# taz.de -- Susan Sziborra-Seidlitz: Die Grünen sind im Aufwärtstrend
> Als die Grünen ihre Spitzenkandidatin wählten, lagen sie in Umfragen nur
> bei 3 Prozent. Jetzt haben sie 6 Prozent. Zahlt sich ihr Optimismus aus?
(IMG) Bild: Susan Sziborra-Seidlitz die Grüne Hoffnung in Sachsen-Anhalt
In den ersten zwanzig Minuten sagt [1][Susan Sziborra-Seidlitz] erst mal
nichts. Die Spitzenkandidatin der [2][Grünen sitzt im Kreishaus Genthin],
einer Kleinstadt im Nordosten Sachsen-Anhalts, ganz links außen auf dem
Podium. Noch ist das Mikrofon nicht bei ihr. Der Saal ist zur Hälfte
gefüllt, etwas mehr als 30 Menschen sind gekommen, ein Dutzend von ihnen
trägt blau-weiße T-Shirts mit AfD-Logo.
Das Thema an diesem Donnerstagabend im August ist nicht die [3][anstehende
Landtagswahl am 6. September]. Es geht um das Gesundheitswesen in Genthin.
Seitdem 2017 das Krankenhaus der kleinen Stadt geschlossen hat, fehlt es an
Gesundheits- und Notfallversorgung. Ein Mann erzählt, im ganzen Landkreis
gebe es keinen einzigen Urologen. Eine Frau berichtet, wie sie für die
Behandlung eines komplizierten Handgelenkbruchs ins Nachbarbundesland
Brandenburg musste.
Auf dem Podium nicken verständnisvoll Vertreter:innen von Linken, SPD,
CDU und AfD sowie die Bürgermeisterin und der Landrat. Sziborra-Seidlitz
beugt sich über ihre Mappe und macht sich Notizen. Mit Gesundheitsthemen
kennt sich die gelernte [4][Krankenpflegerin] aus. „Der beste Beruf der
Welt“, wie sie sagt. Im Landtag ist die 48-Jährige bislang die Expertin
ihrer Fraktion zu dem Thema.
Als die Grünen im vergangenen November Sziborra-Seidlitz zur
Spitzenkandidatin wählten, stand ihre Partei in Umfragen bei 3 Prozent.
Seitdem stieg sie unermüdlich auf Podien und wiederholte: Schaffen es die
Grünen in den Landtag, erschwert das eine AfD-Regierung. Lächelnd sagt
Sziborra-Seidlitz das. Sachsen-Anhalt sei ein „wunderbares Land“ mit
engagierten Menschen, das solle so bleiben. Auf ihren Oberarm hat sie sich
die antifaschistische Losung „No pasarán“ tätowieren lassen. Zu Deutsch:
Sie werden nicht durchkommen.
Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt investieren die Grünen genauso viel Geld wie
die AfD: rund 1,5 Millionen Euro. Von den 42 Prozent, die die
national-autoritäre Partei hat, sind sie immer noch weit entfernt. Trotzdem
hat sich das Blatt etwas gewendet. Laut der Mittwochabend veröffentlichten
Umfrage von Infratest dimap stehen die Grünen bei 6 Prozent, haben die FDP
hinter sich gelassen und das BSW überholt. Ein Aufwärtstrend.
Durch die Glasfront heizt die Sonne den kleinen Saal in Genthin ordentlich
auf. Dann erhebt sich in der ersten Reihe ein weiterer Mann. Er habe sich
letztens eine Platzwunde zugezogen, eigentlich kein Fall für den einzigen
Rettungswagen in Genthin, der solle schließlich für echte Notfälle
verfügbar sein. Der Mann redet schnell. Seine Familie sei nicht da gewesen,
die Nachbar:innen nicht erreichbar. „Was soll ich denn machen?“ Also
habe er doch den Rettungswagen gerufen, sagt er. Es klingt wie ein
Geständnis.
Nach fast einer halben Stunde wandert das Mikrofon im Kreishaus zu
Sziborra-Seidlitz. Sie fasst zusammen: Im Landkreis zeige sich, was
passiere, wenn eine Regierung den Strukturwandel verschlafe. Dabei könne
die kleine Stadt zum Vorbild für andere Regionen in Sachsen-Anhalt werden.
In ihrem Studium der „Interprofessionellen Gesundheitsversorgung“ habe
Sziborra-Seidlitz mögliche Ansätze kennengelernt. Daran könne man sich
orientieren. Applaus bekommt sie keinen.
Anders läuft es für Sziborra-Seidlitz etwa, als sie auf dem CSD in
Magdeburg auftritt. In der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt sind Mitte
August mehrere Tausend Menschen auf der Straße. Regenbogenfahnen, laute
Musik und auf dem Wagen der Grünen: die Spitzenkandidatin mit breitem
Lächeln. In einem kurzen Clip bei Instagram betont sie: „Das ist
Sachsen-Anhalt, und nicht die Faschisten, die sich gerade versuchen, hier
die Macht zu erschleichen.“
Ursprünglich kommt Sziborra-Seidlitz aus Ost-Berlin, dort hörte sie Punk
und war nach der Wende für die PDS aktiv. Nachdem sie 2008 ihrem Mann nach
Quedlinburg gefolgt war, wurde sie Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Von
2016 bis 2021 war sie Vorsitzende der Partei in Sachsen-Anhalt und wurde es
vergangenes Jahr erneut.
AfD-Politiker in Aktion erlebt Sziborra-Seidlitz, seitdem sie 2021 in den
Landtag eingezogen ist. Vorn am Redepult erntet sie regelmäßig Zwischenrufe
von rechts außen. Sie selbst sagt über die AfD-Fraktion im Landtag: „Da
geht es zu wie auf dem Pavianfelsen. Geheule und Gejohle.“ Warum will sie
trotzdem noch mal in den Landtag? „Weil ich nicht bereit bin, diesen Typen
das Land zu überlassen.“
Die AfD-Fans im Kreishaus von Genthin bleiben während ihrer Redebeiträge
die meiste Zeit ruhig. Nur an einer Stelle bekommt sie grummelnden
Widerspruch: Als es um Ärzt:innen mit Migrationshintergrund geht. „Die
haben Angst vor dem Ausgang der Wahl“, warnt Sziborra-Seidlitz. Falls die
AfD gewinnen sollte, würden viele das Land verlassen. Ein Mann entgegnet
ihr, das sei in Genthin kein Thema. Er trägt ein weißes T-Shirt, darauf ein
Bild von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund samt Unterschrift.
Sziborra-Seidlitz lässt das nicht einfach stehen: „Sprechen Sie doch mit
den Ärzten bei Ihnen mit Migrationshintergrund, ob die bleiben wollen.“
Danach ist es kurz still.
Auch bei der TV-Debatte des Mitteldeutschen Rundfunks am Mittwochabend
fällt Sziborra-Seidlitz einem AfD-Mann ins Wort – dieses Mal ist es
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund selbst. Als der beginnt,
Bildungsprobleme in Sachsen-Anhalt aufzuzählen, fragt sie: „Und das lösen
Sie wie?“ Siegmund dreht sich zu der Grünen, gibt aber als Antwort nur
weitere Problembeschreibungen, sie wiederholt ihre Frage – bis die
Moderation dazwischengeht.
In Genthin zirkulieren hingegen mehrere Lösungsvorschläge. Pendelnde
Ärzt:innen, Investitionen, ein Gemeindenotfallsanitäter. Doch als sich nach
anderthalb Stunden erneut eine Bürgerin meldet und um ein konkretes Datum
bittet, ab dem es besser würde, bekommt sie nur entschuldigendes
Kopfschütteln. „Es ist nicht seriös, ein Datum zu versprechen, es tut mir
leid“, sagt da auch Sziborra-Seidlitz.
Ein anderes Versprechen geht ihr leichter über die Lippen. Zum Beispiel
beim CSD in Magdeburg schwört sie, dass die AfD in Sachsen-Anhalt nicht
regieren werde. Dafür bekommt sie Applaus. Aber was ist, wenn es die Grünen
nicht in den Landtag schaffen? Sziborra-Seidlitz schüttelt im Gespräch mit
der taz den Kopf. Gegen die AfD würde sie weiterhin kämpfen, dann eben
außerhalb des Parlaments. „Sachsen-Anhalt ist meine Heimat geworden.
Natürlich bleibe ich.“
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vor-der-Landtagswahl-in-Sachsen-Anhalt/!6177528
(DIR) [2] /Gruenen-Chef-in-Sachsen-Anhalt/!6204462
(DIR) [3] /Vor-der-Wahl-in-Sachsen-Anhalt/!6207564
(DIR) [4] /Krankenpfleger-ueber-seinen-Beruf/!6162880
## AUTOREN
(DIR) David Muschenich
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Bündnis 90/Die Grünen
(DIR) Krankenpflege
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Kolumne Die eine Frage
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Zuwachs für das antifaschistische Bollwerk
Eine neue Umfrage zeigt leichte Zugewinne für SPD und Grüne. Die könnten
wahlentscheidend sein. Ohne Umfragen wären Wähler:innen
orientierungslos.
(DIR) Bedrohung der liberalen Demokratie: Macht es bum in Sachsen-Anhalt?
Nicht nur Ostler wollen, dass es jetzt mal richtig kracht. Das ist eine
gefährliche Sehnsucht.
(DIR) AfD-Niederlagen im Kommunalen: Weiter kein AfD-Landrat in Sachsen-Anhalt
Im Saalekreis wollte die AfD ihren ersten Landrat stellen, doch es gewinnt
ein CDU-Mann. Nicht die einzige Niederlage für die Partei.