# taz.de -- Fußball als Metapher: Steht unser WM-Aus für das ganze Land?
       
       > Die Aufarbeitung ist dringend nötig, aber eben fußballfachlich. Den
       > Scheißdreck über angeblich fehlende „deutsche Tugenden“ kann man sich
       > sparen.
       
 (IMG) Bild: Geplatzte Träume, aber das Leben geht weiter und es gibt Wichtigeres
       
       Über die Jahre habe ich schöne Stunden damit verbracht, die Parallelen
       zwischen Deutschland, dem Land, und Deutschland, dem Fußballteam, zu
       untersuchen. Hab Norbert Seitz gelesen („Doppelpässe. Fußball und
       Politik“), Helmut Böttiger („Kein Mann, kein Schuß, kein Tor“) und hab mit
       Daniel Cohn-Bendit alles rauf- und runterdiskutiert. Und was soll ich
       sagen? Das ist lustig, aber es bringt inhaltlich null.
       
       Der WM-Titel 1954 wurde in seiner gesellschaftlichen Bedeutung überschätzt.
       Erst recht die Pässe und Haare von Günter Netzer, die angeblich Brandts
       Politik und die Freiheitsbewegung der 68er symbolisierten. Die
       Parallelitäten des dauerbeleidigten Spießerpärchens Kohl–Vogts in den 90ern
       dito. Die wirklichen Reformen von Jürgen Klinsmann und Joachim Löw brachten
       ab Mitte der Nullerjahre ein geiles Fußballteam und eine völlig neue
       Begeisterung für diese, nun „unsere“ Nationalmannschaft, wurden aber von
       keiner politischen oder gesellschaftlichen Dynamik begleitet.
       
       Wenn man sich nun die – gern auch geheuchelte – Aufregung der vergangenen
       Woche über das [1][Ausscheiden des DFB-Teams im WM-Sechzehntelfinale]
       anschaut, dann merkt man schnell, dass ein jeder sein Süppchen auf diesem
       Feuerchen kochen will: Fußballbranche, Parteien, Influencer, die mediale
       Unterhaltungs- und Politikunterhaltungsbranche (also wir),
       rechtspopulistische Büchsenspanner.
       
       Im Kern hat sich die Mediengesellschaft mal wieder selbst geschaffen,
       worüber sie sich dann aufregt: Erst sind wir nach dem Sieg über (sic!)
       Curaçao fast schon [2][Weltmeister], [3][Undav] ist der neue Messi, Nmecha
       ist Superweltklasse. Dann stellt sich raus, dass die Jungs schon ganz gut
       sind, aber halt nur gegen Curaçao gut genug. Na ja.
       
       ## Zu alt, zu langsam, zu lasch?
       
       Die Aufarbeitung ist dringend nötig, aber eben fußballfachlich. Den Rest,
       angeblich fehlende „deutsche Tugenden“ in Team und Gesellschaft, angebliche
       ethnische, sittliche, charakterliche, patriotische Defizite, Analogien zur
       „Wirtschaft“, diesen ganzen Scheißdreck kann man sich sparen.
       
       Nun könnte man entgegnen, mit der Nationalmannschaft werde stellvertretend
       die dringend notwendige Diskussion geführt, wer wir als
       bundesrepublikanische Gesellschaft sind und was wir eigentlich noch wollen?
       
       Nein, wird sie eben nicht.
       
       Sie wird ausgelagert und läuft darauf hinaus, dass „die“ nicht mehr gut
       genug sind, zu alt, zu langsam, zu lasch, zu satt, zu asozial, zu
       egoistisch. „Die“ sind immer die anderen, die Fußballer, die Politiker, die
       Parteien, die Unternehmer, die Arbeiter.
       
       Don’t get me wrong: Ich freue mich wirklich, wenn wir eine großartige
       Nationalmannschaft haben. Aber deren Probleme zu lösen, ist, als würde man
       auf der „Titanic“ prioritär die Kapelle quotieren. Wünschenswert, aber das
       interessiert den Eisberg nicht.
       
       Die Fragen einer notwendigen gesellschaftlichen Diskussion finden sich in
       zwei Buchtiteln: „Wer sind wir?“ von Joschka Fischer und „Wer wir sein
       könnten“ von Robert Habeck. „Wir“ meint uns und unsere Milieus, aber als
       Teil einer liberaldemokratischen Mehrheit. Das ist der entscheidende
       Paradigmenwechsel des Zeitenbruchs: Wir sind keine Kritiker am
       Spielfeldrand, wir sind keine „Zivilgesellschaft“, wir sind keine
       Anti-Dingsbums, keine „System“-Zerstörer, wir liegen nicht in Wackersdorf
       oder Lützerath im Widerstand.
       
       Wir sind Akteure in der Verantwortung, mit allen Andersdenkenden der
       liberalen Mitte gemeinsam eine Gesellschaft, Wirtschaft, Politik in
       Deutschland und Europa hinzubekommen, die es nicht nur mit Paraguay,
       sondern mit Russland, China und zur Not auch den USA aufnehmen kann. Die
       Fragen, die wir diskutieren müssen, lauten: Wie kriegen wir das hin und was
       kann ich dazu beitragen?
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Debatte-ueber-WM-Aus-fuer-Deutschland/!6192204
 (DIR) [2] /Niederlage-der-DFB-Elf-Daemlicher-deutscher-Hochmut/!6192046
 (DIR) [3] /DFB-Team-gewinnt-gegen-Elfenbeinkueste/!6189341
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Die eine Frage
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Friedrich Merz
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Christentum
 (DIR) Kolumne Die eine Frage
 (DIR) Kolumne Die eine Frage
 (DIR) ICE
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Kolumne Materie
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Fußball und Missionierung: Jubeln für Gott
       
       Der Torjubel als Missionarsarbeit: Evangelikale Netzwerke nutzen die
       Strahlkraft des Profifußballs, um Jugendliche für ihren Glauben zu
       gewinnen.
       
 (DIR) Bedrohung der liberalen Demokratie: Macht es bum in Sachsen-Anhalt?
       
       Nicht nur Ostler wollen, dass es jetzt mal richtig kracht. Das ist eine
       gefährliche Sehnsucht.
       
 (DIR) Videobeweis beim Fußball: War der Ball in Wembley 1966 doch drin?
       
       Der Videobeweis schafft die Illusion, Gerechtigkeit herzustellen. Das
       verkennt völlig, wie sehr Fußball von Zufällen und Ungerechtigkeiten
       abhängt.
       
 (DIR) WM-Aus für Deutschland: Merz prahlen sehen, während er den Sozialstaat zerlegt?
       
       Das gescheiterte DFB-Team ist genau das Team, das Deutschland und seine
       herrschende Klasse verdienen. Es ist zum Schämen.
       
 (DIR) Bekenntnis eines WM-Boykotteurs: WM? Ohne mich!
       
       Unser Autor ist Fußballfan und brennt für seinen Verein. Mit dieser Fifa-WM
       will er nichts zu tun haben. Aber das ist gar nicht so einfach.
       
 (DIR) Weltmeisterschaft und Weltpolitik: Ein Trikot ist nicht das letzte Hemd
       
       Der Bundeskanzler hat Donald Trump unbeholfen ein Fußballtrikot überreicht.
       Peinlich! Sonst aber lief es diese Woche recht gut für Friedrich Merz.
       
 (DIR) Union und Grüne: Esst mal wieder Pizza
       
       Schwarz-Grün? Davon wurde schon vor 30 Jahren geträumt, doch es klappte im
       Bund nie. Dabei hätte das was – wenn das Bündnis komplementär gedacht wird.