# taz.de -- Erhebungen in der Stadt: Hauptsache, Berge
> Kabul liegt 1.800 Meter über dem Meeresspiegel mit imposanten Bergen
> drumherum. Da kommt unser Kolumnist her. Auch in Berlin hat er eine
> Bergwelt gefunden.
(IMG) Bild: Wer hoch hinaus will in Berlin, geht auf den Kreuzberg, wo oben Schinkels Nationaldenkmal für die Befreiungskriege steht
Wie gut, dass ich die Welt noch nicht verstand, als wir uns vor einer
Ewigkeit auf den Weg von [1][Kabul in Afghanistan] nach Berlin machten. Es
wäre die erste große Enttäuschung meines Lebens geworden. Eines Lebens, das
erst wenige Jahre zählte, aber gerade deshalb eine umso größere Fallhöhe
gehabt hätte.
Wäre „online gehen“ damals schon möglich gewesen und ich im lesefähigen
Alter und meine Eltern im Besitz eines Handys mit Internetzugang, hätte ich
am Vorabend unserer Flucht bereits die Flucht ergriffen, mit ihrem
Smartphone unter meiner Bettdecke – und nachgeschaut: Wo genau liegt
eigentlich dieses verheißungsvolle Berlin?
Schnell wäre ich wohl auf eine Karte gestoßen, die sich mir zwar
topografisch noch nicht erschlossen, mich aber gerade aus diesem Grund
beruhigt hätte. Geologisch gesehen war ich nämlich ein verwöhntes Kind:
Kabul befindet sich 1.800 Meter über dem Meeresspiegel und liegt zwischen
den massiven Ausläufern des Hindukuschs, deren höchste Gipfel sich fast
3.000 Meter über das Kabuler Becken erheben. An kaum etwas aus meiner
frühen Kindheit erinnere ich mich so plastisch wie an diese imposanten
Berge.
Ich hätte also unter meiner Bettdecke gehockt, neugierig in die Karte
gezoomt und mich beim Lesen der Ortsteile gefreut wie ein, nun ja, kleiner
Junge. So viele Berge! In meiner Fantasie wäre es aus dem Kabuler Talkessel
in das Berlin der großen Erhebungen gegangen. Mit epischer Vorfreude auf
die sakrale Aura des mit seinem Kruzifix [2][über den Wolken ruhenden
Kreuzbergs], auf den über den Osten thronenden Lichtenberg und die
einzigartige Ästhetik [3][des kargen Schönebergs].
Vermutlich hätte ich Jahre später, natürlich nur in Begleitung eines
erfahrenen Bergführers, die für ihre Wetterumschwünge berüchtigte Berliner
Version des K2 bestiegen – den Prenzlauer Berg. Ich wäre auf den langen
Kämmen der Arkenberge im Berliner Norden gewandert und in den tiefen Tälern
der Müggelberge in die Pilze gegangen. Holla die Bergfee! Und das sind noch
nicht mal alle.
## Platter als eine Flunder
Dann aber – mit dem Landeanflug auf Westberlin – der schlagartige
Druckabfall in der Kabine meiner Kinderseele. So weit mein tränenreicher
Blick gereicht hätte: alles nur ein Fleckchen Erde, das im Vergleich zu
Kabul platter gewirkt hätte als eine Flunder. Was ein Fake!
Später in der Schule habe ich von den Gletschern aus der Eiszeit erfahren,
deren Schmelzwasser das Urstromtal formten und damit die Berliner
Landschaft mitprägten. In einer flachen Region können sich selbst kleinste
Erhebungen wie Berge anfühlen – und Jahrtausende später die übertrieben
anmutende Bezeichnung „Berg“ rechtfertigen. Und natürlich habe ich
erfahren, dass noch mehr Jahre später der ein oder andere dieser „Berge“
durch aufgeschütteten Kriegs- und Bauschutt noch ein wenig weitergewachsen
war. Wat willste machen, Berlin halt. Immer schon eine Mischung aus
Naturgewalt und Sperrmüll!
Ob Berge, Täler, Hügel oder Häufchen, heute fühle ich das anders. Mir geht
es nicht mehr so sehr um kilometerhoch getürmtes Gestein. Im Angesicht
einer Felswand kann man schnell auch mal Beklemmungen bekommen.
Vielleicht ist es in wuseligen Großstädten wie Kabul und Berlin
entscheidender, tief durchatmen zu können, das Gefühl von Freiheit zu
spüren, den Blick in die Weiten des Himmels schweifen zu lassen. Und Berlin
hat viel Himmel! Ob das Wolkenpanorama am Horizont, Sonnenuntergänge oder
Mondaufgänge, in Berlin lässt sich das an vielen Stellen bestaunen: auf dem
[4][Tempelhofer Feld], von Seen und Hainen aus, auf unzähligen Plätzen,
Brücken und Hausdächern. Enttäuschen kann da eigentlich nur der trübe
Berliner Winter.
9 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-Afghanistan/!t5008056
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzberg_(Berlin)
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Sch%C3%B6neberg
(DIR) [4] /Tempelhofer-Feld/!t5008235
## AUTOREN
(DIR) Bobby Rafiq
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