# taz.de -- Schwulenverband der Union zum Fall Spahn: „Die Debatte ist nicht nur schwarz und weiß“
> Sönke Siegmann, der Vorsitzende des Verbands der Lesben und Schwulen in
> der Union, fordert eine Diskussion über altruistische Leihmutterschaft.
(IMG) Bild: Jens Spahn (r.) und sein Ehemann Daniel Funke
taz: Jens Spahn ist als Unionsfraktionsvorsitzender zurückgetreten,
[1][weil er über eine Leihmutterschaft Vater geworden ist.] War dieser
Schritt notwendig?
Sönke Siegmann: Ja, letztlich war es konsequent. Er war politisch gegen
Leihmutterschaften, hat sich privat aber anders entschieden. Das kann ich
menschlich verstehen, politisch ist es falsch.
taz: Was hätte er anders machen müssen?
Siegmann: Ich hätte erwartet, dass er spätestens dann, als die CDU im
Februar auf ihrem Bundesparteitag über Leihmutterschaft diskutiert hat,
aufgestanden wäre und seine geänderte Meinung eingebracht hätte. Er hätte
sagen können, dass es zu diesem Thema unterschiedliche Sichtweisen geben
kann und dass sich bei ihm da etwas verändert hat. Das hat er nicht getan.
taz: Spahn hat seinen Rücktritt vor allem so dargestellt, als ginge es ihm
um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und nicht um Doppelstandards.
Finden Sie es richtig, dass er sein Bundestagsmandat behält?
Siegmann: Einen Rücktritt muss jeder mit sich selber vereinbaren. Es gibt
keine perfekten Menschen, perfekte Politiker damit auch nicht. Das ist
seine Entscheidung. Mir steht es nicht zu, das zu beurteilen.
taz: Wie stehen Sie zur [2][Liberalisierung der Leihmutterschaft?]
Siegmann: Die kommerzielle Leihmutterschaft ist für mich und die LSU
insgesamt ausgeschlossen, das steht so auch in unserem Grundsatzprogramm.
Daran ist erst einmal nicht zu rütteln. Aber wir müssen einen Weg finden,
uns mit allen Lebensrealitäten zu beschäftigen.
taz: Was meinen Sie damit?
Siegmann: Wenn ein Paar, egal ob gleichgeschlechtlich oder nicht, eine
Freundin hat, die sagt: Ich habe euch lieb und ich freue mich, wenn ihr ein
Kind bekommt, und würde es für euch austragen, warum dann das nicht auch
ermöglichen.
taz: Sie befürworten also eine enge Form der sogenannten altruistischen
Leihmutterschaft, also das Austragen fremder Kinder ohne eine
Aufwandsentschädigung?
Siegmann: Ja. Die Debatte ist nicht nur schwarz und weiß. Über alle
Möglichkeiten kann und muss diskutiert werden können – unabhängig vom
persönlichen Standpunkt. Das betrifft auch [3][Familienmodelle mit mehreren
Eltern.]
taz: … also etwa, wenn schwule Paare mit einer gemeinsamen Freundin oder
einem befreundeten lesbischen Paar Eltern werden wollen …
Siegmann: Genau. Wenn wir politisch erreichen wollen, dass mehr
gleichgeschlechtliche Paare Kinder haben, ist auch noch über das
Adoptionsrecht zu sprechen. Manche werden mit 70 Bundeskanzler und andere
sind mit 36 zu alt für eine Adoption, da muss man auch dringend wieder über
die Sache reden.
taz: Wie haben Sie die Debatte über Leihmutterschaft damals auf dem
CDU-Bundesparteitag wahrgenommen?
Siegmann: Der Parteitag hat ja nur noch mal bestätigt, was ohnehin schon
der Stand war. Ich würde mir dennoch immer wünschen, dass wir solche Themen
weiterhin sachlich diskutieren. Es geht ja nicht nur um Leihmutterschaft;
wenn ein lesbisches Paar ein Kind bekommt, muss die nicht gebärende
Partnerin immer adoptieren. Ich finde das falsch.
taz: Was schlagen Sie vor?
Siegmann: [4][Das Abstammungsrecht ändern.] Eltern sind Eltern, unabhängig
davon, welches Geschlecht sie haben und ob Sie verheiratet sind. Ich würde
mir wünschen, dass wir darüber diskutieren und die Emotionen etwas
herausnehmen. Hier geht es darum, ohne Schaum vor dem Mund über die
Sachthemen zu sprechen.
taz: Würden Sie sagen, dass die Vehemenz, mit der die Vorwürfe gegen Jens
Spahn vorgetragen wurden, auch etwas mit Homophobie zu tun hatten?
Siegmann: Ich bin mir sicher, dass es noch immer Menschen gibt, die sich da
auch von Homophobie treiben lassen. Die grundlegende Kritik hat aber damit
nichts zu tun, sondern mit dem politischen Sachverhalt. Man kann nicht das
eine sagen, sich selbst dann aber anders verhalten. Man ist dann einfach
nicht mehr glaubwürdig, und Glaubwürdigkeit ist das Fundament der
politischen Arbeit.
taz: Sie denken, wenn eine Heterofrau so gehandelt hätte wie Jens Spahn,
wäre der Aufschrei innerhalb der Union ähnlich groß gewesen?
Siegmann: Wenn sie in gleicher Position gestanden hätte, ja.
taz: Ihr Verband bekennt sich zum christlichen Menschenbild und auch zur
Bewahrung der Schöpfung. Steht das nicht im Widerspruch zu Leihmutterschaft
und Ihrem Aktivismus insgesamt?
Siegmann: Nein. Die Mehrheit dieses Verbandes, den ich repräsentiere,
spricht sich deutlich gegen kommerzielle Leihmutterschaften aus. Aber mir
geht es darum, das Thema in allen Facetten ehrlich zu diskutieren. Da, wo
Menschen zusammenleben, sich lieben und in gemeinsamer Verantwortung
handeln, können Entscheidungen nicht gegen das christliche Menschenbild
sein. So sehe ich das.
taz: Gibt es in der Union noch Vorbehalte gegen Schwule, Lesben, trans und
intersexuelle Menschen?
Siegmann: Selbstverständlich. Vorbehalte gibt es doch in allen Teilen der
Gesellschaft. Nur Aufklärung ist die Lösung – unter anderem darum gibt es
ja regelmäßig CSDs im Land. Denn da geht man doch nicht hin, weil es so
nett ist oder weil man da Party machen kann. Wir gehen dahin, damit wir
sichtbar sind, unsere politischen Forderungen hörbar werden und wir weiter
diese Vorbehalte abbauen.
22 Jul 2026
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