# taz.de -- Sommer in Berlin: Schmelztiegel der Hitze-Hacks
       
       > Wie es sich leben lässt, wenn die Hitze kommt, kann man in den
       > Einwanderervierteln unserer Städte lernen. Deren Bewohner kennen sich
       > aus.
       
 (IMG) Bild: Unter den richtigen Gewändern entstehen Luftströme, die den Körper angenehm kühlen
       
       Dank des [1][menschengemachten Klimawandels] gibt es eine neue
       Binsenweisheit für den Sommer: Nach dem Heat Dome ist vor der
       Backofenhitze. Zum Ende einer heißen Phase ist ja das Tückische in
       Großstädten wie Berlin, dass die Wärme ewig nachglüht. Und wenn die
       Temperatur zwischenzeitlich fällt, hilft das Lüften auch nur so lang, wie
       es bei offenen Fenstern durchziehen kann. Danach hängt man wieder als
       Berliner Broiler-Imitat zwischen den aufgeheizten heimischen Wänden wie das
       Hähnchen am Neuköllner Drehspieß.
       
       Und während ich an diesem Text sitze, sprechen auch schon die ersten
       Wetterexperten von der nächsten Hitzewelle, die sich südwestlich von uns
       vor den Toren Europas aufbaut. Mit den Temperaturen, die Jahr für Jahr neue
       Höchstwerte erreichen, stellt sich nicht nur die Frage, wie wir den
       Asphaltdschungel in den Städten herunterkühlen, sondern auch, [2][wie wir
       mit der Hitze leben können].
       
       Dafür lohnt sich ein Blick ausgerechnet in jene Regionen, auf die viele im
       nördlichen Europa gerne mal mit Überheblichkeit blicken: entlang der Küsten
       des Mittelmeerraums und weit darüber hinaus. Noch immer ist oft von faulen
       Südeuropäern und Afrikanern die Rede, von trägen Türken und Arabern. Für
       ihre ausgedehnten Siestas während der heißen Mittagssonne gab es früher oft
       nur ein reserviertes Kopfschütteln, die Kleidung von Teilen des Globalen
       Südens wurde exotisiert, das laute Treiben auf den Straßen bis tief in die
       Nacht im Urlaub verärgert zur Kenntnis genommen.
       
       Dieser Bumerang kehrt nun zurück und verwandelt im besten Fall die
       Vorurteile in einen neudeutschen Alltag. Denn sollte die desaströse
       klimatische Entwicklung auch nur einen einzigen positiven Aspekt haben,
       dann doch den der Chance zum Umdenken: Mit jedem neuen Temperaturrekord
       häufen sich in den Medien die Beiträge, in denen die Heat Hacks der
       sogenannten Südländer gepriesen werden.
       
       ## Nippen am warmen Tee
       
       Warum tragen denn bitteschön die Tuareg in der Sahara „so komisch“ weite
       Kleidung? Sicher nicht, weil sie sich für ein modisches Mysterium halten,
       vielmehr entstehen unter ihren Gewändern Luftströme, die den Körper
       angenehm kühlen. Exakt nach diesem Prinzip funktionieren auch die arabische
       Dschallabija oder der kurdische Schalwar. Und lieber ein passioniertes
       Nippen am warmen Tee, statt die eiskalte Limo zu exen. Denn auch das
       dadurch provozierte Schwitzen sorgt für eine Abkühlung.
       
       Schließlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis hierzulande
       Arbeitszeiten stärker an die Sommerhitze angepasst werden. Natürlich mit
       einem weniger lustvoll klingenden Namen als „Siesta“. Wer
       „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ kann,
       schafft auch das nächste Level begrifflicher Ungetüme.
       
       Man braucht nicht teuer reisen, um sich das Know-how für das veränderte
       Klima anzueignen. Während deutsche Städte durch die Hitze wie in einem
       Schmelztiegel zerfließen, lohnt sich ein Blick in die gesellschaftlichen
       Melting Pots in Kreuzberg und anderswo. Clevere Verhaltensweisen für den
       Umgang mit extremer Hitze sind längst Teil dieses nicht nur klimatisch
       aufgeheizten Landes. Bedient euch, aber bitte mit Respekt und ohne die
       ermüdenden Annahmen, BPoCs könnten keinen Sonnenbrand bekommen, Hitze
       besser vertragen oder bei tropischen Nächten problemlos schlafen.
       
       Wer das nicht glaubt: Den Strandurlaub verbringe ich hauptsächlich unterm
       Sonnenschirm, aber – mein spätes Mittagessen beginnt fast immer mit einer
       heißen Suppe. Das indes finden selbst meine afghanischen Verwandten schräg.
       
       8 Jul 2026
       
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