# taz.de -- Demografischer Wandel in Israel: Exodus
       
       > Israels Gründerväter träumten von einem sicheren, demokratischen,
       > säkularen Ort für Juden aus aller Welt. Heute wandern mehr JüdInnen aus
       > als ein. Warum?
       
 (IMG) Bild: Ein Passagier läuft durch die leere Halle des Flughafens Ben Gurion in Tel Aviv nach Beginn des USA-Israel-Iran-Krieges im April
       
       Moish Ekman und Gilad Kenan sitzen auf Stühlen, die nicht ihre sind. In
       Wohnungen nur für den Übergang. Moish Ekman in der israelischen Stadt
       Pardes Hanna: Vor der Schiebetüre zum Wohnzimmer liegt ein kleiner Garten
       mit Pool unter Palmen. Gilad Kenan in Berlin: Altbau mit Südbalkon in
       Prenzlauer Berg. Beide haben in den letzten zwölf Monaten ihre Heimat
       verlassen.
       
       Beide beginnen das jeweilige Gespräch zögerlich in der Landessprache, der
       eine auf Hebräisch, der andere auf Deutsch, bevor sie ins Englische
       wechseln. „Wir haben keine Zukunft gesehen“, sagt Ekman. Im vergangenen
       August sind seine Frau Jade und er mit ihren vier Kindern umgezogen. Kenan
       sagt: „Wir mussten weg, wir wollten das nicht für uns und unsere künftige
       Familie.“ Mit seiner Partnerin Carmel packte er im März 2026 die Koffer.
       
       Der australische Jude Ekman ging nach Israel. Der jüdische Israeli Kenan
       wollte nur noch weg von dort.
       
       Vor allem Kenans Weg wählen derzeit viele: Die Zahl der jüdischen Israelis,
       die das Land verlassen, steigt. Mehr als 82.000 zogen laut dem israelischen
       Amt für Statistik 2024 ins Ausland. Die Zahl der Einwanderer brach hingegen
       ein. [1][Unterm Strich verließen seither mehr Juden das Land, als
       hinzogen.] Das ist nicht nur ein historischer Einschnitt in der
       Einwanderungsgeschichte des Landes, es fordert auch das Selbstverständnis
       Israels als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden aus aller Welt heraus.
       
       Der Philosophie-Doktorand Gilad Kenan ist so israelisch, wie es nur geht.
       Er kommt aus der Stadt Rehovot südlich von Tel Aviv und wuchs in einer
       linken Mittelschichtsfamilie auf. Sein Elternhaus ist säkular und steht
       politisch der lange unangefochten regierenden Arbeiterpartei nahe, die
       mittlerweile Teil der Demokratischen Partei Israels ist. Seine Erziehung
       beschreibt er als „patriotisch und zionistisch“. „Ich habe an die
       Notwendigkeit eines jüdischen Staates als Lehre aus dem Holocaust
       geglaubt“, sagt der 40-Jährige.
       
       In der Berliner Wohnung hat er bisher vor allem seine Bücher ausgepackt. Im
       Regal stehen Werke von Slavoj Žižek und Hannah Arendt. Mit seiner feinen
       randlosen Brille und dem schmalen Oberlippenbart fügt er sich mühelos ins
       Berliner Straßenbild. Kenans Großvater stammt aus der Nähe von Trier, eine
       der Großmütter aus Lettland. „Ich habe mich persönlich mit dem Erbe der
       Schoah identifiziert.“ Statt drei verpflichtender Jahre blieb er fünf bei
       der Armee, wurde Offizier in der Geheimdienst-Eliteeinheit 8200.
       
       Auch der Immobiliengutachter Moish Ekman pflegt schon lange eine Verbindung
       zu Israel, allerdings ist die mehr religiös als ideologisch. Als Anhänger
       der Chabad-Bewegung innerhalb des orthodoxen Judentums hat er im neuen Haus
       in Pardes Hanna als Erstes ein Bild des verstorbenen Chabad-Rabbis Menachem
       Mendel Schneerson aufgehängt. Die Chabad-Bewegung betreibt weltweit
       Begegnungs- und Bildungszentren, um Jüdinnen und Juden unabhängig von ihrer
       religiösen Ausrichtung zusammenzubringen.
       
       Ekmans Urgroßeltern, ebenfalls Chabad-Anhänger, kamen im späten 19.
       Jahrhundert in einer der ersten zionistischen Einwanderungswellen aus
       Russland ins historische Palästina. Doch das Leben in der ländlichen
       osmanischen Provinz war hart, die jüdische Gemeinschaft klein. „Sie
       emigrierten 1912 wieder nach Melbourne und bauten dort die erste
       australische Chabad-Gemeinde auf“, sagt der 43-Jährige.
       
       Ekman folgt halb ihren Spuren, halb seiner viel weniger religiösen Frau
       Jade. Er ging als junger Mann für eineinhalb Jahre zum Thora-Studium nach
       Jerusalem. Sie besuchte die jüdische Schule in Melbourne und trat ebenfalls
       der Chabad-Bewegung bei. Später wurde für Jade Rudolf Steiner wichtiger als
       der Rabbi. Die Kinder kamen auf eine Waldorfschule, und Familie Ekman zog
       aus Melbourne in den von Hippie-Gegenkultur geprägten Ort Mullumbimby.
       
       Moish Ekman trägt auch heute noch Birkenstock-Sandalen. Unter seinem
       dichten Vollbart lächelt er viel. Unter einem Surfer-Hemd schauen die
       Fransen seines religiösen Zizithemds hervor. „Etwas hat uns dort gefehlt“,
       sagt Moish Ekman.
       
       Die aktuelle Auswanderungswelle aus Israel hingegen treiben besonders zwei
       Faktoren: Schon 2023 verließen viele Israelis das Land, nachdem die in
       Teilen rechtsextreme Regierung unter Benjamin Netanjahu ihren Angriff auf
       die unabhängige Justiz forcierte – wogegen es über Monate Massenproteste
       gab. Dann kam der blutige Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und traf
       ein schon zerrissenes Land, das sich seitdem fast pausenlos im
       Kriegszustand befindet, mitten ins Herz. Doch für Gilad Kenan begann das
       Nachdenken übers Auswandern schon vorher.
       
       „Die Risse in meinem Weltbild kamen viel früher“, sagt Kenan. Mitte der
       2010er Jahre sah er mit Freunden aus seiner Geheimdiensteinheit den Film
       „Das Leben der Anderen“. Als Soldat war er damals für die Überwachung von
       Palästinensern zuständig. Die Parallele zu dem ostdeutschen
       Stasi-Mitarbeiter, der im Film einen Künstler überwacht, lässt ihn nicht
       los. „Wir haben das Gleiche getan.“
       
       2014 veröffentlichte Kenan mit 42 anderen Soldaten der 8200-Einheit einen
       offenen Brief. Darin kündigten sie den Dienst, weil ihre Arbeit „politische
       Verfolgung und die Spaltung der palästinensischen Gesellschaft“ zur Folge
       habe.
       
       Kenan begann, Dialogkurse mit Palästinensern zu besuchen. Er fuhr mit
       besatzungskritischen NGOs ins Westjordanland. „Im Kopf blieben mir die
       banalen Details, die nirgendwo berichtet werden: etwa, dass aus einer
       Siedlung das ungeklärte Abwasser in das palästinensische Dorf darunter
       geleitet wurde.“
       
       Ihm sei damals klar geworden: Solange es die Besatzung gebe, müsse die Ruhe
       und Sicherheit der Israelis mit immer mehr Überwachung und Gewalt erzwungen
       werden. „Es war klar, dass es explodieren würde, und am 7. Oktober ist es
       explodiert“, sagt Gilad Kenan.
       
       ## Aliyah bedeutet „Aufstieg“
       
       Auch Moish Ekman war am 7. Oktober in Israel. Es war der erste Aufenthalt
       gemeinsam mit seiner Familie, er wollte den Kindern das Land zeigen. Die
       Ekmans überlegten ebenfalls seit Jahren schon, zu migrieren – Aliyah
       machen, wie man die Einwanderung von Juden nach Israel auf Hebräisch nennt:
       Aliyah bedeutet „Aufstieg“.
       
       Als in den Morgenstunden Tausende bewaffnete Hamas-Anhänger Dörfer im Süden
       des Landes überrannten, rund 1.200 Menschen massakrierten und 251
       verschleppten, war Familie Ekman zu Besuch in Tekoa, einer jüdischen
       Siedlung im Westjordanland, nach dem Völkerrecht illegal errichtet. Zehn
       Tage blieben die Eltern mit ihren Kindern. Bewaffnete Siedler und Soldaten
       beobachteten nach dem Massaker noch misstrauischer die palästinensischen
       Nachbardörfer.
       
       Ekman erzählt unaufgeregt: Er habe sich vor allem um die Kinder gekümmert
       und für die Soldaten ein Grillfest ausgerichtet. „Danach sind wir mit einer
       australischen Militärmaschine ausgeflogen worden.“ Die Aliyah-Pläne hätten
       er und seine Frau danach erst mal auf Eis gelegt.
       
       Anderen aber wurde gerade das Grauen des 7. Oktobers zum Anlass für einen
       Umzug nach Israel. Eve Karlin, eine jüdische US-Amerikanerin, gründete kurz
       nach dem Hamas-Überfall in den USA eine Initiative unter dem Namen „Stärke
       für Israel“ und sammelte etwa 18.000 Dollar für israelische
       Hilfsorganisationen. Als „laute und stolze Zionistin“ stehe sie „zu
       Israel“, schreibt die 39-Jährige damals in den sozialen Medien.
       
       Im Juni 2025, einen Tag vor dem Beginn des Zwölftagekriegs mit Iran, stieg
       sie in den Flieger und zog selbst in den jüdischen Staat. Auf Instagram
       zeigte sie sich am Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv, gehüllt in blau-weiße
       Israelflaggen.
       
       ## Vor allem gut gebildete, liberale Israelis wandern aus
       
       Bevölkerungszahlen waren schon immer ein wichtiger Faktor im
       Nahostkonflikt. Ein jüdischer Staat braucht eine jüdische
       Mehrheitsbevölkerung, so das vorherrschende Grundverständnis.
       Einschließlich des Gazastreifens und des Westjordanlands leben zwischen
       Jordan und Mittelmeer heute allerdings gut sieben Millionen jüdische
       Israelis und etwa ebenso viele Palästinenser. Ein Leben in einem
       gemeinsamen Staat – eine Einstaatenlösung – mit gleichen Rechten für alle
       kommt allerdings für viele jüdische Staatsbürger nicht in Frage.
       
       Doch der jüngste Exodus ist nicht nur ein Zahlenspiel: Wer geht, sind vor
       allem gut gebildete, liberale Israelis. Sie treibt, Umfragen zufolge, der
       Demokratieabbau aus dem Land sowie die enorm gestiegenen
       Lebenshaltungskosten und die Unsicherheit angesichts der scheinbar endlosen
       Kriege.
       
       Die Neuankömmlinge, besonders aus westlichen Ländern, kommen oft aus
       religiösen Gründen oder aus zionistischer Überzeugung. Die Gesellschaft
       verändert sich. Die liberale Mitte, die das Land lange auch wirtschaftlich
       getragen hat, bröckelt. Der nationalistische und religiöse Sektor wächst,
       auch weil zusätzlich zur Abwanderung die Geburtenraten dort weit höher
       liegen als im Landesdurchschnitt. Vielfalt und Demokratie leiden.
       
       Eve Karlin steht für diesen Zuwachs an nationalistisch-zionistischen
       Einwanderern aus dem Westen. Israel kannte sie schon seit ihrer Jugend,
       unter anderem durch sogenannte Birthright-Touren, bei denen jungen Jüdinnen
       und Juden aus der ganzen Welt eine zehntägige Reise durch Israel geschenkt
       wird. Das soll den Teilnehmenden ihr Anrecht auf ein Leben in Israel
       nahebringen.
       
       Dass auch andere Menschen dasselbe Recht haben, wird dabei meist völlig
       ausgeblendet. Auf dem Programm stehen die jüdische Kultur und die
       Geschichte Israels. Leitend ist das Narrativ von Israel als Schutzraum für
       Juden aus aller Welt. Oft begleiten israelische Wehrdienstleistende die
       Tour, auch, um Kontakte zu knüpfen.
       
       Eve Karlins Großmutter stammt aus Deutschland und entkam als Kind nur knapp
       den Nazis in die USA. Eve Karlin begleitete nach ihrer eigenen
       Birthright-Reise selbst mehrere solcher Touren. Nach einem Aufenthalt in
       einer Armeebasis schrieb sie 2020 unter einem Foto in Uniform: „Ich kann
       euch ehrlich sagen: Israel ist Zuhause.“
       
       Sie hatte der taz ein Interview zugesagt, ihre Einwilligung aber nach
       Nachfragen zu Israels Vorgehen in Gaza und dem Westjordanland
       zurückgezogen. Ihr weiterer Weg lässt sich anhand ihres öffentlichen
       Auftritts in den sozialen Medien nachvollziehen. Kurz nachdem sie im Juni
       2025 in die Maschine stieg, die sie über den Atlantik bringen sollte,
       starteten in Israel Kampfflugzeuge. Mit der Operation „Rising Lion“
       [2][begann Israel einen offenen Krieg gegen den Iran.]
       
       In Tel Aviv warnten kurz nach Karlins Landung die Sirenen vor anfliegenden
       iranischen Raketen. Eve Karlin fühlte sich bestätigt. „Ich bin einem Ruf
       gefolgt, den ich seit meiner ersten Reise als Teenager gefühlt habe“,
       schreibt sie und dokumentiert in den folgenden Monaten ihr Leben zwischen
       Bunker, Strand und Bars unter dem Hashtag “#makealiyah“.
       
       Über Monate blockierte die israelische Armee im Sommer 2025 die Einfuhr von
       Nahrungsmitteln in den Gazastreifen, bis dort in der Folge Menschen an
       Hunger starben. Karlin, die sich in ihren Social-Media-Profilen mit der
       Black-Lives-Matter-Bewegung solidarisierte, erwähnt die Situation in Gaza
       kaum – mit Ausnahme der israelischen Geiseln.
       
       Für Gilad Kenan hingegen werden ebendiese Monate der Hungerblockade zum
       entscheidenden Bruch. Während aus dem Küstenstreifen Bilder verzweifelter
       Menschen vor Essensausgaben kamen, fragte er sich: Wie soll das unserer
       Sicherheit helfen? Und er sah sich an die Geschichten seiner lettischen
       Großmutter erinnert. „Die Nazis haben ihre Familie ebenfalls in Lager
       gesteckt“, sagt Kenan, „keine großen Konzentrationslager, sondern kleine,
       temporäre, und dem Hunger überlassen. Wie können wir als Juden so etwas
       tun?“
       
       Gilad Kenan suchte damals nach Gleichgesinnten: „Ich habe jeden, den ich
       traf, gefragt: Seht ihr, was ich sehe?“ Es habe ihn nicht überrascht, dass
       „Rechte und Rassisten“ wenig Empathie aufgebracht hätten, sagt Kenan. Er
       habe nur nicht ertragen, dass Linke und Liberale untätig zusahen. „Damals
       ist in mir etwas zerbrochen.“
       
       Die Öffentlichkeit in Israel sei „abgekoppelt von der Realität“. Seine
       Nichte habe als Soldatin Kameradinnen in Gaza verloren, sein Bruder musste
       wegen Hisbollah-Angriffen fast zwei Jahre sein Haus an der Grenze zum
       Libanon verlassen. Auch er habe sich für die Rückkehr der Geiseln
       eingesetzt. Aber „den obsessiven Einsatz für die einen, während das Leid
       der anderen Seite keine Rolle spielt“, ertrug er nur schlecht. Mit seiner
       Partnerin Carmel zog er Anfang März 2026 schließlich nach Berlin.
       
       Offiziell trat im Oktober 2025 auf Druck der USA eine Waffenruhe im
       Gazakrieg in Kraft, alle noch lebenden Geiseln wurden freigelassen.
       Israelische Angriffe waren dennoch weiter an der Tagesordnung. Mindestens
       1.180 Menschen wurden seitdem laut dem palästinensischen
       Gesundheitsministerium getötet, die meisten von ihnen Zivilisten.
       
       Die Hamas weigert sich, ihre Waffen abzugeben, und Israels Armee drängt die
       zwei Millionen Bewohner des Küstenstreifens Hilfsorganisationen zufolge
       ohne ausreichende Versorgung auf immer engerem Raum zusammen. Mehrere
       UN-Gremien, Menschenrechtsorganisationen und Genozidforscher haben Israel
       seitdem Völkermord vorgeworfen.
       
       ## Was viele in Israel denken
       
       Familie Ekman entschied sich schließlich im Sommer 2025 für den Umzug. Kurz
       darauf erklärte die UN-gestützte IPC-Initiative offiziell, dass in Nordgaza
       eine Hungersnot herrschte. Die israelische Regierung wies das zurück. Nur
       wenige Wochen waren seit dem Krieg mit Iran vergangen. Die Hisbollah
       beschoss weiterhin den Norden Israels. Wollte Familie Ekman da nicht gleich
       wieder umdrehen?
       
       Moish Ekman winkt ab. Im Umkreis von Pardes Hanna zwischen Tel Aviv und
       Haifa gebe es kaum militärische Einrichtungen. Der Iran und die Hisbollah
       feuern ihre Raketen und Drohnen meist auf Ziele anderswo in Israel. In der
       grünen Kleinstadt Pardes Hanna, bekannt als Hippie-Hochburg, scheinen Krieg
       und Hunger weit weg. Zu Meditationszentren und selbstgebauten
       Pizza-Restaurants kommt in den vergangenen Jahren eine wachsende religiöse
       Gemeinde. Ekman arbeitet am Aufbau eines neuen Zentrums für die
       Chabad-Bewegung.
       
       Ende Februar 2026 dann starteten die USA und Israel einen weiteren Krieg
       gegen Iran. Die Ekmans haben an jenem Samstag Gäste zum Schabbat-Essen
       eingeladen. „Ich war sicher, dass niemand kommen wird, und habe den Tisch
       gar nicht gedeckt.“ Doch die Gäste kamen trotzdem. Der Krieg war zur
       Routine geworden, in der dank Raketenabwehrsystemen und Bunkern der Alltag
       für viele mehr oder weniger weiterging. „Für unsere Kinder war der Krieg
       schwer, die haben nachts bei uns geschlafen“, sagt Moish Ekman.
       
       Und die Berichte über Hunger und Kriegsverbrechen? „Lügen, wie sie in der
       Geschichte immer wieder gegen Juden erhoben wurden“, sagt Ekman.
       Internationalen Medien wirft er Doppelstandards vor. Seine eigenen
       Informationen beziehe er maßgeblich von einzelnen, dezidiert
       proisraelischen Reportern, etwa der ehemaligen Sky-News-Journalistin Erin
       Molan.
       
       „Wir tun, was wir tun müssen, um zu überleben“, sagt Moish Ekman. Damit
       spricht er aus, was viele in Israel denken. Es sei gut, dass das
       israelische Militär jetzt oft präventiv zuschlage. Das eigentliche Problem
       sei, „dass wir stets kurz vor dem Sieg gestoppt werden“. Damit klingt er
       ähnlich wie Regierungschef Benjamin Netanjahu, der, laut Ekman, seit dem 7.
       Oktober „Großartiges“ geleistet habe.
       
       ## Die Hoffnung auf ein „weniger militaristisches“ Israel
       
       Das iranische Regime sei der „Kopf der Schlange“, sagt Ekman. Wenn es
       falle, würden auch Hamas und Hisbollah ihren Rückhalt verlieren. Diese
       Hoffnung hegen viele in Israel, je klarer wird, dass weder in Gaza noch im
       Libanon rein militärischer Druck zu einem Sieg führen dürfte.
       
       Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sich diese Hoffnung erfüllen könnte.
       Trump und Netanjahu sind mit ihrem angekündigten Regimewechsel im Iran
       vorerst gescheitert. Teheran tritt weit selbstbewusster auf als vor dem
       Krieg. Die Blockade der Straße von Hormus für den Welthandel hat sich als
       schmerzhaftes Druckmittel erwiesen.
       
       Die Katastrophe in Gaza und die außer Kontrolle geratene Siedlergewalt
       gegen Palästinenser im Westjordanland untergraben indes Israels Ansehen in
       der Welt. Beim wichtigsten Verbündeten USA steht mittlerweile sowohl bei
       den Demokraten als auch bei den Republikanern die Unterstützung für Israel
       zur Debatte.
       
       Moish Ekman bleibt trotzdem optimistisch: „Ich denke, die Kriege werden
       bald vorbei sein“, sagt er. Er hofft danach auf weitere Annäherungen an die
       arabischen Nachbarländer [3][im Stile der Trump’schen Abraham-Abkommen].
       Und darauf, dass „Israel in 20 Jahren ein weniger militaristisches Land
       ist.“
       
       Tochter Keila kommt vom Töpferkurs nach Hause. Wie sieht sie den Umzug nach
       Israel? „Ziemlich blöd, aber ich verstehe meine Eltern auch“, sagt die
       18-Jährige. Deren Einschätzung, dass Israel der einzige Ort für eine
       jüdische Zukunft sei, stimmt sie nur zum Teil zu. „Ich selbst habe mich in
       Australien sicher gefühlt, aber ich weiß, dass es viele Jüdinnen und Juden
       dort anders sehen.“
       
       Moish Ekman hat der antisemitische Terroranschlag mit 15 Toten am
       Bondi-Beach bei Sydney vergangenen Dezember in seinem Entschluss bestätigt.
       Die Bedrohung sei aber nur einer von mehreren Gründen gewesen. „Wir
       wollten, dass unsere Kinder Hebräisch lernen und in einer Umgebung
       aufwachsen, in der eine jüdische Identität selbstverständlich ist“, sagt
       er.
       
       ## Heilen und trauern in Berlin
       
       Gilad Kenan in Berlin sagt: „Es ist in den vergangenen Jahren schwerer
       geworden, als Israeli im Ausland zu leben.“ Antisemitismus habe zugenommen,
       aber auch ganz zulässige Kritik an Israel, die viele Israelis mit
       Antisemitismus verwechseln würden. „Ich bleibe Israeli und muss weiter
       mittragen, was immer Israel tut.“ In Berlin habe er sich der Gruppe
       „Israelis for Peace“ angeschlossen.
       
       Mit dem Umzug sei eine große Last von ihm abgefallen, sagt Gilad Kenan. Er
       „heile und trauere gleichzeitig“. Berlin sei multikulturell, seine Freundin
       Carmel und er sprechen bereits einigermaßen Deutsch. Er habe einen
       hebräischen Chor gefunden, sagt Kenan. „Aber ich werde hier nie so zu Hause
       sein, wie in Israel.“
       
       Kenan nennt Berlin einen „Test“, die Chance auf Rückkehr aber sieht er
       düster. Die Polarisierung auch unter Jüdinnen und Juden in Israel wachse.
       Die Regierung treibt ihre Pläne zur Einschränkung der Justiz voran. Armee,
       Geheimdienste und Polizei sind schon heute von rechten Siedlern durchsetzt.
       Für ein Ende der militärischen Kontrolle der Palästinenser setzt sich
       selbst in der israelischen Linken kaum noch ein Politiker ein.
       
       Viele oppositionelle Israelis sehen die Wahlen am 27. Oktober als letzte
       Chance für einen Richtungswechsel. Moish Ekman in Pardes Hanna kann sich
       vorstellen, für Netanjahu zu stimmen. Gilad Kenan und seine Partnerin haben
       noch nicht entschieden, ob sie überhaupt noch an den Wahlen teilnehmen
       wollen. „Wenn wir gedacht hätten, dass die Wahlen dort noch etwas ändern,
       wären wir nicht gegangen“, sagt Kenan.
       
       10 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/israeli-emigration-remained-at-record-levels-in-2025-study-shows/
 (DIR) [2] /Israel-Iran-Krieg/!6094306
 (DIR) [3] /Golfstaaten-und-Israel/!5714540
       
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