# taz.de -- Islamismus und rechte Ideologie: Gleichsetzung bringt uns nicht weiter
       
       > Rassismus und religiöser Fundamentalismus müssen gleichzeitig bekämpft
       > werden. Gerade deshalb müssen wir die beiden Phänomene analytisch
       > unterscheiden.
       
 (IMG) Bild: Gedenken an die Opfer nach dem islamistischen und queerfeindlichen Anschlag auf den CSD
       
       Nach dem [1][islamistischen und queerfeindlichen Anschlag auf den CSD]
       wurde die Tat von rechten Kräften schnell instrumentalisiert. Gleichzeitig
       entstand der Eindruck, wer auf Rassismus hinweist, relativiere den
       Islamismus – und wer den Islamismus kritisiert, spiele Rassismus herunter.
       Beides geht in die falsche Richtung.
       
       Dass wir Rassismus und religiösen Fundamentalismus gleichzeitig bekämpfen
       müssen, steht außer Frage. Doch gerade deshalb müssen wir beide Phänomene
       analytisch voneinander unterscheiden. Nur so lassen sich die richtigen
       politischen Antworten entwickeln.
       
       Rassismus ist in Deutschland ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis
       und ein zentrales Ordnungsprinzip. Er entscheidet mit darüber, wer als
       zugehörig gilt, wessen Arbeit entwertet und ausgebeutet werden kann, wer
       Zugang zu Ressourcen und Rechten erhält und wer häufiger von staatlicher
       oder gesellschaftlicher Gewalt betroffen ist.
       
       Rassismus erschöpft sich deshalb nicht in Vorurteilen. Er prägt
       Institutionen, politische Entscheidungen und gesellschaftliche
       Verhältnisse. Seine historische Verankerung reicht vom Kolonialismus bis in
       gegenwärtige Vorstellungen kultureller und zivilisatorischer Überlegenheit.
       Gerade deshalb wirkt Rassismus weit über individuelles Handeln hinaus.
       
       ## Eine Bedrohung für die demokratische Gesellschaft
       
       Religiöser Fundamentalismus, hier in der Ausprägung des Islamismus, ist
       eine autoritäre politische Ideologie. Er verfolgt den Anspruch,
       Gesellschaft und Staat nach einer bestimmten religiösen Auslegung zu
       ordnen. Dort, wo islamistische Bewegungen staatliche Macht erlangen, werden
       Frauen, religiöse, ethnische und sexuelle Minderheiten sowie politische
       Opposition systematisch entrechtet und gewaltsam unterdrückt.
       
       In Deutschland verfügt der Islamismus weder über staatliche Macht noch über
       gesellschaftliche Hegemonie. Dennoch stellt er eine reale Bedrohung für die
       demokratische Gesellschaft dar. Für viele Menschen, die selbst oder deren
       Familien vor islamistischen Bewegungen und Regimen geflohen sind oder unter
       ihnen gelitten haben, ist diese Bedrohung außerdem Teil ihrer eigenen
       Lebensgeschichte.
       
       ## In Wechselwirkung
       
       Beide Phänomene stehen zudem in einer Wechselwirkung. Islamistische Gruppen
       nutzen Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus für ihre Rekrutierung.
       Zugleich instrumentalisieren rechte Kräfte islamistische Gewalt, um
       rassistische Bilder über Muslim*innen zu verbreiten und
       gesellschaftliche Ausgrenzung zu legitimieren. Diese Wechselwirkung hebt
       ihre analytischen Unterschiede nicht auf, sondern macht ihre genaue
       Unterscheidung umso wichtiger.
       
       Gegen religiösen Fundamentalismus braucht [2][es Prävention,
       Deradikalisierung, den Schutz derjenigen, die von ihm bedroht werden], und
       die konsequente Bekämpfung extremistischer Netzwerke. Rassismus bekämpfen
       wir durch die kritische Analyse und Veränderung der Institutionen und
       gesellschaftlichen Verhältnisse, die rassistische Ungleichheiten
       hervorbringen und stabilisieren.
       
       Die Forderung, Rassismus und religiösen Fundamentalismus gemeinsam zu
       bekämpfen, wird nur dann politisch wirksam, wenn wir die Unterschiede
       zwischen beiden ernst nehmen.
       
       31 Jul 2026
       
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