# taz.de -- Amsterdam vor der Pride-Parade: Einheit unter Druck
> Am Wochenende steht in den Niederlanden die „World Pride“ an. Der
> Anschlag auf dem CSD in Berlin prägt die Vorbereitungen zur Boot-Parade.
(IMG) Bild: Vor der „World-Parade“: die Prinsengracht mit großer Tribüne in Amsterdam
An Spektakulärem und an Superlativen hat es der Pride Amsterdam noch nie
gefehlt. In diesem Jahr, da sie zu ihrem 30. Geburtstag erstmals als „World
Pride“ firmiert, wird auf der Prinsengracht eine Tribüne mit 10.000
Sitzplätzen errichtet. 15 Euro kosten die billigsten, 275 die teuersten
Tickets für die Boot-Parade, die am Samstag als Höhepunkt des zweiwöchigen
Mega-Events auf Amsterdams Wasserwegen, den Grachten, stattfindet.
Insgesamt werden etwa eine Million Besucher:innen erwartet.
Die Tribüne ist nicht die einzige Neuerung, die ins Auge springt. Auf einem
Platz im Stadtteil Oost, wo am Mittwoch schon eine lokale Pride-Feier mit
Musik und Marktständen stattfand, ließ die Kommune kurz zuvor Betonblöcke
platzieren – offensichtlich, um Angriffe mit Fahrzeugen zu verhindern. Im
Rathaus wollte man das allerdings nicht kommentieren. Gegenüber der
Presse-Agentur ANP betonte man, sich zu Sicherheitsmaßnahmen grundsätzlich
nicht zu äußern.
Genauso kündete es die Amsterdamer Bürgermeisterin unmittelbar nach dem
Anschlag von Berlin an. „Wo es nötig ist, werden wir zusätzliche Maßnahmen
ergreifen, von denen Besucher:innen hoffentlich möglichst wenig
merken“, schrieb Femke Halsema in den sozialen Medien über den „Anschlag
auf die Freiheit, die wir auch in Amsterdam in diesen Wochen im großen Stil
feiern“. Der niederländischen Hauptstadt eilte lange ein Ruf als „queere
Welthauptstadt“ voraus. Vor 25 Jahren gab es hier die ersten vier
gleichgeschlechtlichen Hochzeiten weltweit.
## 70 Vorfälle gegen queere Personen an einem Wochenende
Natürlich sind auch hier die Zeiten längst andere – auch während der
Festsaison. Vergangenes Wochenende, als diese mit dem Pride Walk durch die
Stadt eröffnet wurde, verzeichnete [1][eine Meldestelle der Stiftung „Rita
Community“] über 70 Vorfälle gegen queere Personen. Oft waren diese auf dem
Weg zu oder von Veranstaltungen, teils in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Auch von mehreren Bahnhöfen wurden Diskriminierungen gegenüber nach
Amsterdam anreisenden Teilnehmenden gemeldet.
„Man wird sich der Bedrohung sehr bewusst“, sagt Tom van Doesburg, der am
Dienstagabend mit mehreren Tausend anderer Menschen zum „Homo-Monument“
unweit des Anne-Frank-Hauses gekommen ist. Eine Gedenkminute für die Opfer
des Anschlags wird abgehalten, [2][später versinkt das Denkmal für die
Emanzipation queerer Menschen in einem Blumenmeer]. „Berlin, das hätten
auch wir sein können“, so Van Doesburg, der mit einem Teddy in
Regenbogenfarben in der Warteschlange steht. „Für mich war es eher eine
Frage der Zeit, bis so etwas geschieht.“
Eine Frau, die sich als „besorgte Mutter“ vorstellt und lieber anonym
bleiben möchte, ist für ihren Sohn und dessen Mann zur Gedenkfeier
gekommen. „Sie wurden auch schon zusammengeschlagen, in Leiden“, sagt sie.
„Doch es geht um noch viel mehr. Es schockiert mich, dass wir scheinbar
wieder zurück am Ausgangspunkt sind: dass du nicht einfach sein kannst, wer
du bist, während ständig gezetert wird, man bekäme eine queere Agenda
aufgezwungen“, meint sie.
## Abneigung gegen Queere unter religiösen Schüler:innen
Dass es „jetzt erst recht“ die Pride zu feiern gelte, darüber sind sich
alle Redner:innen einig. „Lauter als je zuvor“, so Bürgermeisterin
Halsema, der zufolge „unsere Straßen in den Regenbogenfarben leuchten
werden, in Solidarität mit Berlin“. Conny van Noord, die sich als
Freiwillige für das Homo-Monument engagiert, schwärmt: „Wir sehen hier
wieder mal, was ich so mag an Amsterdam: [3][Sobald etwas vorfällt, sind
wir eine Einheit].“
Zugleich weiß sie: Diese Einheit ist unter Druck geraten. Als
Mittelstufenlehrerin erlebt sie, dass [4][gerade unter muslimischen
Schüler:innen] und [5][an christlichen Schulen die Abneigung gegen alles
Queere stark zunimmt]. Sie selbst will für Jugendliche da sein, die in
diesem Alter entsprechende Gefühle entdecken.
Gerade half sie einer älteren Frau die Stufe hinunter zum Denkmal zu gehen,
um ihren Strauß dort hinzulegen. Dieses ist inzwischen übersät mit Blumen
und Kerzen. Doch selbst das ist nicht mehr selbstverständlich. „Ich habe
von Leuten gehört“, so Van Noord, „die sich heute Abend nicht zu kommen
getraut haben und zu Hause geblieben sind.“
31 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Müller
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