# taz.de -- Friedrichshain-Kreuzberg vor der Wahl: Wenn die Krümel sprechen, hat der Kuchen Pause
       
       > Ob Verkehrswende, Görli-Zaun oder Verdrängung auf dem RAW-Gelände: In
       > Friedrichshain-Kreuzberg bleiben die Jüngsten ungehört. Ein
       > Kiezspaziergang.
       
 (IMG) Bild: Emma (15, rechts), Shaun (19, links) und Mika (12, Mitte) am 19. Juni 2026 auf dem RAW Gelände in Berlin
       
       Der Treffpunkt, an dem Emma, Mika und Shaun ihren Kiezspaziergang beginnen,
       ist ein Parklet an der Modersohn-Grundschules in der Nähe des Boxhagener
       Platzes. An dem ehemaligen zu einer Sitzgelegenheit umfunktionierten
       Autoparkplatz wünschen sich die Jugendlichen Blumenkübel.
       
       Emma deutet auf einen kahlen Fleck rings um einen Baum. „Wir wollen einfach
       ein bisschen Farbe in den Kiez bringen“. Viel Müll, wenig Grün, so
       beschreibt sie ihn zu großen Teilen: „Sorry aber der Boxi da drüben – das
       kann man nicht Park nennen“. Mika stimmt zu: „Da ist ein halber Baum
       drauf“.
       
       Emma ist 15 Jahre alt, Shaun 19 und Mika erst 12. Gemeinsam engagieren sie
       sich im Vorstand des Jugend und Kinder Gremiums Friedrichshain-Kreuzberg
       (JuKG). Das erst im Februar dieses Jahres gegründete Jugendparlament sieht
       sich als Interessenvertretung junger Menschen im Bezirk. Jugendliche
       diskutieren gemeinsam Probleme im Bezirk und erarbeiten Lösungsvorschläge,
       die sie die Bezirkspolitik einbringen. In anderen Bezirken gibt es ähnliche
       Initiativen schon länger.
       
       Die Blumenkübel sind eines der aktuellen Themen in der AG „Umwelt“. Für die
       Umsetzung wollen Emma, Shaun und Mika einen Antrag an die Bezirksstadträtin
       Annika Gerold: „Es ist ein relativ einfacher Antrag. Wir wollen auch
       Anträge stellen, wo wir die Veränderung sofort sehen“, sagt Emma.
       
       ## Mobilität für alle
       
       Ein anderes Thema, was die Jugendlichen beschäftigt, ist die
       Mobilitätswende. Vor ein paar Jahren wurde ein Zebrastreifen vor der
       Modersohn-Grundschule errichtet – das sei Emma zufolge schon ein großer
       Schritt gewesen. Sie ging damals auf diese Schule. „Ich hatte zwar nie
       einen weiten Schulweg, aber große Straßen waren immer ein Problem“, sagt
       Emma. Mit dem Zebrastreifen kam ein größeres Sicherheitsgefühl.
       
       [1][Im Dezember 2025 wurde schließlich die vom Bezirksamt beschlossene
       Schulzone vor der Grundschule baulich umgesetzt]. Die Straße ist nun
       durchzogen von rot-weißen Pollern, die den Autoverkehr fernhalten.
       Friedrichshain-Kreuzberg zeigt in diesem Bereich vergleichsweise großes
       Engagement: Im Juli 2025 hatte der Bezirk [2][die zweite Schulzone Berlins]
       errichtet. Als Jugendliche würden sie sich „über jede Schulzone, jede
       Fahrradstraße jeden ÖPNV-Ausbau freuen“, sagt Shaun.
       
       Denn von der Automobilität sei ein Großteil der Gesellschaft, insbesondere
       Jugendliche, ausgeschlossen, meint er: „Da spielen ja auch die sozialen
       Umstände und die finanzielle Stärke der Eltern eine Rolle – ob man sich
       überhaupt ein Auto leisten kann.“ Dieses Ungleichgewicht müsse angegangen
       werden, sind sich die drei einig: „Für uns ist das Ziel Gleichberechtigung
       zwischen den Verkehrsteilnehmern zu schaffen“, sagt Shaun.
       
       „Ich wünsche mir größere und bessere Fahrradwege“, sagt Mika und denkt an
       ihren kleinen Bruder: „Er kann den Großteil der Wege einfach nicht alleine
       fahren. Wir wohnen an der Kreuzung Warschauer Straße/Frankfurter Allee. Die
       Autos rasen hier zum Teil.“ Auf der Frankfurter Allee, einer der
       Hauptverkehrsstraßen im Bezirk, gilt Tempo 50 –
       [3][Anwohner*innen-Initiativen für ein Tempolimit sind schon 2022 vor dem
       rot-rot-grünen Senat gescheitert]. Wie man hier als Kind Fahrradfahren
       lerne: „Aufm Fußweg. Immer erstmal alle Passanten umgefahren“, antwortet
       Emma, die drei lachen.
       
       ## Der Weg ins politische Engagement
       
       Auf dem Weg zur nächsten Station erzählen die drei, wie sie es schaffen
       andere Jugendliche für Politik zu begeistern – sie sind stolz darauf, schon
       im ersten Jahr 100 Mitglieder dazugewonnen zu haben. Grundschüler*innen,
       meint Mika, seien erfahrungsgemäß leicht zu begeistern: „Wenn die sehen:
       die Großen machen das, dann wollen sie das auch machen.“ Emma wirft ein:
       „Aber sobald du mit dem Wort Interessenvertretungen kommst, sind alle schon
       wieder raus.“ Shaun nickt: „Ja, du musst halt echt aufpassen, dass du nicht
       nach Behörde klingst.“ Bei Jugendlichen wiederum, sei es ihr zufolge oft
       schwierig sie überhaupt zu erreichen: „Leute in meinem Alter halten sich so
       krass in ihrer eigenen Bubble auf, da kommt niemand rein und raus.“ Mit dem
       JuKG gehen sie deswegen oft in die Schulen, um sich vorzustellen.
       
       Mika gehört zu den Jüngsten im JuKG: „Ich bin zwölf und ich weiß teilweise
       mehr als meine Mutter in politischen Themen“, sagt sie. Sie haben es sich
       zur Aufgabe gemacht, den Zugang zu Politik so niedrigschwellig wie möglich
       zu gestalten: „Politik kann was verändern und die kann auch Spaß machen“,
       sagt Shaun. Die Treffen finden in der Regel in Jugendfreizeiteinrichtungen
       statt – zum Beispiel auf dem RAW-Gelände, der zweiten Station des
       Kiezspaziergangs.
       
       Dort angekommen betont Shaun: „Hier sind so viele kulturelle Orte, die sehr
       wichtig sind“. Die drei zählen auf, was sie mit dem Gelände verbinden:
       Einen Jugendclub, eine große Skaterhalle, eine Boulderwand, beginnt Shaun.
       „Meine neunjährige Schwester geht hier hin, die hat hier
       Gitarrenunterricht“, wirft Emma ein. Mika denkt an den historischen
       Weihnachtsmarkt, der jedes Jahr auf dem Gelände stattfindet: „Wir sind
       damit aufgewachsen.“
       
       Schon seit Jahren besteht ein Streit über die künftige Nutzung des
       Geländes. Die Investorengruppe Kurth, die den Bau von Büros und Wohnungen
       auf dem Gelände plant, hatte im Juni einzelne Kulturbetriebe und Clubs dazu
       aufgefordert ihre Räume zu verlassen. [4][Bezirk und Senat wollen weiter an
       den Verhandlungen festhalten.] Zuvor war der Bezirk der Investorengruppe
       entgegengekommen und hatte in Aussicht gestellt, einer Wohnbebauung am
       östlichen Ende des Gebiets zuzustimmen, sofern die Kurth-Gruppe einen
       langfristigen Erhalt des „soziokulturellen Ls“ zusichern würde.
       
       ## Thirdplaces: Orte ohne Konsum
       
       Die Verhandlungen um die Zukunft des RAW-Geländes gehen den Jugendlichen
       sehr nahe: „Ich glaube, fast jeder und jede bei uns verfolgt diese
       Diskussion rund um die Bebauung des RAWs“, sagt Shaun. Es gebe ohnehin
       nicht viele Orte wie das RAW-Gelände, an denen sich so viel kulturelles
       Angebot bündelt, meint Shaun. Er ist froh, schon früh mit Angeboten wie
       Jugendclubs oder, in Grundschulzeiten, einem sogenannten „Schülerladen“ in
       Kontakt gekommen zu sein. „Sobald ich aus der Schule raus war, hab ich
       meine Sachen zu Hause abgeschmissen und bin sofort zum Skateboard-Kurs.
       Dann ging es weiter zum Graffiti.“ Man hätte jeden Tag volles Programm
       gehabt, meint Shaun.
       
       Allerdings habe sich das inzwischen geändert. Aufgrund der aktuellen
       Sparmaßnahmen, im Zuge derern auch bei Jugendclubs und ähnlichen
       Einrichtungen gekürzt wird, sei es den meisten Jugendclubs nicht mehr
       möglich, ein breites Angebot auf die Beine zu stellen: „Die sind total
       unterfinanziert, die müssen ihr Programm echt auf ein Minimum
       runterregeln“, bedauert Shaun.
       
       Für Mika zum Beispiel ist ein solches Angebot keine Selbstverständlichkeit.
       Mangels anderer Orte trifft sie sich mit ihren Freundinnen meistens in der
       East-Side-Mall, ein 2018 eröffnetes Shoppingzentrum an der Warschauer
       Brücke: „Manchmal holen wir uns ne Limo oder was Kleines zu snacken, wenn
       wir Geld haben. Das ist sehr selten der Fall“. Sitzmöglichkeiten gebe es
       oft nur vor Restaurants. Vielen Jugendlichen gehe es so, meint Emma, die in
       Mikas Alter auch oft in die Mall gegangen sei: „Wie hobbylos kann man sein,
       dass man jeden Tag in die East Side Mall geht?“, blickt sie zurück.
       
       Zwischen East Side Mall, Uber-Arena und Amazon-Tower schießen in dem Bezirk
       immer mehr Orte aus dem Boden, die dem kleinen Geldbeutel entgegenstehen.
       Was fehlt, sind Orte ohne Konsum: „Ich würde mir mehr Cafés wünschen, wie
       hier das Café Kult, wo man sich einfach mit seinem Laptop hinsetzen kann“,
       sagt Emma und meint damit ein Café auf dem RAW-Gelände, in dem sie öfter
       ihre Mails schreibe. „Am besten Orte, wo man sich vielleicht mit seinem
       eigenen Kaffee hinsetzen kann“, statt viel Geld für ein Getränk bezahlen zu
       müssen, sagt sie.
       
       ## Schließungen und Kürzungen
       
       Ein solcher Ort, an dem sich Jugendliche treffen können, ohne Geld ausgeben
       zu müssen, liegt zwei Stationen mit der U1 entfernt. „Einmal durchs
       Drehkreuz?“, meint Emma scherzhaft im Vorbeigehen am Zaun des Görlitzer
       Parks. „Ich fass das Ding nicht an, wenn ich nicht muss“, entgegnet Shaun.
       Der Berliner Senat hatte den Görlitzer Park, „Görli“, einzäunen lassen, um
       ihn nachts abzuschließen. Wiedereinmal gegen den Willen des Bezirks: Die
       Zuständigkeit liegt eigentlich in seinen Händen. [5][Nachdem sich der grün
       regierte Bezirk jedoch geweigert hatte, der Schließung selbst nachzukommen,
       wurde ihm die Zuständigkeit für den Park vom Senat entzogen]. Das gleiche
       Spiel auch im [6][Projekt „Urbane Mitte“] oder beim [7][Hochhaus in der
       Rudolfstraße] – es scheint, der schwarz-rote Senat mischt sich in keinem
       anderen Bezirk so viel in die Bezirkspolitik ein wie in
       Friedrichshain-Kreuzberg.
       
       Einer Schließung des Görlis, die im März kurzzeitig umgesetzt wurde,
       entgegnete die Initiative „Görli zaunfrei“ mit einer Klage. Nach einer
       positiven Entscheidung müssen die Tore des Parks vorerst rund um die Uhr
       göffnet bleiben. „Der Görli ist ein Ort ohne Zwänge, wo man sich einfach
       mal mit ein paar Freunden hinsetzen kann“, sagt Shaun und deutet auf ein
       paar Steintreppen, auf denen sich eine Freundesgruppe unterhält: „Viele
       Jugendliche verbringen hier ihren Nachmittag. Der Zaun drum herum würde
       dafür sorgen, dass man auf gar keinen Fall in den Abendstunden hierbleiben
       kann.“ Das sei für ihn frustrierend: „Mit 19 ist man nicht mehr um 22 oder
       23 Uhr zu Hause. Man ist abends unterwegs.“
       
       Außerdem gehe es für ihn nicht nur um den Park selbst: Hier gebe es auch
       einen Jugendclub, Sportvereine. „Im Falle einer nächtlichen Schließung des
       Görlis müssten die dann ihre Zeiten anpassen und könnten kein Abendprogramm
       machen“, sagt Shaun.
       
       Laut Shaun werden die Jugendlichen in ihren Sorgen nicht gesehen – schon
       während Corona sei die Jugend „auf der Strecke geblieben“, findet er. „Und
       anstatt Generationengerechtigkeit aufzubringen, kommt jetzt auch noch die
       Wehrpflicht“, sagt Shaun. Auch andere Themen, welche die Jugend bewegen,
       wie Klimaschutz, würden keine Beachtung in der Politik finden, meint er:
       „Es wird Politik für Senioren gemacht, weil die der Großteil der
       Wählerschaft sind.“
       
       Das Engagement im JuKG, wenn auch nur auf Bezirksebene, sei hingegen eine
       Möglichkeit, sich nicht machtlos zu fühlen: „Es ist cool, dass es endlich
       etwas gibt, wo ich mich beteiligen kann“, sagt Mika. Emma ergänzt: „Wir
       haben bei null angefangen und ich merke, wie krass ich mitgewachsen bin.“
       Entgegen allen Vorurteilen gegenüber „politikverdrossenen Jugendlichen“
       sieht Shaun im JuKG ein klares Zeichen: „Wir beweisen doch das Gegenteil.“
       In Friedrichshain-Kreuzberg gebe es laut Emma zwar genug Dinge zu
       verbessern – „dennoch könnte ich mir keinen Bezirk vorstellen, in dem ich
       lieber wohnen würde.“
       
       13 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/oeffentlicher-raum/schulzone-simplonstrasse-niemanstrasse-1581189.php
 (DIR) [2] /Verkehrsberuhigung-in-Berlin/!6094752
 (DIR) [3] /Tempolimit-auf-der-Frankfurter-Allee/!5902618
 (DIR) [4] /Raeumungsbedrohtes-RAW-Gelaende/!6187642
 (DIR) [5] /Beschluss-des-Verwaltungsgerichts/!6183188
 (DIR) [6] /Dauergezerre-um-Buerohochhaeuser-/!6088460
 (DIR) [7] /Erstes-Wohnhochhaus-in-Berlin/!6172918
       
       ## AUTOREN
       
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