# taz.de -- Politische Shirts im Parlament: Keine Antifa im Berliner Abgeordnetenhaus
> Im Berliner Abgeordnetenhaus muss eine Journalistin ihr Antifa-Shirt
> umdrehen. Ist politische Neutralität ausgerechnet jetzt die angesagte
> Haltung?
(IMG) Bild: „Flugblätter und Informationsmaterial“ sind nicht erlaubt: Blick in den Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses
„Entschuldigung, können Sie bitte Ihr T-Shirt auf links drehen?“, werde ich
am Eingang des Abgeordnetenhauses von Berlin gefragt. Ich bin bereits durch
den Sicherheitscheck und warte auf den Fahrstuhl, als dem
Security-Vorgesetzten einfällt, dass meine Kleidung so nicht in Ordnung
sei.
Verdutzt schaue ich auf mein Oberteil: „Ciclista Antifascista“ steht da und
etwas kleiner gedruckt „Cyclepunk against Fascism“.
Ich trage das Shirt schon den ganzen Tag, als ich mich nachmittags mit dem
Rad auf den Weg ins Berliner Parlament mache, um einen Abgeordneten zu
interviewen.
Kurz schießt mir der Gedanken durch den Kopf, ob ich das angebracht finde,
und beschließe: „Ja, finde ich unbedingt! Schließlich bedeutet
Antifaschismus der Kampf gegen diktatorische und antidemokratische
Strömungen und der sollte doch gerade im Herzen unserer Demokratie –
nämlich in den Parlamenten – Platz haben.“
Stattdessen argumentiert [1][Julia Klöckner] seit ihrem Amtsantritt auf
Bundesebene: „Wir sind kein Parlament der Symbole“, wie sie in einem
Interview mit Markus Lanz verkündete. Die überparteiliche
Bundestagspräsidentin macht immer wieder mit ihrer Strenge um das
[2][angebliche Neutralitätsgebot] von sich reden. Da wurden zum Beispiel
die Linken-Abgeordneten Cansin Köktürk mit ihrem „Palastine“-Shirt und
Marcel Bauer mit seiner Baskenmütze aus dem Plenarsaal verwiesen.
Dabei heißt es in der Hausordnung des deutschen Bundestages, „die Würde des
Hauses“ sei zu achten. Verboten sind explizit Spruchbänder, Transparente
und Informationsmaterial, auch das Anbringen von Aushängen an Türen, Wänden
oder Fenstern der Büros ist untersagt – das gilt sogar seit Neuestem für
Regenbogenflaggen.
Im Berliner Abgeordnetenhaus heißt es ebenfalls, „Flugblätter und
Informationsmaterial“ sind nicht erlaubt. Aber betrifft das meine Kleidung?
Ist mein T-Shirt als Vertreterin der Presse Informationsmaterial? Genau
genommen richten sich diese Absätze der Hausordnungen an die
Parlamentarier:innen, Flure, Büros und den Plenarsaal. Die Aufforderung der
Sicherheitsbeamten ist vorauseilendem Gehorsam in einer nach rechts
rückenden Gesellschaft geschuldet.
Für Klöckner steht fest: „Ich bin keine Schiedsrichterin der Meinungen,
sondern der parlamentarischen Ordnungen.“ Und Neutralität wäre, „wenn für
jeden der gleiche Maßstab gilt“.
Nein! Faschismus ist keine Meinung, es ist ein Verbrechen und richtet sich
gegen die Demokratie. Auch im Berliner Abgeordnetenhaus hat sich die Angst
vor rechtsextremen Symbolen und Sprüchen so verbreitert, dass linke
Materialien, die sozial und demokratisch sind, gleich mit untersagt werden.
Was Nazis verboten ist, dürfen Linke und Queers nimmer mehr.
## Neutralität des Parlaments
Brauchen wir in Zeiten des Rechtsrucks wirklich eine bedingungslose
Neutralität in den Parlamenten – um jeden Preis? Ist ein antifaschistisches
Shirt oder [3][die Regenbogenfahne] das gleiche wie Aufkleber und Plakate
mit „Heimatschutz“ oder „Remigration“?
Artikel 21 des Grundgesetzes ermahnt uns, mit der möglichen
„Verfassungswidrigkeit“ von Parteien geradezu, genauer hinzuschauen, wenn
die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ gefährdet ist: Wenn
Abgeordnete gegen weibliche Kolleginnen anderer Parteien sexistisch pöbeln,
wenn am Pult zunehmend von „Patriotismus“ und Stolz auf Deutschland (CDU,
26. Juni) die Rede ist. Wenn im Bundestag mit „Regenbogenkult“ (26. Juni)
oder „Berufsvergewaltiger(n) aller Herren Länder“ (25. Juni) gehetzt wird.
Wenn persönliche Beleidigungen fallen, wie „Guck mal in den Spiegel“ (24.
Juni), müssen Vorsitzende der Parlamente ein Stoppzeichen setzen!
Da braucht es keine Neutralität, keine Gleichmacherei, um die
Verfassungswidrigkeit anzumahnen, sondern klare Kante. Bei 20 Prozent AfD
im Bundestag und über 40 Prozent Zustimmungswerte für die gesichert
rechtsextreme Partei in Sachsen-Anhalt können wir uns keine vermeintliche
Neutralität leisten!
Mein Argument, dass Antifaschismus doch gerade die Demokratie stütze und
damit die Würde dieses Hauses sehr wohl ehre, nimmt die
Security-Mitarbeiterin Schulter zuckend hin: „Ich befolge nur die
Vorschrift.“ Da stellt sich mir am Ende doch die Frage: Entschuldigung,
können wir bitte alle Parlamente auf links drehen?
5 Jul 2026
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## AUTOREN
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