# taz.de -- Jahrmarkttheater Bostelwiebeck: Lieber lachen als abstürzen
> Thomas Matschoss’ „Das größte Lachen oder die Mathematik der Komik“ am
> Jahrmarkttheater Bostelwiebeck oszilliert zwischen Slapstick und
> Galgenhumor.
(IMG) Bild: Munteres Gestolper: Szene aus „Das größte Lachen“
Beheimatet ist das Jahrmarkttheater Bostelwiebeck in einem Gartenareal in
der Lüneburger Heide, auf 12.000 Quadratmetern um ein Bauernhaus wuchernd,
wo auch mal Hängebauchschweine herumschlawinern. Hühner picken unter der
Aufsicht eines Hahnes die Kuchenkrumen vom Boden, die dem Publikum in der
Freiluftbewirtung entgleiten. Fürs Gemütlichkeitsgefühl rotieren selbst die
Windkrafträder gegenüber in leiser Gemächlichkeit.
Derweil besteigen drei abgewrackt befrackte Performer:innen eine
zwischen drei Eichen aufgehängte Bühne und behaupten, eine uralte Botschaft
des Universums an die entstehende Spezies des Homo sapiens entziffert zu
haben. Die Erwartungshaltung des Publikums steigt ins Unermessliche,
scheint es doch endlich eine klare Ansage für den Sinn des Lebens zu geben.
Aber die Erwartung wird gebrochen und aufs menschliche Maß geschrumpft –
auf dass die angestaute Gedankenenergie implodieren und den [1][Affekt des
Lachens] auslösen möge. Dieser Humor ist ein prägendes Element des
Jahrmarkttheaters und auch das Thema der aktuellen Produktion, die „Das
größte Lachen oder die Mathematik der Komik“ zu analysieren vorgibt.
Zu erklären, warum etwas lustig ist und welches Muster hinter Witzen steht,
wirkt normalerweise ziemlich unlustig. Nimmt es doch dem Lachen den Zauber
der spontanen Reaktion. Aber die Inszenierung von Nathalie Wendt tippt das
Sujet gleich in der ersten Szene in schöner Beiläufigkeit an: Die Maddog
(Thomas Matschoss) benannte Figur knickt kurz um. Dieser kleiner Bruch im
Ablauf sorgt fürs erste Schmunzeln. Aber was war daran lustig? Elementar
für Komik ist eben die erlebte Diskrepanz zwischen dem Erwarteten und dem
Erlebten. In diesem Fall gewinnt das Publikum den Eindruck eines souverän
dahin plaudernden Trios. Dem widerspricht das plötzliche Stolpern.
Wie so etwas auf der Sprachebene funktioniert, beweist Gabi (Antonia Bootz)
mit einem Vegetarierwitz: Wie nennt man die unaufgeräumte Wohnung eines
Veganers? – Tofuwabohu. Maddog: „Ich mag keine Witze über Tofu, das ist
doch geschmacklos.“ Erst ein unerwartetes Wortspiel, dann ein unerwarteter
Nebensatz, jede:r vermutet eine rationale Erklärung für die Ablehnung von
Tofuwitzen – und bekommt eine Geschmackskritik.
Thomas Matschoss ist auch Autor des Stücks. Zusammen mit Ausstatterin Anja
Imig hat er 2005 das Hamburger Theaterleben gegen die Lüneburger Heide
eingetauscht. Ihre Heimat ist seither das 45-Seelen-Dorf Bostelwiebeck.
Schweinestall und Bauernhaus des Jahrmarkttheater-Gehöftes wurden zu
Wohnungen ausgebaut, als Lager dient ein Pferdestall, ein Heuboden als
Fundus, der Kuhstall ist Probebühne und Aufführungsort für die
Wintersaison.
Im Sommer steht das Anwesen im Dienst der interaktiven
Open-Air-Lustbarkeiten. Mit Klappstühlen ausgestattet, flanieren pro
Aufführung etwa 100 Besucher:innen zwischen den Spielorten auf dem
Gelände umher, werden mit lebensklugen Sentenzen bezirzt und durch
dramatische Ober- und Untertöne zum Politisieren gebracht.
Wegen der schwindenden Kulturförderung für die ländliche
Bevölkerungsschwundregion stehen dafür keine 20-köpfigen Teams von
Schauspieler:innen, Musiker:innen und Techniker:innen zur
Verfügung. Eine gute Handvoll Kolleg:innen muss reichen. Die nun alles
aufbieten, was an Witzigkeit geht. Der Running Gag beispielsweise, für den
Buster (David Sinkemat) immer wieder zu singen beginnt, wenn jemand ein
Wort ausspricht, in dem die Buchstabenfolge „so“ vorkommt.
## Ein Schnürband wird verspeist
Das Clown-Triple echauffiert sich zudem in Slapstickeffekten – sucht doch
eine Schwingtür knallend Nasenkontakt, eine Sahnetorte klatscht ins
Gesicht, ein Spieler taumelt ins Plantschbecken. Das funktioniert als offen
kommunizierte Animation zum Schlapplachen. Außerdem wird [2][Charlie
Chaplin] zitiert, der in „Goldrausch“ aus Hungersnot einen Schuh verspeist.
In Bostelwiebeck saugt Matschoss ein Schnürband wie Spaghettifäden
genüsslich in den Mund. Beim Puppentheater-Zwischenspiel mit Stofftieren
wird eine Pointe gesucht, immerhin eine „Po-ente“ gefunden und gefragt, was
die klügsten Enten seien. Na? Die „Stud-enten“.
Dann geht es zum kollektiven Zwerchfelltraining. „Physiologisch betrachtet
ist Lachen eigentlich nichts anderes als Husten.“ Also formiert sich das
Publikum zum Hüstel-Chor: „Ha-ha-ha.“ Aber das reicht nicht zum größten
Lachen. Dies könne nur aus der größten Not erwachsen – als Versuch, die
Angst wegzulachen. Für echte Not-Gefühle soll nun jemand auf eine Leiter
steigen und herabspringen, Fallhöhe acht Meter – woran alle gern scheitern.
Nicht springen. Was das Angst bannende Lachen provoziert.
Die Schauspieler:innen haben wunderbar gegensätzliche Typen entwickelt.
Die mörderischen Zurichtungen der Welt durch alte, weiße Narzissten wie
Trump, Putin & Co. lassen Maddock keine Ruhe, auch auf Merz und Klingbeil
kommt er mit vernichtendem Lachen zu sprechen und erklärt, dass er mit
jeder aufs globale Leid vergossenen Träne weiter austrockne.
## Gebrauchsanweisung aus göttlicher Hand
Die Kolleg:innen besprengen ihn hilflos mit Wasser und sorgen für
kathartisches Lachen. Buster tölpelt in Dummer-August-Manier herum und
begrummelt die Szenerie mit dem Schmerz der Trennung von irgendeiner Sofie.
Und Gabi feiert mimisch wie gestisch die stummfilmgrelle Komik und kommt
mit einem geradezu klassischen Jux auf ihren Freund zu sprechen: „Ich habe
kein Problem mit Lars, er ist das Problem.“
Irgendwann reicht eine göttliche Hand hinter der Gehöftmauer die
Gebrauchsanweisung fürs Leben empor. Zitiert wird die finale Rede aus
Chaplins „Der große Diktator“, ein aus der Not ([3][Zweiter Weltkrieg])
geborener Appell für Menschlichkeit, Frieden, Freiheit, Güte und Toleranz.
Statt mit dem größtmöglichen, allseits befreienden Lachen endet die
Aufführung mit menschelnd wärmender Wahrheit.
Was Matschoss anschließend im privaten Gespräch mit einer Sentenz von
Samuel Beckett kommentiert: „Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen.
Wieder scheitern. Besser scheitern.“ In dem Sinne ist das Jahrmarkttheater
programmatisch gescheitert, weil all der gezeigte Slapstick auf einer
Ästhetik des Scheiterns beruht – als anarchischer Einspruch, als
Widerspruch zur Realität. Als geradezu subversives Vergnügen an der
Zerbrechlichkeit dessen, was ist.
18 Aug 2026
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