# taz.de -- Anschläge mit Autos: „Wir können Software entwickeln, die so eine Tat verhindert“
> Lassen sich Auto-Anschläge und Amokfahrten verhindern? Ja, sagt ein
> Unfallforscher. Aber das könne dauern.
(IMG) Bild: Das Auto, mit dem ein mutmaßlicher Islamist den CSD in Berlin angriff: Schon jetzt können Autos Fußgänger automatisch erkennen und abbremsen
taz: Herr Brockmann, bei Anschlägen und Amokfahrten wird das Auto zur
Waffe. Neben den islamistischen Anschlägen fast vergessen sind die
zahlreichen Amokfahrten, bei denen die Täter ohne politisches Motiv
handelten. Lässt sich das verhindern?
Siegfried Brockmann: Ja. Wir könnten ohne Weiteres eine Software
entwickeln, die solche Taten komplett verhindert.
taz: Wie sähe so ein System aus?
Brockmann: Zuerst braucht es moderne Sensorik, also mindestens eine Kamera
und mehrere Sensoren mit verschiedenen Reichweiten, Radar und Infrarot.
Dann braucht es die passende Software.
taz: Und die gibt es noch nicht.
Brockmann: Ab 2026 ist laut der General Safety Regulation (Verordnung zur
allgemeinen Fahrzeugsicherheit, Anm. d. Red.) der EU bereits ein System für
alle neu zugelassenen Fahrzeuge verpflichtend, das reagiert, wenn es einen
Fußgänger erkennt. Die Software des Notbremsassistenten wertet die Sensorik
aus, erkennt einen Fußgänger und sogar seine Laufrichtung. Aber es gibt
immer einen Unterschied zwischen Sehen und Verstehen. Auf Menschenmengen
sind die Systeme etwa nicht trainiert, sie erkennen darin nur eine amorphe
Masse. Das lässt sich aber ändern.
taz: Und das könnte Todesfahrten wie die am letzten Samstag in Berlin
aufhalten?
Brockmann: Ich halte es für denkbar, dass das Fahrzeug, das der Attentäter
jetzt benutzt hat, schon auf Fußgänger reagiert hat. Dass es
vergleichsweise wenige Opfer gegeben hat, könnte daran gelegen haben, dass
so ein System immer wieder heruntergebremst hat. Die heutigen Systeme
lassen sich aber alle noch übersteuern. Es kann sein, dass der Täter immer
wieder beschleunigen und nachlenken musste und keine Ahnung hatte, was da
vor sich geht. In der Zukunft könnten wir das Auto vielleicht nicht immer
zum Stillstand bremsen, aber mindestens tödliche Energie herausnehmen.
taz: Schränkt das die fahrende Person nicht zu stark ein?
Brockmann: Wenn ich ein Fahrzeug kaufe und niemanden umbringen möchte, dann
ist ein Bremsassistent doch eine Bereicherung.
taz: Und wenn das System mal falsch liegt?
Brockmann: Diese Angst ist unbegründet. Im Zweifel wird es immer die
sichere Variante wählen. Falls es sich nicht ganz sicher ist, wird es nicht
bremsen. Das ist schon bei aktuellen Systemen der Fall.
taz: Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, Autos mittels Software in
gesperrten Zonen zum Stehen zu bringen oder eine reduzierte Geschwindigkeit
zu erzwingen?
Brockmann: Im Fachjargon heißt das Geofencing und es hat einen großen
Nachteil: Es ist einfach nicht gut genug. GPS-Systeme haben teilweise
Abweichungen von mehreren Metern, da kann viel schiefgehen, mit fatalen
Auswirkungen.
taz: Auch für größere Areale wäre das keine Option?
Brockmann: Für einen Weihnachtsmarkt zum Beispiel? Nein. So eine Sperrzone
müsste immer gesperrt sein. Wenn das nicht ständig aktualisiert wird, weiß
das System am Ende noch gar nichts von der morgendlichen Sperrung. Mal ganz
abgesehen von den Datenschutzproblemen.
taz: … die es bei automatischen Bremssystemen nicht gibt?
Brockmann: Nein, überhaupt nicht. Weil ich keine personenbezogenen Daten
erhebe. Das System erkennt Fußgänger und macht eine Notbremsung. Ein
Datenschutzproblem entsteht erst, wenn das Fahrzeug mit dem Hersteller
verbunden ist, der in jeder Sekunde weiß, wo ich mich befinde.
taz: Dauert es nicht zu lange, bis wir so zu irgendeiner Art von
Gefahrenabwehr kommen?
Brockmann: Dazu muss ich immer wieder sagen: Der Einwand ist korrekt. Aber
für Abbiegeassistenten und ähnliche Systeme brauchten wir ebenso lange.
Aber wenn das das Argument ist: Wenn wir jetzt nicht darüber sprechen, sind
wir auch in zehn Jahren noch nicht weiter. Im Übrigen wird auch kein
Hersteller daran gehindert, zu sagen: Ich mache hier sowieso
automatisiertes Fahren. Da nehme ich die Funktion gleich mit rein.
taz: Beim Anschlag wurde ein 40.000 Euro teurer Mietwagen genutzt. Ginge
das alles bei Mietwagen und beim Carsharing schneller?
Brockmann: Ja, insofern die Anbieter das freiwillig umsetzen. Wenn Sie
privat ein Auto haben, dann fährt das Ding mindestens zehn Jahre im zweiten
oder dritten Besitz. Carsharing-Anbieter erneuern ihre Flotten dagegen oft.
Das heißt, wenn es diese Technik erst mal gäbe, wäre es dort natürlich in
allen Mietwagen, in allen Carsharing-Systemen sehr schnell verfügbar.
taz: Auch in älteren Autos?
Brockmann: Großflächig? Keine Chance. Vielleicht bei einzelnen Herstellern,
aber das wäre ein komplizierter Eingriff ins Betriebssystem.
taz: Und von denen kommt da nichts?
Brockmann: Es ist mir total rätselhaft, warum die Hersteller damit nicht
punkten wollen. Gerade die, die Sicherheit in ihrer DNA haben. Wenn ich die
Sensorik sowieso einbaue, kostet mich das kein halbes Jahr. Das verstehe
ich überhaupt nicht.
taz: So eine Einschränkung des Fahrvergnügens verkauft sich bestimmt
schlecht.
Brockmann: Aber die Entscheidung, in eine Fußgängergruppe zu rasen, die
will man ja einschränken. Wer da was dagegen hat, ehrlich, dem müsste man
eine Behandlung verordnen.
3 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Raoul Spada
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