# taz.de -- Nach dem Rücktritt von Jens Spahn: Der freundliche Herr Frei
> Kanzleramtschef Thorsten Frei soll neuer Vorsitzender der Unionsfraktion
> werden. Er gilt als sehr loyal. Auch deshalb haben manche Abgeordnete
> Bedenken.
(IMG) Bild: Frei und weniger radikal: Thorsten Frei (CDU) wird neuer Unionsfraktionschef
Bundeskanzler Friedrich Merz nutzt den Rücktritt des ehemaligen
Fraktionschefs Jens Spahn für einen zumindest kleinen Umbau der
Bundesregierung. Man könnte auch sagen: für einen kleinen Befreiungsschlag.
Neuer Fraktionschef soll der bisherige Kanzleramtschef Thorsten Frei
werden. Das teilten CDU und CSU mit, nachdem die Personalie bereits
durchgesickert war. Frei gilt als enger Vertrauter des Kanzlers, stand
jedoch wegen seiner Arbeit im Kanzleramt oft in der Kritik.
„Ich bitte um Zustimmung der Fraktion für Thorsten Frei, der einen
maßgeblichen Anteil am bisherigen Erfolg der Regierungsarbeit und der
Stabilität der Koalition hat. Die Reformerfolge der letzten Wochen sind
auch sein Verdienst“, sagte Merz laut einer Presserklärung. Frei komme aus
der Mitte der Fraktion und werde dort für das perfekte Zusammenspiel
zwischen Parlament, Koalitionspartner und Bundesregierung sorgen.
CSU-Chef Markus Söder ließ mitteilen, dass er Merz’ Vorschlag unterstütze.
Womit im Subtext auch gleich klargestellt ist, mit wem die Schuld nach
Hause geht, sollte es mit Frei nicht gut laufen. Die beiden Parteichef
haben gemeinsam das Vorschlagsrecht für den Spitzenjob in der Fraktion. Wer
auf Freis Posten im Kanzleramt nachrücken soll und ob es weitere Wechsel im
Kabinett gibt, ist bislang nicht bekannt.
Frei kehrt also zu einer Führungsrolle im Parlament zurück, wo er in der
vergangenen Legislaturperiode Parlamentarischer Geschäftsführer war. Er
kennt die Arbeit an der Spitze der Unionsfraktion, die damals allerdings in
der Opposition war. Schon nach der Bundestagswahl war Frei als
Fraktionschef im Gespräch gewesen – und dem Vernehmen nach hätte er diesen
Posten damals auch gerne gehabt. Merz aber holte ihn ins Kanzleramt, wo er
vor allem loyale Mitarbeiter um sich scharte, Männer, die so ticken wie er.
Genau diese enge Bindung ist es nun, was manche in der Fraktion an der
Personalie zweifeln lässt.
## Patzer als Kanzleramtsminister
Frei, 52, Christdemokrat aus dem Schwarzwald, ehemaliger Oberbürgermeister
von Donaueschingen, gilt als ebenso konservativ wie Spahn, aber als weniger
populistisch. Wie sein künftiger Vorgänger arbeitet er seit Jahren daran,
die Partei nach rechts zu verschieben – ganz besonders erfolgreich war er
dabei in der Migrationspolitik. [1][Schon 2023 forderte er in der FAZ die
Abschaffung des individuellen Rechtsanspruchs auf Asyl]. Wie scharf er in
solchen Fragen sein kann, merkt man dem meist freundlich lächelnden Frei
auf den ersten Blick häufig gar nicht an. Dennoch fragen sich manche, ob er
die Härte besitzt, die Verhandlungen mit den Koalitionspartnern erfordern.
Als er vor einem Jahr eine wichtige Sitzung des Koalitionsausschusses
verpasste, weil er in seiner Heimatstadt einen Vortrag hielt, wurde dies
öffentlich bemängelt. Andere Patzer folgten. Als Mitte April der
Koalitionsausschuss in der Villa Borsig i[2][m Krach zwischen den Partnern
endete], wurde dies zum Teil auch Frei angelastet. Das Treffen sei schlecht
vorbereitet gewesen, die Koalitionsarbeit zu wenig koordiniert, hieß es.
Beim Reformpaket übernahmen dann zuletzt die Fraktionsspitzen selbst diese
Aufgabe.
Einigen in der Union missfällt zudem Freis häufige Präsenz in Talkshows wie
der von Markus Lanz. Die Arbeit im Kanzleramt spielt sich traditionell im
Hintergrund ab. Dennoch gilt Frei als fleißig und verbindlich. Nach einer
Sitzung des Fraktionsvorstands, in dem Merz und Söder ihren Vorschlag
präsentiert hatten, hieß es, es habe „sehr viel Wohlwollen und Zustimmung“
gegeben. Frei wisse, worauf es ankomme, sagte der Parlamentarische
Geschäftsführer Steffen Bilger (CDU): „die Fraktion stark zu vertreten,
aber auch den Zusammenhalt in der Koalition in den Mittelpunkt zu stellen“.
Die Abgeordneten von CDU und CSU treffen sich nächsten Mittwoch zu einer
Sondersitzung, um den neuen Fraktionschef zu wählen. Freis Wahl gilt als
sicher, doch nicht alle Abgeordneten sind zufrieden. Manche hätten sich
eine mutigere Entscheidung gewünscht, etwa für Bundesinnenminister
Alexander Dobrindt von der CSU. Viele Abgeordnete erwarten einen
Fraktionschef, der ihre Interessen selbstbewusst vertritt – notfalls auch
gegen den Kanzler. Unter Spahn ist die Fraktion zu einem Machtzentrum neben
dem Kanzleramt geworden, die meisten Abgeordneten wollen, dass das so
bleibt. Gelingt Frei dies nicht, wird er es schwer haben, die mitunter
widerspenstige Fraktion einzuhegen und die notwendigen Mehrheiten für die
anstehenden Reformvorhaben zu organisieren.
Als Favorit für den Posten des Kanzleramtschef gilt nun der
stellvertretende Fraktionsvorsitzende Günter Krings, der auch Chef der
NRW-Landesgruppe im Bundestag ist. Diesen wollte Merz im vergangenen Jahr
zum Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung machen, [3][scheiterte aber
in einer Kampfabstimmung an der früheren CDU-Chefin Annegret
Kramp-Karrenbauer]. Merz ist ihm also noch etwas schuldig. Wirklich
heterogener allerdings würde die Truppe um Merz durch Krings auch nicht.
22 Jul 2026
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