# taz.de -- Trauer nach dem Anschlag auf den CSD: Trotz allem. Wegen allem
> Die Queers trauerten eine Woche lang mit mehr Würde als die meisten, die
> ihr Beileid schickten. Jetzt muss sich zeigen, ob „Wir“ mehr ist als ein
> Wort.
(IMG) Bild: Trauer, mit Anstand und Verstand: Mahnwache vor dem Brandenburger Tor, nur Stunden nach dem Anschlag in Berlin
Sieben Tage. Sieben Tage lang, so will es die jüdische Tradition, soll der
Mensch in Ruhe trauern können. Um die toten Eltern oder Kinder,
Partner:innen oder Geschwister. Die Gemeinschaft soll zusammensitzen,
nah an der Erde – und jeden Spiegel im Haus mit einem Tuch verhängen. Denn
in den sieben Tagen des Schivasitzens darf es keine Eitelkeit geben. Würde
das doch nur gelten für die ganze Gesellschaft.
Eine Mutter aus Warschau ist tot, ihre Tochter und viele queere Geschwister
sind schwer verletzt, weil ein Islamist seine Waffen [1][gegen den
Christopher Street Day im Berliner Tiergarten richtete]. Die in Jahrzehnten
mühsam erkämpfte, ohnehin relative Selbstverständlichkeit queeren Lebens in
Berlin, in Deutschland und in Europa, auch sie ist schwer verletzt seit dem
vergangenen Samstag.
Und trotzdem kam die queere Gemeinschaft schon Stunden nach der Tat
zusammen, um zu trauern, vielerorts, aber auch ganz nahe dem Tatort, wo man
tags zuvor noch tanzte, wieder exponiert, mit Tränen in den Augen, mit
beeindruckender Ruhe. Mit Klarheit und Verstand.
„Islamismus ist per se queerfeindlich, freiheitsverachtend. Islamismus
tötet“, sagte die Dragqueen Barbie Breakout am Sonntag bei der Mahnwache
vor dem Brandenburger Tor. Aus dem Geschehen aber dürfe nun kein Argwohn
entstehen gegen muslimische Mitmenschen. Tosender Applaus.
Muslimische Queers sprachen dann, neben jüdischen und vielen anderen, und
die Eitelkeiten, die es sonst gibt, auch zwischen den LGBTQI-Fraktionen,
deckten sie zu – mit einem großen Regenbogentuch. Doch die
Social-Media-Bewirtschafter:innen ließen die Queers nicht in Ruhe trauern.
## Gemeinsamer Nenner: gegen den Islam
Die Sonne war noch nicht einmal untergegangen über dem ersten Tag der
Trauer, da knipsten sie schon die Ringlichter an. Ihre Gesichter zeigten
keine Tränen, keine Sorge – sie zeigten Häme.
Unbeschwert von Recherchen, uninteressiert an der Polizei- und
Regierungsverantwortung, bestimmten sie sofort, wenn nicht zur Ursache des
Anschlags, dann zum vordringlichsten Problem: eine Verharmlosung des
Islamismus von queerer und von linker Seite.
Esoterikinfluencerinnen, rechte Motivationstrainer, US-Conservatives,
afrikanische Evangelikale, sonst nicht bekannt für ihre Unterstützung
queeren Lebens, hatten nun etwas zu sagen. Die schockierte Rede der
Sängerin Nyya auf der Berliner Mahnwache zogen sie durch den Dreck.
Videobilder von Anschlägen anderswo schnitten sie wild zusammen mit
Berliner Material und künstlich generiertem. Debatten vermischten sie auf
die widerwärtigste Art. [2][Queers for Palestine?] Refugees welcome? Das
habt ihr jetzt davon, so der Tenor. Pauschal. Rassistisch.
Menschenverachtend.
Der Comedian Daniel-Ryan Spaulding postete gar ein Foto des Tatorts,
daneben das Emoji von klatschenden Händen: „There’s your Intifada
Revolution, Berlin“. Selbst schuld.
Und in den islamistischen Ecken des Internets die Spiegelung. Applaus für
den Täter. Selbst schuld, ihr Perversen.
Abgeordnete, im Bundestag ganz rechts sitzend, sonst für jede
Queerfeindlichkeit zu haben, holten ganz schnell ihre Hellblaupause heraus:
Alle abschieben! Als ob der Täter nicht Deutscher gewesen wäre. Als ob der
Anschlag nicht das Landtagswahlkampfgeschenk gewesen wäre, auf das sie
gehofft hatten. Die Springer-Presse schnurrte eitel.
## Reden und putzen um klarzukommen
Abertausende Nachrichten schrieben sich währenddessen Queers überall. Warst
du dort? Wie geht es dir? Hast du jemanden bei dir? Es ist wichtig, in den
sieben Tagen der Trauer nicht alleine zu bleiben. War auf einer Mahnwache,
so manche Antwort, bin am See, durchschnaufen. Putze das Bad. – Hahaha, ich
putze auch gerade … Queere Bewältigungsstrategien. Bei vielen kam noch die
Sorge um die Verwandten dazu, in der Ukraine oder andernorts.
Der Bundeskanzler verstand zumindest, dass die Tage der Trauer nach Ruhe
verlangen. Bei einem interreligiösen Gottesdienst in Berlins Mitte sprach
Friedrich Merz ungewohnt zurückhaltend, er wollte wohl betroffen wirken in
der Marienkirche. Und empathisch.
Dass er penetrant „Damen und Herren“ adressierte, wenn gerade die
Genderqueeren unter den Zuhörenden gefährdet sind? Geschenkt. Merz sprach
völlig zu Recht davon, dass nicht erst ein tödlicher Anschlag die Freiheit
gefährde, sondern dass das Problem bei Ausgrenzung und Diskriminierung
beginne, bei „dummen Redensarten und schlechten Witzen“. Allein: Für viele
Trauernde klang das wie Hohn.
Hatte Merz denn nicht über das Schwulsein des Ex-Bürgermeisters von Berlin
gesagt: „Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal.“
Hatte er nicht 2020 gesagt, die sexuelle Orientierung sei Privatsache, nur
um sofort darauf das alte Ressentiment zu bedienen: „Solange sich das im
Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft.“
Hatte der Regierungschef nicht, noch 2025, auf Forderungen, zum CSD wieder
die Regenbogenfahne auf dem deutschen Parlament zu hissen, erwidert: „Der
Bundestag ist kein Zirkuszelt!“ Als ob Queers Zirkuspferdchen wären. Hatte
seine Regierung nicht den Aktionsplan „Queer leben“ beendet, und das nach
einer ganzen Reihe von rechten Angriffen auf [3][queere Veranstaltungen im
vergangenen Jahr]?
## „Ihr macht mich nur noch schwuler“
Manche klatschten nach Merz’ Rede in der Marienkirche, andere, junge wie
alte Queers, fanden seinen Auftritt von vornherein heuchlerisch und
verließen den Gottesdienst. Dass der Kanzler nur dazu fähig war, ganz
allgemein von einem „Angriff auf uns alle“ zu sprechen, mag auch eine Rolle
gespielt haben für ihren Protest. Denn wer sind denn alle? Auch die, die
jetzt feixen im Netz? Die Abgeordneten, Landrätinnen und Bürgermeister, die
CSDs in ihren Kommunen nicht unterstützen, gar sticheln dagegen? Wurden die
auch angegriffen?
In den U-Bahnen und Bussen waren in dieser Woche mutige T-Shirts und
Stoffbeutel zu sehen: „Ihr macht mich nur noch schwuler“, „We’re here,
we’re queer, get used to it“. Die Münchner Journalistin Lena Bammert
schrieb trotzig: „Lesbisch zu sein ist die schönste Erfahrung, die ich in
diesem Leben machen darf.“
Der Kanzler besuchte den Tatort im Tiergarten. Mit seinem
CSU-Innenminister, der sich nun mit dem Vorwurf eines
„sicherheitspolitischen Staatsversagens“ auseinandersetzen muss. Den
zumindest hat der LSVD+-Verband Queere Vielfalt erhoben. Vielleicht denkt
Alexander Dobrindt jetzt auch noch einmal nach über sein „Sonderregister“
für trans Menschen. Karin Prien war ebenfalls dabei am Tatort, die als
Familien- auch irgendwie Queerministerin ist. Auch wenn sie diesen Titel
bestimmt ablehnen würde. Prien blieb ebenfalls ruhig in dieser Trauerwoche,
zu ruhig, wenn es nach vielen Queers geht.
Vielfalt sehe sie nicht als staatliches Förderziel, hatte Prien im März in
der taz gesagt und unter anderem queeren Projekten auf dem Land die Gelder
gekürzt. Dem queeren Jugendnetzwerk Lambda strich sie nach 36 Jahren die
Förderung, noch wenige Tage vor dem CSD. Das Geld soll mehr in Richtung
„Mitte der Gesellschaft“ fließen. Queere und Konsorten verortet Prien wohl
am Rand.
Essen und trinken, so sieht es die jüdische Trauerwoche vor, tröstet. Und
die Queers trafen sich an jedem Abend dieser Woche, sie gönnten sich
Senfeier oder Pommes und tranken Kaffee zusammen und Bier und Aperol
Spritz, und ihre Orte, etwa der Südblock im auch muslimisch geprägten
Kreuzberg, waren voll. Trotz allem. Wegen allem. Nachbar:innen
klingelten an Türen auch in Chemnitz und Köln. „Wie geht es dir? Ich habe
Bananenbrot gebacken, willst du ein Stück?“
## Ein Angriff auch auf die vielen Duckmäuser?
Auch Karin Prien blieb nach dem Anschlag vage. „Wer Menschen angreift, die
für Vielfalt, Freiheit und gegenseitigen Respekt einstehen, greift uns alle
an“, sagte sie. Ist das so? Ein Angriff auch auf jene, die in ihrem
Ministerium oder Bundesland das Gendersternchen verboten haben?
Ganz ähnlich die erste Frau im Staat, CDU-Bundestagspräsidentin Julia
Klöckner: „Wer Menschen attackiert, die für Freiheit, gleiche Rechte und
Vielfalt einstehen, greift die Grundlage unseres demokratischen
Gemeinwesens an.“ Der SPD-Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach
von einem „Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu
leben“. Vom Linken Bodo Ramelow kam ganz global: „Es ist ein Anschlag auf
eine offene Welt.“
War das ein Angriff auch auf den cis Heterotyp, dem egal ist, was „die da“
im Schlafzimmer machen, solange sie es ihm nicht unter die Nase reiben?
Oder die vielen Duckmäuser, die die Klappe halten, wenn am Arbeitsplatz
gewitzelt wird?
Niemand, so steht es recht weit vorn im Grundgesetz, „darf wegen seines
Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner
Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen
Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Ein bitterer Satz, er
bildet die Opfergruppen des Nationalsozialismus ab. Die SPD will ihn schon
lange erweitern: um den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen
und geschlechtlichen Identität. Auch Queers wurden schließlich verfolgt von
den Nazis, der berüchtigte Paragraf 175 stand noch bis 1994 im
Strafgesetzbuch. Der deutsche Staat hat also etwas gutzumachen bei seiner
queeren Bevölkerung.
Für die Zweidrittelmehrheit, die es dafür im Bundestag braucht, stellten
sich Linke und Grüne in dieser Trauerwoche bereit. Eine Verfassungsänderung
ersetzt keine Präventionsarbeit, keine Schutzkonzepte oder ausreichende
Fördermittel. Sie verhindert keinen Anschlag. Doch sie würde signalisieren:
Wir haben verstanden, wir gehen nicht zur Tagesordnung über.
## Gratis, aber nicht umsonst
Gratis wäre diese Geste für die Union und doch nicht umsonst. Sie wäre ein
Zeichen: Was wir in der Trauerwoche nicht explizit sagen konnten, schreiben
wir fest. Einfach, weil es richtig ist. „Wir werden alles tun“, hatte der
Kanzler immerhin versprochen. „Alles.“
Die Grundgesetzänderung ist [4][eine zentrale Forderung des CSDs in
Hamburg]. Mit ihm endet am Samstag die Woche der Trauer. Queers, die
muslimischen und jüdischen und christlichen und alle anderen, werden die
Asche aus ihren Kleidern schütteln, Glitzer auftragen und auf die Straße
gehen. Trotz allem, wegen allem. Es wird diesmal anders sein. Es wird eine
große Demo gegen Islamismus sein. Und gegen die rechte Hetze. Hamburg und
die vielen kleinen CSDs, die noch anstehen, werden zeigen, wer jetzt noch
an der Seite der Queers tanzt.
Aber erst die Tage nach der Demo werden wirklich zeigen, ob all die
Solidaritätsbekundungen mehr waren als Eitelkeit.
1 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Anschlag-auf-CSD-in-Berlin/!6199252
(DIR) [2] /Friedensforscher-Saed-Atshan/!6087134
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## AUTOREN
(DIR) Stefan Hunglinger
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