# taz.de -- Longevity und Selbstoptimierung: Die Angst vorm Altern verkauft sich gut
       
       > Lymphdrainagen, Vitamininfusionen, Sauerstoffmasken – lebensverlängernde
       > Maßnahmen oder nur Selbstoptimierung in einer kapitalistischen Welt?
       
 (IMG) Bild: Futter für den Longevity-Hype: Auf der Fitnessmesse Fibo in Köln werden Nahrungsergänzungsmittel beworben
       
       Lymphdrainage, als ich dieses Wort als Kind zum ersten Mal hörte, bekam ich
       Angst. Meine Mutter hatte die Krebsbehandlung gerade erst hinter sich
       gebracht, aber musste auf einmal zur Lymphdrainage. War sie schon wieder
       krank? Damals wusste ich nicht, dass durch diese Behandlung Flüssigkeit aus
       dem Gewebe in die Lymphbahn fließen soll, wodurch Giftstoffe
       abtransportiert werden.
       
       Fünfzehn Jahre später stecke ich bis zur Brust in einem schlafsackähnlichen
       Anzug mit lauter Kabeln, gleich wird meine Gewebeflüssigkeit durchgewalzt.
       Mittlerweile sind Lymphdrainagen unter gesunden Menschen im Trend und
       werden [1][als Longevity-Therapie] angeboten, also als Behandlung für ein
       langes Leben.
       
       Daher poppen immer mehr Longevity Hubs, Labs und Studios wie dieses in
       Berlin-Mitte auf. Die Regale sind gefüllt mit Nahrungsergänzungsmitteln,
       die „Brain Energy“ oder „Antistress Formula“ heißen. Im Badezimmer steht
       eine Wanne auf silbernen Füßen, an den Wänden hängt abstrakte Malerei. Hier
       sollen sich „die gestressten Berliner erholen“, erklärt mir die
       Mitarbeiterin. 45 Euro kostet eine 40-minütige Lymphdrainage. Auch
       angeboten werden eine Magnetfeldtherapie und ein Stoffwechseltraining mit
       Atemmaske.
       
       Kann ich mein Leben [2][durch solche Eingriffe] verlängern? Oder wird mir
       in dieser Fusion aus Apotheke und Wellnesscenter nur das Gefühl verkauft,
       etwas für mich und meinen Körper zu tun? Während die Maschine neben mir
       losschnauft und Luft in die Segmente des Anzugs pustet, frage ich mich, wie
       evidenzbasiert diese Therapie ist. Ich hätte auch das Celluliteprogramm
       wählen können. Was halten Wissenschaftler:innen vom Longevity-Hype?
       
       Die Langlebigkeitsbewegung hat zwei Strömungen. Es gibt die Extremisten,
       die möglichst lange leben wollen, angeführt von Bryan Johnson. Der
       US-Amerikaner ist besessen von der Unsterblichkeit und macht aus seinem
       Leben für diesen Zweck ein Experiment. Er nimmt 130 Tabletten am Tag, lässt
       sich das Blut seines Sohnes injizieren und isst die letzte Mahlzeit des
       Tages um 11 Uhr vormittags. Das Ziel der zweiten Langlebigkeitsströmung ist
       bescheidener. Im Kern geht es darum, möglichst lange gesund zu leben und
       die Zeit zu verkürzen, in der man leidet, etwa weil man sich schlecht
       bewegen kann oder wegen einer chronischen Erkrankung.
       
       ## Ein Slot für Regeneration im überfüllten Kalender
       
       Der Lymphdrainage-Anzug zieht sich um meinen Brustkorb zusammen. Er wird
       enger, viel zu eng. Ich drücke auf den Bildschirm, minus, minus, minus, bis
       ich wieder gut atmen kann. Schrittweise arbeitet sich das Gerät zu meinen
       Füßen vor. Es klemmt meine Ferse ein, als würde es meine Füße ganz fest
       drücken und dann loslassen. Ganz angenehm, denke ich und schließe die
       Augen, um mich auf die gebuchte Erholung einzulassen. Neben mir, hinter dem
       grauen Vorhang, höre ich eine ältere Dame angestrengt ausatmen. Sie bekommt
       abwechselnd sauerstoffarme und sauerstoffreiche Luft durch eine Maske,
       wodurch die Zellen besser regenerieren sollen.
       
       59 Euro zahlt sie für die Behandlung, im Abo etwas weniger. Auch die
       Lymphdrainage sollte man einmal pro Woche machen, wird mir geraten. Mir
       kommt das alles ein bisschen gaga vor. Für viel Geld buchen sich Menschen
       einen Slot zum Regenerieren in den überfüllten Kalender. Sie essen
       wahrscheinlich auch nur 80-prozentige Schokolade und verpassen immer den
       witzigsten Teil des Abends, weil sie penibel auf ihren Schlafrhythmus
       achten. Oft frage ich mich: Vergessen wir durch diese [3][permanente
       Selbstoptimierung] nicht, wie man lebt? Ist es nicht viel wertvoller, durch
       einen etwas ungesünderen Lebensstil vielleicht zwei Jahre früher zu
       sterben, aber dafür mit einem vollen Herzen?
       
       Michael Ristow ist Professor für experimentelle Endokrinologie an der
       Berliner Charité. Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich damit, wie sich
       Hormone, Gene und der Lebensstil aufs Altern auswirken. Was hält er davon,
       sich in einen verkabelten Anzug zu legen, um den Lymphfluss anzuregen?
       Ristow lächelt in die Kamera und guckt, als wolle er mir den Spaß nicht
       verderben. „Wenn es Ihrem Wohlbefinden gut tut, ist es okay“, sagt er, „ob
       es wirklich etwas bringt, weiß man nicht.“
       
       Eine sehr viel stärkere Meinung hat Ristow zu Vitamininfusionen, „die sind
       wirklich unseriös“, sagt er, würden aber Überhand nehmen. Für 300 Euro und
       mehr werden Infusionen angeboten, die mehr Energie, bessere Konzentration
       oder ein stärkeres Immunsystem versprechen. Aber mehr als ein
       Geschäftsmodell sei das nicht, sagt Ristow. „Es ist Quatsch, Vitamine als
       Infusion zu bekommen, die kann man auch als Tablette nehmen.“ Aus
       medizinischer Sicht würden Infusionen nur selten Sinn ergeben, bei
       langjährigen Alkoholikern zum Beispiel. Manche Antioxidantien würden sogar
       das Krebsrisiko erhöhen, Vitamin A, E und Betacarotin zählt der Professor
       auf.
       
       Ich hatte damit gerechnet, dass Ristow mir von neuen Therapien erzählt, an
       denen er forscht, irgendeine futuristische Anwendung mit Strahlen oder
       Minusgraden. Der für ihn wichtigste Ansatz ist aber viel banaler:
       Prävention. „Deutschland gibt vergleichsweise viel Geld für Gesundheit aus,
       aber liegt bei der Lebenserwartung hinten“, sagt er – das liege an
       mangelnder Prävention.
       
       Wenn es um Brustkrebs oder die Zähne ginge, hätten sich
       Vorsorgeuntersuchungen bereits durchgesetzt. Aber kaum jemand lasse mit
       Mitte 30 oder Anfang 40 den Cholesterinspiegel checken. Durch vegane
       Ernährung könne der Cholesterinwert nur um 10 bis 15 Prozent gesenkt
       werden, „hauptsächlich ist das genetisch veranlagt“, sagt Ristow. Mit
       Anfang 60 hätten die Menschen dann einen Herzinfarkt, obwohl sich das
       verhindern ließe. Es gebe Tabletten, die lange erforscht und zugelassen
       seien, aber trotzdem nicht genommen würden. Genauso sei es mit
       Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2. Durch Prävention ließen sich die
       Auswirkungen dieser Krankheiten verzögern.
       
       ## Lange erprobte Medikamente werden nicht angenommen
       
       Andere Länder seien da fortschrittlicher, findet Ristow. In Singapur, das
       ein modernes Gesundheitssystem hat, gebe es die Idee, eine Kombitablette
       gegen einen erhöhten Cholesterinwert und Blutdruck und gegen Diabetes Typ 2
       in der Bevölkerung zu verbreiten. Wer möchte, soll die Tablette nehmen
       können. So sollen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Bevölkerung verringert
       werden.
       
       Mir kommt das absurd vor. Lange erprobte Medikamente, die eine komplexe
       Zulassung durchlaufen haben, werden in Deutschland nicht richtig
       angenommen. Aber Nahrungsergänzungsmittel, deren Reinheit nur
       stichprobenartig kontrolliert wird, boomen. Manchmal wird ihrer Wirkung
       sogar blind vertraut.
       
       Michael Ristow hat ein Beispiel parat. Grüner Tee sei lange als
       gesundheitsfördernd etabliert. Er enthält den Wirkstoff EGCG, mit dem die
       Teepflanze Insekten fernhalten will. In der menschlichen Leber löst der
       Stoff eine Stressreaktion aus, wodurch diese entgiftet.
       Nahrungsergänzungsmittelhersteller verkaufen deshalb hochkonzentrierten
       Grüntee-Extrakt. Das Problem sei aber, dass zu hohe Dosen EGCG für
       Leberversagen sorgen könnten. Es habe schon Patient:innen gegeben,
       denen deshalb eine neue Leber transplantiert werden musste, sagt Ristow.
       Andere seien sogar gestorben. Wie paradox: Um besonders alt zu werden,
       schlucken wir ein Präparat so hochkonzentriert, dass es tödlich sein kann.
       
       Nach 30 Minuten im Lymphdrainageanzug kribbeln meine Beine. Wenn ich jetzt
       sofort das Drainage-Abo kaufe, bekomme ich Rabatt, sagt die Frau hinterm
       Tresen. Dann spuckt mich die Longevity-Oase wieder aus und ich schlängle
       mich mit dem Fahrrad durch den Feierabendverkehr. Ich bin erstaunlich
       erholt. Eine halbe Stunde war ich gezwungen, nichts zu tun – das mache ich
       sonst nie. Unterwegs bekomme ich leichte Bauchschmerzen. Diese
       Nebenwirkungen können nach einer Lymphdrainage auftreten. Vielleicht werden
       gerade die Giftstoffe in meinem Körper abtransportiert.
       
       1 Jun 2026
       
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