzulehnen, die mich genommen hätte, richtig gewesen ist, kann ich im
Nachhinein nicht sagen. Sie steht entgegen einer Logik, in der die
Patientin so schnell wie möglich wieder funktionsfähig werden soll. Ich
nehme mir stattdessen Zeit, verbringe sie im Schrebergarten eines Bekannten
und alleine – ein Riesenschritt! – im Wochenendhaus von Freunden.
## Bedürfnis nach Sicherheit
Ein Luxus, den bei Weitem nicht jede:r hat. Vielen sind Ressourcen wie
diese nicht vergönnt, sie fallen durchs Raster, bleiben auf der Strecke,
bis ihre Symptome chronisch werden. Besonders Substanzmissbrauch – nach
einer Psychose ist Abstinenz elementar – kann zu einer Chronifizierung
führen. Diejenigen, die sich keine Hilfe suchen, landen nicht selten auf
der Straße. Oft begegne ich dort inzwischen Menschen, denen ich ihre
Psychose ansehe.
Glücklicherweise finde ich durch einen engagierten Klinikarzt, der mir zwar
nicht direkt helfen kann, mich aber weitervermittelt, ambulante
psychiatrische Hilfe. Der Psychiater und die Sozialarbeiterin dort hören
mir zu, ohne zu werten. Gemeinsam überlegen wir, welche Faktoren für meine
Psychose verantwortlich gewesen sind und welche Veränderungen ich anstreben
könnte, um meine Situation zu verbessern. Zudem kann ich zu meinem
langjährigen Therapeuten zurückkehren, was vor allem meinem Bedürfnis nach
Sicherheit zugutekommt.
„Das größte Hindernis ist, dass man den Zeitpunkt verpasst, oder dass die
Menschen, die eine Behandlung brauchen, sie ablehnen oder keine
Behandler:in finden“, sagt Stefan Borgwardt. Dann werde die Prognose
schlechter und die Erkrankung im schlimmsten Fall nicht mehr heilbar. Es
gäbe Fälle, wo die Beeinträchtigungen nach einer psychotischen Episode
stark seien. Bei richtiger therapeutischer Behandlung kämen aber viele
Menschen unbeschadet aus so einer Episode. Manche erlebten in ihrem Leben
erneut Episoden, lebten sonst aber ein herkömmliches Leben, andere sind nie
mehr betroffen.
Viele Monate verbringe ich bei meiner Tante und meinem Onkel in einer
anderen Stadt. Dort lerne ich, wieder regelmäßig zu essen und mich anderen
anzuvertrauen. Die Voraussicht, bald wieder Alleinleben zu können, mit
meiner Katze in meinen eigenen vier Wänden, wieder für meine Freund:innen
da sein zu können – das ist mein eigentlicher Antrieb. Heute führe ich
wieder ein recht normales Leben, gehe einer geregelten Tätigkeit nach. Ich
bin stolz auf das, was ich geschafft habe, allein und durch Unterstützung
anderer. Die Angst, wieder in so einen Zustand zu verfallen, bleibt
dennoch.
An meinem 35. Geburtstag im Mai 2026 sitzen wir beisammen, meine
Freund:innen und ich. Es ist das erste Mal seit meinem Wegrutschen, dass so
viele zusammengekommen sind. Ich habe gekocht und viel zu viel gebacken,
habe neben denen, die für mich da waren, auch Leute eingeladen, die ich
nach meinem Wegrutschen gar nicht mehr gesehen habe.
Es wird getratscht und diskutiert, und ich merke, wie ich still werde.
Nicht aus Angst, eher aus einem Glücksempfinden heraus. Ich kann den
Gesprächen folgen, ja bin froh über die nicht immer einfachen Themen, die
aufkommen. Dass wir hier gemeinsam sitzen, ist mein großes Glück.
Den Artikel veröffentlichen wir auf Wunsch der Autorin unter Pseudonym.
Wer selbst eine psychische Krise erlebt, kann sich an seine Hausarztpraxis,
seine*n Psychotherapeut*in oder außerhalb der Sprechzeiten an den
ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 wenden. In vielen Städten und
Gemeinden gibt es außerdem psychiatrische Krisendienste. Diese findet man
in der Regel, wenn man im Internet nach dem Begriff „Krisendienst“ und der
entsprechenden Stadt oder Gemeinde sucht. Auch psychiatrische Ambulanzen
und Notaufnahmen können Anlaufstellen sein. Wer sich oder andere akut
gefährdet sieht, sollte den Rettungsdienst (112) oder die Polizei (110)
verständigen.
25 Jul 2026
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