# taz.de -- Israelischer Oppositionsführer: Er will es mit Bibi aufnehmen
> Gadi Eisenkot war Armeechef, jetzt ist er zum Hoffnungsträger vieler
> Netanjahu-Gegner geworden. Doch wenn es um Bekenntnisse geht, bleibt er
> sehr vage.
(IMG) Bild: Im Süden Israels aufgewachsen, als Sohn marokkanischer Einwanderer: Gadi Eisenkot
Bühnenpräsenz ist was anderes. Der aufstrebende Stern am Firmament der
israelischen Opposition, Gadi Eisenkot, spricht so, wie man es von einem
ehemaligen General und Militärchef erwarten könnte: monoton, stakkatohaft,
ab und zu ein paar Verhaspler. Er mag vom Chaos im Land sprechen, vom 7.
Oktober, von der Verzweiflung vieler Israelis, die ihr Land nicht
wiedererkennen – keine Höhen und Tiefen in seiner Stimme. Ganz anders der,
mit dem er es bei den Parlamentswahlen im Herbst aufnehmen will:
Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanjahu. Selbst mit dem Rücken zur Wand
vergisst der nie, wann eine rhetorische Pause ihren Zweck erfüllt, wann man
sich am besten wegduckt und wie man so viel Sicherheit ausstrahlt, dass man
jeden Krieg legitimiert kriegt.
Doch nicht alles ist schlecht an Eisenkots Gegenimage zu Netanjahu. Denn
das ist er vor allem: der Anti-Bibi. Nicht nur, aber auch in seinen
rhetorischen Fähigkeiten. Jüngste Umfragen sprechen für ihn. Eine Erhebung
des Fernsehsenders Reshet 13 prognostiziert Eisenkot und seiner
„Jashar“-Partei für die Wahlen im Herbst 23 Sitze, einen mehr als der
Partei seines Kontrahenten, Likud würde 22 erhalten.
Die Wahlen im Herbst sind existenziell für das Land, das in den letzten
Jahren so unfassbar viele einschneidende Ereignisse erlebt hat: die
Vereidigung der in großen Teilen rechtsextremen Regierung Ende 2022, die
verkündeten Pläne zum Staatsumbau eben dieser Regierung, der [1][Angriff
der Hamas auf Israel am 7. Oktober]. Und schließlich eine ganze Reihe von
Kriegen: mit der Hamas in Gaza, mit der Hisbollah im Libanon, den Huthis im
Jemen und schließlich auch mit dem Iran – Kriege, die bis heute nicht enden
wollen. Die Frage, wer die künftige Regierung stellen wird, hatalso
existenzielle Auswirkungen weit über Israel hinaus.
In Deutschland und anderen Ländern der Welt freilich dürfte Eisenkot kaum
jemand kennen. Den Israelis hingegen ist sein Gesicht wohlbekannt. Vier
Jahre lang, von 2015 bis 2019, war er der Chef der israelischen Armee,
einer Institution, die nach wie vor großes Vertrauen unter den Israelis
genießt.
Es war Netanjahu selber, der ihn zum Armeechef gemacht hat und seine
Errungenschaften gelobt hat. Eisenkot hat die sogenannte Dahiye-Doktrin auf
den Weg gebracht, eine Militärstrategie, die nach der Hochburg der
Hisbollah in den südlichen Vororten von Beirut benannt ist und die
Zerstörung ziviler Infrastruktur in Kauf nimmt, wenn es darum geht, Feinde
zu töten.
Gleichzeitig hat er sich immer wieder für klar definierte ethische Grenzen
des Militärs eingesetzt. Für Aufsehen hat er beispielsweise 2016 im Fall
Elor Azaria gesorgt, als der israelische Soldat Azaria einen
bewegungsunfähigen palästinensischen Angreifer inHebron erschossen hatte.
Eisenkot verurteilte die Tat scharf und pochte auf die Regeln zum Eröffnen
von Feuer – und stellte sich damit gegen eine ganze Riege von rechten
Politiker*innen, die Elor Azaria unterstützten.
2022 dann zog er in die Knesset ein, als Teil eines von ihm mit gegründeten
zionistisch-liberalen Bündnisses. Schon damals kritisierte er Netanjahu und
warnte davor, dass dessen extrem rechte Regierung, die bei diesen Wahlen
einen Sieg erzielte, unter anderem zum Zerfall des israelischen Militärs
führen könnte.
## Ein Aufsteiger
Doch dann kam der 7. Oktober kam, und Eisenkot trat gemeinsam mit seinem
damaligen Parteikollegen Benny Gantz, ebenfalls ehemaliger Armeechef, der
Kriegsregierung unter Netanjahu bei, auch um das Schlimmste abzuwenden.
Wenige Monate später jedoch kam der endgültige Bruch. Anfang 2024 soll
Eisenkot Netanjahu in einem Brief ans Kriegskabinett vorgeworfen haben,
keine operativen Entscheidungen zu treffen. Daher würden die strategischen
Ziele des Krieges gegen die Hamas ins Stocken geraten. Ein paar Monate
später trat er, wieder gemeinsam mit Gantz, aus dem Kriegskabinett aus.
Nun will er es mit Bibi aufnehmen. Dabei muss er sich gar nicht aktiv als
Gegenstück zu ihm inszenieren – er ist es schon. Zumindest in Teilen fußt
genau darauf seine Beliebtheit. Eisenkot ist in Eilat aufgewachsen, am
südlichsten Zipfel des Landes, als Sohn marokkanischer Einwanderer. Anders
als Netanjahu entstammt er nicht der Elite des Landes. Gerade unter den
misrachischen Wähler*innen, also denen aus arabischen und nordafrikanischen
Ländern, könnte das den Ausschlag geben.
Und dann wäre da noch ein Ereignis, das ihn auf schmerzhafte Weise der
Bevölkerung nahe bringt: Im Dezember 2023,drei Monate nach dem 7. Oktober,
starb sein Sohn als Soldat in Gaza bei der Explosion einer Sprengfalle.
Auch zwei seiner Neffen fielen. Er selber versucht, dieses Ereignis nicht
für seinen Wahlkampf auszuschlachten. Doch für die Israelis kommt es einem
– tragischen – Vertrauensbeweis gleich. Sie alle wissen nur zu gut, dass
Netanjahus Sohn Yair, der seinem Vater als rechter Influencer zur Seite
steht, die ersten Kriegswochen in Florida ausgesessen hat und auch nach
seiner Rückkehr nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurde.
Noch ist nichts entschieden. Die Bibisten halten nach wie vor zu ihrem
König, „King Bibi“. Immer wieder hört man es, im Bus, auf dem Markt und in
den Cafés und von der überwältigenden Mehrheit der Taxifahrer des Landes:
„Ja, er hat Fehler gemacht“, räumen sie ein: „Aber am Ende kann nur er für
unsere Sicherheit sorgen.“
## „f***ing crazy“
Der Glaube daran hält sich, allen furchtbaren Gegenbeweisen zum Trotz. Dem
7. Oktober zum Trotz, der ohne die Unruhen zum Staatsumbau und das Versagen
der Politik, so nicht geschehen wäre – das zumindest sagen Netanjahus
Gegner. Dieselben Gegner verweisen auf die Todesopfer auf israelischer
Seite, etwa bei Raketeneinschlägen aus dem Iran, denen selbst die im ganzen
Land installierten Bunker nicht standhielten. Doch weder dies noch ein
potenzieller Bruch zwischen US-Präsident Donald Trump und Netanjahu –
zuletzt soll Trump Netanjahu das Verhalten Israels im Krieg im Libanon als
„f***ing crazy“ bezeichnet haben – Netanjahus Wähler halten zu ihm wie die
meisten derJünger zu Jesus.
Auf der einen Seite also der robuste Netanjahu-Block, auf der anderen Seite
die Umfragewerte, die auf Eisenkot zeigen. Hört man sich jedoch auf den
Straßen um, ist es schwer, diejenigen zu finden, die ohne Zweifel dem
Ex-Militärchef ihre Stimme geben wollen.„Schafft Eisenkot das wirklich
allein?“, fragen sich viele. Sie meinen: Hat Eisenkot den Killer-Instinkt?
Beherrscht er, der erst vor vier Jahren in die Politik eingestiegen ist,
nicht nur die Analysemilitärischer Strategien, sondern auch das israelische
Haifischbecken der Politik? Kann er es wirklich mit Netanjahu aufnehmen? Er
wäre nicht der Erste, der von Netanjahu in der Politik zerquetscht würde.
Viele ziehen in ihrer Sorge Analogien zu Aufstieg und Fall von Benny Gantz
– auch er war einst Militärchef, stieg in die Politik ein, reichte 2020
Netanjahu zu einer Einheitsregierung die Hand, um Israel aus einer
wiederholten Pattsituation zu bringen. „Selbstaufopfernd fürs Land“ sagen
die einen, „schön blöd“ die anderen. Als er dran gewesen wäre, von
Netanjahu in der Regierungshalbzeit den Regierungsvorsitz zu übernehmen,
war die Regierung längst in sich zusammengebrochen – und Gantz’
Umfragewerte sanken etwa auf das Niveau des Toten Meeres, 430 Meter unter
dem Meeresspiegel.
## Auf die arabischen Parteien angewiesen
Die wohl konzertierte Kampagne des Bibi-Lagers gegen Eisenkot läuft
selbstredend schon: In den sozialen Medien mokieren sie sich über das
Englisch des Herausforderers, das solide, aber mit schwerem Akzent ist, und
nicht wie bei Bibi an amerikanischen Universitäten trainiert. In
KI-generierten Videoclips wird Eisenkot neben Politikern hauptsächlich
arabisch geprägter Parteien abgebildet. Darüber heißt es: „Es gibt keinen
Gadi [Eisenkot] ohne die Araber.“
Sie wollen Eisenkot freilich als „Linken“ diffamieren, als einen, dermit
arabischen Parteien koaliert – nach dem 7. Oktober stößt dieseVorstellung
bei vielen Israelis auf noch weniger Gegenliebe als zuvor. Doch wie es
effektive Kampagnen so an sich haben, zielen sie oft auf eine tatsächlich
entscheidende Frage ab: Wie hältst du es mit den palästinensischen
Israelis?
Sämtlichen Umfragen zufolge wäre Eisenkot auf eine Koalition mit den
arabischen Parteien, die möglicherweise in einer Einheitsliste antreten
werden, angewiesen; denkbar wäre auch eine Unterstützung von außen. Ganz
ohne sie wird es nicht gehen. Das sieht auch Eisenkot, aber bleibt in
seinen öffentlichen Äußerungen dazu uneindeutig: Er kündigt keine Koalition
mit ihnen an – schließt sie jedoch auch nicht aus.
Uneindeutig ist er nicht nur in Hinblick auf Koalitionsoptionen. „Wer ist
Eisenkot eigentlich? Wofür steht er? Er sagt nie etwas über sich“, sagt ein
Mann an seinem Verkaufsstand auf einem Flohmarkt im Zentrum von Tel Aviv.
Diese Vorwürfe hört man oft. Der Anti-Bibi zu sein ist seine Agenda, das
muss reichen. So dürfte Eisenkots Rechnung lauten. Eine radikale
Richtungsänderung wird es mit ihm nicht geben, zumal er damit keinen
Blumentopf gewinnen würde. Der Wind in Israel steht auf Sicherheit, nicht
auf Dialog mit Palästinensern.
## Keine alternative Vision
Eine der Gretchenfragen zumindest beantwortet er dann doch:
„Einpalästinensischer Staat ist nach dem 7. Oktober irrelevant“,
sagteEisenkot in einem Fernsehinterview. Gleichzeitig erteilte er
Ambitionen von Siedlergruppen, die aufs Engste mit einigen
Regierungsparteien verbunden sind, auch Gaza zu besiedeln, eine Abfuhr.
Geht es nach Eisenkot, geht es gemäßigt vor. Irgendwie moralisch, aber auch
nicht zu links für die Wähler – was auch immer links in diesem Land noch
bedeutet.
Denn selbst dort, links der Mitte und links von Eisenkot, ist
dieüberwiegende Mehrheit unfähig oder nicht willens, eine alternativeVision
aufzubauen. Die gesamte Opposition, also vor allem dieArbeitspartei und
Meretz, mit einziger Ausnahme der arabischen Parteien, schreckt davor
zurück, die Besatzung zu einem Thema zu machen.
Schließlich im Flugzeug zurück auf dem Weg nach Deutschland lässt sich eine
Person finden, die ohne Zaudern Eisenkot ihre Stimme geben will. Sie ist
Mitte fünfzig, einer ihrer Söhne war als Soldat in Gaza, der andere ist
jetzt im Libanon. Sie hat furchtbare Angst um ihn, jede Minute. Sie würde
sich wünschen, dass sie sich jenseits dieser Angst nicht auch noch fragen
müsste: „Für wen ziehen meine Söhne gerade in den Krieg? Für das Land oder
zu Netanjahus Zwecken? Für unsere Sicherheit oder für eine Regierung, die
durch und durch korrupt ist?“
Sollte Eisenkot nach den Wahlen eine Regierung stellen können, wird es wohl
keine radikale politische Richtungsänderung geben. Wohl aber würde sich
dies ändern: Regierungsentscheidungen dürften nicht mehr von den
persönlichen Zielen des Regierungschefs abhängen. Und je nachdem, aus
welcher Perspektive man es betrachtet, ist das sehr wenig – oder sehr viel.
1 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Untersuchungskommission-zum-7-Oktober/!6177343
## AUTOREN
(DIR) Judith Poppe
## TAGS
(DIR) Israel
(DIR) Palästina
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Benjamin Netanjahu
(DIR) Israel
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Tempelberg
(DIR) Rüstungsexporte
(DIR) Libanon
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Demografischer Wandel in Israel: Exodus
Israels Gründerväter träumten von einem sicheren, demokratischen, säkularen
Ort für Juden aus aller Welt. Heute wandern mehr JüdInnen aus als ein.
Warum?
(DIR) Wahlen in Israel: Die Schlacht um die Wahlkabine hat begonnen
Die israelische Regierungspartei Likud tut sich vor den Wahlen im Oktober
mit versuchter Einflussnahme hervor. So soll etwa der Diaspora die Anreise
erschwert werden.
(DIR) Trotz Verbot: Israels Minister Ben-Gvir provoziert mit Gebet auf Tempelberg
Sicherheitsminister Ben-Gvir betet mit über 1.000 Gläubigen auf dem
Tempelberg in Jerusalem – trotz Verbot. Es ist nicht die erste Provokation
dieser Art.
(DIR) Rüstungsgeschäfte beim Nato-Gipfel: Netanjahu warnt die USA vor Kampfjet-Deals mit der Türkei
Israels Premier ist beunruhigt, dass Trump der Türkei F-35-Kampfjets oder
Triebwerke zusagt. Doch der US-Präsident will die Beziehungen zu Erdoğan
verbessern.
(DIR) Israels Pläne im Libanon: Christliche Gemeinden widersprechen Netanjahu
Im Süden des Libanon wollen einige christliche Dörfer von Israel annektiert
werden, behauptet Premier Netanjahu. Doch die weisen das kategorisch
zurück.