# taz.de -- Die Kunst der Woche: Die Stadt der Männer
       
       > Ein neues Berliner Festival handelt vom künstlerischen Medium Fotobuch
       > und NÄNZI tanzt, kämpft und triumphiert beim Verein Berliner
       > Künstlerinnen 1867.
       
 (IMG) Bild: Andreas Trogisch, Berlin 1990
       
       Das neue, vom Museum der Subkulturen und der Staatsbibliothek organisierte
       [1][Festival Photo Book Summer] untersucht das Fotobuch als künstlerisches
       Medium. In seiner ersten Ausgabe geht es um „Berlin Wonderland – Hidden
       Treasures – Wild Years Revisited 1990–1996“ wie die Fotoausstellung im
       Vortragssaal heißt. Sie ergänzen die „Fragmente der Stadt“, eine
       Fotobuchausstellung in der Lobby des Scharounbaus, die den Zeitrahmen bis
       heute spannt. Dort haben endlich auch Fotografinnen ihren Auftritt.
       
       Denn einer der auffälligsten Aspekte der anarchischen Jahre nach dem
       Mauerfall, wie sie die S/W-Hidden Treasures zeigen, ist ein rasanter
       Männerüberschuss, hinter der Kamera sowieso, aber auch vor ihr: nur weiße
       Jungs. Ist mal eine junge Frau zu sehen oder jemand aus einem anderen
       Kulturkreis, gehört man doch, wie der mit Rammstein verbandelte Chilene
       Paulo San Martin sagt, „zu einem Stamm“.
       
       Dass man darüber irgendwann hinwegsieht, liegt daran, dass die Bilder
       einfach großartig sind. Sie zeigen, was fotografisch möglich ist: Den
       Moment in seiner ganzen Aura festzuhalten, die Menschen in Aktion, egal ob
       im Techno-Club, im Projektraum oder auf der Straße. Da baut die Sonne für
       die Kamera die Architektur der Stadt ständig neu, je nachdem wie die
       Schlagschatten fallen, die man so in der Realität nie bemerkt. Obwohl bei
       der Wahl der Motive schon heftig am Heldenbild gearbeitet wird, gewinnt
       dann doch das intelligente, wache Interesse an den Zeitumständen, das sich
       hier dokumentiert. Und keine Frage: die abgewrackte MiG-27 vor dem Tacheles
       ist der Knaller.
       
       ## Auch Frauen machten Kunst
       
       Erstaunlich, aber im wilden Berlin der 1990er Jahre lebten auch Frauen –
       und machten Kunst und Revolte. Etwa NÄNZI (1962–2013), die jetzt im
       [2][Verein der Berliner Künstlerinnen 1867] eine Einzelausstellung hat. Ihr
       bildhauerisches Werk, figürliche Skulpturen in Ton, Gips, Keramik, Beton
       und auch Bronze, bestärkt interessanterweise den in der Ausstellung zuvor
       gewonnenen Eindruck eines von Männern beherrschten Berlins, also auch einer
       von Männern beherrschten Kunst- und Kulturszene. Denn ihre kleinformatigen
       Figuren befinden sich sichtlich im Kampf um Sichtbarkeit, um Präsenz im
       existenziellen Sinn.
       
       Ungehorsam und widerständig sind sie in den eingefangenen Haltungen, wie
       die Nachlassverwalterin und Kuratorin der Ausstellung Helen Adkins sagt,
       mythisch aufgeladen und gleichzeitig aus dem Leben gegriffen. Ohne weiteres
       erkennt man die Punkerin („Windsbraut“, 1993), aber auch die Freiheit, die
       das Volk anführt („Rachefurie“, 2010).
       
       Dass ihre aus Kunstgeschichte, aus Volks- vor allem aber Popkultur
       inspirierten Figuren wie eine Mischung aus Skulptur und Puppe erscheinen,
       liegt daran, dass NÄNZI ihre Figuren bemalt, bekleidet, frisiert und
       geschminkt hat. Je nach Anlass wurden sie neu gestylt, in einer Form
       skulpturaler Performance, die seltsamerweise anschlussfähig an Voguing
       erscheint.
       
       11 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.musuku.de/
 (DIR) [2] http://www.vdbk1867.de/naenzi-1962-2013-wenn-ich-schwach-bin-bin-ich-stark-schneewittchen
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Brigitte Werneburg
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Kunsträume Berlin
 (DIR) Berliner KünstlerInnen
 (DIR) Kunst Berlin
 (DIR) taz Plan
 (DIR) taz Plan
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Berliner Galerien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Die Begegnung von Original und Bild
       
       Das Bode-Museum setzt sich mit den fotografischen Beständen seiner
       Skulpturensammlung auseinander. Es geht um Verschiebung und Interpretation.
       
 (DIR) Kunst der Woche: Irgendetwas stört die Idylle
       
       Bei Société lädt Kaspar Müller zu seiner Art von Kunsthandwerkmarkt. Bei
       Kunstpunkt untersucht eine Gruppenausstellung das Zusammenleben der
       Spezies.
       
 (DIR) Kunst der Woche: Der Bois d’Arc und die Tränenfänger
       
       Von der Osage Orange bis zur abgewaschenen Tinte: Zwei Berliner
       Ausstellungen verbinden Kolonialgeschichte, indigenes Wissen und persische
       Literatur.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Ein zukunftsweisender Irrtum
       
       Linien, Kurven und Bewegungen in der Fotografie sind in der Galerie
       Springer zu sehen. Farbe, Punkt für Punkt nebeneinandergesetzt, im Museum
       Barberini.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Schönheit und Geduld
       
       Zwei aktuelle Ausstellungen kombinieren Fotografien und Gemälde. Gegen die
       Hundertstelsekunden der Kamera stehen die langen Stunden der Malerei.