# taz.de -- CSD und PRÜF-Demo gemeinsam in Potsdam: Menschenrechte statt Rechtsruck
> Eine glitzernde Demokratieallianz: Tausende haben in Potsdam für queere
> Rechte und ein Verbotsverfahren gegen rechtsextreme Parteien
> demonstriert.
(IMG) Bild: Gemeinsam in Potsdam: CSD und PRÜF demonstrieren zusammen gegen Rechtsextremismus
30 Meter ist sie lang. Die Regenbogenfahne, die Demonstranten durch die
Innenstadt Potsdams tragen, wurde neu angeschafft, um ein noch größeres
Zeichen für die LGBTQ-Szene zu setzen. Eine junge Frau hat sich mit braunem
Stift einen Bart auf die Oberlippe gemalt, andere schimmern in Pailletten.
Viele nackte Schultern und Arme brennen pink in der Mittagssonne und
erweitern so das Spektrum des Regenbogens, den sie über sich halten.
Ein Mann in schwarzer Jacke und Sonnenbrille schaut vor dem Landtag und dem
Umzug zu. Er schüttelt den Kopf, verzieht den Mund zu einer Grimasse.
Angesprochen auf seine Reaktion behauptet er, die Musik sei ihm zu laut.
Trotzdem bleibt er stehen, beobachtet die Menge. Er fällt auf als Einziger
in der Reihe von Passanten, der nicht sein Smartphone zückt, mitsingt oder
im Takt von Lady Gagas „Abracadabra“ wippt.
Die diesjährige CSD-Saison steht vor besonderen Herausforderungen. Vor
[1][dem Hintergrund steigender rechter und speziell queerfeindlicher Gewalt
im Bundesland] ist dieses Jahr eine [2][Rekordzahl von 22 CSDs] geplant. An
diesem Samstag haben sich laut Veranstalter 3.000 Menschen in der
Landeshauptstadt versammelt, um für queere Rechte und Sichtbarkeit zu
demonstrieren. Die Polizei geht von 1.500 Menschen aus.
Auf dem Alten Markt in Potsdam soll der laute Umzug beginnen. Rund um den
Steinobelisken in der Mitte des Platzes hat sich ein Flohmarkt an
Demoständen etabliert. Neben Parteiständen von Volt, Grünen und SPD sind
auch ein Fechtverein und die CSD-Gruppe aus Angermünde vertreten. Letztere
haben die Brandenburger CSD-Saison 2026 am 11. April eröffnet, als rund 100
Menschen mit Regenbogenflaggen durch die Kleinstadt in der Uckermark
gezogen sind.
Einer von ihnen war Timo Achatzi, der auch in Potsdam eine Rede hält. „2025
gab es mindestens fünf rechte Angriffe in der Woche in Brandenburg. Das ist
keine Statistik, das ist ein Alarm!“, erklärt er bei einem Stopp des
Demozugs vor dem Rathaus. Trotzdem erlebe die Community immer wieder, dass
Gewalt als Einzelfall bezeichnet werde. „Der CSD ist keine Party, die
zufällig politisch ist. Es ist ein Protest, der sich Raum nehmen, an
Widerstand erinnern und ein Versprechen dafür sein möchte, dass wir nicht
klein und unsichtbar werden.“
Ein ergrauter Mann ist mit Freunden angereist. Er komme aus dem ländlichen
Brandenburg, lebe offen schwul und habe seit seinem Umzug dorthin vor 20
Jahren „mit den Nazis zu tun“. Die vermehrten CSDs seien ein Gegenentwurf
zur Negativität, die queeren Menschen vielerorts entgegenschlage. „Hier in
Potsdam gibt es vielleicht noch Community, aber weiter draußen wird es
schwierig, gerade für junge Queers.“
## Teamsport Demokratie
Dieser Nachmittag hat noch eine weitere politische Färbung:
Zusammengeschlossen mit dem CSD hat sich die dritte Brandenburger
PRÜF-Demonstration. [3][„Prüfen Rettet Übrigens Freiheit“ heißt die
überparteiliche Kampagne in voller Länge], die inzwischen in 13 deutschen
Landeshauptstädten aktiv ist. Sie fordert die Überprüfung aller vom
Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert
rechtsextrem eingestuften Parteien.
Queere Gruppen und Demokratie-Initiativen rücken angesichts des gleichen
Gegners zusammen. Dass die PRÜF-Demo mit der CSD-Planung zusammengefallen
ist, sei gar nicht unerwünscht gewesen, erzählt Tobias Heckhausen,
PRÜF-Demoleiter und Mitglied von [4][„Omas gegen Rechts“]. „Die Werte des
CSD überschneiden sich mit unserer einzigen Forderung, rechtsextreme
Parteien zu überprüfen. Denn uns ist hier allen klar, dass man mit diesen
Parteien um Grundrechte kämpft, auch um queere Rechte.“
Eine solche Prüfung können allein der Bundestag, die Bundesregierung oder
der Bundesrat beim Bundesverfassungsgericht beantragen. Die besten Chancen
auf Erfolg malt sich PRÜF beim Bundesrat aus. Hamburg, Bremen, Berlin und
Schleswig-Holstein haben sich nach PRÜF-Angaben bereits positiv geäußert.
Deren 14 Stimmen entsprechen 40 Prozent der notwendigen Mehrheit. „Wir
brauchen noch vier bis sieben Länder, die positiv gestimmt sind“, so
Heckhausen. Die Folge einer Prüfung durch das Bundesverfassungsgericht
könnte ein Parteiverbot sein.
Am Samstag demonstrieren die Potsdamer PRÜFer zum dritten Mal. Bisher haben
ihre [5][Demonstrationen in 13 Bundesländern] stattgefunden. [6][Stand Mai
gab es seit der Gründung im November 2025 bundesweit 42 Demonstrationen, an
denen über 112.800 Demonstrierende teilgenommen haben.] Für die Prüfung
gehen die Initiatoren deutschlandweit jeden zweiten Samstag im Monat auf
die Straße. Parallel zu Potsdam nehmen laut Veranstaltern an diesem
Wochenende 18.000 Menschen in elf weiteren Landeshauptstädten an
PRÜF-Demonstrationen teil. Dabei ist die politische Resonanz verhalten.
„Bisher haben wir vom Land Brandenburg noch kein positives Feedback
bekommen“, so Heckhausen.
Juristin Caroline Dostal ergänzt in ihrem Redebeitrag: „Parteien melden
sich in einer Demokratie zum Teamsport an, doch es gibt Einzelne, die das
mit aggressiven Mitteln zum Einzelsport machen wollen.“ Diesen Mächten
dürfe man keine freie Fahrt überlassen.
## Keine Neutralität gegen rechts
Ähnlich argumentiert Dorothee Berres von [7][„Teachers for Future“]:
„Werdet endlich tätig! Hört auf, rechten Parolen hinterherzuhecheln.“ Die
Montessori-Lehrerin berichtet von einer Schülerin, die sie gefragt habe,
was Erwachsene getan hätten, um ihre Zukunft zu schützen. „Ich bin als
Lehrkraft nicht neutral. Neutralität im Angesicht des Hasses bedeutet keine
Neutralität, sie bedeutet Zustimmung“, zitiert sie die
Holocaust-Überlebende Tova Friedman. Dabei lebe sie als Lehrerin in Potsdam
„auf der Insel der Glückseligen“. Im Vergleich dazu habe sich die Lage in
ländlicheren Klassenzimmern noch dramatischer entwickelt.
Die Gefahrenlage sei auch für PRÜF-Aktivisten teilweise akut, berichtet
Heckhausen: „Es gibt nicht nur in Brandenburg vermehrt sehr junge Menschen,
die gewaltbereit sind.“ Auch in ihren eigenen
Social-Media-Kommentarbereichen nähmen Anfeindungen und Bedrohungen zu. Er
erzählt von einem PRÜF-Aktivisten, der kürzlich in der Bahn von einer
Gruppe Jugendlicher angefeindet worden sei. Es könne nicht ausgeschlossen
werden, dass die Täter ihn von einer PRÜF-Demonstration wiedererkannt und
deshalb konfrontiert haben.
Der CSD bekommt am Samstag viel positives Feedback. Auf dem Weg winken
vereinzelt Anwohner aus ihren Fenstern den Demonstrierenden zu, schwenken
eigene LGBTQ-Fahnen oder rufen mit, wenn die Menge angeheizt werden soll.
In einem Café auf der Strecke bedient eine Barista die Gäste in einem
weißen Kurzarmhemd, unter dem sie ein regenbogengestreiftes Langarmshirt
trägt. Vor ihrem Tresen sitzt eine Familiengesellschaft an einer langen
Tafel, deren ältere Generation einander über die Bedeutung des CSDs
aufklärt. Eine ältere Frau an einer Bushaltestelle trägt offenbar zufällig
ein Shirt mit Regenbogenstern. Erst als ihr Demonstrierende zujohlen, fällt
ihr der Stern auf ihrer Brust auf und sie muss mitlachen.
10 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechte-Gewalt-in-Brandenburg/!6164844
(DIR) [2] https://www.rbb24.de/content/rbb/r24/panorama/beitrag/2026/04/csd-brandenburg-rekord-angermuende-pride-berlin.html
(DIR) [3] /Nico-Semsrott-ueber-AfD-Verbotsverfahren/!6123129
(DIR) [4] https://netzwerkogrbbg.de/
(DIR) [5] https://pruef-demos.de/
(DIR) [6] https://pruef-stand.de/
(DIR) [7] https://teachersforfuture.org/ueber-uns/
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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machen.