# taz.de -- Themenreise durch den Hamburger Hafen: Kohle und Koks
       
       > Eine performative Themenreise durch den Hamburger Hafen erzählt von den
       > beiden beliebtesten Exportgütern Kolumbiens. Und kommt ihnen dabei näher
       > als erwartet.
       
 (IMG) Bild: Das Hamburger wirvier Kollektiv hat die Performance gemeinsam mit dem kolumbianischen Colectivo Teatral Luz de Luna entwickelt
       
       „Willkommen an Bord!“, heißt es an der Landungsbrücke 1 in Hamburg. Auf der
       Barkasse „Tanja“ soll es nach Bogotá gehen. Tatsächlich handelt es sich um
       die performative Themenreise „Kohks“ zu Kohle und Kokain. Beide Stoffe sind
       ja Energieträger, beide Exportgüter [1][aus Kolumbien], beide auch als
       „Koks“ bekannt. Initiiert hat die Fahrt ein gewisser Club Energía, der
       mitsamt Kapitän – hanseatisch in Mütze und Ringelpulli – die Fahrgäste
       durch den Hamburger Hafen moderiert. Am Pier winken Mitglieder der Crew,
       wiegt sich ein Performer im mannsgroßen Nasenkostüm im Wind. Nach der
       Rundfahrt werden wir sie wieder treffen, wenn sie die Kraft der Rituale
       feiern.
       
       Doch erst mal geht es durch Wellen und Wind und über die Elbe. Vorbei an
       Fähr- und Lotsenschiffen, nah ran an die haushohe Bordwand eines
       Containerschiffs, mit sich stapelnder legaler und vermutlich auch illegaler
       Fracht, weiter zu einem Kohlenfrachter, hinter dem sich schwarze
       Pulverberge türmen. Ab und an ziehen ein paar Ruderer vorbei, taumeln
       Haubentaucher auf den Wellen, kreuzt ein Partyschiff.
       
       Zu der eindrucksvollen Kulisse gibt es jede Menge Informationen, etwa zum
       Kokskonsum der Hansestadt, der höher ist als der in Berlin, aber niedriger
       als der in Frankfurt. Zur Ausbeutung der Kokabauern in Kolumbien, zum
       Strombedarf, der in Deutschland noch zu rund 20 Prozent aus Kohle gewonnen
       wird und auch zu den in Hamburg noch immer sichtbaren und zu oft
       unkommentierten Spuren der Kolonialgeschichte.
       
       Immer wieder werden live und über Kopfhörer Texte etwa von Siegfried Lenz
       oder zum [2][Kohleabbau] gesprochen, da wird der Rotterdam-Effekt erklärt –
       eine Verzerrung in internationalen Handelsstatistiken –, werden
       einschlägige Songs von Falco und Boris Bukowski eingespielt. Die Fahrt wird
       abwechselnd auf Spanisch und Deutsch moderiert, schließlich haben das
       Hamburger wirvier Kollektiv und das kolumbianische Colectivo Teatral Luz de
       Luna diese Site-specific-Performance im Programm des [3][Lichthof Theaters]
       gemeinsam entwickelt.
       
       Nach einer guten Stunde meist kluger und immer schaukelnder Unterhaltung
       inklusive Tanzeinlagen, einem Mitmachquiz und einzelner unter der Hand
       verkaufter hochenergetischer Traubenzuckertafeln ist man um einige
       Hafenbecken weiter und um etliche Kokain-und-Kohle-Informationen reicher.
       
       ## Performer als Welcoming-Indigene
       
       Als man vermeintlich in Bogotà von Bord geht, trifft man auf eine Handvoll
       Performer, die in bunt gewebten Stoffen recht langatmig Welcoming-Indigene
       spielen, und auf eine nicht ganz zufällige Protestaktion, die „Coca is not
       Cocaine“-Flugblätter verteilt und mit „Frag dich vor der nächsten Linie:
       Ist sie das Blut dahinter wert?“-Texten mahnt. Gerade so, als wären aus der
       Barkasse soeben zwei Dutzend Hardcorekonsument*innen gestolpert, die
       letzte Impulse für einen ehrlichen Drogenentzug brauchten.
       
       Ob es danach jetzt ins Flugzeug nach Bogotá geht oder doch zum
       „Farewell“-Event, bleibt unklar. So oder so landet die Reisegesellschaft in
       den Clubräumen des Hafenklang, um dort alle bisher gehörten Informationen
       noch einmal zu hören. Nur eben ohne Wellengang und von der Bühne.
       Anschließend wird noch eine schlechte Persiflage einer Tanzperformance
       versucht, bei der natürlich nasenweise Koks gezogen wird. Schließlich hatte
       der übermäßige Kokainkonsum von Schauspieler*innen und
       Musiker*innen in einigen deutschen Städten dazu geführt, dass Kokain
       1887 teilweise verschreibungspflichtig wurde.
       
       Danach wird bisschen über die Glorifizierung der Droge geplaudert, fallen
       betroffen Worte wie „Doppelmoral“, „Rapper“ und „Haftbefehl“, wird mit dem
       Titel der eigenen Veranstaltung kokettiert, die während der Proben
       entstandene deutsch-kolumbianische Arbeitsfreundschaft gefeiert, ein
       bisschen verschämt über deutsche Traditionen, Kaffee-Kuchen und
       Franzbrötchen gesprochen und inbrünstig die Kraft der Rituale gepriesen.
       Ein gemeinsames Abschlusslied mit Gitarre scheint die Performer*innen
       alle sehr glücklich zu machen. Für die Performance hingegen wird es zum
       Soundtrack der Beliebigkeit. Am Ende ist es im Theater wie mit dem Koks:
       Weniger wäre die bessere Dosis gewesen.
       
       24 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Ullmann
       
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