# taz.de -- Zu viel Böses ist männlich: Der Tod, ein bitteres Lebenselixier
> All die scheinbar großen Männer – am Ende werden auch sie nur abkratzen,
> weiß unser Kolumnist. Was also haben wir zu verlieren?
(IMG) Bild: Memento mori: Der Tod wird einen sowieso mal holen
Das Jahr ist nun schon einen Monat alt – und leider um viele Leben ärmer.
Dieser Tage sterben um mich herum zahlreiche Menschen. Verwandte, Bekannte,
Freundesfreunde und Verwandte von anderen Verwandten. Zwar wurden einige
von ihnen sehr alt, trotzdem bleibt es traurig. Andere sind erschreckend
jung verstorben, das schockiert und bedrückt.
Während ich so darüber sinniere und der Trauer – vielleicht auch dem Pathos
– Platz einräume, fällt mir auf, dass der graue Frost vor der Tür das
passende Sinnbild dafür abgibt. Die Kälte schüttelt einen bis ins Mark.
Hier in Berlin hält uns seit Wochen ein hartnäckiger Eispanzer im
Schwitzkasten. Ja, auch Stilblüten haben ihre Berechtigung. Mich jedenfalls
bringt das Eis andauernd zum Schwitzen. Genauer gesagt: der ständige
Wechsel der Laufmodi zwischen Pinguin und schwer beladenem Mann, der für
einen stabileren Gang leicht nach vorn gebeugt übers Eis – ja, was
eigentlich – stelzt, tapst und robbt?
Selbstverständlich ist das Bild des schwer beladenen Mannes angesichts des
immer noch existierenden Patriarchats austauschbar: gegen eine noch
schwerer tragende Frau oder eine nicht binäre Person mit großer Last auf
den Schultern. Und das Eis wird zur unfreiwilligen, aber wirkungsvollen
Übung für die eigene Standhaftigkeit.
Auf dem Eis laufen, ist gefährlich und müßig, weil man hier und da kaum von
der Stelle kommt, aber es trainiert das Rückgrat wie sonst kaum etwas. Im
besten Fall wächst daraus echte Selbstermächtigung. Wer sich auf ihm hält,
schafft es vielleicht auf noch glatterem Untergrund: auf den politischen
Permafrostböden unserer Zeit.
Denn fast alles, was gerade die Welt in Atem hält, ist männlich. Alte
Männer, laute Männer, Männer mit Macht, mit Bomben, mit Tweets, im
religiösen Wahn oder mit dem festen Willen, alles Komplexe wieder ganz
einfach zu machen. Die Namen wechseln, ihre Muster bleiben. Sie sitzen an
den Schalthebeln, in Talkshows und Volksvertretungen, in
Fake-News-Redaktionen und hinter Lenkrädern zu groß geratener Autos. Oft
auch im privaten Umfeld oder im Job, wo man sich lieber nicht vorstellen
möchte, wie glatt der Boden noch werden kann. Natürlich – nicht alles
Männliche ist böse, aber immer noch zu viel Böses männlich.
Womit ich wieder beim Tod wäre. Und der Frage, die sich in solchen Zeiten
aufdrängt: Warum müssen die Guten immer so früh gehen? Klar stimmt das so
nicht, es fühlt sich aber so an. Zwar wurde Gerhart Baum 92.
[1][Hans-Christian Ströbele] immerhin 83. [2][Rita Süssmuth] starb nun kurz
vor ihrem 89. Geburtstag. Aber [3][Marco Bülow], der wackere Kämpfer gegen
den Profitlobbyismus, ging erst vor wenigen Tagen mit gerade mal 54 Jahren.
[4][Renée Good aus Minneapolis] Anfang Januar mit 37. Und die ganz und gar
Unschuldigen gingen viel früher. Aylan Kurdi, Hind Rajab oder Anne Frank.
Kinder, deren Namen man nie hätte lernen sollen. Die Frage müsste anders
lauten: Warum werden die Bösen nur so alt?
Vielleicht ist es genau diese Zumutung, die uns zwingt, genauer hinzusehen.
Der Tod nicht nur als Ende, sondern als Kraftquelle, als bitteres
Lebenselixier: Wozu der ganze Stress, wenn es jederzeit passieren kann? Der
Sichelmann sollte wütend machen, auf dem Eis wie abseits davon. Nicht nur
wegen der ausbleibenden Räumung der Gehwege, sondern weil der Genickbruch
jederzeit möglich ist.
Im Angesicht des Memento mori wirken der Hass, die kleinen Egos der
scheinbar großen Männer, der Doofen und Deppen im persönlichen Umfeld
läppisch und unerträglich. Am Ende werden auch sie nur abkratzen. Was also
haben wir zu verlieren – außer dem Leben?
8 Feb 2026
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