# taz.de -- Bundesparteitag in Erfurt: Soll man die AfD blockieren?
> Das Bündnis Widersetzen mobilisiert in die Hauptstadt Thüringens, um eine
> rechtsextreme Versammlung zu verhindern – auch mit Blockaden. Eine gute
> Idee?
(IMG) Bild: Blockade des Bündnis Widersetzen im November 2025 bei der Gründungsversammlung der AfD-Jugendorganisation in Gießen
JA,
denn wer es ernst meint mit „Kein Fußbreit dem Faschismus“, muss die AfD am
4. und 5. Juli blockieren. Mit dem Rechtsextremisten [1][Björn Höcke] an
der Spitze will die Partei in den Messehallen Erfurts ihren Bundesparteitag
unter dem Motto „Neustart für Deutschland“ abhalten.
Was die Partei sich unter dem Motto vorstellt, ist klar: ein Deutschland
ohne migrantische und queere Menschen, ein Land, in dem Frauen den Männern
gehorchen und jede Menge Kinder gebären müssen, in dem alles, was nicht in
die faschistische Ideologie der Partei passt, verboten und abgeschoben
wird. Sich dem entgegenzustellen, ist eine antifaschistische
Selbstverständlichkeit und lässt sich nicht damit abtun, dass die AfD nun
mal eine demokratisch gewählte Partei sei, die Parteitage abhalten müsse.
Doch die Sinnhaftigkeit der Widersetzen-Bewegung, unter der zahlreiche
Vereine, Organisationen und Individuen zur Blockade aufrufen, wird trotz
allem infrage gestellt – auch von Linken. Da heißt es dann: Es gibt andere
Dinge, gegen die zu demonstrieren viel wichtiger wäre. Denn was ist mit den
[2][Frauen in Afghanistan]? Was mit den Kindern in Palästina? Was mit den
Hungernden in Sudan? Und müsste es nicht längst große Sozialproteste gegen
die Kürzungen der Bundesregierung geben? Sollte Geas, die große
Asylrechtsverschärfung der EU, uns nicht alle auf die Straße treiben? Und
denkt eigentlich noch jemand an die [3][Klimakrise]?
Und es stimmt. Bei all diesen Themen müsste von linker Seite Druck ausgeübt
werden. Doch die Vorstellung, dass Widersetzen das verhindert, ist falsch.
Klar zieht ein so breites Bündnis Kapazitäten und Kräfte, doch es setzt
auch welche frei. Denn wer an politischen Aktionen teilnimmt, ist danach
motivierter, an weiteren teilzunehmen.
Das lässt sich mit Emotionen erklären. Wer einmal auf einer großen Demo
war, weiß, wie es sich anfühlt, mit Tausenden für eine Sache auf die Straße
zu gehen. Selbst wenn auf Demos mit breiten Bündnissen die Risse und
Spaltungen einer linken Zivilgesellschaft offengelegt werden, bleibt nach
dem Kampf für eine gemeinsame Sache doch ein starkes Wir-Gefühl zurück. Das
Gefühl, dass nicht alles verloren ist. Dass es noch nicht zu spät ist.
Gerade in diesen Zeiten, in denen sich die Hoffnungslosigkeit immer weiter
in die jüngeren Generationen frisst, braucht es solche Momente. In
Ostdeutschland noch einmal besonders. Schließlich droht in Sachsen-Anhalt
nach der Landtagswahl im September die erste AfD-Regierung.
Nun kann man natürlich fragen, was es im Kampf gegen den Faschismus hilft,
ein Wochenende lang gemeinsam mit ein paar Prominenten vor eine Messehalle
zu sitzen? Die Blockaden werden nicht einmal dafür sorgen, dass der
Parteitag der AfD nicht stattfindet. Vermutlich wird er – wie auch im
vergangenen Jahr – mit einigen Stunden Verzögerung und einer nicht komplett
gefüllten Halle beginnen können. Dafür wird die Polizei schon sorgen.
Eine Blockade allein hilft nicht viel, doch sie setzt ein Zeichen und
liefert im Idealfall die Basis für etwas Größeres. Das muss ihr Ziel sein.
Der Kampf für Demokratie und gegen Faschismus darf sich schließlich nicht
auf die AfD beschränken. Selbstverständlich gehört die Partei verboten,
doch selbst mit einem Verbot werden weder rechtes Gedankengut noch
rassistische Politiken verschwinden.
Der Nährboden, auf dem die Partei wachsen konnte, wäre noch der gleiche.
Nicht zufällig setzen die Parteien der sogenannten Mitte, von Grünen bis
CSU, seit Jahren auf Ausgrenzung und Entrechtung, überbieten sich in
Abschiebefantasien – und bekommen dafür Applaus von ihren Wähler_innen. Das
Problem ist und bleibt ein gesamtgesellschaftliches.
Um dagegen vorzugehen, braucht es eine starke linke Zivilgesellschaft, die
sich gegen menschenverachtende Asylpolitik, gegen alltäglichen und
institutionellen Rassismus und Antisemitismus, gegen Sozial- und
Kulturkürzungen, für Arbeits- und Mietkämpfe, für Frauen, für Queers, für
Kinder starkmacht.
Diese Forderungen hört man auch aus der Bewegung heraus. Eine der
Bündnissprecher_innen, Sultana Sediqi, teilte auf Instagram ihre Zweifel,
die sie selbst mit dem Bündnis habe, nämlich dass sich der Kampf gegen
Faschismus nicht allein auf die AfD konzentrieren dürfe.
Doch trotz aller Kritik siegte bei Sediqi die Hoffnung: „Dass wir hier sind
und auch nach dem Parteitag hier sein werden. Dass wir weiter Widerstand
organisieren, Beziehungen aufbauen und uns in Nachbarschaften, Schulen,
Unis und an Arbeitsplätzen verbünden. Das ist es, was wirklich trägt.“
Carolina Schwarz
NEIN,
weil dieser symbolhafte Antifaschismus nicht an der Wurzel ansetzt. Es ist
natürlich legitim, den AfD-Parteitag zu blockieren. Zu kritisieren ist die
Strategie. Widersetzen bündelt Kräfte links der sogenannten Mitte für einen
Kampf gegen eine Partei, die derzeit noch zu schwach ist, um politische
Verantwortung zu übernehmen. Damit betreibt das Bündnis eine Ersatzhandlung
für das, was nötiger wäre: durch Massenprotest den Kampf auf der Straße
aufnehmen.
Im Verständnis von Widersetzen ist die AfD Treiber bürgerlicher Parteien
und Auslöser eines Rechtsrucks. Zwar sieht Widersetzen bei der CDU „große
ideologische Schnittmengen mit dem Rassismus und der Demokratiefeindschaft
der AfD“, gleichzeitig wird daraus aber keine Praxis abgeleitet, die dem
Rassismus der bürgerlichen Parteien von Grüne bis CDU etwas in den Weg
stellt.
Dass es die AfD weder für Hartz IV, noch für die Geas-Reform oder für die
Abschiebehaft für Minderjährige gebraucht hat, spielt für Widersetzen eine
untergeordnete Rolle. In ihrem Strategiepapier macht Widersetzen im
Parteienspektrum links von CDU und CSU „politische Schwäche und
Ideenlosigkeit“ als Teil des Problems für das Phänomen aus, was sie unter
einem „Rechtsruck“ verstehen. Damit übernehmen sie das Narrativ der
Parteien der sogenannten Mitte und unterschlagen die Funktion, die die SPD
und die Grünen als liberale Kräfte innehaben.
Dabei ist schon die Analyse des Rechtsrucks unpräzise. Jüngste Zahlen
stellen tatsächlich eher keinen Rechtsruck fest, sondern eine Stagnation.
Dazu legen sie nahe, dass es sich dabei um eine Formierung radikal rechter
Kräfte handelt. Wenn Widersetzen nicht mal ermitteln kann, welche
Entwicklung sich vollzieht, so ist es auch kein Wunder, dass die Frage, wer
diese Entwicklung eigentlich hätte verhindern sollen, falsch beantwortet
wird.
Auf der Webseite von Widersetzen heißt es: „Wenn der Staat nicht handelt,
dann müssen wir es selbst tun.“ Damit wird dem Staat ein natürliches
Interesse an antifaschistischer Praxis unterstellt, dem er nun – aus
welchen Gründen auch immer – nicht mehr nachkommt. So findet Widersetzen
beispielsweise die Forderung nach einem AfD-Verbot richtig. Einen solchen
staatstreuen Antifaschismus können sich die Regierenden nur wünschen.
Nicht die drastisch steigende Anzahl von Zwangsräumungen, nicht der massive
Eingriff in die Würde der Menschen durch Totalsanktionen bei den
Sozialleistungen sind den Bündnispartnern wichtig genug, um massive
Proteste gegen diese Politik zu organisieren. Widersetzen kämpft lieber
gegen die Androhung des Rechtsradikalismus als gegen einen Staat, der
Feindpolitik gegen einen Großteil der Arbeiter*innenklasse betreibt.
Während die in Erfurt geplante Blockade seit Monaten Kräfte aus der
Bewegung bindet, schafft der Staat Fakten. Darüber hinaus ist im Vorfeld
bereits völlig klar, dass Widersetzen weder den Parteitag verhindern, noch
dass die Politik der AfD mit einer solchen Demonstration in die Defensive
getrieben werden kann. Warum also dieser gigantische Aufwand?
Es geht den Initiator*innen um den symbolischen Gehalt. Die Enkel der
Tätergeneration wollen auf der richtigen Seite stehen. Nur so viel sei von
einem Enkel eines im NS-Faschismus Verfolgten gesagt: Es reicht nicht, die
richtige Seite zu wählen, es muss uns einzig und allein darum gehen, ob das
egalitäre Projekt, das wir den Herrschenden entgegensetzen, einen
Geländegewinn erkämpft. Und bereits die Versuchsanordnung von Widersetzen
zeigt, dass genau das nicht einmal intendiert ist.
Inhaltlich ist Widersetzen bei einer Analyse stehengeblieben, die die
autoritäre Formierung und die Rezession nicht in einen Sinnzusammenhang
bringen kann. Das Bündnis müsste sich fragen, was die Ausgrenzung von
Menschen anhand kultureller oder rassistischer Marker mit der
radikalisierten Marktwirtschaft zu tun hat, die die Union weiter
vorantreibt. Dass das Bündnis diesen Zusammenhang nicht herstellen kann,
ist auch eine Frage der Größe. Dort, wo man auf ein breites Bündnis setzt,
ist der Konsens und die Analyse schmal. Der Antifaschismus von Widersetzen
ist seiner Praxis nach militant, in seiner politischen Natur jedoch liberal
geprägt.
Dem Gedanken zu folgen, dass die AfD Ausdruck des politischen Willens einer
autoritären Kapitalfraktion ist, das würde einen Antifaschismus notwendig
machen, der seine Hauptaufgabe im Kampf gegen und um die Verhältnisse sieht
– und nicht bloß in einer ihrer widerlichen Ausprägungen. Olivier David
3 Jul 2026
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