# taz.de -- Hitzewelle in Berlin: Was tun, wenn die Sonne knallt?
       
       > Mit steigenden Temperaturen redet Berlin wieder über Hitzeschutz. Doch
       > wie gut ist die Stadt wirklich auf die Hitzewelle vorbereitet?
       
 (IMG) Bild: Nur Stein, kein Schatten: Das Brandenburger Tor ist ein schlechtes Beispiel für Hitzeschutz
       
       Eine Hitzewelle, [1][wie sie am Wochenende auf Berlin] zurollt, ist ein
       potenziell lebensbedrohliches Extremwetterereignis. Das weiß auch
       Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe, die am Mittwoch schweren Herzens die
       Eröffnungsveranstaltung für die Berliner Seniorenwoche absagte. „Vor allem
       ältere Menschen sollten bei dieser Hitze zu Hause bleiben. Ihre Gesundheit
       und Unversehrtheit stehen für mich an oberster Stelle. Da kann ich nichts
       riskieren“, sagte Kiziltepe.
       
       Gerade für vulnerable Gruppen wie alte Menschen, Obdachlose chronisch
       Kranke und Kleinkinder ist die Hitzewelle ein ernsthaftes
       Gesundheitsrisiko. Durch Hitze sterben in Berlin mehr Menschen als durch
       den Straßenverkehr. Von 2020 bis 2025 kamen jährlich im Schnitt 177
       Menschen an Hitze zu Tode, wie [2][das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
       errechnete].
       
       Die Absage der Sozialsenatorin zeigt: Zumindest das Bewusstsein für
       Hitzeschutz in Berlin ist gestiegen. Spätestens seit den beiden
       Extremsommern 2018 und 2019 diskutieren Politik, Zivilgesellschaft und
       Gesundheitsexpert:innen darüber, wie Berlin hitzefest gemacht werden
       kann. Aktionspläne, Alarmketten, kühle Orte und [3][Hilfe für Obdachlose]:
       In den vergangenen Jahren ist viel passiert. Doch wie gut ist Berlin jetzt
       auf die Rekordhitze vorbereitet?
       
       Der Senat selbst gibt sich zu Beginn der Hitzesaison handlungsfähig. Die
       Gesundheitsverwaltung verweist auf den landesweiten Hitzeaktionsplan, der
       seit November 2025 offiziell vorliegt. Das 143-seitige Dokument enthalte
       „sowohl vorbeugende Maßnahmen als auch solche zum Krisenmanagement“,
       erklärte Senatorin Ina Czyborra (SPD) Anfang Juni. „Die Umsetzung und
       Weiterentwicklung des Plans wird unsere Stadt hitzeresilienter machen“,
       sagte Czyborra.
       
       ## Aktionspläne sind ein Anfang
       
       Hitzeaktionspläne stehen ganz am Anfang bei der Umsetzung von Hitzeschutz.
       Mit den Planwerken sollen Verwaltungen einen Überblick bekommen, wo
       Handlungsbedarf besteht und wer bereits was unternimmt. Auch Meldeketten
       bei Hitzewarnungen und Ansprechpartner:innen werden darin benannt.
       
       Der Berliner Aktionsplan enthält ein Sammelsurium an Maßnahmen. Die
       Ausstattung neu beschaffter S-Bahnen mit Klimaanlagen ist darin ebenso
       aufgeführt wie Arbeitsschutzmaßnahmen bei der Berliner Stadtreinigung BSR.
       
       Doch schaut man auf das, was der Senat in den vergangenen Jahren
       tatsächlich umgesetzt hat, sind es vor allem die „niedrig hängenden
       Früchte“ – einfach umsetzende, vergleichsweise kostengünstige Maßnahmen.
       Darunter vor allem Informationsangebote und Kampagnen, die für
       risikominderndes Verhalten während extremer Hitze sensibilisieren sollen.
       
       So informiert zum Beispiel der Verein Silbernetz dieses Jahr berlinweit
       Senior:innen, wie sie am besten durch die Hitze kommen. „Ältere Menschen
       schwitzen weniger und können ihre Körpertemperatur nur langsam regulieren“,
       erklärt Margret Hampel, die das Infotelefon des Vereins leitet. Auch das
       Durstgefühl lasse im Alter nach, viele Medikamente seien zudem
       hitzeempfindlich und würden bei extremer Hitze die Wirksamkeit verlieren.
       „Wir informieren über diese Tatsachen und erinnern daran, möglichst viel zu
       trinken“. Darüber hinaus gibt Hampel allerhand Tipps: Wohnung verdunkeln,
       morgens richtig lüften, kühl duschen und kühlende Tücher auflegen.
       
       Doch Hampel berichtet auch, dass der Andrang für das Angebot noch zu gering
       ist. Viele würden schlicht nichts davon wissen, andere wiederum hätten
       Hemmungen, sich aktiv Hilfe zu suchen. „Viele, die zu den vulnerablen
       Gruppen gehören, sehen sich nicht als solche.“
       
       ## Von Tür zu Tür in Treptow-Köpenick
       
       Der Bezirk Treptow-Köpenick zeigt, wie pragmatische Wege aussehen können,
       vulnerable Gruppen zu erreichen. „An Wohnungstüren in Unterkünften, bei
       denen bekannt ist, dass dort überdurchschnittlich viele ältere Menschen
       wohnen, werden am Mittwoch und Donnerstag kostenlos Hitzeschutztücher und
       Informationsmaterial angeboten“, teilt eine Sprecherin auf taz-Anfrage mit.
       
       Doch auch die beste Infokampagne kann die Temperatur in einer schlecht
       isolierten Südseitenwohnung nicht senken. Oder hilft Menschen, die auf der
       Straße leben. Um diesen Menschen akut Linderung zu bieten, plant das Land
       ein engmaschiges Netzwerk „kühler Orte“.
       
       Bislang sind es vor allem Kirchen und Nachbarschaftszentren, die auf
       [4][der Website] verzeichnet sind. Schaut man auf die Karte, die regelmäßig
       von der Gesundheitsverwaltung beworben wird, fällt auf, dass das Netz noch
       recht lückenhaft ist. Befindet man sich in Kreuzberg, einem der am
       stärksten hitzebelasteten Ortsteile, ist kilometerweit kein einziger
       „kühler Ort“ auffindbar.
       
       Für Grünen-Politiker Benedikt Lux ist die Karte ein Ausdruck für die
       fehlende Ambition des Senats in Sachen Hitzeschutz. „Die Karte ist total
       lückenhaft und die Hitzewarnung funktioniert nicht“, kritisiert Lux.
       Tatsächlich, am Mittwochvormittag zeigte die Karte keine Hitzewarnung an.
       
       Der Hitzeaktionsplan sei nett, sagt Lux, müsse sich aber beweisen. Etwa
       habe der Senat in den vergangen zwei Jahren nicht einen einzigen neuen
       Wasserbrunnen errichtet. Mittlerweile gibt es 249 von den
       festinstallierten, blau lackierten Trinkbrunnen in der Stadt. Für Lux ein
       riesiger Fortschritt, der noch weiter ausgebaut werden müsse.
       
       ## Was wirklich hilft, kostet Geld
       
       So sinnvoll Beratungsangebote und Aufklärung auch sind, kommen sie doch
       schnell an ihre Grenzen. [5][Wirklich effektive Hitzeschutzmaßnahmen kosten
       viel Geld, wie sich im Gesundheitswesen zeigt.]
       
       Mittlerweile sei das Problembewusstsein vorhanden, sagt die
       Hitzeschutzberaterin Andrea Nakoinz. Viele Krankenhäuser und Pflegeheime
       hätte bereits Hitzeschutzpläne und Schulungen für Mitarbeiter:innen. „Da
       hat sich wirklich was verändert“, berichtet sie.
       
       Doch mittelfristig werde man nicht um bauliche Anpassungen herumkommen:
       zusätzliche Klimaanlagen, Jalousien, Sonnensegel in Außenbereichen und
       Fassadenbegrünung. „Es fehlt vor allem Geld. Es sind Milliarden, die allein
       für den Hitzeschutz ausgegeben werden müssten, aber das Geld ist nirgendwo
       in Sicht“, sagt Nakoinz. Die schwarz-rote Koalition hat die
       Investitionsmittel für Krankenhäuser im aktuellen Haushalt zusammengekürzt.
       
       Auch die Summen, die in Berlin für Hitzeschutz bereitgestellt werden, sind
       überschaubar. Die Bezirke erhalten pro Haushaltsjahr jeweils 100.000 Euro
       für Hitzeschutzprojekte. Für Menschen, die auf der Straße leben, stellt die
       Sozialverwaltung dieses Jahr 370.000 Euro bereit. Doch effektive Maßnahmen
       wie Entsiegelung von Beton- und Asphaltflächen bleibt immer noch Sache der
       Bezirke, die die Maßnahmen aus ihren ohnehin schon knappen Budgets
       finanzieren.
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Folgen-der-Klimakrise/!6189976
 (DIR) [2] https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/news/2026/hitzetote
 (DIR) [3] /Hitzeschutz-fuer-Obdachlose/!6190290
 (DIR) [4] https://kuehle-orte.berlin.de/hsp/
 (DIR) [5] /Sommerserie-Im-Schatten-6/!6031528
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Wahmkow
       
       ## TAGS
       
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