# taz.de -- +++ Nach CSD-Anschlag +++: Grüne fordern Untersuchungsausschuss
> CDU-Familienministerin Karin Prien will fünf Millionen Euro zur Verfügung
> stellen. Die oppositionellen Linken und Grünen fordern Aufklärung.
(IMG) Bild: Will nun doch mehr Geld für queere Projekte ausgeben: Familienministerin Karin Prien, hier beim CSD-Gedenken in Berlin
afp/dpa/epd | Nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street
Day (CSD) in Berlin hat die [1][Berliner Innensenatorin Iris Spranger
(SPD)] eine gründliche Aufarbeitung versprochen. Im Innenausschuss des
Berliner Abgeordnetenhauses sagte sie am Mittwoch, es stellten sich die
Fragen, ob der Anschlag hätte verhindert werden können, ob es
Schwachstellen gegeben habe oder ob Fehler gemacht worden seien. „Das
werden wir gründlich aufarbeiten und vollständige Transparenz herstellen.“
Ein laut Behörden mutmaßlich islamistisch motivierter 21-Jähriger war am
Samstag mit einem Auto im Tiergarten in eine Menschenmenge gefahren und
hatte anschließend weitere Opfer mit einer Stichwaffe attackiert. Eine
65-jährige Frau aus Polen starb, 31 weitere Menschen wurden verletzt. Der
mutmaßliche Täter wurde am Sonntagabend von der Polizei getötet.
Spranger sagte, der Tatverdächtige Abdul B. sei der salafistischen Szene
Berlins zuzurechnen gewesen. Das sogenannte Personenpotenzial dieser Szene
habe sich in der Bundeshauptstadt zuletzt um 13 Prozent auf 1250 erhöht,
350 Menschen davon seien gewaltbereit. Spranger forderte eine Debatte
darüber, ob sogenannte Gefährder grundsätzlich eine elektronische Fußfessel
tragen müssten.
Die Innensenatorin verteidigte das Sicherheitskonzept für den CSD. Die acht
Kilometer lange Aufzugsstrecke sei durch den Zufahrtsschutz sicher gewesen.
Es seien außerdem 1400 Polizisten im Einsatz gewesen und damit dreimal mehr
als in früheren Jahren.
## Grüne fordern Untersuchungsausschuss
Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Werner Graf warf Spranger im Innenausschuss
vor, nur bereits bekannte Informationen vorgelegt zu haben. Es stelle sich
die Frage, weshalb der Attentäter nicht vor dem CSD in Präventivhaft
genommen worden sei – bei den Demonstrationen zum 1. Mai werde das Mittel
der Präventivhaft auch eingesetzt.
Auch stelle sich die Frage, warum der Mann keine elektronische Fußfessel
getragen habe. Graf sagte, wenn Spranger nicht umfassend informieren wolle,
müsse es in der kommenden Legislaturperiode zur Aufklärung einen
parlamentarischen Untersuchungsausschuss geben.
## Fünf Millionen für queere Projekte
Familienministerin Karin Prien stellt den Ländern mehr Geld für Angebote
gegen Radikalisierung in Aussicht. Konkret geht es um fünf Millionen Euro
aus dem Förderprogramm „Demokratie leben!“, die bisher nicht dafür
vorgesehen waren.
„Ich könnte mir sehr gut vorstellen, diesen Betrag einzusetzen“, sagte die
CDU-Politikerin. Sie betonte mit Blick auf den Anschlag, bei dem ein
Islamist eine Frau tödlich und etwa 30 weitere Menschen teils
lebensgefährlich verletzt hatte: „Für mich ist dieser erschütternde
Anschlag Anlass, um die Ausrichtung von ‚Demokratie leben!‘ bei der
Extremismusprävention nachzuschärfen und dabei das Thema Deradikalisierung
in den Fokus zu nehmen.“ Dabei will sie sich mit den Ländern und mit
Verbänden beraten, auch mit den muslimischen Gemeinschaften.
Deradikalisierungsprogramme zielen darauf, junge Leute mit intensiver
Beratung von ihren radikalen Ansichten abzubringen. Die wissenschaftliche
Begleitung zeige, dass solche Programme erfolgreich sein könnten, sagte
Prien. Voraussetzung sei allerdings, dass die Betreffenden offen dafür
seien. „Wenn junge Leute so stark radikalisiert sind wie dieser Täter, dann
ist ein Deradikalisierungsprogramm mutmaßlich nicht die Methode der Wahl.
Da geht es dann eher um Strafjustiz, Überwachung und Schutzmaßnahmen.“
## Ministerin verteidigt Kurs bei „Demokratie leben!“
„Demokratie leben!“ ist ein 2014 aufgelegtes Förderprogramm des Bundes zur
Unterstützung von Initiativen für Vielfalt, Demokratie und gegen
Extremismus. Prien hat eine Neuausrichtung begonnen und dafür Kritik
eingesteckt. Unter anderen beklagen Menschen aus der queeren Community,
dass Beratungsangebote gekürzt worden seien.
Prien sagte: „Zunächst einmal sehe ich, dass es richtig war, bei
„Demokratie leben!“ den Extremismus gerade auch von islamistischer Seite
stärker in den Blick zu nehmen.“ Daneben gebe es im Rahmen der
Partnerschaften für Demokratie weiter auch Mittel für Schutzkonzepte in den
Kommunen für Minderheiten, auch für queere Gruppen.
„Insofern ist die Behauptung schlicht falsch, wir würden jetzt queere
Aktivitäten nicht mehr unterstützen“, sagte die Ministerin. „Wenn wir Neues
fördern wollen, dann müssen wir anderes überprüfen. Aber nach wie vor haben
wir die Situation von Minderheiten – auch der queeren Minderheit – im
Blick.“
Queere Menschen seien in Teilen des Landes besonders unter Druck und könnte
[2][Solidarität erwarten]. „Und darauf können sie sich auch verlassen“,
sagte Prien.
## Erst einmal aufklären
Die Spitzenkandidatin der Linken für die Berlin-Wahl am 20. September, Elif
Eralp, warnt vor einer übereilten Verschärfung von Sicherheitsgesetzen.
„Von [3][Schnellschüssen] halte ich nichts“, sagte Elif Eralp am Morgen dem
RBB. Vielmehr müsse zunächst „in Ruhe und Besonnenheit“ geschaut werden,
was genau passiert sei. „Das heißt, als Erstes muss die Tat umfassend
aufgeklärt werden.“ Sei das geschehen, müssten die nötigen Konsequenzen
gezogen werden.
Sie habe einige Fragen an Justiz und Sicherheitsbehörden, sagte Eralp. Dazu
gehöre die Frage, warum bei dem Attentäter nach einer früheren Verurteilung
unter anderem wegen des Versuchs, sich der Terrormiliz IS anzuschließen,
die Untersuchungshaft aufgehoben wurde. Geklärt werden müsse auch, warum es
Überwachungslücken gegeben habe, obwohl der Täter als islamistischer
Gefährder eingestuft gewesen sei. Ermittler hätten bereits viele
Befugnisse, sie müssten nur angewandt werden, sagte Eralp.
Bei dem Terroranschlag am Samstag hatte der Attentäter mit einem Auto
mehrere Passanten angefahren, bevor er – vermutlich mit einer Machete –
weitere Menschen verletzte. Eine Frau wurde getötet, 31 Menschen wurden
verletzt – einige von ihnen schwer. Abdul B. wurde dann am Sonntagabend von
Polizisten erschossen, nachdem sie ihn in einer Gartenkolonie gestellt
hatten. Am Vormittag beschäftigt sich der Innenausschuss des Berliner
Abgeordnetenhauses mit dem Anschlag.
## Sondersitzung des Berliner Innenausschuss'
Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Polizeipräsidentin Barbara
Slowik sollen deswegen dem Abgeordnetenhaus Bericht erstatten. Dazu kommt
der Innenausschuss des Landesparlaments zu einer Sondersitzung zusammen.
Spranger und Slowik müssen über die Maßnahmen der Polizei vor und nach dem
Anschlag Auskunft geben und auf Fragen der Abgeordneten antworten.
In der politischen Debatte über den Anschlag rückt die Prävention in den
Fokus. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Radikalisierung verhindern
lässt. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) stellt den Ländern dafür
mehr Geld in Aussicht.
In der Sondersitzung des Berliner Innenausschusses dürfte es unter anderem
darum gehen, ob beim Umgang mit dem polizeibekannten Islamisten und bei
seiner Überwachung Fehler gemacht wurden. Am Montag hatten Medien darüber
berichtet, dass [4][Abdul B. (21) vor der Tat vom Landeskriminalamt (LKA)
beobachtet wurde]. Die Kriminalpolizei überwachte ihn und eine gegenüber
seinem Wohnhaus installierte Kamera filmte ihn auch kurz vor der Tat, wie
Süddeutsche Zeitung (SZ) und die Sender NDR und WDR berichteten. Sein
Verhalten soll aber nicht darauf hingedeutet haben, dass er einen konkreten
Anschlag plante.
## SPD-Abgeordneter: Auf Ursachen des Terrors konzentrieren
Auch der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Hakan Demir sprach sich für
mehr Prävention aus. „Wir sollten uns auf die Ursachen des Terrors
konzentrieren und wo nötig, den Sicherheitsbehörden mehr Befugnisse geben
und die Präventionsarbeit – namentlich die politische Bildung – ausbauen
und nicht kürzen“, sagte er der dpa. „Wir müssen islamistischer
Radikalisierung ebenso wie jeder anderen Radikalisierung hier in
Deutschland entgegentreten.“
Zu [5][Aussagen von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und
CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze], aus dessen Sicht Gefährder keine
doppelte Staatsbürgerschaft mehr haben sollten, sagte Demir, ihn wundere,
„dass die Forderung jetzt aufkommt, nachdem ein deutscher Islamist mit
Migrationsgeschichte und einem Pass“ den schrecklichen Anschlag am Rande
des Berliner CSD begangen habe.
„Mit der SPD wird es keine Reform der doppelten Staatsangehörigkeit geben.
Wenn Menschen Verbindungen zu mehr als einem Land haben, ist es richtig,
dass sie auch mehrere Staatsangehörigkeiten haben dürfen“, betonte Demir.
## Antisemitismusbeauftragter: Sympathiebekundung strafbar machen
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte
eine Verschärfung des Strafrechts. „Seit langem setze ich mich dafür ein,
dass etwa Sympathiebekundungen für Terrororganisationen wieder strafbar
sind, so wie es bereits bis 2002 der Fall war“, sagte er dem
Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Den Anschlag bezeichnete Klein als „Angriff auf unsere demokratische
Grundordnung und unsere vielfältige, freiheitliche und offene
Gesellschaft“. „Wir dürfen nicht zulassen, dass von islamistischen
Gefährdern eine tödliche Bedrohung für Minderheiten in unserem Land
ausgeht.“ Zu diesen Minderheiten gehörten auch Jüdinnen und Juden.
## Mehrheit der Muslime lehnt Homosexualität ab
Der Islamexperte Bülent Uçar erwartet nach dem CSD-Anschlag in Berlin
nicht, dass die muslimische Community in Deutschland die dort
weitverbreitete Verurteilung von Homosexualität überdenken wird. Die
meisten Muslime lehnten Homosexualität klar ab, sagte der Professor für
Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück dem
Evangelischen Pressedienst. Das entspreche der Mehrheitsposition in allen
größeren islamischen Strömungen. Maßgebend seien dabei insbesondere
Textstellen in den sogenannten Hadithen und der Schrifttradition, die für
homosexuellen Verkehr die Todesstrafe fordern.
Die Hadithe und Gelehrtendiskurse zur Homosexualität müssten aus ihrer
Zeit, dem siebten und achten Jahrhundert, heraus verstanden und
historisch-kritisch eingeordnet werden, forderte Uçar. Sie seien „unter den
Rahmenbedingungen der Moderne neu zu lesen“. Eine tolerante Haltung zu
sexuellen Minderheiten in der Alltagspraxis lasse sich theologisch gut
begründen, wenn man andere „überzeitliche Stellen“ im Koran stärker
gewichte, etwa Sure 5, Vers 32: „Wenn jemand einen Menschen tötet, der
keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so
ist’s, als töte er die Menschen allesamt.“
Derzeit gebe es nur wenige Theologen, die eine solche Neuinterpretation der
Hadithe und der islamischen Rechtstradition zum Thema Homosexualität wagen.
Eine solche Auseinandersetzung müsse aber stattfinden, sagte Uçar: Sonst
wirkten Stellungnahmen, wonach der Islam mit islamistischen Anschlägen wie
in Berlin nichts zu tun habe, wie „Lippenbekenntnisse“.
Die religiösen Autoritäten müssten das Problem selbst erkennen, sagte der
Islamexperte. Weiterer gesellschaftlicher Druck helfe dabei nicht. Die
muslimische Community müsse derzeit ohnehin viel Kritik einstecken. „Uns
ist nicht geholfen, wenn wir die Gemeinden marginalisieren. Das führt
lediglich zur Selbstabschottung und Diskursverweigerung“, sagte Uçar.
29 Jul 2026
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