# taz.de -- Charlottenburg-Wilmersdorf vor der Wahl: Keine heile Welt
       
       > Sieht reich aus, ist aber auch prekär: In Charlottenburg-Wilmersdorf
       > kämpfen Jung und Alt wie anderswo mit Wohnungsnot und Einsamkeit.
       
 (IMG) Bild: Christina von „Outra“ (Objekte urbaner Transformation) unterstützt bei den Recyclingarbeiten
       
       Porsche-Wettrennen auf dem Ku’damm, Villen, die den Grunewald säumen, und
       alte, weiße Menschen, die in riesigen Altbauten Prosecco schlürfen, vom Ruf
       nach Enteignung Panikattacken bekommen und brav CDU wählen: Das dürfte
       vielen Menschen in den Sinn kommen, wenn sie an Charlottenburg-Wilmersdorf
       denken. Während das natürlich einen Teil der Realität abbildet, sieht es
       oft jedoch ganz anders aus: Charlottenburger*innen, ob jung oder alt,
       deutsch oder migrantisch, fühlen sich alleine. Zunehmende Bürokratie, hohe
       Lebenshaltungskosten und Wohnungsnot beschweren ihren Alltag.
       
       Es gibt Orte, die genau das ändern wollen: Auf der Sophie-Charlotte-Straße,
       ganz in der Nähe vom Schloss Charlottenburg, befinden sich die Räume von
       Outreach. Hier können junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren Hilfe
       bekommen, wenn sie Schwierigkeiten und Probleme im Alltag haben. Und
       Probleme gibt es genug: „Drogenkonsum ist ein großes Thema“ sagt Lydia
       Gauss, Sozialarbeiterin bei Outreach.
       
       Auch fehlender Wohnraum spiele eine Rolle. Die Schaffung neuer Wohnungen
       verläuft im Bezirk nur schleppend. Schon lange wird in Charlottenburg über
       die „Alliiertensiedlung“ in Westend gestritten. Pläne für ihren Abriss und
       Neubau gibt es seit 2013, passiert ist nichts. Frühestens 2028 will die
       Deutsche Wohnen hier mit dem Neubau von bis zu 800 Wohnungen beginnen.
       Schon lange aber stehen etwa 100 Wohnungen leer.
       
       Und wer im Bezirk nach einer neuen Wohnung sucht, muss tief in die Tasche
       greifen. 23,61 Euro pro Quadratmeter beträgt der Median am
       Ludwigkirchplatz, am günstigsten wohnt es sich an der Heerstraße für 15,52
       Euro pro Quadratmeter, wie aus dem Wohnungsmarktreport 2026 hervorgeht.
       
       ## Ankommen und Kraft tanken
       
       Outreach gibt es in ganz Berlin. Was den Standort in Charlottenburg
       einzigartig macht, ist die Erstberatung. Der Bezirk hatte Outreach gebeten,
       diese zu übernehmen. „Das ermöglicht die langfristige Zusammenarbeit mit
       den Jugendlichen“, sagt Meghan Fehily. Die wüssten oft gar nicht, wo sie
       bei der Zukunftsplanung überhaupt anfangen sollen. Der Papierkram sei
       kompliziert und die Behörden oft zu angsteinflößend, um ihnen alleine zu
       begegnen. Ein großes Problem sei auch, dass der Bezirk schnell als
       wohlhabend abgestempelt werde. „Da gehen dann die unter, die es nicht
       sind“, sagt Gauss. „Und das sind in Charlottenburg viele.“
       
       Das Projekt wird gut von den Jugendlichen angenommen. Mittlerweile wurde es
       um einen weiteren Standort erweitert: Ein blauer Bauwagen steht seit April
       in der Wilmersdorfer Straße. „Box 19“ heißt der Treffpunkt, der auch
       Beratung und Unterstützung anbietet. Outreach hilft aber nicht nur bei
       Anträgen und Berufswahl: „Die Jugendlichen dürfen bei uns auch einfach
       ankommen und Kraft tanken“, sagt Gauss. „Wir haben Sport- und
       Musikangebote, und wenn die Jugendlichen einfach zusammen kochen wollen,
       dann können wir das auch machen.“
       
       Vor allem Sport und Musik sei für viele Jugendliche einfach nicht zu
       bezahlen. Die Jugendlichen kämen so gar nicht erst zum Ausprobieren, und
       auch der Sportunterricht an den Schulen sei, wie das Schulsystem selbst,
       schlichtweg veraltet. Dabei könne auch Outreach nicht immer alles
       ermöglichen. „Wir glauben, dass der Bezirk unsere Arbeit hier schätzt“,
       sagt Fehily. „Trotzdem spüren wir auch, dass der Trend Richtung Sparen
       geht.“
       
       Weiter südlich, in der Wilmersdorfer Trautenaustraße, befindet sich das
       Pangea-Haus, ein Verein, der mit Projekten und Angeboten das Zusammenkommen
       in der Nachbarschaft fördern möchte. Mit dem Fahrstuhl fährt man in den 5.
       Stock und kommt zum Sprachcafé, das im April 2025 Ehrenamtliche ins Leben
       riefen. Dort treffen sich montags um 16 Uhr ehrenamtliche
       Sprachvermittler*innen und Deutschlernende. Anna aus Polen hat die
       Leitung. Sie beginnt mit einer Vorstellungsrunde: Reihum werden Namen und
       Herkunftsländer genannt, Studium, Job, Ausbildung oder Hobbys vorgestellt.
       „Jedes Thema ist willkommen. Ihr dürft über alles sprechen“, betont eine
       Sprachmittlerin.
       
       Der Migrationsanteil in Charlottenburg-Wilmersdorf ist vergleichsweise
       moderat. Etwa 340.000 Menschen lebten 2025 im Bezirk, davon 26,9 Prozent
       ohne deutschen Pass. Weitere 20 Prozent sind Deutsche mit
       Migrationshintergrund.
       
       Im Hinterhof des Pangea-Hauses findet ein Upcycling-Workshop statt. Aus
       altem, bereits vorhandenem Material soll Neues entstehen. „Wir bauen gerade
       eine Schaukel“, sagt Maria Weiß, Projektleitung des Pangea-Hauses, stolz.
       Junge und alte Menschen hantieren mit Schleifmaschine und Holzlatten,
       messen Winkel aus.
       
       „Etwa 20 Vereine sind hier unter einem Dach“, sagt Weiß. „Das lässt sich in
       drei Bereiche unterteilen: Beratung, Bildung und Begegnung und Kultur.“ Die
       meisten Menschen, schätzt Weiß, kämen für die Deutschkurse. „Für
       Stuhlgymnastik, Makramee-Workshops und Yogakurse kommen dafür überwiegend
       Menschen aus der Nachbarschaft.“ Die Leute nähmen nicht nur an den
       Angeboten teil, viele übernähmen selbst ehrenamtlich die Leitung eines
       Angebotes.
       
       ## Dauerbrenner Einsamkeit und Migration
       
       Der absolute Dauerbrenner, sagt Weiß: „Beratung rund um Migration. Wir
       helfen, etwas Licht in den Verwaltungsdschungel zu bringen.“ Ein Thema
       fällt ihr besonders auf: „Einsamkeit spielt im Kiez eine große Rolle.“ Das
       Pangea-Haus steht in der Nähe einer Seniorenresidenz. „Oft kommen
       Senior*innen einfach nur zum Reden vorbei. Da merkt man, wie hoch der
       Gesprächsbedarf ist.“
       
       Mehr als jede fünfte Person über 60 Jahren war 2020 in
       Charlottenburg-Wilmersdorf ehrenamtlich aktiv. Das ergab eine Befragung des
       Bezirksamtes. Die meisten der Frauen nahmen an Nachbarschaftscafés und
       sozialen Einrichtungen wie der Tafel teil. Die meisten Männer übernahmen
       praktische Hilfeleistungen wie Reparaturen und die Anleitung von
       Sportgruppen. Auch gaben zwischen 26 und 30 Prozent der Befragten
       Ü60-Jährigen an, sich manchmal einsam zu fühlen.
       
       Maria Weiß würde sich etwas mehr Solidarität im Kiez wünschen: „Wir haben
       hier nicht nur Freund*innen. Irgendjemand schmiss eine Zeit lang etwas
       Matschiges gegen unsere Fenster. Das ist jetzt schon länger nicht mehr
       passiert. Aber vor Kurzem hatten wir einen Briefträger da, der gegen
       Ukrainer*innen geschimpft hat.“
       
       ## Jugendliche im Alleingang
       
       Wer Veränderung bewirken will, muss in Charlottenburg-Wilmersdorf selbst
       ran. Das spürt auch das [1][Kinder- und Jugendparlament (KJP)] des Bezirks.
       Connor ist 14 Jahre alt und seit drei Jahren dort aktiv. „Die Grundidee
       ist, die Interessen und Ideen von Kindern und Jugendlichen im Bezirk zu
       vertreten“, sagt er. Oft fehle es den Jüngsten an sicheren Schulwegen,
       Wasserspendern, gesundem Mittagessen und ordentlichen Spiel- und
       Sportplätzen.
       
       „Man fühlt sich einfach alleine gelassen bei manchen Themen, wenn jungen
       Menschen nicht zugehört wird“, sagt Connor. Deswegen sei er im KJP aktiv
       geworden. In den Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) muss dem KJP nämlich
       zugehört werden. „Auch wenn das manchmal nicht von allen gleich
       enthusiastisch aufgenommen wird“, sagt Zoe aus dem KJP-Vorstand.
       
       Die Arbeit im Kinder- und Jugendparlament mache vor allem großen Spaß. Das
       sei für die Jugendlichen einer der Hauptfaktoren. „Wir sind wie eine große
       zweite Familie“, sagt Sertap Özcelik. Sie ist 21 und Übungsleiterin im KJP.
       Von einem Austausch im Mai ins italienische Trient schwärmen die
       Jugendlichen besonders. Trient ist die Partnerstadt von Charlottenburg,
       dieses Jahr feierten beide 60 Jahre Jubiläum. Gemeinsam mit italienischen
       Jugendlichen erarbeitete das KJP ein Theaterstück, das sowohl in Trient als
       auch im Charlottenburger Haus der Jugend aufgeführt wurde.
       
       3 Aug 2026
       
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