# taz.de -- Bedrohung der liberalen Demokratie: Macht es bum in Sachsen-Anhalt?
> Nicht nur Ostler wollen, dass es jetzt mal richtig kracht. Das ist eine
> gefährliche Sehnsucht.
(IMG) Bild: Für mehr Wähler teilt Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Schulze gegen die Bundesregierung aus
Nicht nur Ostler wollen, dass es jetzt mal richtig kracht. Bum, AfD gewinnt
die Wahl und womöglich die absolute Mehrheit in Sachsen-Anhalt – und dann
passiert endlich was. Egal was. Hauptsache was. Weil sonst, so geht der
betreute Gedanke, passiert ja nur was für Wessis und die da oben.
Dieses Grundbedürfnis nach dem Bum haben sie in und um Sachsen-Anhalt nicht
exklusiv: Bei der CDU sehnen sich manche danach, dass es kracht und man
sich damit aus dem Ist-Zustand und der schwierigen Koalition befreien kann,
bei der SPD selbstverständlich auch. Wie wäre es denn, wenn man Merz
rauswirft hier und Klingbeil und Bas dort? Bum, bum, bum. Und plötzlich
gäbe es Luft zum Atmen und Raum für etwas Neues, Besseres?
Ich gehe davon aus, dass fast alle wissen, dass sich die Rahmenbedingungen
einer liberalen Demokratie, besonders die Notwendigkeit zu Kompromissen in
einer Regierungskoalition, nicht durch symbolische Personalentscheidungen
ändern lassen – aber manchmal sind die Gefühle einfach stärker. Man
schindet damit ein paar Wochen Zeit bei den Leuten und den Medien, die auch
wissen, dass das nichts bringt, sich aber stets gern ablenken lassen.
So gesehen könnten die Regierungsparteien ihre Top-Führungskräfte am besten
schon Mitte August rauskanten, dann könnte die Mediengesellschaft drei
Wochen Leitartikel, Reels, Poesiealbumsprüche produzieren. Für die Wahl in
Sachsen-Anhalt wird das kaum helfen.
## Rückzug aufs Nationale
Neben dem sinnlosen Personal- statt nötigem Politikwechsel gibt es zwei
weitere Moves, mit denen gern agiert wird, um Hilflosigkeit zu
verschleiern. Der eine ist die Ansage, die Partei müsse zu ihren
„Kernthemen“ zurück. Der andere ist der Trick, einen „Außenseiter“ an die
Spitze der Partei zu stellen, der sagt, dass es so nicht weiter gehe. Wenn
man sich die Lage über Deutschland hinaus anschaut, dann sieht man, dass
der „Außenseiter“ der erfolgreiche Typus der Zeit ist: AfD, Le Pen, Meloni,
Mélenchon, zeitweise Wagenknecht.
Das Problem ist, dass immer mehr Außenseiter von jenseits der liberalen
Demokratie das „Establishment“ angreifen. Dieses Establishment sind im
populistischen Denken europäisch und transnational ausgerichtete
Mitte-Parteien, die für die liberale Moderne und relativ offene
Gesellschaften, Grenzen und Märkte stehen, also Grüne, SPD, die Union im
Westen. Dagegen steht ein regressiver, stets antieuropäischer und teilweise
völkischer Rückzug auf das Nationale, der offenbar auf Gefühlsebene von
hoher Anziehungskraft ist. Macron war der einzige Außenseiter, der mit
radikalem Europäertum die Wahl gewann. Die Kollateralschäden sind leider
beträchtlich.
In ihrer Angst greifen die liberal-demokratischen Parteien mittlerweile
auch sich selbst an. Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Schulze teilt in
der Hoffnung auf eine Handvoll Wähler gegen Bundesregierung, Bundespartei
und die eigenen Werte aus. Der Konservative Boris Johnson war mit
Antieuropa zeitweise erfolgreich, und jede neue Labour-Hoffnung, nun auch
Burnham, steigt auf mit Kritik an der eigenen Partei. Man habe die
„einfachen Leute“ vergessen, heißt es häufig.
Nun ist Selbstkritik dringend nötig und Politik für
Globalisierungsverlierer eh, aber es verstärkt auch den von illiberalen
Systemsprengern gewollten Eindruck einer negativen Verbindung zwischen
Globalisierungsgewinnern („Establishment“) und Europa gegen – je nachdem –
die armen Arbeiter oder das aufrechte Volk. Wer dann auch noch Klimapolitik
zur Bewahrung der gemeinsamen Lebensgrundlagen thematisiert, wird vollends
als asoziale Elite eingestuft.
Was heißt das jetzt alles für Sachsen-Anhalt? Ich fürchte, es heißt: Bum.
8 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
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