# taz.de -- Bundeshaushalt 2027: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
> Der Finanzminister lobt sich selbst, weil er es geschafft hat, ein
> riesiges Haushaltsloch zu stopfen. Der Preis sind neue Rekordschulden.
(IMG) Bild: Will den Klima- und Transformationsfonds anzapfen: Finanzminister Lars Klingbeil
Inmitten von Wirtschaftskrise und Kriegen hat das Bundeskabinett am Montag
den Haushalt für 2027 beschlossen. Mit Ausgaben von mehr als einer halben
Billion Euro und knapp 120 Milliarden Euro neuen Schulden ist er so groß
wie nie. Die wichtigste Botschaft von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil,
als er ihn in Berlin vorstellte: „Wir schaffen das, woran die letzte
Regierung gescheitert ist. Wir schließen eine Lücke von 34 Milliarden
Euro.“ So viel Eigenlob muss sein.
Kritik kommt von vielen Seiten: Der Bundesverband der Deutschen Industrie
nennt die steigenden Ausgaben und Schulden „alarmierend“, der Deutsche
Gewerkschaftsbund beklagt eine „enorme Schieflage“ zulasten von
Zukunftsinvestitionen, der BUND spricht von einem „Angriff auf den
Klimaschutz“.
## Schulden kosten zweistellige Milliarden
Der größte Ausgabentreiber ist die Landes- und Bündnisverteidigung. Dafür
sind knapp 110 Milliarden Euro vorgesehen – ein Drittel mehr als in diesem
Jahr. Hinzu kommen 30 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr und
11,6 Milliarden Euro für die Unterstützung der Ukraine. Bis 2029 sollen die
Verteidigungsausgaben auf 180 Milliarden Euro steigen, um das Nato-Ziel von
3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erreichen.
Finanziert wird der Großteil über Kredite. Da Verteidigungsausgaben
oberhalb von 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts seit 2025 nicht mehr unter
die Schuldenbremse fallen, steigen langfristig die Zinskosten: Im nächsten
Jahr werden dafür mehr als 40 Milliarden Euro fällig, bis 2030 könnte sich
die Summe verdoppeln.
## Kaum Kürzung bei Subventionen
Auch für Investitionen in Schienen und Straßen, Digitalisierung und
Netzausbau will die Bundesregierung im nächsten Jahr rund 50 Milliarden
Euro ausgeben, in den Jahren darauf etwas weniger. Aus dem
schuldenfinanzierten Sondervermögen Infrastruktur, jener
500-Milliarden-Euro-Finanzspritze, mit der Deutschland bis 2037
modernisiert werden soll, kommen noch mal 37 Milliarden obendrauf. Für
heftige Kritik sorgt allerdings Klingbeils Vorhaben, den Klima- und
Transformationsfonds anzuzapfen. Dieser speist sich aus dem Handel mit
Verschmutzungsrechten – Geld, das eigentlich dafür gedacht ist, Deutschland
unabhängig von dreckiger, fossiler Energie zu machen.
Parallel zu den Rekordausgaben will der Finanzminister auch sparen und
plant 3 Milliarden Euro weniger für Steuervergünstigungen und Subventionen
ein – angesichts eines Gesamtvolumens von fast 80 Milliarden keine riesige
Kürzung. Die Ministerien sollen ihre Etats pauschal um 3 statt 1 Prozent
kürzen, alle außer dem Verteidigungsministerium. Trotzdem könnte sich ab
2028 bis 2030 eine neue Finanzlücke von über 100 Milliarden Euro auftun.
## Mehr Geld für Sicherheit, sparen bei Integration
Der Haushalt des Innenministeriums zeigt deutlich, wo die Prioritäten von
Minister Alexander Dobrindt (CSU) liegen. Für Integrationskurse soll es
künftig nur noch 600 Millionen Euro geben, statt wie bisher rund 1
Milliarde. In diesen Kursen lernen Zugewanderte vor allem Deutsch, bekommen
aber auch Grundwissen über die deutsche Gesellschaft vermittelt. Schon im
Frühjahr kündigte das Bundesinnenministerium an, die Kurse nur noch für
Menschen mit guten Bleibeaussichten zu finanzieren. Das schließt fast alle
Asylbewerber:innen mit offenen Verfahren aus. Für Geflüchtete aus der
Ukraine, die zunächst ebenfalls betroffen waren, [1][gibt es inzwischen
einen Kompromiss]: Sie dürfen weiter teilnehmen.
Während die Bundesregierung im Bereich Integration deutlich kürzt, schiebt
sie den Sicherheitsbehörden Geld zu. [2][Bundespolizei] und
Bundeskriminalamt erhalten jeweils 100 Millionen Euro zusätzlich – nachdem
sie schon im Vorjahr je rund 200 Millionen Euro mehr bekommen hatten.
Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz profitieren noch stärker: Ihr
Etat wächst um insgesamt 500 Millionen auf 2,7 Milliarden Euro.
Und auch für Zivilschutz, also die Vorbereitung auf Kriege und
Katastrophen, plant die Bundesregierung mehr Mittel ein. Der Gesamtbetrag
steigt um rund 700 Millionen Euro. Das ist allerdings weniger als gedacht:
[3][Dobrindt hatte Mitte Mai einen „Pakt für Bevölkerungsschutz“ und
Investitionen über 10 Milliarden Euro bis zum Jahr 2029 angekündigt], die
etwa in Warntechnik oder an das Technische Hilfswerk fließen sollen. Der
Haushaltsentwurf zeigt nun, dass die angekündigte Summe nicht zusätzlich zu
den bisherigen Mitteln kommt, sondern mit ihnen verrechnet wird.
„Die Bundesregierung verschiebt die Prioritäten beim Innenetat immer weiter
in Richtung Sicherheit“, sagt der Grünen Haushaltsexperte Leon Eckert. „Da
wo es darum geht, die Gesellschaft zusammenzuhalten, wird gekürzt.“
## Bei Krankenkassen doch nicht so viel zu holen
Eigentlich sollte auch im Bereich Gesundheit deutlich gespart werden. Der
Bund beteiligt sich nämlich jährlich mit einem pauschalen Zuschuss von 14,5
Milliarden Euro an den Kosten, die den Krankenkassen durch sogenannte
versicherungsfremde Leistungen entstehen. Das sind vor allem
sozialstaatliche Maßnahmen wie die Familienversicherung oder das
Mutterschaftsgeld, die die Krankenkassen im Auftrag des Bundes übernehmen.
Dieser pauschale Zuschuss sollte ab 2027 dauerhaft um 2 Milliarden Euro
gesenkt werden. So stand es auch im [4][Entwurf für das
Beitragssatzstabilisierungsgesetz], das eigentlich die Finanznot der
gesetzlichen Krankenkassen lindern soll. Doch diese reagierten mit
[5][scharfer Kritik auf diese Pläne.]
Parallel sollten die Beitragspauschalen, die der Bund für die
Krankenversicherung von Grundsicherungsempfänger*innen leistet, um
insgesamt 250 Millionen Euro erhöht werden. Viel zu wenig, hieß es nicht
nur von den Krankenkassen. Sie betrachten die [6][Krankenversicherung der
Grundsicherungsempfänger*innen als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe], die nicht nur von den gesetzlich Versicherten geschultert werden
dürfe. Aktuell bleiben die Krankenkassen hier auf geschätzten 12 Milliarden
Euro Kosten sitzen.
Allerdings wurde offenbar am Montag noch hitzig um letzte Änderungen am
Beitragssatzstabilierungsgesetz gerungen, das am Freitag final im Bundestag
beschlossen werden soll. Am frühen Montagnachmittag einigte sich die
Koalition: Der pauschale Bundeszuschuss soll 2027 nur um 1,35 Milliarden
Euro gekürzt werden. Außerdem soll der Bund für die Krankenversicherung von
Grundsicherungsempfänger*innen im Jahr 2027 1 Milliarde Euro mehr
bezahlen.
Für den Bundeshaushalt schrumpft die geplante Einsparung damit von 1,75
Milliarden Euro auf 350 Millionen Euro zusammen. Ein Teil der geringeren
Einsparungen soll über Einnahmen aus einer Lenkungssteuer auf zuckergesüßte
Getränke ausgeglichen werden.
## Rolle rückwärts beim Wohngeld
Auch dem Bundesbauministerium steht weniger Geld zur Verfügung, obwohl die
Zahl der Sozialwohnungen schrumpft, die Mieten steigen, bezahlbare
Wohnungen fehlen und der Wohnungsbau nicht vorankommt. Für 2027 stehen dem
Ministerium 7,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Der Großteil fließt in den
sozialen Wohnungsbau, dessen Budget im Vergleich zum Vorjahr sogar um 1
Milliarde auf 5 Milliarden Euro erhöht wird.
Gleichzeitig plant die Regierung aber große Einschnitte beim Wohngeld, das
Bund und Länder je zur Hälfte finanzieren. Der staatliche Zuschuss ist für
Menschen mit wenig Einkommen gedacht, die keine Grundsicherung beziehen,
aber hohe Wohnkosten stemmen müssen. Laut [7][Gesetzentwurf] sollen Bund
und Länder im Jahr 2027 jeweils 738 Millionen Euro einsparen, 1 Milliarde
Euro ab 2028.
„Die Kürzungen beim Wohngeld werden leider alle bisherigen Empfänger
betreffen“, heißt es aus Regierungskreisen. Ein Drittel der bisherigen
Wohngeldhaushalte werde „künftig kein Wohngeld mehr beziehen“. Das trifft
zum Teil diejenigen, die aufgrund ihres Einkommens bislang gerade so noch
antragsberechtigt sind. Wer heute etwa einen Betrag zwischen 50 und 60 Euro
erhält, geht dann leer aus. Haushalte am unteren Rand des Wohngeldes werden
dann in die Grundsicherung rutschen. Sprich: Das Bauministerium spart an
der Stelle ein, aber beim Arbeitsministerium wird das zu Mehrausgaben
führen.
Bislang wird das Wohngeld alle zwei Jahre an die Inflation und die
Mietpreisentwicklung angepasst. Das soll künftig wegfallen. Auch die
Heizkostenkomponente, die steigende Energiekosten abfedert, wird halbiert,
und die Wohngeldformel wird geändert. Laut Bauministerium sind 35 Prozent
der Wohngeld beziehenden Familien, darunter viele Alleinerziehende. Und in
mehr als der Hälfte der Wohngeldhaushalte [8][leben Rentner:innen]. Erst
2023 wurde das Wohngeld als Reaktion auf steigende Mieten so reformiert,
dass mehr Haushalte Anspruch haben – die SPD feierte das [9][damals als
historische Reform.]
## Weniger Geld für Bildung und Familien
Auch Familienministerin Karin Prien (CDU) muss sparen. Ihr Etat soll im
nächsten Jahr auf knapp 15,5 Milliarden Euro schrumpfen. Das wären über 1
Milliarde Euro weniger als in diesem Jahr, als ihr noch knapp 16,7
Milliarden zur Verfügung standen. Die Hauptlast der Sparvorgaben sollen
dabei die gesetzlichen Leistungen für Familien tragen.
Hier möchte die Bundesregierung nur mehr knapp 12 Milliarden Euro (statt
rund 13 Milliarden) zur Verfügung stellen. Dabei setzt die Koalition unter
anderem auf die [10][Reform des Elterngeldes]. Allein darüber soll im
kommenden Jahr schon fast eine halbe Milliarde Euro eingespart werden. Das
Kabinett will die Reform noch Anfang Juli beschließen. Auch für Kindergeld
und Kinderzuschlag planen CDU, CSU und SPD weniger Geld ein.
Betroffen sind zudem Demokratieprojekte. Eine Überraschung ist das nicht:
So hatte Prien beim [11][umstrittenen Umbau von „Demokratie leben“] bereits
Kürzungen angekündigt. Für das Bundesprogramm will die Koalition nächstes
Jahr nun 167 Millionen Euro bereitstellen. In diesem Jahr sind es noch 191
Millionen Euro. Erst vergangene Woche haben Verbände vor einem Kahlschlag
in der Zivilgesellschaft gewarnt. Nach Priens Plänen sollen künftig stärker
Feuerwehren oder Sportvereine Präventionsarbeit machen – und weniger NGOs.
Eine weitere folgenreiche Sparmaßnahme findet sich übrigens nur indirekt im
Haushalt: Denn offenbar will die Bundesregierung auch ihr Engagement in der
Frühen Bildung zurückfahren. Bisher überwies der [12][Bund den Ländern
jährlich rund 2 Milliarden Euro], um die Kita-Qualität zu verbessern. Ab
2027 sollen es nur noch 1,5 Milliarden sein. Mit dem
„Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz“ will Prien bundesweite Kita-Standards
einführen. Bundestag und Bundesrat müssen dem aber noch zustimmen.
6 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Einigung-bei-Integrationskursen/!6178578
(DIR) [2] /Bundespolizei/!t5013621
(DIR) [3] /10-Milliarden-Euro-fuer-den-Zivilschutz/!6179592
(DIR) [4] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/G/GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz_Kabinett.pdf
(DIR) [5] /Neues-Krankenkassengesetz/!6184871
(DIR) [6] /Finanznot-der-Krankenkassen/!6105462
(DIR) [7] https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/gesetzgebungsverfahren/DE/wohngeld-2026/wohngeldreform.html
(DIR) [8] /Altersarmut-in-Deutschland/!6093389
(DIR) [9] /Wohngeldreform-der-Regierung/!5880397
(DIR) [10] /Reform-des-Elterngeldes/!6193680
(DIR) [11] /Umbau-des-Programms-Demokratie-Leben/!6164747
(DIR) [12] /Kita-Qualitaetsentwicklungsgesetz/!6025476
## AUTOREN
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