# taz.de -- Neue Spitze des Gesundheitsministeriums: Chronisch fachfremd
       
       > Mit Carsten Linnemann wird wieder jemand Gesundheitsminister, der mit dem
       > Thema vorher nicht viel zu tun hatte. Wie kommt man auf diese Idee?
       
 (IMG) Bild: Will sich erst mal einarbeiten: Carsten Linnemann
       
       Bevor wir uns der Personalie des neuen Gesundheitsministers zuwenden,
       betrachten wir doch kurz die Gesundheitspolitik der letzten Jahre: Im
       Sommer 2024 stand die Ampel noch halbwegs im Saft und
       Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) versuchte der Erkenntnis,
       dass es mit dem deutschen Gesundheitssystem nicht zum Besten steht, mit
       einer Flut von Gesetzesvorhaben zu entsprechen. Der Workaholic hatte da
       schon fast 20 Jahre Gesundheitspolitik auf dem Buckel – was hilfreich war
       für das Navigieren durch eines der dichtesten und kompliziertesten
       Politikfelder überhaupt.
       
       Sein politisches Verhandlungsgeschick galt als nicht ganz so umfassend.
       Aber dass Lauterbach am Ende auf einem Teil seiner Reformvorhaben sitzen
       blieb, hatte damit wenig zu tun. Ende 2024, zehn Monate vor der Zeit, war
       Schluss – Ampelbruch. Die lang verhandelte Krankenhausfinanzierungsreform
       ging mit einem Ächzen [1][noch durch Bundestag und Bundesrat]. Die ebenso
       dringliche Reform der Notfallversorgung zum Beispiel schaffte diese letzten
       Hürden nicht mehr.
       
       Die Zeit zwischen Bruch der Ampel und der Amtsübernahme durch die neue
       Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) im Mai 2025 bedeutete
       naturgemäß überwiegend politischen Stillstand. Dass Warken, die eigentlich
       eher in Politikbereichen wie innere Sicherheit und Recht zu Hause war, dann
       eine gewisse Einarbeitungszeit brauchte, um sich in den Begrifflichkeiten
       und Regularien des Gesundheitswesens nicht mehr zu verhaspeln – fair
       enough.
       
       Das bedeutete aber auch: Ein knappes Jahr passierte erst einmal nicht viel.
       Außer, dass Warken [2][mit kurzfristigen Sparmaßnahmen] versuchte, ihr
       Versprechen zu halten, dass die Krankenkassenbeiträge für gesetzlich
       Versicherte nicht weitersteigen ([3][was sie dann aber doch taten]). Und,
       dass sie Geld mit der Gießkanne an die Krankenhäuser verteilte, die ohne
       strukturelle Reformen immer weiter in die Miese rutschen.
       
       ## Sie reden vom Wirtschaftsfaktor Gesundheitswesen
       
       Aber hätte nicht die von der Ampel noch durchgebrachte Krankenhausreform
       bald gegriffen? Hätte, hätte – im März 2026 wurde als erste größere
       Amtshandlung Warkens die Krankenhausreform derart mit [4][Ausnahmen und
       Fristverlängerungen] ausgestattet, dass ihre Wirkung nach hinten verschoben
       und abgeschwächt, manche sagen auch faktisch ausgehebelt wird.
       
       Als Warkens bisheriges Glanzstück betrachtet die CDU aber das gern [5][als
       Krankenkassenreform bezeichnete Sparpaket], das die Kassenbeiträge nun
       wirklich stabilisieren soll – zumindest für zwei Jahre. Am letzten Tag vor
       der parlamentarischen Sommerpause passierte es Bundestag und Bundesrat. Um
       die Bundesländer ins Boot zu bekommen, gab Warken nochmals die Zusage, den
       Krankenhäusern mit ein paar Hundert Millionen unter die Arme zu greifen –
       wieder mit der Gießkanne.
       
       Und jetzt wäre dann aber wirklich die Zeit für die eigentlich benötigten
       strukturellen Reformen: die der Pflegeversicherung, der Notfall- und
       ambulanten Versorgung, der Digitalisierung und des Bürokratieabbaus im
       Gesundheitswesen, der grundlegenden Krankenkassenfinanzierung – um nur die
       allerdrängendsten zu nennen.
       
       ## Oder man fängt nochmal bei Null an
       
       Man kann aber natürlich auch einfach noch mal einen Personalwechsel machen.
       Statt der gerade halbwegs eingearbeiteten Nina Warken, die [6][nun ins
       Kanzleramt wechselt], noch mal alles auf null setzen mit einem in diesem
       Politikfeld unbeleckten Carsten Linnemann, bisher CDU-Generalsekretär und
       Fraktionsvize. Und um konsequent zu bleiben, darf der erfahrenste
       CDU-Gesundheitspolitiker im Ministerium, der bisherige Staatssekretär Tino
       Sorge, auch gleich sein Büro räumen und wird durch eine Kollegin aus dem
       Kanzleramt ersetzt, die sich gerade erst im Bereich Sportpolitik
       eingearbeitet hatte.
       
       Was uns mit dieser Neubesetzung erwartet? Die Interessenverbände der
       Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzt*innen, Pharmaindustrie und
       Pflegeheimbetreiber*innen schlagen jedenfalls in ihren Glückwünschen Töne
       an, die sie bei dem als stramm wirtschaftsliberal geltenden Linnemann
       offenbar für vielversprechend halten. Vom Wirtschaftsfaktor
       Gesundheitswesen, signifikant guten Kennzahlen und unternehmerischem
       Realismus ist da die Rede.
       
       Carsten Linnemann selbst hatte es vor einem Jahr [7][als absurd erklärt],
       jemanden wie ihn zum Gesundheitsminister zu machen. Jetzt sei die Situation
       freilich eine ganz andere. Einarbeiten müsse er sich aber schon erst mal,
       bevor er – so sein politisches Credo – [8][„einfach mal machen“] kann.
       Einfach machen wird es ihm in der Gesundheitspolitik allerdings gewiss
       niemand.
       
       31 Jul 2026
       
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 (DIR) Manuela Heim
       
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