# taz.de -- Jelinek bei den Salzburger Festspielen: Das Unendspiel vom Kapitalismus
> Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ wird bei den Salzburger Festspielen
> uraufgeführt. Molières „Menschenfeind“ mutiert dort zum Battle-Rap in
> Alexandrinern.
(IMG) Bild: Caroline Peters mit archaischen Bocksgesängen in „Unter Tieren“
Piketty, Piketty“ gurren die Tauben. [1][Elfriede Jelinek] erkalauert sich
gleich zu Beginn eine der vielen Referenzen in ihrem bei den Salzburger
Festspielen von Nicolas Stemann uraufgeführten Theatertext „Unter Tieren“.
Mit dem Verweis aufs [2][„Kapital im 21. Jahrhundert“] geht es auf hundert
Seiten Text und prognostizierten vier Stunden im Theater um
gesellschaftliche Ungleichheit und ihre ruinösen Konsequenzen.
Gut informiert in der historischen wie gegenwärtigen ökonomischen Literatur
und fern von vorschnellem Aktivismus fragt Elfriede Jelinek so gut wie nach
allem. Vom Naturaltausch bis zu hochkomplexen Produkten der Finanzmärkte,
nach dem Ursprung des Geldes und seiner sich wandelnden Funktion, wie
daraus Kapital wird, nach der Dynamik, die in die schrankenlose Ausbeutung
von Mensch und Natur mündet. Kann man die Abstraktion des Warentauschs auf
der Bühne sinnfällig abbilden? Elfriede Jelineks komplexe, mehrstimmige
Komposition aber spaltet Abstrakta auf in poetische Facetten.
Die Gattung, die den Planeten ruiniert, hat nichts mehr zu melden. Tiere
bleiben zurück und zur Not die KI, solange Strom da ist. Das Wort ward
Fleisch. Milliarden von Geflügel, Meeres- und Säugetieren, geschlachtet,
zerteilt, als Ware für den Endverbraucher oder als Futtermittel
konfektioniert, kommen zu Wort und ihre Rede hört nimmer auf.
Sind Hase, Fuchs, Dachs, Kuh und Stockenten allegorische Figuren in diesem
traurig-wütenden Karneval der Tiere? Der Fuchs taugt vielleicht zur
Personifizierung der Gier menschlicher Akteure, wenn das rationale Mirakel
der wundersamen Geldvermehrung in sich zusammenstürzt und als singulärer
„Skandal“ in der Zeitung steht.
## Die Leiden des Homo oeconomicus
Die Tiere in „Unter Tieren“ ergreifen eher zufällig das Wort und geben es
nicht mehr ab. Was sie umtreibt, sind die Leiden des Homo oeconomicus,
Gier, Verarmungs- und Verlustängste, das Gefühl, in einem anonymen
undurchschaubaren Prozess betrogen zu sein. Ihr „Ich weiß es nicht“ ist
weniger Unkenntnis als Symptom der wachsenden Widersprüche in einem
scheinbar naturwüchsigen Prozess.
Seit „Die Kontrakte des Kaufmanns“ (2009) hat Jelinek immer wieder über
Wirtschaft geschrieben. Dabei ging es auch um konkrete politische Vorgänge
und letztlich die Frage „whodunnit“. Die gibt es auch hier, doch „Unter
Tieren“ wird darüber hinaus zur verzweifelten Prophetie, die keine Zukunft
versprechen kann. Sie arbeitet sich am irrationalen Selbstzweck unserer
Wirtschaftsweise ab, der ohne Subjekt bleibt und auch nicht mehr nach
Kriterien persönlicher Moral bewertet werden kann.
Das war einmal die Domäne des Theaters. In diesem Unendspiel des
Kapitalismus ist alles gewusst, aber jede Form von kritischer
Handlungsmacht scheint absorbiert.
## Ein kaum spielbares Opus magnum
Elfriede Jelinek gibt dem Theater so vieles, treibt es aber immer wieder
über die Grenzen seiner Möglichkeiten. Auch dieses Opus magnum ist kaum
spielbar, adressiert gleichsam ein „Marstheater“ wie einst die „Letzten
Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Was tun? Es als Textwurst
herunterdeklamieren oder diesem Textgebirge einen Aufstiegspfad abringen,
auf dem das Theater als autonome ästhetische Praxis jenseits allen
Darstellungszwangs seine eigenen Formen, Dimensionen und Zeitmaße
entwickelt, die sich von der gedruckten Partitur zwangsläufig
unterscheiden?
Nicolas Stemann macht bei Jelinek sein Geschäft wieder mit der verehrenden
Kapitulation vor der gewaltfreien Wucht der Autorin. Als „Textumsetzung“,
weniger als Inszenierung will er den in seinen Aussichten und
Verlaufsformen durchaus variablen Abend verstanden wissen, dem er als
Conférencier, gelegentlich auch zur Gitarre und mit Sangeskünsten dient.
Mit der Pernerinsel südlich von Salzburg, ein Stück weit entfernt von den
Repräsentationstempeln des Festivals, die von Geld zeugen, aber nicht
zeigen, wo es herkommt, ist der Ort der Aufführung dieser Koproduktion mit
dem Wiener Burgtheater gut gewählt. Die alte Saline lässt die Gewalt noch
erahnen, mit der die Primärproduktion der Natur ihre Rohstoffe abgerungen
hat.
## Ein stockend animierter Peter Thiel
Katrin Nottrodt baut hier eine Werkstattatmosphäre hinein mit Flügel,
Perkussion, Projektionen, Leseprobentisch im Hintergrund, Manuskriptseiten
fliegen bald in mühsam behaupteter Spontaneität herum. Den obligatorischen
KI-Slop gibt es auch, ein stockend animierter Peter Thiel wird Gemeinplätze
abgeben. Ein papiernes Endlosband am Bühnenrand zeigt an, welches Tier
gerade dran ist, ein umgekehrter Abreißkalender, wie viele Textseiten noch
ausstehen. Zwei Stunden verstreichen ziemlich linear, um nicht zu sagen
fade. Man darf rausgehen, im Hof was trinken und per Public Viewing dort
weiterschauen.
Genießen lassen sich Einzelheiten, durchweg gut inszenierte Monologe von
Mavie Hörbiger, Caroline Peters und Azaria Dowuona-Hammond. Thiemo
Strutzenberger fällt als häschennäselndem Steuerprüfer viel Sympathie zu.
Der sanfte Anschlag der Stimme von Branko Samarovski dringt durch jedes
Geschrei. Inge Maux’ späte Karriere in Wien beglückt.
Die notwendige Steigerung der Wirkmittel schafft Eskalation, die man
beinahe schon herbeisehnt. Sebastian Rudolph eskaliert in der Tiermaske,
vom Regisseur am Kälberstrick „kaum“ zurückgehalten. [3][Caroline Peters]
gibt die archaischen Bocksgesänge dazu. Das Ganze endet in Debatten, wie’s
weitergeht. Irgendwann kommt auch die lokale Blaskapelle und stimmt einen
dionysischen Maskenzug an. In der Ordnung seiner Unordnung findet sich das
Theater schließlich wieder und lässt spät doch versöhnt ins Freie treten.
## Alles wird hier Sprache
Am Vorabend im Salzburger Landestheater hat Jette Steckel einen klugen
Griff ins Archiv der Theaterliteratur getan. An Molières „Der
Menschenfeind“, durchaus ein zeitweiliger Ladenhüter, legt sie in einer
Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater latent vorhandene, spannende
Bedeutungsebenen frei.
Die Bühne von Florian Lösche schrumpft zum Laufsteg, im Hintergrund sitzt
auch Publikum. Man nimmt einander die Guckkastenillusion. Alles daran wird
hier Sprache, das oft steife höfische Geplänkel zum Battle-Rap in
Alexandrinern. Vor allzu viel Figurenidentifikation bewahrt die strikte
Farbenzuordnung der jeweils monochromen Kostüme.
Zuvor treibt Ole Lagerpusch, der später zum höfischen Dichter im rosa
Fransenkostüm wird, mit ein paar Hip-Hop-Versen von UWE (u. a.
[4][Deichkind]) das geneigte Premierenpublikum aus den Sitzen.
Die ungelenke Ehrlichkeit, mit der der Protagonist Alceste (André
Szymanski) gegen Gewandtheit der Höflinge rebelliert, will noch etwas
anderes: besitzen, und zwar die angebetete junge Witwe Célimène (Maja
Schöne). Ihr glücklicher Status entzieht sie der Bewirtschaftung ihres
Geschlechts durch Väter und Ehemänner. Genau das will Alceste ihr nehmen
und scheitert. Aus dem Seelenleben eines Ungustls wird ein großes Stück für
Schauspielerinnen, Cathérine Seifert und Lisa Hagmeister sekundieren
brillant. Barbara Nüsse als diskreter Zeremonienmeister in Yves-Klein-Blau
wird lange im Gedächtnis bleiben.
18 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Uwe Mattheiß
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