# taz.de -- Bürgerengagement gegen rechts: „Das nervt sie tierisch“
> Das Bündnis „Reinickendorf gegen rechts“ geht dorthin, wo die AfD ist,
> und zeigt Gegenpräsenz. Viele Bürger reagierten jedoch gleichgültig,
> erzählt der Gründer.
(IMG) Bild: Drei Aktivisten von Reinickendorf gegen rechts an ihrem Infostand in der Gorkistraße in Tegel
taz: Herr D., das Bündnis „Reinickendorf gegen rechts“ ist im Wahlkampf
sehr aktiv, Sie machen regelmäßig Infostände und demonstrieren gegen die
AfD. Ist die in Reinickendorf besonders stark?
A.D.: Die Partei hat sich seinerzeit an die Spitze der
Coronaleugner-Bewegung gestellt. Die konnte bei ihren Montagsdemos in Tegel
zeitweise bis zu 2.000 Menschen mobilisieren. Und bis heute ist die AfD in
Reinickendorf sehr aktiv. Es hat seinen Grund, dass die Partei in
Reinickendorf ihre Bundesgeschäftsstelle hat: Die führenden Köpfe im Bezirk
haben auch auf Bundes- und Landesebene eine Menge zu sagen. Da ist zum
einen Rolf Wiedenhaupt, der AfD-Kreisvorsitzender ist und im
Abgeordnetenhaus sitzt. Da ist zum anderen Sebastian Maack, Mitglied des
Bundestags, früher mal Stadtrat in Reinickendorf. Beide waren Anhänger des
formell aufgelösten Höcke-Flügels der AfD.
taz: Manche sagen, die Berliner AfD sei nicht so rechtsextem wie andere
Landesverbände …
A.D.: Das stimmt meines Erachtens nicht. Kirsten Brinker als Vorsitzende
ist eine Kreide fressende Frau, die ganz enge Kontakte zu wirklich sehr
extremen Vertretern in ihrer Partei hat. Und innerhalb der Berliner AfD
ist, denke ich, die Reinickendorfer AfD besonders rechts. Die halten hier
auch regelmäßig Stammtische ab und sogenannte Bürgerdialoge. Wir halten
dagegen, wo es geht.
taz: Wie?
A.D.: Wir zeigen Gegenpräsenz. Zumindest immer, wenn jemand „Prominentes“
kommt, wie letztens Beatrix von Storch. Dann stellen wir uns dagegen und
organisieren Demonstrationen, zum Beispiel vor dem Rathaus – die AfD mietet
für ihre „Bürgerdialoge“ gerne den BVV-Saal.
taz: Kommen viele Bürger?
A.D.: Von außen kann man das nicht gut sagen, es gibt mehrere Eingänge ins
Rathaus. Aber dadurch, dass der rechte Streamer „Björn Banane“ die
Veranstaltungen streamt, kann man sich das hinterher anschauen. Beim
letzten Mal war der Saal gut gefüllt, da passen 55 Bezirksverordnete rein,
plus Zuschauerränge. Ich schätze mal, es waren etwa 60 Bürger dort.
taz: Wie viele waren vor der Tür?
A.D.: Wir standen vor dem Rathaus mit über 150 Leuten. Das war schon eine
stattliche Zahl für unser kleines Reinickendorf. So etwas ist jetzt fast
unser Alltag. Wir machen auch regelmäßig Infotische, etwa in der
Fußgängerzone Gorkistraße.
taz: Die AfD macht auch viele Stände: in Tegel, Hermsdorf, im Märkischen
Viertel, in Frohnau. Da stellen Sie sich gezielt daneben?
A.D.: Das war früher, als die AfD ihre Infostände noch auf Facebook
angekündigt hat. Das tun sie inzwischen nicht mehr. So machen wir jetzt
unsere Stände zu von uns gewählten Terminen – und hoffen eher, dass die AfD
auch in der Nähe ist.
taz: Meinen Sie, die AfD hat die Terminankündigung Ihretwegen aufgegeben?
A.D.: Ich vermute schon. Das nervt sie tierisch, wenn wir ein paar Meter
von denen entfernt stehen mit unseren Anti-AfD-Schildern. Vor allem drei
von uns, alles ältere Herren, machen das auch gerne spontan: Wenn wir
Kenntnis bekommen von einem AfD-Stand, fahren wir hin und stellen uns als
Einzelpersonen daneben. An meinem Fahrrad hängen immer das Banner „Stoppt
die AfD“ und ein Schild „Björn Höcke ist ein Nazi“. Mit der Ausstattung
kann ich schnell überall hinfahren.
taz: Welche Reaktionen bekommen Sie?
A.D.: Die von den AfD-Vertreterinnen am Stand sind soweit okay. Manchmal
werden wir ein bisschen lächerlich gemacht, auch mit abfälligen Bemerkungen
bedacht oder so. Einmal hat mich der Herr Wiedenhaupt fotografiert und das
Foto auf seine Facebook-Seite gestellt. Da habe ich ihn das nächste Mal
angesprochen, das sei doch nicht unser Stil und dass wir uns vernünftig
auseinandersetzen sollten. Da hat er das Foto tatsächlich runtergenommen.
Hass und Hetze kommen vor allem von Anhängern der AfD.
taz: Wie sieht das aus?
A.D.: Wir werden teilweise schon angepöbelt oder mit unflätigen Bemerkungen
beschimpft. Aber es überwiegt die völlige Ignoranz. Viele Leute gehen
vorbei und reagieren gar nicht. Wenn sich Leute äußern, ist der Zuspruch
ein bisschen größer als die Ablehnung, würde ich sagen – aber nicht so viel
größer, leider. Allerdings: Wenn wir hier als Einzelperson stehen, kriegen
wir immer wieder „Daumen hoch“, auch mal einen Kaffee spendiert, ein Wasser
hingestellt. Oder sogar einen Satz wie: „Gut, dass ihr hier seid. Mutig von
euch.“ Da kriegen wir schon eine ganze Menge Zuspruch. Aber es gehen auch
Passanten kopfschüttelnd vorbei. Immerhin habe ich mich noch nie so richtig
bedroht gefühlt.
taz: Was denken Sie über die Berlin-Wahl?
A.D.: Na ja, die Umfragen sind beunruhigend. Und ich muss leider sagen: Die
AfD ist sehr fleißig und sehr präsent. Im Gegensatz zu den anderen Parteien
ist sie ja auch schon seit Monaten auf den Straßen mit ihren Infoständen.
Und jetzt stehen sie zum Beispiel schon morgens um 6.30 Uhr am
Kurt-Schumacher-Platz, wenn viele Leute zur Arbeit strömen. Ohne die AfD
loben zu wollen: Damit punkten sie. Die sind schlau.
taz: Finden Sie, die AfD sollte verboten werden?
A.D.: Ja, das ist eine der Forderungen von Reinickendorf gegen rechts. Der
Verfassungsschutz hat die Gesamtpartei als gesichert rechtsextrem
eingestuft, da sollte es in einem Rechtsstaat doch selbstverständlich sein,
dass das Bundesverfassungsgericht ein Prüfverfahren durchführt. Aber das
wird natürlich schwieriger, falls die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich an
die Macht kommt. Eine Regierungspartei verbieten? Ich kann mir nicht
vorstellen, dass das passiert.
taz: Was würde ein Verbot nützen, wenn eine Partei so viele Anhänger hat?
Die denken doch weiterhin dasselbe.
A.D.: Vor Ort an den Ständen sage ich immer, dass ich nicht behaupte, dass
die Wähler der AfD das Problem sind. Das sind nicht alles Faschisten, nicht
alles Nazis. Aber die Partei besteht aus Faschisten und Nazis.
taz: Aber warum wählen die Leute sie dann?
A.D.: Weil sie sich nicht genug über die wahren Absichten der Partei
informieren, beziehungsweise nur noch der Propaganda der rechten Kanäle
glauben. Und weil sie gleichzeitig in vielen inhaltlichen Punkten von der
AfD mit ihren populistischen und teilweise mit Fake News unterfütterten
Behauptungen vereinnahmt werden. Viele AfD-Wähler wissen doch gar nicht,
dass die Partei die Renten kürzen will. Die wissen gar nicht, dass die AfD
die Steuern für Reiche runtersetzen will. Die wissen gar nicht, dass die
AfD die Arbeitnehmerrechte beschneiden will.
taz: Halten Sie die AfD-Wähler wirklich für so blöd?
A.D.: Na ja, das wäre Wählerbeschimpfung, das mache ich nicht. Aber es ist
schon eine Frage von Wissen. Vor allem aber: Mit einer Partei, die Hass und
Hetze sät, die mit Fake News argumentiert, die offen lügt, mit der kann man
nicht normal umgehen. Bei jeder Politk-Talkshow sieht man das: Am Ende hat
die AfD wieder gepunktet. Ihre Vertreter hauen irgendwelche falschen
Zahlen, irgendwelche Zusammenhänge raus, die es gar nicht gibt – und
einfach gestrickte Menschen, die nicht die Gegenargumente parat haben,
sagen: Ja, genau!
taz: Was machen Sie, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommt?
A.D.: Gute Frage: Ich persönlich wäre total geschockt, klar, aber ich würde
nicht auswandern, sondern weiterkämpfen. Ich hoffe, es war nicht alles
umsonst.
2 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Susanne Memarnia
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